Hauptinhalt
30. August 2012
Kneipendarwinismus
„Ein verrückter Ort", so das Urteil einer Dame über ihre Heimatstadt. Sie meinte Darwin, die Hauptstadt des Northern Territories, wegen seiner geographischen Lage auch „Australiens Top End" genannt . Und sie sollte Recht behalten mit ihrer Einschätzung.
Volles Haus
©Bergholter Hostelpool. Wenn man nicht gerade auf
dem Zimmer hockt, geht's doch.
Einmal mehr bewies ich ein glückliches Timing, da ich pünktlich zur Hauptsaison in Darwin eintraf: Die Stadt platzte aus allen Nähten. In weiser Voraussicht hatte ich mir bereits im Vorfeld ein Bett in einem Hostel gebucht, eine Praxis, von der wir uns in Süd-Ost-Asien gänzlich verabschiedet hatten, da man eigentlich immer eine Bleibe vor Ort fand. Nicht so in Darwin. Jedes Hostel, jedes halbwegs erschwingliche Mittelklassehotel war restlos ausgebucht. Das sollte ich feststellen, als ich versuchte, den Aufenthalt in der Herberge meiner Wahl zu verlängern. „Sorry, alles voll", lautete die niederschmetternde Antwort, die ich in gleicher Form überall zu hören bekam. Glücklicherweise hatte ich mich mit einem meiner vormaligen Zimmergenossen gutgestellt, sodass er mich mit seiner Zugangskarte wieder in das Hostel und mein ehemaliges Zimmer schmuggelte, wo ich zwei weitere Nächte auf dem Fußoden schlafen konnte. Wenigstens ersparte mir das die 30 Dollar, die man hier, in der mit Abstand billigsten Absteige, pro Nacht für ein Bett in einem Schlafsaal berappen muss.
©Bergholter Eines der zahlreichen (und teuren) Hostels auf der Mitchell Street.
Die Ankunft meiner Freundin erforderte dann allerdings ein Denken im größeren finanziellen Rahmen: 95 Dollar für ein Doppelzimmer waren schon günstig, die 190 Dollar, die wir für das allerletzte verfügbare Zimmer im allerletzten Motel der Stadt hinblättern mussten, waren es nicht mehr. Doch wenigstens hatten wir ein Dach über dem Kopf als wir unverhofft unseren Aufenthalt verlängern mussten. Doch dies ist eine andere Geschichte.
©Bergholter Umzug: 95 Dollar für diese Suite. Nun ja...
Wer kann sich sowas leisten?
Diese Frage stellte ich einem jungen Australier, mit dem ich eines Abends an der Bar stand. „Das geht schon. Schließlich verdient man hier auch ganz gut. Das ist wie bei Mononpoly!", erklärte er mir, während er mir auf die Schulter klopfte, mit einem 50-Dollar-Schein wedelte und mir ein Bier spendierte. Und tatsächlich erinnert der freizügige Umgang mit Geld hier nicht nur an den kapitalistischen Brettspielklassiker, sondern die Löhne scheinen den Lebenshaltungskosten in diesem Lande angeglichen zu sein. Das ist wohl auch der Grund dafür, warum ein Großteil des internationalen Klientel Darwins aus jungen Arbeitssuchenden besteht. „Work and Travel" heißt die Losung. Also einige Wochen Saisonarbeit und dann weiterziehen. Doch auch bei den Australiern verhält es sich kaum anders. Pünktlich zur „winterlichen" Ferienzeit zieht es viele aus den südlicheren und damit kälteren Regionen in den sonnigen Norden, um sich hier etwas Geld zu verdienen.
Was geht in Darwin?
©Bergholter AUf Darwin wurde im 2. Weltkrieg die
größte Bombenlast in Australien geworfen.
Viele Monumente erinnern an den Krieg.
Doch längst nicht jeder ist hier auf der Suche nach einem Job. Es drängt sich also die Frage auf, warum Darwin bei nationalen wie internationalen Besuchern so beliebt ist. Was zieht die Leute in den Norden Australiens? Zunächst einmal das Wetter. Im australischen Winter hat man hier in Darwin immernoch angenehme Temperaturen jenseits der 30°. Doch das alleine kann es nicht sein. Ich fragte einen Einheimischen, was es denn in seiner Heimatstadt zu tun gebe. Er deutete auf die Straße und entgegnete: „Das hier ist die Mitchell Street und das war's dann auch". Und tatsächlich ist besagte Meile das Zentrum der Stadt mit ihren knapp 75.000 Einwohnern, von denen die meisten allerdings in den weitläufigen Außenbezirken leben. In der Mitchell Street reihen sich die Hostels und Kneipen aneinander. Sie ist ein Magnet für Backpacker und junge Reisende, Einheimische findet man hingegen kaum. Hier pulsiert das Leben. Insbesondere nach Einbruch der Dunkelheit. Die Pubs und Clubs bersten vor feierwütigen Angetrunkenen, die von den bulligen Türstehern argwöhnisch beäugt werden. Auf der Straße selbst cruisen Freunde des gepflegten Autotunings mit ihren aufgemotzten Karren im Korso auf und ab. Beides scheint hier sehr beliebt zu sein: das Tunen wie das Cruisen. Autoliebhabern wird beim Anblick dieser Gefährte das Herz aufgehen.
Abseits der Mitchell Street
©Bergholter Der Parker Walk führt die Küste entlang...
©Bergholter ... an der man den Sonnenuntergang btrachten kann.
Ich wollte mich nicht auf die lapidare Aussage des Einheimischen verlassen und beschloss, einen Blick über die Mitchell Street hinaus zu wagen. Und siehe da: Darwin hat auch noch andere Ecken zu bieten. Eine idyllische Promenade, die sich entlang der gesamten Küstenlinie zieht und vielen als Naherholungsgebiet oder Joggingstrecke dient. Die Küste selbst ist hingegen eher von schroffen Felsen gesäumt, Strände findet man hier wenige. Und diese sind als Badestrände gänzlich ungeeignet, da rund um Darwin das ganze Jahr über Nesselquallen im Wasser lauern, deren Umarmung für Menschen tödlich enden kann. Doch bei sommerlichen Temperetauren muss ein Sprung ins kühle Nass bisweilen einfach sein. Das haben sich wohl auch die Stadtplaner gedacht, die im Schutze der Kaimauer in einer angelegten Lagune ein künstliches Badeparadies geschaffen haben. Ein schmaler Sandstreifen simuliert den Strand und die von Appartmentanlagen eingefasste Liegewiese dahinter, lädt zum Sonnenbaden ein. Und wem das nicht authentisch genug ist, der findet gleich nebenan ein Wellenbad. Es ist zwar nicht ganz so, wie im offenen Meer zu baden, aber immerhin. Was hier vielleicht abfällig klingen mag, ist so nicht gemeint. Dieses künstliche Strandparadies wird tagtäglich von vielen Besuchern frequentiert. Selbst wenn es mich eher an heimische Freibäder denn an einen tropischen Badestrand erinnerte, habe auch ich hier den einen oder anderen Nachmittag genossen. Im friedlichen Ambiente abseits der Mitchell Street.
©Bergholter Blick auf die künstlich angelegte Badebucht.
©Bergholter Am Stadtstrand.
©Bergholter Im Wellenbad dem Meer so nah...
Mehr als das
©Bergholter Mit diesen Amphibienfahrzeugen geht es auf Touren durch die Bucht oder in die nahegelegenen Nationalparks.
Doch natürlich gibt es noch mehr als die beschriebene Badebucht und die Kneipenmeile. Allerdings verdichtete sich der Eindruck, dass vielen genau das ausreichte. Es schienen doch immer die gleichen Gruppen junger Leute zu sein, die sich tagsüber an der Lagune oder dem Pool, mit dem viele Hostels hier aufwarten, tummelten, bevor sie am späten Nachmittag durch die Bars zogen, um Abends in den immergleichen Clubs zu stranden. Ok, wem's gefällt, dem sei's gegönnt. Mir jedenfalls wurde all das nach kurzer Zeit ziemlich langweilig, sodass ich einen Weg suchte, Darwin so bald wie möglich zu verlassen. Denn was neben Souvenirläden, dem einen oder anderen hübschen Aussichtspunkt an der Küste oder dem botanischen Garten Darwins wirklich reizvoll an der Region ist, ist die eindrucksvolle Landschaft und die vielfältige Tierwelt des Umlandes. Beides findet man etwa im Litchfield- oder natürlich im Kakadu Nationalpark, unweit von Darwin. Viele Tourveranstalter bieten Tagesausflüge in diese Parks an, ich wollte jedoch etwas mehr als das. Der Plan war es, einen kleinen Campervan zu kaufen und sich auf eigene Faust die Umgebung und deren Schönheit zu erschließen. Etwas Ruhe und Abgeschiedenheit war nach dem Aufenthalt in Darwin, diesem tatsächlich „verrückten Ort", genau das, was ich brauchte.
Impressionen aus Darwin:
©Bergholter Sehenswürdigkeit: Das alte Rathaus von Darwin.
©Bergholter Das Darwin Entertainment Center - Natürlich auf der Mitchell Street.
©Bergholter Eine hübsche Kirche in Darwin.
©Bergholter Am Rande der Gesellschaft: Totems der Aboriginies an einem Parkplatz.
von Peer Bergholter
Volles Haus
dem Zimmer hockt, geht's doch.
Die Ankunft meiner Freundin erforderte dann allerdings ein Denken im größeren finanziellen Rahmen: 95 Dollar für ein Doppelzimmer waren schon günstig, die 190 Dollar, die wir für das allerletzte verfügbare Zimmer im allerletzten Motel der Stadt hinblättern mussten, waren es nicht mehr. Doch wenigstens hatten wir ein Dach über dem Kopf als wir unverhofft unseren Aufenthalt verlängern mussten. Doch dies ist eine andere Geschichte.
Wer kann sich sowas leisten?
Diese Frage stellte ich einem jungen Australier, mit dem ich eines Abends an der Bar stand. „Das geht schon. Schließlich verdient man hier auch ganz gut. Das ist wie bei Mononpoly!", erklärte er mir, während er mir auf die Schulter klopfte, mit einem 50-Dollar-Schein wedelte und mir ein Bier spendierte. Und tatsächlich erinnert der freizügige Umgang mit Geld hier nicht nur an den kapitalistischen Brettspielklassiker, sondern die Löhne scheinen den Lebenshaltungskosten in diesem Lande angeglichen zu sein. Das ist wohl auch der Grund dafür, warum ein Großteil des internationalen Klientel Darwins aus jungen Arbeitssuchenden besteht. „Work and Travel" heißt die Losung. Also einige Wochen Saisonarbeit und dann weiterziehen. Doch auch bei den Australiern verhält es sich kaum anders. Pünktlich zur „winterlichen" Ferienzeit zieht es viele aus den südlicheren und damit kälteren Regionen in den sonnigen Norden, um sich hier etwas Geld zu verdienen.
Was geht in Darwin?
größte Bombenlast in Australien geworfen.
Viele Monumente erinnern an den Krieg.
Abseits der Mitchell Street
Ich wollte mich nicht auf die lapidare Aussage des Einheimischen verlassen und beschloss, einen Blick über die Mitchell Street hinaus zu wagen. Und siehe da: Darwin hat auch noch andere Ecken zu bieten. Eine idyllische Promenade, die sich entlang der gesamten Küstenlinie zieht und vielen als Naherholungsgebiet oder Joggingstrecke dient. Die Küste selbst ist hingegen eher von schroffen Felsen gesäumt, Strände findet man hier wenige. Und diese sind als Badestrände gänzlich ungeeignet, da rund um Darwin das ganze Jahr über Nesselquallen im Wasser lauern, deren Umarmung für Menschen tödlich enden kann. Doch bei sommerlichen Temperetauren muss ein Sprung ins kühle Nass bisweilen einfach sein. Das haben sich wohl auch die Stadtplaner gedacht, die im Schutze der Kaimauer in einer angelegten Lagune ein künstliches Badeparadies geschaffen haben. Ein schmaler Sandstreifen simuliert den Strand und die von Appartmentanlagen eingefasste Liegewiese dahinter, lädt zum Sonnenbaden ein. Und wem das nicht authentisch genug ist, der findet gleich nebenan ein Wellenbad. Es ist zwar nicht ganz so, wie im offenen Meer zu baden, aber immerhin. Was hier vielleicht abfällig klingen mag, ist so nicht gemeint. Dieses künstliche Strandparadies wird tagtäglich von vielen Besuchern frequentiert. Selbst wenn es mich eher an heimische Freibäder denn an einen tropischen Badestrand erinnerte, habe auch ich hier den einen oder anderen Nachmittag genossen. Im friedlichen Ambiente abseits der Mitchell Street.
Mehr als das
Doch natürlich gibt es noch mehr als die beschriebene Badebucht und die Kneipenmeile. Allerdings verdichtete sich der Eindruck, dass vielen genau das ausreichte. Es schienen doch immer die gleichen Gruppen junger Leute zu sein, die sich tagsüber an der Lagune oder dem Pool, mit dem viele Hostels hier aufwarten, tummelten, bevor sie am späten Nachmittag durch die Bars zogen, um Abends in den immergleichen Clubs zu stranden. Ok, wem's gefällt, dem sei's gegönnt. Mir jedenfalls wurde all das nach kurzer Zeit ziemlich langweilig, sodass ich einen Weg suchte, Darwin so bald wie möglich zu verlassen. Denn was neben Souvenirläden, dem einen oder anderen hübschen Aussichtspunkt an der Küste oder dem botanischen Garten Darwins wirklich reizvoll an der Region ist, ist die eindrucksvolle Landschaft und die vielfältige Tierwelt des Umlandes. Beides findet man etwa im Litchfield- oder natürlich im Kakadu Nationalpark, unweit von Darwin. Viele Tourveranstalter bieten Tagesausflüge in diese Parks an, ich wollte jedoch etwas mehr als das. Der Plan war es, einen kleinen Campervan zu kaufen und sich auf eigene Faust die Umgebung und deren Schönheit zu erschließen. Etwas Ruhe und Abgeschiedenheit war nach dem Aufenthalt in Darwin, diesem tatsächlich „verrückten Ort", genau das, was ich brauchte.
Impressionen aus Darwin:
von Peer Bergholter
Kommentare zu "Kneipendarwinismus"
"Kneipendarwinismus" kommentieren


Lieber Peer, lieber Jochen
Wir sind grosse Fans Eures Blogs - reisen wird doch fast auf Euren Fersen...
Danke für das Teilen Eurer Erlebnisse und die wunderbaren Geschichten, wir lachen teilweise Tränen, denn wir können ja sooo gut mitfühlen :-).
Weiterhin eine ereignisreiche & tolle Reise!
Herzliche Grüsse
Mareike & Tom