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Saudi-Arabien ist das Land des Öls, des Sands und der Hitze. Aber auch der Zwangspausen für Gebetszeiten sowie der Geschlechtertrennung in futuristischen Einkaufszentren. Wie harmonieren Moderne und Tradition in diesem arabischen Land? Jan Hendrik Hinzel versucht den Alltag zwischen Konsumwahn und religiöser Strenge zu verstehen.
Riad (I) - Die Autostadt
In europäischen Städten gilt es als überholt und gescheitert, das Konzept der autofreundlichen Stadt. In Riad hat die Idee nicht nur überlebt, sie hat die Stadt fest im Griff: Tausende Autos rasen jeden Tag über achtspurige Stadtautobahnen, bullige Geländefahrzeuge konkurrieren mit Sportwägen darum, wer das Vorrecht auf der Straße hat.
Vier Spuren in eine Richtung. Das ist ausreichend Platz für alle, aber irgendwie stehen in der ersten Reihe an der Ampel doppelt so viele Autos. Denn an Riads Ampeln gilt das System "Trichter". Von allen Seiten drängen die Autofahrer an die Front. Das heißt quetschen, rammen, drängeln.
Schräg links vor mir ein weißer Yukon XL. Schräg rechts vor mir ein Porsche Cayenne. Rechts ein Hummer. Links ein alter rostiger Mercedes-Bus. Hinter mir noch ein Yukon XL. Ebenfalls in weiß. Sie mögen weiße Yukon XLs hier. Ich, das heißt in diesem Fall ein weinroter Citroen C3, bin eingepfercht, sehe weder die Ampel, noch die Straße. weiterlesen
23. Dezember 2011
Vier Spuren in eine Richtung. Das ist ausreichend Platz für alle, aber irgendwie stehen in der ersten Reihe an der Ampel doppelt so viele Autos. Denn an Riads Ampeln gilt das System "Trichter". Von allen Seiten drängen die Autofahrer an die Front. Das heißt quetschen, rammen, drängeln.
Schräg links vor mir ein weißer Yukon XL. Schräg rechts vor mir ein Porsche Cayenne. Rechts ein Hummer. Links ein alter rostiger Mercedes-Bus. Hinter mir noch ein Yukon XL. Ebenfalls in weiß. Sie mögen weiße Yukon XLs hier. Ich, das heißt in diesem Fall ein weinroter Citroen C3, bin eingepfercht, sehe weder die Ampel, noch die Straße. weiterlesen
Die große Verschleierung - Willkommen in Saudi-Arabien
"Saudi-Arabien? Was willst du denn dort?", fragten mich meine ägyptischen Freunde, als ich ihnen von von meinem geplanten Umzug erzählte.
"Dort gibt es nichts. Nur religiöse Eiferer. Alles ist verboten, man kann nichts machen!", sagten sie. Wenn religiöse Ägypter schon schlecht von ihrem Nachbarland sprechen, wie schlimm kann es dann wirklich sein?
Meine Freunde und Familie in Deutschland waren ebenfalls skeptisch: "Kein Alkohol? Kein Kontakt zu Frauen? Und ist das nicht eine Diktatur?"
Doch da war der Vertrag für ein Praktikum an einer Universität in Riad schon unterzeichnet. Überhaupt: Je mehr mir mein Umfeld von Saudi-Arabien abriet, desto mehr wollte ich in dieses Land.
Zwar habe ich mich während meines Studiums intensiv mit dem Nahen Osten beschäftigt, Saudi-Arabien ist jedoch weitgehend unbekanntes Terrain für mich geblieben; nicht viel mehr als ein paar Nachrichtenmeldungen und Klischees: Öl, Prinzen, Könige, Hitze und ganz viel Sand. Außerdem fundamentalistischer Islam, Osama bin Laden, Fahrverbot für Frauen und deutsche Panzer. Der Vollständigkeit wegen noch Peitschenhiebe, abgehackte Hände, Falken mit seltsamen Gesichtsmasken und natürlich Kamele.
Wie leben Menschen tatsächlich in einem Land, das moderne Infrastruktur und alle möglichen Annehmlichkeiten bietet, aber gleichzeitig von seinen Bürgern absoluten Gehorsam verlangt, bis hin zur Religion?
Was kann man in einem Land machen, von dem es heißt, man könne dort nichts machen?
Während der kommenden sechs Monate möchte ich es herausfinden. Was ich entdecken werde, zeige ich hier in diesem Blog, in Form von Texten, Fotos, Videos.
Dabei beginnt das erste Erlebnis noch vor dem Abflug mit der Frage: Wer außer anscheinend verrückten Praktikanten fliegt nach Riad?
Frankfurt am Main, Flughafen, Terminal 2, Anfang Dezember.
Nur fünf Personen stehen vor mir in der Schlange am Schalter von Saudi-Airlines. Sie gehören zusammen und warten auf jemanden, also lassen sie mich vor. Bevor ich durch die Lücke zwischen den Absperrbändern zum Schalter gehen kann, verlangt eine Flughafenangestellte nach meinem Pass: "Weiterflug nach Manila?", fragt sie. Als ich sage, dass ich nicht auf die Philippinen will, sondern nach Saudi-Arabien mustert sie mich verwundert. Sie ist Deutsch-Tunesierin-Algerierin-Libanesin-oder-irgendeine-andere-Halb-Araberin, wie die meisten Mitarbeiter hier offenbar Deutsch-Tunesier-Algerier-Libanesen-oder-irgendwelche-anderen-Halb-Araber sind. Und das müssen sie anscheinend auch sein, um mit den Passagieren und Kunden kommunizieren zu können. Aus Richtung Schalter fliegen agressiv klingende arabische Wortfetzen durch die Luft.
Als auch ich unter dem Saudi-Airlines Logo mit den zwei sich unter einer Palme kreuzenden Schwertern am Schalter stehe, weiß ich warum: Das Schalterpersonal versucht einen dicken Saudi in schwarzen Armani-Jeans und schwarzem, eng anliegendem Armani-Pullover in Schach zu halten, der sein Übergepäck nicht bezahlen möchte. "Ein Kilogramm können wir Ihnen ja durchgehen lassen, vielleicht auch zwei. Sie haben aber 40 Kilogramm zu viel!" klären die Angestellten ihn auf. "Ich möchte Ihren Manager sprechen." antwortet der Saudi, und reißt der Frau am Schalter seinen grünen Reisepass mit zwei Schwertern unter einer Palme darauf aus den Fingern. Nach fünf Minuten weiterer Diskussion trollt er sich davon.
"Boah, geht's noch, die haben doch alle einen an der Klatsche, 40 Kilogramm, Alter!", sagt die Frau am Schalter zum Mann am Schalter nebenan. "Das ist doch gar nix!", antworter er. "Gestern, da war so 'ne Prinzessin hier. Die hatte 200 Kilogramm Übergepäck! Denkste, die wollt' bezahlen?" Die Deutsch-Tunesierin-Algerierin-Libanesin-oder-irgendeine-andere-Halb-Araberin von der Vorkontrolle am Absperrband kommt vorbei. "Was ist denn hier los? Rafft euch doch mal alle", sagt sie, und geht zurück auf ihre Position.
Ich nehme meinen Boarding-Pass entgegen, Platz 37, Fenster, und mache mich in fast freudiger Erwartung weiterer Klischees auf den Weg zum Gate.
Small Talk heißt Religions-Talk
Außer mir wartet dort nur ein anderer Deutscher, der sich in ein Buch vertieft hat. Ich sitze auf der Bank, und beobachte die anderen Gäste. Es sind nicht viele, nur knapp mehr als 40. "Gut", denke ich. "Vielleicht habe ich eine Sitzreihe für mich. Dann kann ich schlafen." Alle neu eintreffenden Passagiere grüßen die bereits wartenden. Es hat mir gefehlt, das arabische Gemeinschaftsgefühl; schnell fühle ich mich wohl. Während ich einen alten Mann in weißem Gewand und mit rot-weiß gemustertem Tuch auf dem Kopf betrachte, spüre ich Blicke auf mir ruhen. Auch ich werde beobachtet. "Sie fliegen nach Saudi-Arabien?" fragt der Mann, der auf der Bank gegenüber sitzt. "Äh, ja." Er bittet mich zu sich hinüber. Eigentlich bin ich müde und nicht in Small-Talk-Stimmung. Folge ich außerdem weiter meinen Klischee-Erwartungen, steht mir Unangenehmes bevor: Der Herr trägt Vollbart. In Ägypten waren das meistens die religiösen Hardliner. Die Salafisten. Small Talk heißt in dem Fall Religions-Talk. Ich schelte mich gedanklich selbst für meine Unlust und meine Vorverurteilung fremder Menschen; sage mir, dass solche Situationen in Saudi-Arabien jetzt sowieso öfters vorkommen werden und setze mich neben ihn.
Er ist höflich, bietet mir einen Keks an, spricht leise und bedacht. "Eigentlich doch ganz nett.", denke ich mir. Er hat seinen Sohn besucht, der für zwei Monate in Frankfurt im Krankenhaus liegt. Eine Woche war er jetzt hier in Deutschland. Er schwärmt kurz von den freundlichen Deutschen und den guten deutschen Ärzten. Dann fragt er mich: "Bist du Christ?"
Fünf Minuten später diskutieren wir über den Unterschied zwischen Christentum und Islam. Zehn Minuten später über die Unterschiede zwischen Schiiten und Sunniten. 20 Minuten später zeigt er mir seine Lieblingskoransuren. 30 Minuten später lädt er mich zu seiner Familie zum Essen ein. 40 Minuten später ist Boarding Time, kurze Verschnaufpause. 60 Minuten später sitzt er zwei Reihen hinter mir. 62 Minuten später auf dem Sitz neben mir, die Reihe war noch frei. 64 Minuten später reden wir darüber, dass Wahabiten sich nicht Wahabiten nennen, sondern Muslime. Wir kommen auf die Schiiten zurück. Er verzieht kurz seine Mundwinkel. Eigentlich seien Schiiten gar keine Muslime. Ich zucke mit den Augenbrauen: "Aha." Die Muslime in Deutschland würden außerdem nicht richtig glauben. Sie hätten den falschen Islam. Ich versuche es mit Erklärungen wie: Glaube ist immer individuell, immer subjektiv... Er lächelt nur. Verdammt, was sage ich bloß.
70 Minuten später tauschen wir Nummern aus, ich nehme die Einladung zum Essen an. Ich teile zwar nicht sein Weltbild, aber irgendwie muss ich doch versuchen, dieses Land zu verstehen und wie die Menschen dort denken. Vielleicht kann er mir dabei helfen. Dann entschuldige ich mich, drücke das kleine Reisekissen mit meinem Kopf gegen das Flugzeugfenster und schlafe ein.
Der Schlaf tut gut. Keine weiteren Religionsgespräche. Als ich die Augen aufmache, zeigt der Bildschirm nur noch eine halbe Stunde bis zur Landung an. Ich sehe mich um. Irgendetwas ist anders. Die Frau vor mir trägt plötzlich ein Kopftuch und ein schwarzes Gewand, eine Abaya. Vorhin haben die junge Frau und der Mann in der Reihe gegenüber der meinen noch herum geschäkert. Jetzt trägt die Frau ebenfalls eine Abaya. Außerdem ein schwarzes Kopftuch. Über dem Kopftuch ein weiteres schwarzes Tuch, das über ihre Augen fällt. Sie sieht aus wie ein Gespenst, nur in schwarz. Manche der anderen Frauen blicken immerhin noch durch einen kleinen Schlitz.
Nur die Asiatin aus der Reihe hinter mir trägt keine Kopfbedeckung, für Ausländer reicht anscheinend die Abaya. Wohin ich auch sonst blicke: überall schwarz, schwarz, schwarz.
Wir landen. Der Pilot verabschiedet sich:
"Ahlen wa sahlen fil mamluka al Arabia al-Saudia - Herzlich Willkommen im Königreich Saudi-Arabien."
"Dort gibt es nichts. Nur religiöse Eiferer. Alles ist verboten, man kann nichts machen!", sagten sie. Wenn religiöse Ägypter schon schlecht von ihrem Nachbarland sprechen, wie schlimm kann es dann wirklich sein?
Meine Freunde und Familie in Deutschland waren ebenfalls skeptisch: "Kein Alkohol? Kein Kontakt zu Frauen? Und ist das nicht eine Diktatur?"
Doch da war der Vertrag für ein Praktikum an einer Universität in Riad schon unterzeichnet. Überhaupt: Je mehr mir mein Umfeld von Saudi-Arabien abriet, desto mehr wollte ich in dieses Land.
Zwar habe ich mich während meines Studiums intensiv mit dem Nahen Osten beschäftigt, Saudi-Arabien ist jedoch weitgehend unbekanntes Terrain für mich geblieben; nicht viel mehr als ein paar Nachrichtenmeldungen und Klischees: Öl, Prinzen, Könige, Hitze und ganz viel Sand. Außerdem fundamentalistischer Islam, Osama bin Laden, Fahrverbot für Frauen und deutsche Panzer. Der Vollständigkeit wegen noch Peitschenhiebe, abgehackte Hände, Falken mit seltsamen Gesichtsmasken und natürlich Kamele.
Wie leben Menschen tatsächlich in einem Land, das moderne Infrastruktur und alle möglichen Annehmlichkeiten bietet, aber gleichzeitig von seinen Bürgern absoluten Gehorsam verlangt, bis hin zur Religion?
Was kann man in einem Land machen, von dem es heißt, man könne dort nichts machen?
Während der kommenden sechs Monate möchte ich es herausfinden. Was ich entdecken werde, zeige ich hier in diesem Blog, in Form von Texten, Fotos, Videos.
Dabei beginnt das erste Erlebnis noch vor dem Abflug mit der Frage: Wer außer anscheinend verrückten Praktikanten fliegt nach Riad?
Frankfurt am Main, Flughafen, Terminal 2, Anfang Dezember.
Nur fünf Personen stehen vor mir in der Schlange am Schalter von Saudi-Airlines. Sie gehören zusammen und warten auf jemanden, also lassen sie mich vor. Bevor ich durch die Lücke zwischen den Absperrbändern zum Schalter gehen kann, verlangt eine Flughafenangestellte nach meinem Pass: "Weiterflug nach Manila?", fragt sie. Als ich sage, dass ich nicht auf die Philippinen will, sondern nach Saudi-Arabien mustert sie mich verwundert. Sie ist Deutsch-Tunesierin-Algerierin-Libanesin-oder-irgendeine-andere-Halb-Araberin, wie die meisten Mitarbeiter hier offenbar Deutsch-Tunesier-Algerier-Libanesen-oder-irgendwelche-anderen-Halb-Araber sind. Und das müssen sie anscheinend auch sein, um mit den Passagieren und Kunden kommunizieren zu können. Aus Richtung Schalter fliegen agressiv klingende arabische Wortfetzen durch die Luft.
Als auch ich unter dem Saudi-Airlines Logo mit den zwei sich unter einer Palme kreuzenden Schwertern am Schalter stehe, weiß ich warum: Das Schalterpersonal versucht einen dicken Saudi in schwarzen Armani-Jeans und schwarzem, eng anliegendem Armani-Pullover in Schach zu halten, der sein Übergepäck nicht bezahlen möchte. "Ein Kilogramm können wir Ihnen ja durchgehen lassen, vielleicht auch zwei. Sie haben aber 40 Kilogramm zu viel!" klären die Angestellten ihn auf. "Ich möchte Ihren Manager sprechen." antwortet der Saudi, und reißt der Frau am Schalter seinen grünen Reisepass mit zwei Schwertern unter einer Palme darauf aus den Fingern. Nach fünf Minuten weiterer Diskussion trollt er sich davon.
"Boah, geht's noch, die haben doch alle einen an der Klatsche, 40 Kilogramm, Alter!", sagt die Frau am Schalter zum Mann am Schalter nebenan. "Das ist doch gar nix!", antworter er. "Gestern, da war so 'ne Prinzessin hier. Die hatte 200 Kilogramm Übergepäck! Denkste, die wollt' bezahlen?" Die Deutsch-Tunesierin-Algerierin-Libanesin-oder-irgendeine-andere-Halb-Araberin von der Vorkontrolle am Absperrband kommt vorbei. "Was ist denn hier los? Rafft euch doch mal alle", sagt sie, und geht zurück auf ihre Position.
Ich nehme meinen Boarding-Pass entgegen, Platz 37, Fenster, und mache mich in fast freudiger Erwartung weiterer Klischees auf den Weg zum Gate.
Small Talk heißt Religions-Talk
Außer mir wartet dort nur ein anderer Deutscher, der sich in ein Buch vertieft hat. Ich sitze auf der Bank, und beobachte die anderen Gäste. Es sind nicht viele, nur knapp mehr als 40. "Gut", denke ich. "Vielleicht habe ich eine Sitzreihe für mich. Dann kann ich schlafen." Alle neu eintreffenden Passagiere grüßen die bereits wartenden. Es hat mir gefehlt, das arabische Gemeinschaftsgefühl; schnell fühle ich mich wohl. Während ich einen alten Mann in weißem Gewand und mit rot-weiß gemustertem Tuch auf dem Kopf betrachte, spüre ich Blicke auf mir ruhen. Auch ich werde beobachtet. "Sie fliegen nach Saudi-Arabien?" fragt der Mann, der auf der Bank gegenüber sitzt. "Äh, ja." Er bittet mich zu sich hinüber. Eigentlich bin ich müde und nicht in Small-Talk-Stimmung. Folge ich außerdem weiter meinen Klischee-Erwartungen, steht mir Unangenehmes bevor: Der Herr trägt Vollbart. In Ägypten waren das meistens die religiösen Hardliner. Die Salafisten. Small Talk heißt in dem Fall Religions-Talk. Ich schelte mich gedanklich selbst für meine Unlust und meine Vorverurteilung fremder Menschen; sage mir, dass solche Situationen in Saudi-Arabien jetzt sowieso öfters vorkommen werden und setze mich neben ihn.
Er ist höflich, bietet mir einen Keks an, spricht leise und bedacht. "Eigentlich doch ganz nett.", denke ich mir. Er hat seinen Sohn besucht, der für zwei Monate in Frankfurt im Krankenhaus liegt. Eine Woche war er jetzt hier in Deutschland. Er schwärmt kurz von den freundlichen Deutschen und den guten deutschen Ärzten. Dann fragt er mich: "Bist du Christ?"
Fünf Minuten später diskutieren wir über den Unterschied zwischen Christentum und Islam. Zehn Minuten später über die Unterschiede zwischen Schiiten und Sunniten. 20 Minuten später zeigt er mir seine Lieblingskoransuren. 30 Minuten später lädt er mich zu seiner Familie zum Essen ein. 40 Minuten später ist Boarding Time, kurze Verschnaufpause. 60 Minuten später sitzt er zwei Reihen hinter mir. 62 Minuten später auf dem Sitz neben mir, die Reihe war noch frei. 64 Minuten später reden wir darüber, dass Wahabiten sich nicht Wahabiten nennen, sondern Muslime. Wir kommen auf die Schiiten zurück. Er verzieht kurz seine Mundwinkel. Eigentlich seien Schiiten gar keine Muslime. Ich zucke mit den Augenbrauen: "Aha." Die Muslime in Deutschland würden außerdem nicht richtig glauben. Sie hätten den falschen Islam. Ich versuche es mit Erklärungen wie: Glaube ist immer individuell, immer subjektiv... Er lächelt nur. Verdammt, was sage ich bloß.
70 Minuten später tauschen wir Nummern aus, ich nehme die Einladung zum Essen an. Ich teile zwar nicht sein Weltbild, aber irgendwie muss ich doch versuchen, dieses Land zu verstehen und wie die Menschen dort denken. Vielleicht kann er mir dabei helfen. Dann entschuldige ich mich, drücke das kleine Reisekissen mit meinem Kopf gegen das Flugzeugfenster und schlafe ein.
Der Schlaf tut gut. Keine weiteren Religionsgespräche. Als ich die Augen aufmache, zeigt der Bildschirm nur noch eine halbe Stunde bis zur Landung an. Ich sehe mich um. Irgendetwas ist anders. Die Frau vor mir trägt plötzlich ein Kopftuch und ein schwarzes Gewand, eine Abaya. Vorhin haben die junge Frau und der Mann in der Reihe gegenüber der meinen noch herum geschäkert. Jetzt trägt die Frau ebenfalls eine Abaya. Außerdem ein schwarzes Kopftuch. Über dem Kopftuch ein weiteres schwarzes Tuch, das über ihre Augen fällt. Sie sieht aus wie ein Gespenst, nur in schwarz. Manche der anderen Frauen blicken immerhin noch durch einen kleinen Schlitz.
Nur die Asiatin aus der Reihe hinter mir trägt keine Kopfbedeckung, für Ausländer reicht anscheinend die Abaya. Wohin ich auch sonst blicke: überall schwarz, schwarz, schwarz.
Wir landen. Der Pilot verabschiedet sich:
"Ahlen wa sahlen fil mamluka al Arabia al-Saudia - Herzlich Willkommen im Königreich Saudi-Arabien."

