Das unbekannte Königreich - vom Leben in Saudi-Arabien
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16. Januar 2012

Riad (II) - Die private Stadt


„City with no children" heißt ein Lied der kanadischen Band "The Arcade Fire": Stadt ohne Kinder. Dieser Titel passt sehr gut zu Riad, wie ich es bisher erlebt habe. Nicht etwa, weil es hier keine Kinder gibt. Ganz im Gegenteil: Familien mit mindestens fünf Kindern sind hier nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Ich habe auch schon eine Familie kennen gelernt, die ist 13-köpfig. Nur, man sieht die Kinder fast nie. Überhaupt sieht man fast niemanden auf der Straße.
Ein Grund hierfür ist sicherlich die Stadt Riad selbst. Nicht nur ist es im Sommer schlicht zu heiß, um mal eben spazieren zu gehen, die Stadt ist auch menschenfeindlich angelegt.

Tristesse4.jpg©Hinzel Kitsch neben pragmatisch neben Dreck.
Wer bei Riad an glitzernde Türme wie in Dubai denkt, der irrt. Es gibt hier zwei beachtenswerte Hochhäuser: Den Kingdom-Tower und den Faysalia-Tower. Einige weitere werden derzeit in einem neu geplanten Finanzdistrikt hochgezogen. Ansonsten geht Riad in die Breite und dehnt sich bis weit in die Wüste aus. Fast-Food-Läden, Autohäuser oder ein- bis dreistöckige braune Flachdachhäuser mit Waschsalons im Erdgeschoss säumen die Straßen. In den Seitenstraßen beginnen die Wohnviertel. Zwar gibt es auch hier Saudis, die in solchen Flachdachhäusern wohnen, die meisten leben jedoch in großen, schmucklosen Einfamilienhäusern oder aber in der Orient-Version des kitschigen Disney-Schlosses. Manche Hausbauer reproduzieren dabei jene Klischees, die wir Westler vom Orient haben: verschnörkelte Tore, Erker und Zwiebeldächer. Dass es sich um Klischees handeln muss, sieht man, wenn man einen Blick auf die Überbleibsel der ersten, ursprünglichen Häuser Riads wirft: Einfache Lehmbauten, ohne Schnörkel, Lehmziegel für Lehmziegel aufeinandergesetzt, mit Schlamm versiegelt. Von diesen Gebäuden gibt es nur noch wenige im Stadtteil Batha, dem alten Zentrum. Doch auch hier dominieren braune Bauten aus den 70er-Jahren das Stadtbild, während die alten Lehmbauten verfallen. Einziges Highlight ist das Masmak-Fort, eine alte Festung, die um das Jahr 1866 gebaut wurde und noch gut erhalten ist.

Heute bleibt Batha weitgehend den Gastarbeitern überlassen. Sie kommen aus Indien, Pakistan und den Philippinen. Die meisten Saudis leben lieber in modernen Villen, die in immer neuen Stadtteilen wie Pilze aus dem Boden sprießen. Wohnten 1940 noch 30.000 Menschen in Riad, sind es heute fast fünf Millionen. Bis zum Jahr 2020 sollen es doppelt so viele sein. Riad ist eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Wo vor zehn Jahren noch Wüste war, sind jetzt Neubausiedlungen. Überall stehen halbfertige Häuser, überall liegen Kabel und Rohre und Bauschutt.

tristesse3.jpg©Hinzel Bis weit in die Wüste reichen die Neubausiedlungen.

Zusätzlich zerteilen achtspurige Straßen die Stadt in gigantische Rechtecke, ein jedes fast einen Quadratkilometer groß. Der berühmte Vergleich mit dem Muster eines Schachbretts, wo ein Viereck an das nächste grenzt, er zieht hier nicht mehr. Das Muster gleicht vielmehr einem Blech voll mit beim Backen aufgequollenem Brownie-Teig, den man jetzt mit dem Messer in viele viereckige Stücke zerschneidet. Die Schnitte sind die Straßen: eine unüberwindbare Schlucht zwischen getrennten Teilen. Brücken gibt es fast nirgendwo, Unterführungen auch nicht. Will man hinüber, muss man fahren: Auffahrt, geradeaus, U-Turn, auf der anderen Seite zurück, Ausfahrt. Kinder können kein Auto fahren. Frauen dürfen es nicht, sie brauchen einen Chauffeur. Aber nicht alle haben einen Fahrer. Vielleicht brauchen sie ihn auch gar nicht. Denn Orte, an denen sich Menschen aufhalten können, sind rar. Viele der durchaus existierenden Parks sind privat, Kinos sind verboten. Öffentliche Plätze gibt es nur wenige, zum Beispiel den Diraa Square in Batha. Es ist der Platz, an dem die Todesurteile vollstreckt werden. Am gleichen Ort, an dem Henker Menschen hinrichten, spielen sonst Kinder Fußball. Der einzige Spielplatz, den ich bisher gesehen habe, war die Kinderrutsche bei McDonalds und ein Freizeitpark.

Was bleibt, sind die unzähligen Restaurants und Einkaufszentren. Dort huschen die Frauen in ihren schwarzen Gewändern über weißen Marmorboden, manchmal ein philippinisches Hausmädchen mit den Einkaufstüten in der Hand im Schlepptau. Das ist aber eher die Ausnahme. Viel häufiger sind sie mit anderen Frauen unterwegs oder ihrem Ehemann. Man sieht dann, wie groß ihre Familie sein muss, wenn sie zwei Einkaufswagen voller Lebensmittel an die Kasse schieben. Anschließed schieben sie die Wägen auf dem weiten Parkplatzgelände vor der Mall bis zu ihrem Auto, wahrscheinlich ein SUV. Sie setzen sich hinein, verschwinden hinter den verdunkelten Scheiben und fahren davon. Schon sind wir beim zweiten Grund, warum Riad so menschenleer wirkt: Selbst im Verkehr scheint man sich nicht unter Menschen fortzubewegen. Es bewegen sich nur die Autos. Die Fahrer sieht man häufig nicht, da viele von ihnen sämtliche Fenster bis auf die Windschutzscheibe verdunkelt haben. Das hilft nicht nur gegen die stark blendende Sonne, es schirmt sie auch von der Außenwelt ab. Für Saudis scheint ihre Privatsphäre ein sehr hohes Gut zu sein. Denn während ich zwischen Autos mit verdunkelten Scheiben fahre, fahre ich auch an den hohen Mauern der Grundstücke vorbei.

Persönliche Freiheit gibt es nur hinter hohen Mauern


Fast alle Häuser stehen hinter einer Mauer. Neulich erzählte mir ein saudischer Kollege, dass manche Saudis zuerst die Mauer bauen und dann erst das Haus. Nur hinter den Mauern könnten sich die Frauen ohne Kopftuch zeigen, nur dort würden sie nicht von anderen Männern gesehen. Riad ist eine private Stadt, irgendwie unnahbar, irgendwie bedrückend und trotz der Hitze irgendwie abweisend kühl. Das Meiste bleibt auf den ersten Blick verborgen.
tristesse1.jpg©Hinzel Ob das Haus fertig ist, ist nebensächlich. Hauptsache die Mauer steht.

Zugang zu bekommen zu dem, was sich hinter den Mauern verbirgt, ist schwierig. Die meisten Saudis, die ich bisher kennen gelernt habe, sind sehr freundlich, aber reserviert bis distanziert. Ich hab es dennoch hinter eine Mauer geschafft, ein Bekannter hat mir sein Haus gezeigt.
Hinter den Mauern ist es schön: Alles ist sauber und gepflegt. Die Büsche sind grün, das Gras saftig. Ja, überhaupt: Dort wächst Gras. Das Gleiche trifft auch auf meinen Compound zu. Bewässerung macht alles hübscher. Al-Riad - im lokalen arabischen Dialekt heißt das übersetzt „die Gärten". Wenn ich nach draußen vor die Mauern meines Compounds trete, ist von Garten keine Spur. Stattdessen: halbfertige Häuser, aufgerissene Straßen, Müll, Bauschutt. Ruinen.
 "I feel like I've been living in a city with no children in it", heißt es im Songtext von the "The Arcade Fire", "a garden left for ruin by and by as I hide inside of my private prison."



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Kommentare zu "Riad (II) - Die private Stadt"

Riad [antworten]

von hans jachner am 18.01.2012 um 10:34 Uhr

es hat sich also seit 1983 nichts verändert.
ausser wohl weniger jemeniten die damals das stadtbild prägten. es ist eben eine stadt voller aufgeblasener ignoranten. nur der dreck ist weniger geworden durch die stadtreinigung. auch wohl die wildhunde sind verschwunden. manfuhat war für seine aggressiven köter bekannt, ein schimpfwort übelster art war "kalb-manfuhat"


Riyadh ist die verwaltungsstadt und repäsentiert nicht die wirklichen Saudis. [antworten]

von Raimund Stempien am 20.01.2012 um 16:34 Uhr

Liebe Geo-Freunde, und Saudi-Interssierte,
ich bin als Unternehmer seit 2008 in diesem Land unterwegs und viel in Riyadh. King Abdullah hat die Problematik erkannt und es gibt seit einigen Monaten ein neues Houseing-Ministerium das moderne und ansprechende Ein- u. Mehrfamilienhäuser bauen wird. Auch in Jeddah und Damman u. al-Khobar. Hintergrund ist dass die ca. 27 Mio. Einwohner durch mehr als 55% junge Saudis unter 25 Jahren respräsentiert werden. Und teils in vier Generationen unter einem Dach leben. Ein Explosionspotential im Rahmen der arabischen Revolution, das es auch in Saudi gibt, aber nicht veröffentlicht wird. In 2011 wurde deshalb die Pressefreiheit reduziert, unter www.arabnews.com werden kontrollierte Presseberichte in die Welt gesandt. Und doch ist es ein sehr schönes Land, das neue Städte bauen wird, die vier King Economy Cities, und nicht im Stile Dubais. Die strenggläubigsten Moslems, Wahhabiten, sind in Saudi Arabien sehr Familienfreundlich. Echte Gastfreundschaft habe ich in Familien und bei Regierungsvertretern privat erleben dürfen. Es sind sehr sanfte, freundliche Menschen, zu denen man Vertrauen fassen und aufbauen muss denn ansonsten sind wir nur Ungläubige. aber wer nur an einen Gott glaubt ist auch bei den Wahhabiten zumindest ein Halber Moslem. Unbeschreiblich ist auch die Liebe der Familie zu Kindern. Etwas was wir nicht mehr kennen ich aber sehe schätze. Und manchmal muss man sich schämen wir wir in unserer Kultur mit Kindern und miteinander umgehen, was die Saudis wissen und im Internet sehen und lesen. Trotzdem stehen Deutsche und Made in Germany serh hoch im Kurs. Nicht ausser acht lassen darf man hierbei die Ausrichtung eines beduinischen Saudis mit maximaler materieller und egoistischer Grundprägung. Trotz aller Freundlichkeit. Familien, Nachbarn sind neidisch aufeinander und die hohen Mauern sollen den eigenen Lebensstandard verbergen um nicht von der Religionspolizei oder anderer Kontrolleure auch im Hinblick auf Einkommen und Steuerhöhe zu transparent zu wirken.
Das Leben, wohnen und alle interkulturellen Zusammenhänge sind für rein reisende Europäer nicht einsehbar. Und auch wenn man einen Saudischen Freund hat warten täglich tausend neue Fettnäpfchen in die man tritt. Beduinen sind sehr empfindsame Menschen und beurteilen Gespräche, Gesten und Wünsche unsererseits für eine Freundschaft und Geschäftsgebahren anders als anderswo in der Welt. Man muss sher geduldig sein, lange zuhören können und Gescheneke bauen und erhalten Freundschaften wie überall. Und gerade deshalb ist diese Kultur eine sehr schöne, die durch die Sanierung der vielen Kulturstätten durch Mega-Investments uns sicher erst in vielen Jahren näher im Rahmen eines echten Tourismus eröffnet werden. Denn Tourismus im eigenen Land dient primär der eigenen Bevölkerung. Das Land wird sich erst öffnen wenn weitere junge Entscheider die Türen öffnen für die Gäste der Welt.
Ich habe viele schöne Fotos und bin sehr an einem Dialog mit Interessierten, auch Unternehmern und Investoren interessiert, die Erfahrungen wie ich machen und austauschen möchten. Auch ich lerne jeden Tag gerne hinzu.
Beste Grüße aus Detmold -www.stempien.de,
Raimund Stempien


answer this post [antworten]

von Therese33Mccarty am 22.01.2012 um 05:11 Uhr

Keep on moving such way in this topic and men would be able to buy research papers or buy an essay at the essay writing services just about this post*.


Re: Riad [antworten]

von Raimund Stempien am 24.01.2012 um 19:09 Uhr

Guten Tag Herr Jachner,
Ich habe auch einen Artikel zu Riyadh geschrieben und lese aus Ihrem heraus dass Sie das Umfeld schon länger kennen. Das interessiert mich.
Ich bin an einem Erfahrungsaustausch interessiert und würde mich freuen wenn Sie mich einmal anrufen oder eine Mail schreiben:
05231/6166392 oder 0175/4184706, Mail unter raimund.stempien@stempien.de.
Ich freue mich von Ihnen zun hören und sage DANKE im Voraus!
Beste Grüße
Raimund Stempien aus Detmold


Riad - the city with no choldren [antworten]

von Melissa Reed am 28.03.2012 um 14:07 Uhr

Kürzlich war ich in Saudi-Arabien. Viele Fragen in der VT-Forum am Rande der Sicherheit und des Terrorismus. Sie erhalten eine gute Momentaufnahme der aktuellen Situation aus der amerikanischen Botschaft die Anbringung eines Web ist die offizielle Version. Allerdings ist die Realität anders aus. Ich will keine Verantwortung übernehmen, wenn Sie nicht wählen zu folgen...



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