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22. Juni 2010
Neulich in Louisiana
Jetzt reden sie ja alle vom gebeutelten Süden der USA, auf einmal - als ob es da nicht auch schon in den vergangenen Jahren genügend Grund zur Klage gegeben hätte! Immer pappig heiß, ständig Wirbelstürme, viele Sümpfe und viel fetttriefendes Essen, schlimm ist das. Und viel zu sehen gibt es auch nicht. Es sei denn, man ist Musikliebhaber, das ist was anderes, der Süden ist immerhin die Wiege der populären Musik. Überall Blues, überall Jazz! Feinster Soul! Da kann man sich schon einiges anschauen. Das Kinderzimmer von Elvis in Tupelo zum Beispiel. Johnny Cashs Wohnhaus in Memphis. Oder die Straßenkreuzung, an der Robert Johnson zwecks Talentförderung seine Seele dem Gottseibeiuns vermacht hat: alles da.
In Ferriday, Louisiana kann man die Schwester von Jerry Lee Lewis besuchen. In ihrem gemeinsamen Geburtshaus, das jetzt ein kleines Museum ist. Wichtig für alle Nicht-Insider: Das Lee in der Mitte. Jerry Lee Lewis hat nichts mit dem beinahe gleichnamigen Schauspieler zu tun - Jerry Lee war ein Kumpel von Elvis, setzte auf der Bühne gerne sein Piano in Brand und reüssierte auch ansonsten gerne als Lichtgestalt des jungen Rock’n’Roll. Dann hat er seine noch jüngere Cousine geheiratet, 13 war die erst, und das kam nicht gut in einer Gegend, in der damals noch brennende Holzkreuze die nächtliche Landschaft erhellten. Anschließend war es auch wenig hilfreich, dass Jerry nie so recht nachweisen konnte, seine nächste Ehefrau nicht erschossen zu haben. Weswegen sie ihn bis heute „The Killer“ nennen.
Und da sind wir jetzt, und jetzt werden wir in einem stockfinstren Raum mit einem imposanten Gewehrschrank von Jerrys schlamperten Neffen begrüßt, der seine Tante entschuldigt: Frankie Jean sei beschäftigt. Kaum hat er das gesagt, ist im Hintergrund ein schrilles Keifen zu hören. Und dumpfe Schläge. Der Neffe wischt sich mit den Resten eines Papiertaschentuchs die Reste einer Gemengelage Kajal ab, die sich in der Mittagshitze aus den Augenhöhlen heraus auf den Weg gemacht hat. Er brummelt etwas, das sich nicht dechiffrieren lässt. Irgendwo im Haus fällt ein Schuss. Zumindest hört es sich so an.
Und dann fliegt die Tür auf, und Frankie Jean stürmt in den Raum. „Keinen Cent!“ keift sie zur Begrüßung, „Nichts gibt er mir! Seit 40 Jahren verwalte ich sein Erbe! Jedes Hemd! Jede Postkarte! Jedes Konzertposter!“ Leider gibt es davon sehr viele im leicht modrigen Düster-Heim der Lewis’, und Frankie Jean will sie alle zeigen und zu jedem Artefakt etwas schreien, und der Neffe schlurft die ganze Zeit hinterher, brabbelt autistisch vor sich hin und verschmiert sich die Augenhöhlen. Es sind gefühlte 43 Grad. Es sind geschätzte 247 Poster, Fotos und Briefe. Es sind Minuten, die sich zu Stunden auszudehnen scheinen.
Irgendwann wird mir ganz plümerant. Der schlamperte Neffe ist sehr bleich geworden, und zupft ständig an meinem Arm; er müffelt ganz unangenehm nach Mottenkugeln. Frankie Jean hat sich leicht heiser geschrien. Als sich im Labyrinth der Flure und Zimmer eine Außentür auftut, verabschieden wir uns augenblicklich. Der Neffe brabbelt etwas, das sich wie eine Drohung anhört. Frankie Jean schreit „Grüßt den Killer von mir, wenn Ihr ihn seht!“.
Wir fahren ins nächste Restaurant, bestellen fettes Essen und Bourbon.
Und beschließen, fortan mehr Klassik zu hören.
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