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9. Mai 2012
Karyukai - der Mythos Geisha zwischen Schein und Wirklichkeit
Die Geisha zählt zu den wohl bekanntesten stereotypischen Konzepten Japans. Im ewigen Zwielicht zwischen Schein und Wirklichkeit, einer delikaten Porzellan-Puppe gleichend, unerreichbar wie Wesen aus einer anderen Welt durch die engen Gassen der Stadt huschend werden diese Frauen wohl eines der unergründlichsten Phänomene Japans für den westlichen Besucher bleiben. Maskenhafte weiße Gesichter mit roten Lippen - Relikte aus einer längst vergangenen Ära, die sich in beinahe schizophrener Weise nahtlos ins 21. Jahrhundert einfügen und niemals deplatziert erscheinen.
Ein Mythos das sich noch verstärkt wenn man mit Japanern spricht und sie selbst in ehrfürchtig flüsterndem Ton von den Geishas sprechen.
© Marcus Haid
Die sicherste Variante ist, sich in einem Pulk von Touristen in Gion, dem Altstadtviertel von Kyoto, in der Nähe des Theaters zu postieren um dort einen flüchtigen Blick auf eine vorbeihuschende Geisha oder Maiko zu werfen. Organisierte Veranstaltungen im Hotel oder Ryokan und öffentliche Teezeremonien sind eine andere Möglichkeit.
Für mich aber beides Optionen, die dem Mythos das Geheimnisvolle rauben. Der Flair touristischer Massenware läßt in mir den Gedanken aufkeimen, daß das doch nicht alles gewesen sein kann. Ich möchte eine direkte Begegnung und damit beginnt das organisatorische Abenteuer. Als westlicher Besucher, der japanischen Sprache nicht mächtig, eine private Begegnung mit einer Geisha zu organisieren, noch dazu mit Foto- und Filmgenehmigung gestaltet sich als wahrer Spießrutenlauf. Eines Morgens erreicht mich dann über einen guten Kontakt in Kyoto ein E-Mail - es hat geklappt. Eines der Geisha-Häuser hat meine Anfrage akzeptiert. Das E-Mail enthält Datum und Uhrzeit des Treffpunkts - die Spannung steigt. Was wird mich erwarten? Letztlich mehr als ich zu träumen gewagt hatte.
© Marcus Haid
Reiko-san, die Besitzerin des Geisha-Hauses, erwartet mich am vereinbarten Treffpunkt und ermöglicht mir einen Einblick, der in dieser Form wohl nur äußerst selten möglich sein wird. Vor dem eigentlichen Fototermin darf ich die junge Maiko zum Friseur begleiten, wo sie den so typischen Haar-Stil bekommen wird.
Mit dem 15. Lebensjahr beginnt die Ausbildung eines junges Mädchen, eine Zeit in der sie als Maiko bezeichnet wird. Nach einer circa fünf-jährigen Lehrzeit darf sie sich dann Geisha, oder wie in Kyoto üblich Geiko, nennen.
Abseits der Hauptstraßen folge ich den beiden durch die engen und verwinkelten Gassen von Gion bis wir an einem unscheinbaren Haus ankommen. Hinter der Schiebetür verbirgt sich einer der ältesten Friseursalons von Kyoto, die auf das Anfertigen des Haarstils von Maikos spezialisiert ist. Im Inneren befinden sich sechs Frisiertische, alle voll belegt mit jungen Maikos. Der Terminkalender des Friseurs ist zum Bersten gefüllt. Auch die Choreographin des nahegelegenen Miyako-Odori Theaters ist gerade hier um sich die Haare machen zu lassen. Es herrscht hektisches Treiben, ein stetiges Kommen und Gehen, endlos scheinende Verbeugungen. Während man im nahegelegenen Elektronik-Megastore die Auswahl zwischen unendlich vielen Modellen von Glätteisen hat, fühlt man sich in diesem Fiseursalon in eine andere Zeit zurückversetzt. Kreppeisen aus Metall, heiß gemacht in einem gasbeheizten Behältnis, scheinbar übrig geblieben aus dem letzten Jahrhundert.
© Marcus Haid
Flink und mit tausendfach praktizierten Handgriffen bereitet eine ältere Dame das Haar der Maiko für die Frisur vor. Währenddessen erfahre ich, daß für die komplizierten Steckfrisuren der Maikos noch Ihr eigenes Haar verwendet wird. Erst eine Geisha kann diese Prozedur über ein Haarteil vereinfachen.
Über eine Stunde dauert es, bis die kunstvolle und komplizierte Frisur fertiggestellt ist. Diese Frisur wird die Maiko nun die nächsten sechs Tage ununterbrochen tragen, ohne sie lösen und sich die Haare waschen zu können. Während dieser Zeit wird sie auch nur Kimono tragen und auf speziellen Nackenrollen schlafen um die Frisur nicht zu zerstören.
Nach dem Friseurbesuch darf ich noch einige Bilder schießen bevor mich Reiko-san bittet, in zwei Stunden wiederzukommen wenn die Maiko geschminkt und fertig angezogen für ich bereit sein wird.
© Marcus Haid
© Marcus Haid
© Marcus Haid
In einem mit Tatami-Matten ausgelegtem Raum im Teehaus warte ich dann auf die Maiko. Langsam wird die mit Reispapier bespannte Holztüre aufgeschoben und eine scheinbar zum Leben erwachte Puppe betritt mit kleinen Schritten den Raum, eingehüllt in einen wunderschönen, mehr als bodenlangen, Kimono.
Ich bin so fasziniert von diesem außerirdisch anmutenden Geschöpf, dass ich beinahe vergesse den Auslöser der Kamera zu betätigen.
Erstmals beginne ich zu verstehen, was damit gemeint ist, dass Geishas in einer Parallelwelt existieren. Karyukai, die "Welt der Blumen und Weiden" - eingebettet in Geheimnisse und Exklusivität.
Die Maiko heißt mich mit einer Teezeremonie willkommen, tanzt für mich und beschert mir einige der unvergesslichsten und schönster Bilder der Reise. Bei der Demonstration von einfachen aber nicht minder unterhaltsamen Partyspielen bricht das Eis ein wenig und ich kann ein lebenslustiges, kicherndes, junges Mädchen hinter der phantastischen Fassade erkennen.
© Marcus Haid
© Marcus Haid
© Marcus Haid
Viel zu schnell vergeht die Zeit und wir brechen zu einem abschließenden Fotoshooting in den Straßen Kyotos auf.
Bei der Verabschiedung frage ich die Besitzerin des Teehauses, wie ich der Maiko eine Freude mit einem kleinen Geschenk bereiten könne. Reiko-san's Antwort - ich solle ihr doch einen Brief schreiben - fügt sich nahtlos in das faszinierende Bild eines Relikts aus einer längst vergangenen Zeit...
© Marcus Haid
© Marcus Haid
© Marcus Haid
Kommentare zu "Karyukai - der Mythos Geisha zwischen Schein und Wirklichkeit"
Mythos Geisha
Danke fuer die schoenen Bilder und den Erfolg dieses Berichtes. Schoen, wenn man die Erlaubnis dazu bekommt. Nur weiter so.
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Ein Einblick in eine andere Welt - vielen Dank für den faszinierenden Bericht eines einzigartigen Shootings!
Beim Lesen konnte ich die hektische Welt für einen Augenblick vergessen.
::nb