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4. März 2012
Nähe unter Männern - alternativlos oder schwul?
Zwei Begegnungen.
Wir sitzen auf der Couch und schauen Arab Idol, das arabische Pendant zu Deutschland sucht den Superstar. Ibrahim sitzt erstaunlich nahe neben mir. Die Araber, die ich bisher kennen gelernt habe, haben ein anderes Nähe-Empfinden als die meisten Europäer: Der körperliche Mindestabstand zum Gegenüber ist häufig geringer als in Deutschland. Als er dann aber seinen Arm um meine Schulter legt, zucke ich kurz. Dennoch lasse ich ihn erst einmal gewähren. Schließlich habe ich auch bei ägyptischen Freunden und saudischen Kollegen schon öfters gesehen, dass sie sich umarmen und ständig anfassen oder Händchen halten. In Deutschland würde es als schwul gelten, im Nahen Osten ist es einfach nur ein Zeichen von Zuneigung, Freundschaft oder Sympathie.
Ibrahim legt seinen Kopf auf meine Schulter. Ich blicke ihn verwundert an. „Was wird das?", frage ich ihn. „Nichts, nichts", antwortet er. „Ich bin nur müde." Sollte das eine Anmache sein, ist sie ziemlich schlecht. Ich lasse seinen müden Kopf auf meiner Schulter ruhen und muss innerlich ob der etwas absurden Situation lachen. Es vergehen fünf Minuten und ich denke, Ibrahim muss sicher eingeschlafen sein, da spüre ich einen Kuss auf meinem Hals. Ich schrecke hoch. „Junge! Was machst du da? Lass das!", fahre ich ihn an. Hektisch und erschrocken zieht er sich zurück auf sein Ende des Sofas.
Männer als Frauenersatz
Er entschuldigt sich tausend Mal, sagt, dass er dachte, das wäre normal und okay. Er wollte nur etwas kuscheln. „Bist du schwul?", frage ich ihn. Ein paar unverständliche Worte kommen aus seinem Mund, er ist aufgebracht. „Beruhige dich, kein Ding!", sage ich zu ihm. Er schüttelt heftig mit dem Kopf. „Nein, nein", sagt er. „Ich bin nicht schwul. Das ist alles kompliziert." Laut Ibrahims Erklärungen ist in Saudi-Arabien ein Phänomen weit verbreitet, das man mit „Knastschwulheit" vergleichen kann. Die jungen Männer werden von den Frauen ferngehalten. Überall wachen strenge Augen von Müttern, Vätern, Sittenwächtern oder Sicherheitspersonal, dass sich die verschiedenen Geschlechter nicht zu nahe kommen. Wer mit Mädchen flirten will, muss sich auf Blicke beschränken oder er weicht auf Facebook und die Bluetooth-Funktion des Handys aus. Dann gilt es, irgendwie in Cafés die eigene Nummer den in der Familienabteilung sitzenden Mädchen zukommen zu lassen. Danach bleibt der Kontakt virtuell. Zum Ausleben der eigenen Triebe und sich ausprobieren müssen männliche Freunde herhalten.
©Hinzel Männer, die Händchen halten, sind in Saudi-Arabien nichts Ungewöhnliches. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie schwul sind.
Ich erkundige mich bei saudischen Bekannten (die nicht all zu konservativ oder religiös sind), ob an der Aussage etwas dran ist. Nach einem zunächst etwas verstörten Blick und einem kurzen verlegenen Lachen beantworten sie die Frage alle mit ja. Ein Bekannter sagt sogar, mindestens die Hälfte aller saudischen jungen Männer mache homosexuelle Erfahrungen. Studien oder andere Belege gibt es natürlich nicht. Eine Freundin aus Jiddah, die ich während des Studiums in Ägypten kennengelernt habe, erzählt Ähnliches von den Frauen.
Es wirkt schizophren: Männer und Frauen werden überall streng getrennt. Treten sie dennoch in Kontakt, vermutet irgendeine moralische Instanz gleich sexuelles Interesse, als ob es nichts Anderes gäbe. Seien es Sittenwächter, Eltern, Verwandte oder Fremde. Gleichzeitig weichen anscheinend viele Jugendliche aufgrund der Geschlechtertrennung auf sexuelle Handlungen mit Personen des eigenen Geschlechts aus. Dabei gilt dies hier als noch viel verwerflicher. Heterosexualität gilt als die Norm, Abweichungen sind nicht geduldet. Werden Homosexuelle erwischt, droht ihnen die Todesstrafe.
Wann gilt Händchen halten als Zeichen der Freundschaft, wann gilt es als schwul?
Ich treffe Abdulrahman. Er ist tatsächlich schwul. Nicht bi. Darauf legt er Wert. Wir fahren an einer Starbucks-Filiale vorbei. „Hier treffen sich hauptsächlich Schwule", sagt er. Er selbst geht dort nicht hin. „Das käme einem Outing gleich. Zwei Tage später weiß es jemand aus deiner Familie." Er sucht lieber anonym im Internet nach Partnern. Mithilfe eines Proxy-Servers überwindet er die Zensur und gelangt auf verschiedene Dating-Seiten. Aber auch hier gilt es, vorsichtig zu sein. „Wenn Leute deine Bilder speichern, können sie dich erpressen. Stell dir vor, sie veröffentlichen Bilder von dir und deine Familie bekommt davon mit!", sagt Abdulrahman. Er vermutet außerdem, dass die Religionspolizei sich hin und wieder Fake-Profile anlegt und gezielt junge Männer anschreibt. Sie arrangieren ein Treffen mit ihnen und nehmen sie dann fest. Durch die Chat-Protokolle hätten sie genügend Beweismaterial. Doch selbst wenn sie das nicht haben, „der Religionspolizei reicht teilweise ein Verdacht, um dir das Leben schwer zu machen", erklärt Abdulrahman weiter. Ein anderes Mal müssten es hingegen eindeutige sexuelle Handlungen als Beweis sein. Die Vorgehensweise scheint willkürlich. „Zur Not konstruieren sie die Beweise einfach", sagt Abdulrahman. Doch ab wann die Grenze vom freundschaftlichen Anfassen überschritten wird und etwas „sexuell" ist, lässt sich nicht immer leicht feststellen.
Abdulrahman lacht. „Weißt du, für mich ist das gut. Ich kann mit Kerlen Händchen haltend durch die Gegend laufen und niemand merkt, dass ich schwul bin", sagt er. „Hier fassen sich doch alle ständig gegenseitig an. Wie will man zwei Händchen haltenden Typen nachweisen, dass sie schwul sind, wenn alle Männer Händchen halten?" Eigentlich ist Saudi-Arabien ein Schwulen-Paradies." Aber weil viele junge Männer einem westlichen Vorbild nacheiferten, gelte mittlerweile auch bei einigen saudischen Jugendlichen Händchen halten als schwul. Dass das Paradies auch ohne Religionspolizei zur Hölle werden kann, weiß er. Sein Bruder habe ihm neulich erzählt, dass er Schwule verachte und dass er froh sei, keinen Schwulen in der Familie zu haben. Den würde er sonst verschlagen, vielleicht sogar töten. Anschließend fragte er Abdulrahman nach seiner Meinung. „Ja", habe er geantwortet. „Ich will so jemanden auch nicht in der Familie." Seitdem hat er vorerst seine Ruhe. Obwohl er schwul ist, möchte er später heiraten. Eigentlich nur, weil er Kinder will, mindestens sieben. Auch die Vorstellung, eine Ehefrau zu haben, findet er schön. Er will ihr natürlich treu bleiben und sein Schwul-Sein unterdrücken. Seine Frau solle dann aber auch den Nikab, den Gesichtsschleier tragen. „Es ist Teil unserer Kultur", sagt er. „Manche Dinge müssen einfach sein."
Kommentare zu "Nähe unter Männern - alternativlos oder schwul?"
zum Verzweifeln...
Gott, wenn es ihn gibt, schütze uns vor solchen verqueren Ansichten aus dem Mittelalter! Wann kapiert ihr Typen eigentlich, dass nichts verkehrt ist, was aus Liebe getan wird?
Ihr armen, verbohrten, rückständigen Dogmatiker! Ich hoffe, dass jeder einzelne von euch irgendwann mal über seine Doppelmoral stolpert und einsieht, dass ein Mensch ein Mensch unabhängig von seiner sexuellen Orientierung ist und als solcher behandelt werden sollte. Religion ist der größte Killer von allen.
Interessant!
Interessanter Beitrag zu einem (leider oftmals noch) Tabu-Thema, das erst ganz langsam gesellschaftlich sachlich diskutiert wird.
Ähm...
Nichts gegen Homosexuelle, soso...
Verquerer geht's ja kaum, oder? Solche Meinungen haben nichts mit dem Glauben an irgendeinen Gott zu tun und sind nicht durch irgendeine Kultur zu rechtfertigen. Sie zeugen nur von Intoleranz und Beschränktheit, auch nur eine Sekunde über den eigenen Tellerrand zu sehen. Bestraft Gott also auch Leute mit schwarzen Haaren? Oder der Lieblingsfarbe grün?
Der Freund tut mir Leid. Entweder fehlt ihm das Selbstbewusstsein, zu sich zu stehen oder er muss einen "Freund" ertragen, der nicht das Geringste Verständnis für ihn aufbringen kann.
Eigentlich eine originelle Ironie des Schicksals: Man will dem Tabu entgehen, dass sich Männer und Frauen einander zu sehr nähern (ist mir vollkommen unverständlich). Und fördert ein ja ach so viel schlimmeres Tabu (empörtes, theatralisches Aufstöhnen der Erzkonservativen Verblendeten). Könnte man ja mal drüber nachdenken. Eher: Sollte. Über Beides.
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ZUNÄCHST EINMAL; ES IST WIRKLICH TRAURIG, DENN UNSERE RELIGION HAT DIES NICHT VORGESEHEN: ES IST NICHT SINN UND ZWECK DES ISLAMS DIE GESCHLECHTER SO EXTREM VON EINANDER ZU TRENNEN;DASS SIE HOMOSEXUEL WERDEN: ES IST SCHRECKLICH SO ETWAS AUSZULEBEN,SOMAL SAUDIS DOCH WISSEN WIE DIE STAATLICHE STRAFE UND DIE GOTTES STRAFE AUSSIEHT FÜR SO EINE TAT BZW TATEN. ICH HABE NICHTS GEGEN HOMOSEXUELLE, ICH HABE EINEN GUTEN FREUND DER HOMOSEXUELL IST, DOCH DIESER FREUND LEUGNET NICHT DAS ER EINE GROßE SÜNDE BEGEHT UND ER WEISS DAS ES STRENGSTENS VERBOTEN IST IM ISLAM. NUN JA ES IST WIE ES IST. ICH BETE FÜR DIESE ARABISCHEN MÄNNER UND FRAUEN. GOTT SCHÜTZE UNS VOR SOLCHEN TATEN