Hauptinhalt
20. Mai 2009
Van Hai Barber's Room
Es klingt, als ob ein Volksmusiker zwei Suppenlöffel aufeinander schlagen würde: ziemlich laut – und ziemlich hohl. Ist meine Stirn, die so klingt. Unter den Händen von Mrs.He, die soeben ihre Massage-Einheiten begonnen hat. Mrs.He ist siebzehn bis vierunddreissig Jahre alt und ungefähr 1,40 Meter groß, wiegt ungefähr 38 Kilo und besitzt in jedem einzelnen Fingerchen ungefähr soviel Kraft wie ich in einer Hand. Mrs.He ist eine Fachkraft in „Van Hai Barber’s Room“, einem von schätzungsweise 117 Schönheitssalons für Männer in der Hafenstadt Phan Thiet. Aber das spielt keine Rolle. Mrs.He könnte überall in Vietnam sein. Der „Van Hai Barber’s Room“ auch.
Die Verständigung mit Mrs.He war anfangs etwas schwierig: Sie spricht kein Wort Englisch, und ich etwa 14 Worte Vietnamesisch. Weder „Haareschneiden“ noch „Ohrenputzen“ gehören dazu. Das sind die beiden Dinge, die Mrs.He auf keinen Fall machen darf. Vietnams Herrencoiffeure, das kann man zwischen dem Mekong-Delta und der Grenze zu China etwa 40 millionenfach sehen, kennen nur einen einzigen Kurzhaarschnitt. Und ich wiederum kenne einen Freund, der sich bei einem Ohrenputzer in Kathmandu eine chronische Mittelohrentzündung zugezogen hat. Das muss Mrs. He bleiben lassen. Alles andere darf sie.
Unsere Kommunikation wird auch durch den Geräuschpegel hier beeinträchtigt: „Van Hai Barber’s Room“ ist kein Ort der meditativen Stille. Neun weitere Mrs.Hes sind schnatternd mit Kunden beschäftigt, die auf Stühle gelegt worden sind, die 1904 in einer Zahnarztpraxis gestanden haben könnten. Etwa die gleiche Zahl kundenloser Kolleginnen unterhält sich angeregt von einem Ende des schlauchartigen Salons zum anderen. In der Mitte der verspiegelten Wand steht ein ohrenbetäubend laut plärrender Fernseher, in dem offenbar „Vietnam sucht den Superstar“ läuft.
Mrs.He aber ist jetzt erst einmal bei der Sache. Sie legt heiße Tücher auf mein Gesicht. Verteilt mit einem winzigen Zeigefinger winzige Würstchen Rasiercreme. Und bereitet ein Messer von der Größe einer kleinen Machete vor, dessen Plastikgriff im Neonlicht lustig rot schimmert. Dann rasiert Mrs.He. Nimmt sich Quadratzentimeter um Quadratzentimeter vor, schabt und kratzt, fühlt und begutachtet. Zuerst den Bart. Dann die Koteletten. Dann die Schläfen, die Stirn, die Nase und schließlich die Augenlider, irgendwo wird sich schon noch ein Härchen finden lassen. Es folgen heiße Tücher, Rubbeltücher, Trockentücher. Diverse Gesichtswasser und Lotionen, wieder Tücher. Und die Löffelmassage.
„You…?“, fragt Mrs.He jetzt. Sie deutet eine Massagebewegung auf ihrem Kopf an, offensichtlich fehlt ihr die englische Vokabel. Für die Haarmassage gibt es einen eigenen Raum hinter dem Barbershop, dessen Neonkitsch hier durch eine Art Wellblechhüttenoptik ersetzt wird. Statt Zahnarztsesseln gibt es OP-Liegen. Das Wasser, das Mrs.He alsbald über meinen Kopf fließen lässt, kommt aus einem Gartenschlauch.
Leider kann ich aus der Horizontalen nicht beobachten, was Mrs.He genau macht – es fühlt sich allerdings so an, als würde mein Haar mit zwei keinen Stahlbürsten in die Länge gezogen. Anschließend wird eine Art Kokospaste auf meinem Gesicht verteilt, die augenblicklich die komplette Moskitopopulation der Wellblechgarage in ihren Bann schlägt. Während Mrs.He einen gewaltigen Deckenventilator gegen die Insekten anwirft, erscheinen fremde Augenpaare über meinem Kopf – offenbar nutzen die Kolleginnen die schutzlose Lage des Fremden zu einer genauen Inspektion. Mrs.He lässt sich dadurch natürlich nicht beirren. Jetzt zieht sie an meinen Ohrwascheln, quetscht meine Nasenflügel, hämmert auf den Schläfen herum, drückt das Kinn nach oben und unten und nach rechts und nach links, und die Geräusche, die dabei unter der Kokospaste entstehen, hören sich an wie aus einem Comicfilm.
Dann muss ich von der Liege auf den nächsten Stuhl, der tatsächlich wie ein Friseurstuhl aussieht, zumindest kann man aufrecht sitzen. Mrs. He kämmt mein Haar durch. Wir schauen uns im Spiegel an. Ihr Chef kommt mit der Rechnung, 25.000 Dong, etwa ein Euro. „You beautiful“, sagt Mrs.He. Na also.
Die Verständigung mit Mrs.He war anfangs etwas schwierig: Sie spricht kein Wort Englisch, und ich etwa 14 Worte Vietnamesisch. Weder „Haareschneiden“ noch „Ohrenputzen“ gehören dazu. Das sind die beiden Dinge, die Mrs.He auf keinen Fall machen darf. Vietnams Herrencoiffeure, das kann man zwischen dem Mekong-Delta und der Grenze zu China etwa 40 millionenfach sehen, kennen nur einen einzigen Kurzhaarschnitt. Und ich wiederum kenne einen Freund, der sich bei einem Ohrenputzer in Kathmandu eine chronische Mittelohrentzündung zugezogen hat. Das muss Mrs. He bleiben lassen. Alles andere darf sie.
Unsere Kommunikation wird auch durch den Geräuschpegel hier beeinträchtigt: „Van Hai Barber’s Room“ ist kein Ort der meditativen Stille. Neun weitere Mrs.Hes sind schnatternd mit Kunden beschäftigt, die auf Stühle gelegt worden sind, die 1904 in einer Zahnarztpraxis gestanden haben könnten. Etwa die gleiche Zahl kundenloser Kolleginnen unterhält sich angeregt von einem Ende des schlauchartigen Salons zum anderen. In der Mitte der verspiegelten Wand steht ein ohrenbetäubend laut plärrender Fernseher, in dem offenbar „Vietnam sucht den Superstar“ läuft.
Mrs.He aber ist jetzt erst einmal bei der Sache. Sie legt heiße Tücher auf mein Gesicht. Verteilt mit einem winzigen Zeigefinger winzige Würstchen Rasiercreme. Und bereitet ein Messer von der Größe einer kleinen Machete vor, dessen Plastikgriff im Neonlicht lustig rot schimmert. Dann rasiert Mrs.He. Nimmt sich Quadratzentimeter um Quadratzentimeter vor, schabt und kratzt, fühlt und begutachtet. Zuerst den Bart. Dann die Koteletten. Dann die Schläfen, die Stirn, die Nase und schließlich die Augenlider, irgendwo wird sich schon noch ein Härchen finden lassen. Es folgen heiße Tücher, Rubbeltücher, Trockentücher. Diverse Gesichtswasser und Lotionen, wieder Tücher. Und die Löffelmassage.
„You…?“, fragt Mrs.He jetzt. Sie deutet eine Massagebewegung auf ihrem Kopf an, offensichtlich fehlt ihr die englische Vokabel. Für die Haarmassage gibt es einen eigenen Raum hinter dem Barbershop, dessen Neonkitsch hier durch eine Art Wellblechhüttenoptik ersetzt wird. Statt Zahnarztsesseln gibt es OP-Liegen. Das Wasser, das Mrs.He alsbald über meinen Kopf fließen lässt, kommt aus einem Gartenschlauch.
Leider kann ich aus der Horizontalen nicht beobachten, was Mrs.He genau macht – es fühlt sich allerdings so an, als würde mein Haar mit zwei keinen Stahlbürsten in die Länge gezogen. Anschließend wird eine Art Kokospaste auf meinem Gesicht verteilt, die augenblicklich die komplette Moskitopopulation der Wellblechgarage in ihren Bann schlägt. Während Mrs.He einen gewaltigen Deckenventilator gegen die Insekten anwirft, erscheinen fremde Augenpaare über meinem Kopf – offenbar nutzen die Kolleginnen die schutzlose Lage des Fremden zu einer genauen Inspektion. Mrs.He lässt sich dadurch natürlich nicht beirren. Jetzt zieht sie an meinen Ohrwascheln, quetscht meine Nasenflügel, hämmert auf den Schläfen herum, drückt das Kinn nach oben und unten und nach rechts und nach links, und die Geräusche, die dabei unter der Kokospaste entstehen, hören sich an wie aus einem Comicfilm.
Dann muss ich von der Liege auf den nächsten Stuhl, der tatsächlich wie ein Friseurstuhl aussieht, zumindest kann man aufrecht sitzen. Mrs. He kämmt mein Haar durch. Wir schauen uns im Spiegel an. Ihr Chef kommt mit der Rechnung, 25.000 Dong, etwa ein Euro. „You beautiful“, sagt Mrs.He. Na also.
Kommentare zu "Van Hai Barber's Room"
Genau
von Marcel Müller
am 23.05.2009 um 23:07 Uhr
Genau so ist es! War vor kurzem auch in so einem Salon. Sah hinterher fünf Jahre jünger aus und fühlte mich auch so. Wenn es sowas bei uns für einen Euro geben würde wäre ich jeden Tag dabei.
"Van Hai Barber's Room" kommentieren

Klasse!! Schön zu erfahren, dass Du dich in Vietnam herumtreibst. Warten gespannt auf den nächsten Bericht. Viele Grüße aus Köln Heide