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23. Januar 2012
Kunming bei Nacht
Am Jinmabiji Platz an der Jinbin Road liegt das Hump Hostel, in dem wir abstiegen. Das Hostel ist durchaus empfehlenswert, die Dorms sind geräumig, das ganze Hostel ist sauber und die Bar gemütlich. Das Beste jedoch am Hump ist die große Dachterrasse, die zum Platz hin liegt. Von hier aus hat man Tag wie Nacht eine wundervolle Sicht über das Treiben des Platzes. In der Nacht fällt die relative Dunkelheit auf. In Städten wie Peking oder Shanghai, aber auch Hongkong kann man nachts ohne Probleme sein Buch lesen, wenn man irgendwo am Straßenrand sitzt. Die ganze Stadt leuchtet. Doch in Kunming ist es erstaunlich dunkel. Die Stadt begann erst vor wenigen Jahren mit dem architektonischen Ausbau, man findet wenige Wolkenkratzer, und wenn, dann sind sie um einiges kleiner als in anderen Städten. Das führt dazu, dass man ohne Nackenstarre durch die Nacht kommt. Und im Blickfeld einige Dinge findet, die es wert sind, sich nieder zu lassen und ein wenig in visuellem Genuss zu verweilen.
Der Jinmabiji Platz
Auf dem Jinmabiji ist immer Betrieb. Tagsüber brummt es hier, am Nordende des Platzes beginnt die Fußgängerzone, am Südende kleine Marktgassen. Auf dem Platz tummeln sich die Menschen, es ist laut und hektisch. Auch nachts ist es hier nicht leer, doch die Stimmung ist eine ganze andere. Die typischen chinesischen Grillstände reihen sich an einander, man kann einen kleinen Fleischspieß knabbern oder eine Nudelsuppe schlürfen. Die zwei großen Tore, schon bei Tag herrlich anzusehen, entfalten in der Dunkelheit einen verzauberten Charme, wenn sie vom Mond durch Wolkenlücken hindurch beschienen werden. Ich stand in der Mitte des Platzes, genoss den Duft der Grillstände und Bräter, sah den Wolken dabei zu wie sie über mich hinweg zogen und aß meine gebratenen Nudeln mit Gemüse. Ein Genuss für alle Sinne.
Der Green Lake Park
Im Green Lake Park ist an jedem Wochentag mehr los als in jedem Berliner Stadtpark an einem sonnigen Wochenende. Zwischen all den kleinen Seen, auf den Wegen, den Brücken, den Plätzen stehen Leute. Sie tanzen, sie sind im Tai Chi vertieft, sie spielen Volleyball oder Badminton, singen oder spielen Mah Jong. Es gibt einen kleinen Markt, man kann die Möwen füttern oder mit Tretbooten von See zu See strampeln. Kommt man jedoch nachts hierher, stellt sich der Park ganz anders da. Still und friedlich liegt er da, das Wasser tiefschwarz, umringt von Bäumen, hinter denen das Licht der Stadt hindurch scheint. Die Pavillons auf dem Parkgelände sind von roten Lichterketten eingefasst, so dass alles verwunschen aussieht. Hin und wieder sieht man ein Pärchen Arm in Arm durch den Park schlendern, auf einer der Brücken innehalten und den Anblick genießen. Auf einer Parkbank saß ein alter Mann, das Kinn auf seinen Stock gelehnt und sinnierte vor sich hin, während vor ihm ein Entenpärchen auf dem dunklen Wasser in die Reflektionen der Pavillons schwamm. Ich tat es ihm gleich, fand eine passende Stelle und genoss den Augenblick, während die wenigen sichtbaren Hochhäuser aus der Ferne nicht in der Lage waren die Magie des Moments zu zerstören.
Kundu Nachtmarkt
Wie viele asiatische Städte so hat auch Kunming einen Nachtmarkt. Wenn sie sich nun fragen, was man sich darunter vorstellen muss, so ist die Antwort denkbar einfach, und auch wieder nicht. Ja, es ist ein Markt, der während der Nacht geöffnet hat. Aber nein, es ist nicht nur ein Markt im Dunkeln. Die kleinen und großen Geschäfte haben alle geöffnet, davor stehen Marktstände und bieten ihre Ware feil. Noch davor liegen Decken ausgebreitet auf denen alles von Handybatterien über selbst genähte Taschen bis zu Socken und Teigtaschen alles verkauft wird, was sich verkaufen lässt. Der Bürgersteig birst vor Geschäftigkeit, die Autos kommen kaum durch die Straßen, alles ist voller Menschen. Doch während sie tagsüber durch die Straßen laufen um an irgendein Ziel zu kommen, so hat man nachts das Gefühl als gingen sie hier entlang um sich genau daran zu erfreuen. Das Tempo ist ein anderes, selbst im Gedränge. Und so kam es, dass auch ich an Ständen innehielt, die mich sonst nicht interessierten. Ein Großmütterchen verkaufte selbstgestrickte Socken, daneben bot ein Mann irgendetwas an, was ich beim besten Willen nicht identifizieren konnte, was jedoch essbar schien. Wenige Meter weiter hatte eine Frau ihren Wagen geparkt und unzählige Stofftiere darauf ausgebreitet. Beleuchtet nur vom Licht der Geschäfte und der vorbeiziehenden Autos war alles noch fremder, noch spannender, noch packender als tagsüber.
Ich ließ mich durch die Gassen treiben, ohne Ziel, aß eine Kleinigkeit an den Ständen, trank einen gekühlten Zuckerrohrsaft und war beinahe traurig als ich schon alles gesehen hatte. Doch ich gönnte es mir noch hier und dort hin zu schauen, bis ich von den Eindrücken ganz gesättigt war.
Jede Stadt hat ihren eigenen Reiz, jede Stadt hat ihr eigenes Tempo und ihr eigenes Licht. In China sind die meisten Städte auch nachts schnell und laut, sie sind hell erleuchtet und nehmen einen gefangen. Doch Kunming ist ein wenig anders. Etwas langsamer, etwas leiser und dunkler. Ein wenig magischer.
Jochen Müller
Kommentare zu "Kunming bei Nacht"
Jochens Weltreise
Lieber Joche,
danke für den Hinweis auf eure große Reise und den Blog sowie den Bericht aus China.
Dagegen wirkt ja dein Engagement in den erlebnispädagogischen Auslandsfreizeiten der Jugendförderung Kassel richtig niedlich..
Ich wünsche Dir / euch weiterhin solche tollen Erfahrungen !Wenn ihr irgendwann durch Schweden kommt, dürft ihr gerne in meinem Haus bei Arvika station machen, in dem schon Edda mit Gatte Urlaub gemacht haben ( Website zum Leckermachen: www.unser-schwedenhaus.de ).
Gute Reise,
und alles Liebe von
Peter
Bob
Lieber Bob,
freut mich dass man sich an der Karte erfreut. Ich erfreu mich grade am zur Verfügung gestellten Link zur Ringmanufaktur und hab ihn gleich mal gespeichert. Da regt sich doch gar in mir als Frau der Wunsch nach einem Siegelring!
Christine
Kundu
Kundu ist der Rotlichtbezirk von Kunming mit zahlreichen Bahrs, Stundenhotels und sonstigen einschlägigen Einrichtungen und Damen. Sollte man wissen wenn man durch diese Gegend bummelt.
Die auf dem Nachtmarkt angebotenen Dinge sind dem Publikum entsprechend zudem meist überteuert, gibt´s woanders billiger.
Trotzdem, einmal durchzuschlendern lohnt sich allemale wegen der Atmosphäre.
Re: Kundu

Kann sein, die Gegend wo das Bild entstanden ist war wirklich voller Bars und einige davon Nachtclubs. Doch der Nachtmarkt zog sich über ein weites Gebiet inclusive Hauptstraßen. Das war nicht alles Rotlichtbezirk.
Was die Preise angeht kann ich dazu wenig sagen, denn ich habe nichts gekauft. Ich denke auf allen Märkten in Asien muss man gerade als Reisender die Preise verhandeln, denn man gilt automatisch als reich und wird erhöhte Preise genannt bekommen. Aber in den meisten Fällen macht das Spaß, und die Chinesen waren da immer voll dabei.
"Kunming bei Nacht" kommentieren

wieder ein wundervoller Bericht, der zum Mitträumen einlädt, wieder eine aufkeimende Liebeserklärung, wieder wundervolle Bilder!
Vielen Dank!
Liebe Grüße
Barbara