Hauptinhalt
24. November 2011
Spannung und Entspannung auf dem Weg nach China
Zamyn Uud und Erenhot. Nur 2 Kilometer trennen die Städte. Doch dazwischen liegt die mongolisch-chinesische Grenze, und über die kann man nicht zu Fuß gehen. Was liegt da näher als aus diesem Problem ein Geschäftsmodell zu entwickeln? Zumal weder Zamyn Uud noch Erenhot als strukturstarke Städte durchgehen.
© Jochen Müller Am Bahnhof in Zamyn Uud. Into the Wild...
Am Bahnhof von Zamyn Uud standen sie schon, lehnten an ihren Autos oder stürmten einem entgegen, wenn man den Bahnhof verließ. Doch das war kein Begrüßungskomitee für heimkehrende Familienmitglieder. Es waren einfach Leute mit Autos. Schleuser. Man verhandelte einen Preis und wurde mit über die Grenze genommen. Soweit so gut. Was allerdings, wenn an dem kleinen Geländewagen unbekannter Herkunft und unbestimmbaren Alters zwei Mongolen standen und man mit einer Gruppe von fünf Europäern die Grenze überqueren wollte, jeder mit einem großen und einem kleinen Rucksack bepackt? Es gibt da einen Witz aus meiner Kindheit, an den ich mich erinnern musste. Wie bekommt man einen Elefant in einen Kühlschrank? Ganz einfach, Tür auf, Elefant rein, Tür zu. Ebenso einfach ist die Antwort auf die zuvor gestellte Frage: man stieg ein!
Als Sardine über die Grenze
Entweder hatte dieser Wagen eine Möglichkeit gefunden die Raumzeit zu beugen oder er war von einem Schamanen verhext worden. Oder beides. Doch auch wenn wir es nicht erklären konnten, wir passten alle hinein. Und ich möchte betonen, dass ich hier nicht von einem ungetümen SUV rede. Ich spreche hier eher vom mongolischen Pendant eines röchelnden Lada Niva. Sieben Leute, fünf Wanderrucksäcke, fünf kleine Rucksäcke. Alles passte. Irgendwie, aber es passte rein. Und ich konnte nicht aufhören zu kichern. Weil ich als größter aus der Gruppe neben dem Fahrer saß und nicht ineinander verknotet auf der wackeligsten Rückbank der Welt. 184 Zentimeter reines Glück. Ich dankte meine Eltern im Stillen für die Gene und verkniff mir die Beschwerde, wenn ich das eine oder andere Körperteil unsanft in die Rückenlehne gebohrt bekam. Wir hatten einfach keinen Platz für den Aufruhr, den das hätte entfachen können. Dafür ergötzte ich mich an den Geräuschen und den halb erstickten Gesprächsfetzen, die ich von hinter mir vernahm. Während ich mich an der Landschaft erfreute und ein wenig mit unserem Fahrer parlierte. Wenig später war ich als erstes aus dem Wagen ausgestiegen, streckte die Glieder, denn es war ja auch für mich durchaus etwas beengt gewesen und konnte mich sogleich am Anblick erfreuen, wie aus zwei Türen gleichzeitig Menschen kopfüber aus einem Auto aussteigen. Ein Fest für das Auge.
Das Glück ist mit den Dummen
Schon als wir an der Grenze angekommen waren, wussten wir, dass wir mit unserem Fahrer großes Glück gehabt hatten. Erstens kannte er offensichtlich alle Grenzer, denn an jeder wartenden Autoschlange fuhr er einfach vorbei, hielt einen kurzen Plausch mit den Beamten, grüßte freundlich und wir fuhren weiter. Eindeutig ein Profi.
Er erzählte gut gelaunt und in erstaunlich gutem Englisch, dass er mit einer mongolisch-deutschen Frau verheiratet sei, und entschuldigte sich dafür, dass er dennoch kein Deutsch sprach. Was nicht ganz stimmte, denn ein paar Fetzen konnte er schon, die er natürlich bei jeder Gelegenheit ausprobierte. Er schwärmte von Bremen, freute sich darauf es im kommenden Jahr wieder zu sehen und vielleicht endlich auch mal Berlin kennen zu lernen. So frisch angefreundet gab er uns Tips, wie wir den Grenzübergang beschleunigen konnten, händigte uns die auszufüllenden Formulare im Auto aus und empfing uns auf der anderen Seite wieder. Dort ließ er uns nicht etwa stehen, wie es manche andere taten, sondern er fuhr uns bis nach Erenhot. Und das, obwohl wir bereits bezahlt hatten. Er tauschte uns sogar für einen wirklich guten Kurs unsere restlichen mongolischen Tugrik gegen Chinesische Yuan und ersparte uns so die lästigen Gebühren in einer Bank.
Welcome to China!
In Erenhot angekommen fragte er uns, wohin wir weiter wollten, und unser Glück ging weiter. Er erklärte uns, dass heute kein Zug mehr fahren würde, er fuhr uns an die Busstation und half uns beim Kauf einer Busfahrkarte nach Xining. Da unser Geld dafür nicht ausreichte, zeigte er uns ein kleines Restaurant neben der Busstation, wo wir unser Gepäck ablegten und wo die meisten der Gruppe warten konnten. Adam und mich fuhr er zum nächsten Bankautomaten und zurück. Anschließend erklärte er uns noch wie es von Xining aus weiter nach Datong gehen würde und schließlich aßen wir gemeinsam zu Mittag, wozu er sich nicht einladen ließ. Als wir noch ein paar Tugrik in unseren Taschen fanden und sie ihm geben wollten, alles in allem vielleicht drei Euro, da nestelte er auf einmal nervös in seinen Taschen herum und wollte uns dann das Geld zurück geben. Als wir ihm darauf hin erklärten, dass wir es nicht umtauschen wollten, sondern es ihm einfach schenken wollten, da war es ihm offensichtlich unangenehm. Aber wir erklärten ihm, dass es keinen Sinn machen würde drei Euro bei der Bank umzutauschen und wir mit mongolischen Geld nichts mehr anfangen konnten. Er bedankte sich überschwänglich und nahm es an.
Im Bus nach, äh, wohin noch gleich?
Nach unseren Erlebnissen am Bahnhof und nach leider recht barschen und unfreundlichen Zugschaffnern im Zug nach Zamyn Uud konnten wir unser Glück kaum fassen. Er ließ uns leicht kopfschüttelnd zurück, denn uns war allen fünfen bewusst, dass wir ohne seine Hilfe ziemlich aufgeschmissen gewesen wären. Einzig George sprach ein paar Fetzen chinesisch, doch nicht genug um das alles hinzubekommen.
Doch das Glück war auf unserer Seite gewesen. Wir waren in China angekommen. Gegen Mittag stiegen wir in den Bus nach Xining, um postwendend festzustellen, dass keiner von uns wusste, wann wir dort ankommen würden, wir die Tickets nicht lesen konnten und selbstverständlich jeder einzelne von uns vergessen hatte, wie die Stadt hieß, zu der wir fuhren. Dschini? Scheschi? Nein, eher De-Schi, oder so ähnlich. Versuche unsere Busnachbarn auszufragen endeten in Gelächter und Kopfschütteln. Würde unser Zielrot die Endstation sein, oder ging es von dort aus weiter? Wir waren uns nicht sicher ob es drei oder fünf Stunden dauern sollte, bis wir angekommen sollten. Es war irrwitzig, doch die Scham schlug in Humor um und wir versuchten das Beste daraus zu machen. Wir spielten Karten und harrten der Dinge die da kamen. Irgendwann hatten wir Glück und es stieg jemand zu, der zwar keinen Brocken Englisch sprach, der aber mehr willens oder in der Lage war unsere Gestiken zu verstehen. So fanden wir heraus, dass unser Zielort „Schining" ausgesprochen wird und wir um sechs Uhr ankommen würden.
Alles wird gut.
© Jochen Müller George, Peer und Agneschka schwelgen im Luxus in der Hotellobby in Datong.
In Xining fanden wir dann auch ohne Probleme einen Kleinbus nach Datong, wo wir wiederum gleich eine günstige und komfortable Unterkunft fanden. Ein Hotel direkt am Bahnhof, das luxuriöse Doppelzimmer für knapp neun Euro pro Person anbot. Wir duschten ausgiebig, freuten uns über den Luxus, fanden ein kleines Restaurant, stopften uns die Bäuche mit chinesischen Köstlichkeiten voll, zahlten für alle zusammen weniger als man in Deutschland für ein Gericht ausgegeben hätte und waren glücklich wie die Kinder. China liebte uns und wir liebten China.
Jochen Müller
Am Bahnhof von Zamyn Uud standen sie schon, lehnten an ihren Autos oder stürmten einem entgegen, wenn man den Bahnhof verließ. Doch das war kein Begrüßungskomitee für heimkehrende Familienmitglieder. Es waren einfach Leute mit Autos. Schleuser. Man verhandelte einen Preis und wurde mit über die Grenze genommen. Soweit so gut. Was allerdings, wenn an dem kleinen Geländewagen unbekannter Herkunft und unbestimmbaren Alters zwei Mongolen standen und man mit einer Gruppe von fünf Europäern die Grenze überqueren wollte, jeder mit einem großen und einem kleinen Rucksack bepackt? Es gibt da einen Witz aus meiner Kindheit, an den ich mich erinnern musste. Wie bekommt man einen Elefant in einen Kühlschrank? Ganz einfach, Tür auf, Elefant rein, Tür zu. Ebenso einfach ist die Antwort auf die zuvor gestellte Frage: man stieg ein!
Als Sardine über die Grenze
Entweder hatte dieser Wagen eine Möglichkeit gefunden die Raumzeit zu beugen oder er war von einem Schamanen verhext worden. Oder beides. Doch auch wenn wir es nicht erklären konnten, wir passten alle hinein. Und ich möchte betonen, dass ich hier nicht von einem ungetümen SUV rede. Ich spreche hier eher vom mongolischen Pendant eines röchelnden Lada Niva. Sieben Leute, fünf Wanderrucksäcke, fünf kleine Rucksäcke. Alles passte. Irgendwie, aber es passte rein. Und ich konnte nicht aufhören zu kichern. Weil ich als größter aus der Gruppe neben dem Fahrer saß und nicht ineinander verknotet auf der wackeligsten Rückbank der Welt. 184 Zentimeter reines Glück. Ich dankte meine Eltern im Stillen für die Gene und verkniff mir die Beschwerde, wenn ich das eine oder andere Körperteil unsanft in die Rückenlehne gebohrt bekam. Wir hatten einfach keinen Platz für den Aufruhr, den das hätte entfachen können. Dafür ergötzte ich mich an den Geräuschen und den halb erstickten Gesprächsfetzen, die ich von hinter mir vernahm. Während ich mich an der Landschaft erfreute und ein wenig mit unserem Fahrer parlierte. Wenig später war ich als erstes aus dem Wagen ausgestiegen, streckte die Glieder, denn es war ja auch für mich durchaus etwas beengt gewesen und konnte mich sogleich am Anblick erfreuen, wie aus zwei Türen gleichzeitig Menschen kopfüber aus einem Auto aussteigen. Ein Fest für das Auge.
Das Glück ist mit den Dummen
Schon als wir an der Grenze angekommen waren, wussten wir, dass wir mit unserem Fahrer großes Glück gehabt hatten. Erstens kannte er offensichtlich alle Grenzer, denn an jeder wartenden Autoschlange fuhr er einfach vorbei, hielt einen kurzen Plausch mit den Beamten, grüßte freundlich und wir fuhren weiter. Eindeutig ein Profi.
Er erzählte gut gelaunt und in erstaunlich gutem Englisch, dass er mit einer mongolisch-deutschen Frau verheiratet sei, und entschuldigte sich dafür, dass er dennoch kein Deutsch sprach. Was nicht ganz stimmte, denn ein paar Fetzen konnte er schon, die er natürlich bei jeder Gelegenheit ausprobierte. Er schwärmte von Bremen, freute sich darauf es im kommenden Jahr wieder zu sehen und vielleicht endlich auch mal Berlin kennen zu lernen. So frisch angefreundet gab er uns Tips, wie wir den Grenzübergang beschleunigen konnten, händigte uns die auszufüllenden Formulare im Auto aus und empfing uns auf der anderen Seite wieder. Dort ließ er uns nicht etwa stehen, wie es manche andere taten, sondern er fuhr uns bis nach Erenhot. Und das, obwohl wir bereits bezahlt hatten. Er tauschte uns sogar für einen wirklich guten Kurs unsere restlichen mongolischen Tugrik gegen Chinesische Yuan und ersparte uns so die lästigen Gebühren in einer Bank.
Welcome to China!
In Erenhot angekommen fragte er uns, wohin wir weiter wollten, und unser Glück ging weiter. Er erklärte uns, dass heute kein Zug mehr fahren würde, er fuhr uns an die Busstation und half uns beim Kauf einer Busfahrkarte nach Xining. Da unser Geld dafür nicht ausreichte, zeigte er uns ein kleines Restaurant neben der Busstation, wo wir unser Gepäck ablegten und wo die meisten der Gruppe warten konnten. Adam und mich fuhr er zum nächsten Bankautomaten und zurück. Anschließend erklärte er uns noch wie es von Xining aus weiter nach Datong gehen würde und schließlich aßen wir gemeinsam zu Mittag, wozu er sich nicht einladen ließ. Als wir noch ein paar Tugrik in unseren Taschen fanden und sie ihm geben wollten, alles in allem vielleicht drei Euro, da nestelte er auf einmal nervös in seinen Taschen herum und wollte uns dann das Geld zurück geben. Als wir ihm darauf hin erklärten, dass wir es nicht umtauschen wollten, sondern es ihm einfach schenken wollten, da war es ihm offensichtlich unangenehm. Aber wir erklärten ihm, dass es keinen Sinn machen würde drei Euro bei der Bank umzutauschen und wir mit mongolischen Geld nichts mehr anfangen konnten. Er bedankte sich überschwänglich und nahm es an.
Im Bus nach, äh, wohin noch gleich?
Nach unseren Erlebnissen am Bahnhof und nach leider recht barschen und unfreundlichen Zugschaffnern im Zug nach Zamyn Uud konnten wir unser Glück kaum fassen. Er ließ uns leicht kopfschüttelnd zurück, denn uns war allen fünfen bewusst, dass wir ohne seine Hilfe ziemlich aufgeschmissen gewesen wären. Einzig George sprach ein paar Fetzen chinesisch, doch nicht genug um das alles hinzubekommen.
Doch das Glück war auf unserer Seite gewesen. Wir waren in China angekommen. Gegen Mittag stiegen wir in den Bus nach Xining, um postwendend festzustellen, dass keiner von uns wusste, wann wir dort ankommen würden, wir die Tickets nicht lesen konnten und selbstverständlich jeder einzelne von uns vergessen hatte, wie die Stadt hieß, zu der wir fuhren. Dschini? Scheschi? Nein, eher De-Schi, oder so ähnlich. Versuche unsere Busnachbarn auszufragen endeten in Gelächter und Kopfschütteln. Würde unser Zielrot die Endstation sein, oder ging es von dort aus weiter? Wir waren uns nicht sicher ob es drei oder fünf Stunden dauern sollte, bis wir angekommen sollten. Es war irrwitzig, doch die Scham schlug in Humor um und wir versuchten das Beste daraus zu machen. Wir spielten Karten und harrten der Dinge die da kamen. Irgendwann hatten wir Glück und es stieg jemand zu, der zwar keinen Brocken Englisch sprach, der aber mehr willens oder in der Lage war unsere Gestiken zu verstehen. So fanden wir heraus, dass unser Zielort „Schining" ausgesprochen wird und wir um sechs Uhr ankommen würden.
Alles wird gut.
In Xining fanden wir dann auch ohne Probleme einen Kleinbus nach Datong, wo wir wiederum gleich eine günstige und komfortable Unterkunft fanden. Ein Hotel direkt am Bahnhof, das luxuriöse Doppelzimmer für knapp neun Euro pro Person anbot. Wir duschten ausgiebig, freuten uns über den Luxus, fanden ein kleines Restaurant, stopften uns die Bäuche mit chinesischen Köstlichkeiten voll, zahlten für alle zusammen weniger als man in Deutschland für ein Gericht ausgegeben hätte und waren glücklich wie die Kinder. China liebte uns und wir liebten China.
Jochen Müller
Kommentare zu "Spannung und Entspannung auf dem Weg nach China"
China
von Tatiana Spakowitsch
am 25.11.2011 um 23:35 Uhr
Spannende Story, faszinierend! Glück muss man haben,dass ihr bis jetzt hattet. Weiter so !. Ich lese jeden 2. Tag mit grossem Interesse die Berichte von euren Reiseerlebnissen.
Wie ihr schreibt, ist es spannend und hat eine ganz andere Art, wie alle anderen Reiseberichte.
Viel Glück.
"Spannung und Entspannung auf dem Weg nach China" kommentieren


Himel Himmel, entweder seid Ihr tatsächlich Glückskinder, oder überholen Euch permanent die Schutzengel, die Euch begleiten, Eure Berichterstattung ist immer voller Spannung und Unterhaltung. Viel Glück auf Eurem Weg wünscht Euch allen Gisi39