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19. Dezember 2011
Was sonst noch war (4)
Hangzhou - leider nur auf der Durchreise
Es war noch dunkel, als wir am Bahnhof von Hangzhou ankamen und mit dem Taxi zu unserem Hostel fuhren. Dennoch gewannen wir sofort einen ersten und sehr positiven Eindruck: Wir fuhren lange Alleen entlang, deren Bäume tatsächlich grüne Blätter trugen und die von hübschen kleinen Bauten gesäumt waren. Wir passierten eine idyllische Seenlandschaft und sahen zunächst wenig grauen Beton. Sofort waren wir uns einig: Hier kann man sich wohl fühlen!
Den ersten Dämpfer erhielt unsere Euphorie, als wir gegen halb sechs unsere Unterkunft erreichten. Am Hostel lag es freilich nicht. Das wirkte, wie übrigens fast alle, in denen wir bislang in China abgestiegen sind, idyllisch und versprühte eine herzliche Atmosphäre. Obwohl der Tag gerade erst graute und alles schlief. Leider galt letzteres jedoch auch für die Rezeptionisten. Ein Anschlag holte uns dann auf den Boden der Tatsachen zurück: „die Rezeption öffnet um sieben Uhr". Also anderthalb Stunden ausharren. Im offenen Innenhof. Übermüdet von der Zugfahrt, die Hälfte unseres Gespanns grippegeschwächt und das Ganze in eisiger Kälte. So viel warmes Ambiente kann kein Hostel der Welt versprühen, als dass sich unsere Stimmung nicht langsam den Außentemperaturen angepasst hätte.
© Bergholter Innenhof des 4eyes-Hostels. Sehr gemütlich, aber kalt.
Warten und warten
Allmählich erwachte das 4eyes (so der Name unserer Bleibe) zum Leben. Die ersten Gäste rückten rucksackbewehrt zu ihren Tagestouren aus. Diverse Katzen und ein Koch schlichen umher. Letzterer traf die Vorbereitungen für das Frühstück. Und schließlich kam auch die Rezeptionsfee. Am ganzen Leibe zitternd und mit steifgefrorenen Gliedern standen wir vor ihr und wollten nur eins: ein Bett. Ok, wir begehrten derer zwei. Und das war wohl zu viel des Guten. „Check-out ist um 12h." Aha, aber wir wollen doch einchecken!? Es hieß, das Zimmer sei noch nicht geräumt und wir sollten Geduld haben. Auf die Frage nach einem beheizten Platz, wies sie uns den Weg zum Aufenthaltsraum / Restaurant / Billardzimmer / Bibliothek - was auch immer. Jedenfalls zeigten uns die Atemwölkchen und das Bibbern unserer Körper, dass es dort kälter war als draußen. Oder zumindest genauso kalt. Generell ist uns bisher aufgefallen, dass sich die Mode einer Heizung oder gar einer Zentralheizung noch nicht in allen Herbergen oder Restaurants Chinas durchgesetzt hat. Im Gegenteil: meist stehen auch bei gefühlten Minusgraden die Türen offen und Gäste wie Bedienungen kommen einfach in dicken Winterjacken. Im Restaurant führt das dazu, dass man sein Essen zu schlingen beginnt, denn binnen kürzester Zeit hat sich auch dieses dem Umgebungstemperaturniveau angepasst.
Apropos Essen: was uns wach und am Leben hielt, war die Hoffnung auf eben dieses. In einer halben Stunde sollte das Frühstücksbuffet eröffnet werden und für mehr als faire 16 Yuan pro Nase kauften wir uns für dieses ein. Die warmen Speisen waren ein Segen für Körper und Geist. Allerdings mussten wir uns beeilen, denn das Buffet wurde draußen aufgebaut und die warmen Gerichte... naja, siehe oben.
© Bergholter Innenraum des 4eyes-Hostels. Sehr gemütlich, aber kalt.
Wie im alten Rom
Nach dem Frühstück kam es sogar noch besser. Nein, die durchaus vorhandenen Heizlüfter wurden nicht eingeschaltet, aber dafür wurde ein Kohlebecken in den Raum getragen. Wir dachten unweigerlich an die Heizmethoden im antiken Rom. Gemeinsam mit einem halben Dutzend Chinesen drängten wir uns um dieses und rieben die Hände über der Glut. Die Handschuhe behielten wir sicherheitshalber trotzdem an. Stichwort Handschuhe: Es ist eine wahre Herausforderung selbst für den inzwischen geübten Freund chinesischer Essgewohnheiten, Stäbchen mit Handschuhen zu benutzen.
In eisiger Schockstarre hielten wir durch, bis wir gegen 13 Uhr (denn die Vormieter waren unpünktlich und die Betten mussten noch gemacht werden) in den Schlafsaal konnten. Der sauerstoffarme Mief von zehn Menschen und die Wärme der hier eingeschalteten Heizung umhüllten uns und sorgten für einen sofortigen komatösen Schlaf.
Hangzouh vom Sattel aus
© Bergholter Der Westlake von Hangzough.
Dieser sollte aber nicht lange andauern, denn schließlich hatten wir auf der bisherigen Reise ein wenig getrödelt und mussten nun unseren Zeitplan halten, wenn nicht gar optimieren. Unsere Visa liefen in fünf Tagen aus und bis dahin mussten wir es über Shanghai nach Hong Kong schaffen. Ein ähnliches Abenteuer wie in Russland wollten wir uns ersparen. Also Fahrräder gemietet, denn inzwischen verzeichnen wir den sechsten Sonnentag in China, und ab zum Bahnhof geradelt. Dort in einem einzigen Anlauf den Fahrschein nach Shanghai und von dort weiter nach Shenzhen, in Spuckweite Hong Kongs, gebucht. Völlig stressfrei und ohne Probleme. Trotz der Müdigkeit bester Dinge schwangen wir uns auf die Räder und fuhren zu der Seenlandschaft, die wir am Vortag vom Taxi aus erspäht hatten. Zwar pfiffen uns auf der Uferpromenade gleich einige Polizisten von unseren Gefährten, aber das war uns egal. Wir gingen zu Fuß am Ufer entlang und sogen das wunderschöne Panorama im Sonnenuntergang ein. Nach all den grauen, versmogten Millionenstädten war dies genau das, was wir brauchten: blauer Himmel, Sonne, Natur, Idyll und ein Hauch von Romantik, der in der Luft lag (allerdings konnten wir uns beherrschen und gaben uns der romantischen Stimmung nicht hin!). Wir fühlten uns bestätigt in unserer ersten Einschätzung: Hier ist es schön, hier wollten wir bleiben. Doch leider konnten wir nicht. Wollten wir Shanghai sehen und uns die lästigen Fragen chinesischer Behörden bezüglich abgelaufener Visa ersparen, mussten wir am nächsten Tag weiter. Einfach nur schade.
© Bergholter Westlake in der Dämmerung.
Was bleibt
© Bergholter Einfach nur schön hier.
Was bleibt von Hangzhou? Von einem Schnupfen mal abgesehen, ein durch und durch positiver Eindruck. Auch wenn es nur ein oberflächlicher ist. Aber vielleicht ist es auch gut so, denn so behalten wir die Stadt in Erinnerung, wie wir sie sich uns auf den ersten Eindruck präsentierte: schön.
Verkehrsdarwinismus
Was bleibt noch? Die Grenzerfahrung, als Radfahrer am chinesischen Straßenverkehr teilgenommen zu haben und damit untrennbar verbunden, die Bedeutung des Wortes „Verkehrsdarwinismus" zu erleben. Als wir mehrspurige Kreuzungen bei Rot überfuhren und uns dabei ein Verkehrspolizist freundlich anstrahlte, lachten wir noch. Als ich die Theorie des „survival oft the fittest" an einem Bus testen wollte, dessen Außenspiegel offenbar nur dem Zwecke dienten, den Luftwiderstand zu erhöhen, wurde es brenzlig. Als wir dann im Dunkeln mit den unbeleuchteten Rädern problemlos durch die nur geringfügig besser ausgeleuchtete Allee radelten, fühlten wir uns dazugehörig.
von Peer Bergholter
Es war noch dunkel, als wir am Bahnhof von Hangzhou ankamen und mit dem Taxi zu unserem Hostel fuhren. Dennoch gewannen wir sofort einen ersten und sehr positiven Eindruck: Wir fuhren lange Alleen entlang, deren Bäume tatsächlich grüne Blätter trugen und die von hübschen kleinen Bauten gesäumt waren. Wir passierten eine idyllische Seenlandschaft und sahen zunächst wenig grauen Beton. Sofort waren wir uns einig: Hier kann man sich wohl fühlen!
Den ersten Dämpfer erhielt unsere Euphorie, als wir gegen halb sechs unsere Unterkunft erreichten. Am Hostel lag es freilich nicht. Das wirkte, wie übrigens fast alle, in denen wir bislang in China abgestiegen sind, idyllisch und versprühte eine herzliche Atmosphäre. Obwohl der Tag gerade erst graute und alles schlief. Leider galt letzteres jedoch auch für die Rezeptionisten. Ein Anschlag holte uns dann auf den Boden der Tatsachen zurück: „die Rezeption öffnet um sieben Uhr". Also anderthalb Stunden ausharren. Im offenen Innenhof. Übermüdet von der Zugfahrt, die Hälfte unseres Gespanns grippegeschwächt und das Ganze in eisiger Kälte. So viel warmes Ambiente kann kein Hostel der Welt versprühen, als dass sich unsere Stimmung nicht langsam den Außentemperaturen angepasst hätte.
Warten und warten
Allmählich erwachte das 4eyes (so der Name unserer Bleibe) zum Leben. Die ersten Gäste rückten rucksackbewehrt zu ihren Tagestouren aus. Diverse Katzen und ein Koch schlichen umher. Letzterer traf die Vorbereitungen für das Frühstück. Und schließlich kam auch die Rezeptionsfee. Am ganzen Leibe zitternd und mit steifgefrorenen Gliedern standen wir vor ihr und wollten nur eins: ein Bett. Ok, wir begehrten derer zwei. Und das war wohl zu viel des Guten. „Check-out ist um 12h." Aha, aber wir wollen doch einchecken!? Es hieß, das Zimmer sei noch nicht geräumt und wir sollten Geduld haben. Auf die Frage nach einem beheizten Platz, wies sie uns den Weg zum Aufenthaltsraum / Restaurant / Billardzimmer / Bibliothek - was auch immer. Jedenfalls zeigten uns die Atemwölkchen und das Bibbern unserer Körper, dass es dort kälter war als draußen. Oder zumindest genauso kalt. Generell ist uns bisher aufgefallen, dass sich die Mode einer Heizung oder gar einer Zentralheizung noch nicht in allen Herbergen oder Restaurants Chinas durchgesetzt hat. Im Gegenteil: meist stehen auch bei gefühlten Minusgraden die Türen offen und Gäste wie Bedienungen kommen einfach in dicken Winterjacken. Im Restaurant führt das dazu, dass man sein Essen zu schlingen beginnt, denn binnen kürzester Zeit hat sich auch dieses dem Umgebungstemperaturniveau angepasst.
Apropos Essen: was uns wach und am Leben hielt, war die Hoffnung auf eben dieses. In einer halben Stunde sollte das Frühstücksbuffet eröffnet werden und für mehr als faire 16 Yuan pro Nase kauften wir uns für dieses ein. Die warmen Speisen waren ein Segen für Körper und Geist. Allerdings mussten wir uns beeilen, denn das Buffet wurde draußen aufgebaut und die warmen Gerichte... naja, siehe oben.
Wie im alten Rom
Nach dem Frühstück kam es sogar noch besser. Nein, die durchaus vorhandenen Heizlüfter wurden nicht eingeschaltet, aber dafür wurde ein Kohlebecken in den Raum getragen. Wir dachten unweigerlich an die Heizmethoden im antiken Rom. Gemeinsam mit einem halben Dutzend Chinesen drängten wir uns um dieses und rieben die Hände über der Glut. Die Handschuhe behielten wir sicherheitshalber trotzdem an. Stichwort Handschuhe: Es ist eine wahre Herausforderung selbst für den inzwischen geübten Freund chinesischer Essgewohnheiten, Stäbchen mit Handschuhen zu benutzen.
In eisiger Schockstarre hielten wir durch, bis wir gegen 13 Uhr (denn die Vormieter waren unpünktlich und die Betten mussten noch gemacht werden) in den Schlafsaal konnten. Der sauerstoffarme Mief von zehn Menschen und die Wärme der hier eingeschalteten Heizung umhüllten uns und sorgten für einen sofortigen komatösen Schlaf.
Hangzouh vom Sattel aus
Dieser sollte aber nicht lange andauern, denn schließlich hatten wir auf der bisherigen Reise ein wenig getrödelt und mussten nun unseren Zeitplan halten, wenn nicht gar optimieren. Unsere Visa liefen in fünf Tagen aus und bis dahin mussten wir es über Shanghai nach Hong Kong schaffen. Ein ähnliches Abenteuer wie in Russland wollten wir uns ersparen. Also Fahrräder gemietet, denn inzwischen verzeichnen wir den sechsten Sonnentag in China, und ab zum Bahnhof geradelt. Dort in einem einzigen Anlauf den Fahrschein nach Shanghai und von dort weiter nach Shenzhen, in Spuckweite Hong Kongs, gebucht. Völlig stressfrei und ohne Probleme. Trotz der Müdigkeit bester Dinge schwangen wir uns auf die Räder und fuhren zu der Seenlandschaft, die wir am Vortag vom Taxi aus erspäht hatten. Zwar pfiffen uns auf der Uferpromenade gleich einige Polizisten von unseren Gefährten, aber das war uns egal. Wir gingen zu Fuß am Ufer entlang und sogen das wunderschöne Panorama im Sonnenuntergang ein. Nach all den grauen, versmogten Millionenstädten war dies genau das, was wir brauchten: blauer Himmel, Sonne, Natur, Idyll und ein Hauch von Romantik, der in der Luft lag (allerdings konnten wir uns beherrschen und gaben uns der romantischen Stimmung nicht hin!). Wir fühlten uns bestätigt in unserer ersten Einschätzung: Hier ist es schön, hier wollten wir bleiben. Doch leider konnten wir nicht. Wollten wir Shanghai sehen und uns die lästigen Fragen chinesischer Behörden bezüglich abgelaufener Visa ersparen, mussten wir am nächsten Tag weiter. Einfach nur schade.
Was bleibt
Verkehrsdarwinismus
Was bleibt noch? Die Grenzerfahrung, als Radfahrer am chinesischen Straßenverkehr teilgenommen zu haben und damit untrennbar verbunden, die Bedeutung des Wortes „Verkehrsdarwinismus" zu erleben. Als wir mehrspurige Kreuzungen bei Rot überfuhren und uns dabei ein Verkehrspolizist freundlich anstrahlte, lachten wir noch. Als ich die Theorie des „survival oft the fittest" an einem Bus testen wollte, dessen Außenspiegel offenbar nur dem Zwecke dienten, den Luftwiderstand zu erhöhen, wurde es brenzlig. Als wir dann im Dunkeln mit den unbeleuchteten Rädern problemlos durch die nur geringfügig besser ausgeleuchtete Allee radelten, fühlten wir uns dazugehörig.
von Peer Bergholter
Kommentare zu "Was sonst noch war (4)"
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Jungs,ihr musstet diesen klimatischen Härtetest durchmachen, um euch auf das zu freuen, was euch am Ende des Jahres in einer hoffentlich an Mittelmeer-Temperaturen erinnern wird: die Insel "Hanan".
Wish both of you (and all the others expected) merry Christmas under the Palm trees, good luck for the beginning of 2012 and the rest(?) of your fantastic journey.
Looking forward to receiving the next updates