Hauptinhalt
13. März 2012
Viele Sprachen, einmal Chicken
Neben den Saudis sorgen Tausende Gastarbeiter aus Indien, Bangladesch, Pakistan und von den Philippinen dafür, dass Saudi-Arabien funktioniert. In Riad haben die Saudis ihnen das ehemalige Stadtzentrum nahezu vollständig überlassen. Batha heißt das Viertel. Ein Nachmittag zwischen Manila-Plaza, Curry-Gerichten und Star Wars.
Es ist einer dieser Kioske: so klein, dass außer einer Kühltruhe für Eis, einem Kühlschrank für Getränkedosen und einem Süßigkeitenregal nichts hineinpasst, wenn der Kunde sich noch bewegen können soll. Aber neben dem Kühlschrank brummt noch ein zweiter vor sich hin. Fünf Regale reihen sich aneinander. Putzmittel steht neben Cornflakes, neben Zahncreme, neben in Folie eingeschweißten Schokocroissants. Daneben ein Stapel rosa Handtücher.
©Hinzel Elektronik, Kleidung, Parfüm: In Batha gibt es fast alles - gefälscht und echt.
Auf der Kühltruhe liegen Magazine aus. Kein Zentimeter bleibt ungenutzt. Ich nehme eine Cola-Dose aus dem Kühlschrank. Zwei Riyal. 40 Eurocent. An einem kleinen Tisch mit Kaugummis quetsche ich mich vorbei durch die Tür und trete vor den Kiosk. Rechts daneben ist noch ein Kiosk. Danach noch einer. Und noch einer. Und noch einer.
©Hinzel Essen kauft man in Batha lebendig...
Willkommen in Batha, einem der wenigen Viertel in Riad, wo Menschen sich nicht nur mit dem Auto auf der Straße fortbewegen, sondern laufen. Doch nur wenige hier scheinen Saudis zu sein. Statt Männer in weißen Gewändern und Kopftüchern dominieren Männer mit gebügelten Hemden und Schnauzer das Bild. Batha gilt als das Inder-Viertel Riads. Nur noch einige verfallene Lehmbauten und von Abgasen geschwärzte Prunkbauten erinnern daran, dass Batha einst das Stadtzentrum des saudischen Riads war. Und auch in den sandfarbenen, mehrstöckigen 70er-Jahre-Bauten, die das Straßenbild dominieren, möchten nur wenige Saudis leben. Wer es sich leisten kann, baut ein großes Haus mit Mauer in einem der neueren Stadtviertel.
In Batha sehe ich nur wenige Mauern. Wer hier unterwegs ist, darf keine Angst vor Körperkontakt haben. In den Straßen drängen sich die Menschen.
Statt im Supermarkt kauft man das Gemüse hier auf der Straße.
Elektronikläden und Parfümshops und Teppichgeschäfte nehmen die unteren Stockwerke der Gebäude ein. Restaurants preisen ihre Gerichte auf Fotos über dem Eingang an: Überall ganz viel Hühnchen und Lamm.
Und immer schlägt mir heiße Luft aus den vielen Wäschereien entgegen, welche die 30 Grad Außentemperatur durch die Bügelhitze auf gefühlte 40 Grad erhöhen. Neben blumigem Waschmittelduft dringt der Geruch von Chlor und Schweiß in meine Nase. Zwei Schritte weiter riecht es nach Bratfett. Drei Schritte weiter nach Curry, Abgasen und Kacke.
Von einer Hausecke rinnt Urin über den Gehweg. Am Bordstein bildet er mit Ausläufern einer Ölpfütze ein braun-gelb-schwarzes Geschmiere. Nur ein paar Meter entfernt verkauft ein alter Mann auf dem Boden sitzend Nüsse.
©Hinzel ...oder doch tot.
Ja, es ist versifft hier. Es ist laut und es stinkt. Trotzdem mag ich Batha. Hier ist Riad irgendwie menschlicher, greifbarer.
Hier zeigt sich Riad international. Die Inder dominieren das Viertel vielleicht zahlenmäßig, aber je nach Seitenstraße und angrenzenden Stadtteilen vermischen sie sich mit anderen Nationalitäten. Hauptsächlich Pakistaner, Philippiner, Bangladescher, Thais, Chinesen und Afghanen. Ein Straßenblock scheint fest in philippinischer Hand zu sein. Rund um die Manila-Plaza, ein altes Kaufhaus mit stillstehenden Rolltreppen und einem durch Ziegelsteine blockiertem Treppenhaus, gibt es philippinische Geschäfte und Gerichte wie Balut: ein angebrütetes gekochtes Ei.
©Hinzel Chicken? Nein. Die eigentliche Frage lautet:
mit Reis oder mit Brot?
Außerdem bewegen sich in diesem Gebiet viele Frauen auf der Straße. Denn sonst nehmen in Batha hauptsächlich Männer den öffentlichen Raum ein, Frauen sehe ich nur vereinzelt. Ein Kollege sagte zu mir neulich: „Diese Philippinerinnen wehren sich besonders gegen das Kopftuch und andere Einschränkungen. Die sind resolut und lassen sich nichts verbieten."
Afghanistan? Pakistan? Oder doch Indien?
Nur ein paar Straßen weiter ist das Bild wieder anders. Keine einzige Frau. Überall Männer in weiten Gewändern. Mit ihren über die Schulter geworfenen Tüchern und Decken erinnern sie mich an die Jedi-Ritter aus Star Wars. Ihre Haut ist eher hell, viele von ihnen haben schwarze oder rotbraune Haare und blaue Augen. „Afghanen?", denke ich mir, komme mir schlau vor und beobachte, wie zwei von ihnen sich mit zwei Indern - ich nehme an über ein Auto - unterhalten. Aber wieso sprechen sie die gleiche Sprache wie die Inder? Dass ich falsch gedacht habe, erfahre ich, als einer von ihnen mich entdeckt und auf Arabisch anspricht. Wo ich herkomme? Aus Deutschland. Und selbst? „Pakistan." Die dunkelhäutigen Inder, mit denen er gesprochen hatte, waren keine Inder, sondern ebenfalls Pakistaner. Gesprochen haben sie auf Urdu. Seine Muttersprache ist eigentlich Paschtu, denn er ist Paschtune, aus der Grenzregion zu Afghanistan. Aber hier in Batha, hier vermischt sich alles. Ob Arabisch, Bengali, Urdu oder Paschtu. Dazu noch ein paar Brocken Englisch und man kommt durch. Dass es trotz all der unterschiedlichen Sprachen einen gemeinsamen Nenner gibt, zeigt sich beim Essen. Das Hauptgericht in allen Restaurants ist Hühnchen. Damit alle es bestellen können, nennen sie es überall gleich: „Chicken."
Es ist einer dieser Kioske: so klein, dass außer einer Kühltruhe für Eis, einem Kühlschrank für Getränkedosen und einem Süßigkeitenregal nichts hineinpasst, wenn der Kunde sich noch bewegen können soll. Aber neben dem Kühlschrank brummt noch ein zweiter vor sich hin. Fünf Regale reihen sich aneinander. Putzmittel steht neben Cornflakes, neben Zahncreme, neben in Folie eingeschweißten Schokocroissants. Daneben ein Stapel rosa Handtücher.
©Hinzel Elektronik, Kleidung, Parfüm: In Batha gibt es fast alles - gefälscht und echt.Auf der Kühltruhe liegen Magazine aus. Kein Zentimeter bleibt ungenutzt. Ich nehme eine Cola-Dose aus dem Kühlschrank. Zwei Riyal. 40 Eurocent. An einem kleinen Tisch mit Kaugummis quetsche ich mich vorbei durch die Tür und trete vor den Kiosk. Rechts daneben ist noch ein Kiosk. Danach noch einer. Und noch einer. Und noch einer.
©Hinzel Essen kauft man in Batha lebendig...In Batha sehe ich nur wenige Mauern. Wer hier unterwegs ist, darf keine Angst vor Körperkontakt haben. In den Straßen drängen sich die Menschen.
Statt im Supermarkt kauft man das Gemüse hier auf der Straße.
Elektronikläden und Parfümshops und Teppichgeschäfte nehmen die unteren Stockwerke der Gebäude ein. Restaurants preisen ihre Gerichte auf Fotos über dem Eingang an: Überall ganz viel Hühnchen und Lamm.
Und immer schlägt mir heiße Luft aus den vielen Wäschereien entgegen, welche die 30 Grad Außentemperatur durch die Bügelhitze auf gefühlte 40 Grad erhöhen. Neben blumigem Waschmittelduft dringt der Geruch von Chlor und Schweiß in meine Nase. Zwei Schritte weiter riecht es nach Bratfett. Drei Schritte weiter nach Curry, Abgasen und Kacke.
Von einer Hausecke rinnt Urin über den Gehweg. Am Bordstein bildet er mit Ausläufern einer Ölpfütze ein braun-gelb-schwarzes Geschmiere. Nur ein paar Meter entfernt verkauft ein alter Mann auf dem Boden sitzend Nüsse.
©Hinzel ...oder doch tot.Ja, es ist versifft hier. Es ist laut und es stinkt. Trotzdem mag ich Batha. Hier ist Riad irgendwie menschlicher, greifbarer.
Hier zeigt sich Riad international. Die Inder dominieren das Viertel vielleicht zahlenmäßig, aber je nach Seitenstraße und angrenzenden Stadtteilen vermischen sie sich mit anderen Nationalitäten. Hauptsächlich Pakistaner, Philippiner, Bangladescher, Thais, Chinesen und Afghanen. Ein Straßenblock scheint fest in philippinischer Hand zu sein. Rund um die Manila-Plaza, ein altes Kaufhaus mit stillstehenden Rolltreppen und einem durch Ziegelsteine blockiertem Treppenhaus, gibt es philippinische Geschäfte und Gerichte wie Balut: ein angebrütetes gekochtes Ei.
©Hinzel Chicken? Nein. Die eigentliche Frage lautet: mit Reis oder mit Brot?
Afghanistan? Pakistan? Oder doch Indien?
Nur ein paar Straßen weiter ist das Bild wieder anders. Keine einzige Frau. Überall Männer in weiten Gewändern. Mit ihren über die Schulter geworfenen Tüchern und Decken erinnern sie mich an die Jedi-Ritter aus Star Wars. Ihre Haut ist eher hell, viele von ihnen haben schwarze oder rotbraune Haare und blaue Augen. „Afghanen?", denke ich mir, komme mir schlau vor und beobachte, wie zwei von ihnen sich mit zwei Indern - ich nehme an über ein Auto - unterhalten. Aber wieso sprechen sie die gleiche Sprache wie die Inder? Dass ich falsch gedacht habe, erfahre ich, als einer von ihnen mich entdeckt und auf Arabisch anspricht. Wo ich herkomme? Aus Deutschland. Und selbst? „Pakistan." Die dunkelhäutigen Inder, mit denen er gesprochen hatte, waren keine Inder, sondern ebenfalls Pakistaner. Gesprochen haben sie auf Urdu. Seine Muttersprache ist eigentlich Paschtu, denn er ist Paschtune, aus der Grenzregion zu Afghanistan. Aber hier in Batha, hier vermischt sich alles. Ob Arabisch, Bengali, Urdu oder Paschtu. Dazu noch ein paar Brocken Englisch und man kommt durch. Dass es trotz all der unterschiedlichen Sprachen einen gemeinsamen Nenner gibt, zeigt sich beim Essen. Das Hauptgericht in allen Restaurants ist Hühnchen. Damit alle es bestellen können, nennen sie es überall gleich: „Chicken."
Kommentare zu "Viele Sprachen, einmal Chicken"
"Viele Sprachen, einmal Chicken" kommentieren


Der Batha Souk ist fuer mich echt der quirligste Teil der Stadt, unentbehrlich wenn einen die Depression beschleichen will.
Das absolute Gegenteil ist dann (am besten Freitags) al Diriyah, absolute Ruhe und Entspannung.