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13. Januar 2009
Lost in Translation
Stefan NinkEs gibt diesen wunderbaren Tokio-Film mit Scarlett Johansson und Bill Murray, der von der eigenen Sprach- und Orientierungslosigkeit in einer Welt der Zeichen und Symbole handelt (und von Seelenverwandschaft und Selbstfindung und ziemlich vielen anderen Dingen, und ja: auch von der Liebe). Selten habe ich Film und Wirklichkeit so deckungsgleich erlebt: „Lost in Translation“ gab’s im Flieger nach Japan, wo ich mich dann wiederum bereits auf dem Weg ins Hotel verfranst habe. Und zwar hoffnungslos.
Wer in Tokio unterwegs ist, wird erbarmungslos mit dem eigenen Nichtwissen konfrontiert. Was zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Orientierungslosigkeit führt. Die sich wiederum zeitlupig zu einer gewisse Hilfslosigkeit verformt, mit beinahe existenzialistischen Zügen: Wo bin ich? Woher komme ich? Wo will ich hin? Das ist ganz schön verwirrend. Und es geht die ganze Zeit so. Bevor man aber wie einst E.T. jenen Grad der Verzweiflung erreicht hat, an dem man nur noch „Ich will heim!“ denkt, beginnt Tokio Spaß zu machen. Doch! Und zwar ziemlich. Was wahrscheinlich daran liegt, dass diese Stadt ihre Besucher aus dem Westen zurückkatapultiert in eine Zeit, in der sie weder sprechen noch lesen konnten. Wer Tokio besucht, fühlt sich wie ein kleines Kind, das empirische Rückschlüsse aus einem Lächeln oder einem Nicken zieht, während es mit großen Augen durch die Welt tappselt. Und keine Ahnung hat, wo es eigentlich ist.
Und da ein Blog ja interaktiv sein soll, starten wir hier jetzt mal den Versuch einer direkten Ansprache: Haben Sie so etwas auch schon auf Reisen erlebt? Und wo? Und wie?
Kommentare zu "Lost in Translation"
Hausnummer gesucht
Vor einigen Jahren hatte ich selber das Glück für einige Zeit in Tokyo zu sein.
Ausgerüstet mit einigen Wortfetzen Japanisch hat mich die Stadt mit ihrer Grösse in sich aufgenommen.
Mein erstes Ziel war eine Adresse bei der ich mit einigen Freunden abgemacht haben und die mir einen Platz zum schlafen organisiert hatten. Die Adresse habe ich mir auf einem kleinen Zettel notiert.
Mit der S-Bahn fuhr ich in das Quartier und machte mich dann auf die Suche. Eigentlich wollte ich pünktlich an der Adresse ankommen, doch schon bei den ersten Häusern musste ich bemerkten, hier ist nichts wie ich es von Zuhause kenne. Die Hausnummern waren wild verteilt. Wie sollte ich da blos das richtige Haus finden.
Nach langem herumirren fand ich dann eine Polizeistation in der man mir weiterhalf. Einer der Polizisten begleitete mich dann auch zur Adresse damit ich mich nicht wieder verlaufen würde.
Damit war mein erster Tag in dieser Stadt auch schon vorbei und ich wusste, eine Hausnummer würde ich die nächsten Wochen noch oft suchen müssen...
verlaufen
Hab mich mal in Kairo verlaufen, und zwar ganz fürchterlich. Am Ende bin ich platt in einem Teehaus gesessen. Hab wohl einen fertigen Eindruck gemacht. Der Teehauschef hat mich dann gefragt was los sei. Und mich anschließend zum Hotel gefahren.
Essen
Gelegentliches Fremdsein ist definitiv ein Gewinn, holt einen tatsächlich auf den Boden der Tatsachen zurück. Nur ganz furchtbar finde ich, wenn man vor lauter Sprachenwirrwarr kein Essen bestellen kann - bzw. nur erahnen kann, was da im Topf schwimmt. Das ist für mich persönlich der Supergrusel.
Genau das ist es was reisen für mich ausmacht. zumindest ist es ein wichtiger Teil davon. Sonst kann ich auch pauschal nach Malle fliegen und mich in Cafes setzen, wo ausschließlich Deutsche hocken.
Re: Lost in time
lost in time...and space! hat zwar nichts mit tokyo zu tun, aber sich in zwischenwelten zu verlieren gehört zu den erlebnissen auf reisen, die man nie wieder vergisst. beispiel: boundary waters in minnesota. ein kleiner, spiegelblanker waldsee über dem der vollmond hängt, eine windstille nacht und ich im kanu. kein unterschied mehr erkennbar zwischen himmel und wasser, zeitloses schweben in vollkommener stille. 10 jahre her, aber noch immer so präsent, als wäre es gestern gewesen.
oder seltenes wasser auf dem salar de uyuni/bolivien: du fährst hinaus auf die riesige fläche, der altiplano-himmel spiegelt sich im wasser, du bleibst stehen und schwebst plötzlich in einer blauen shpäre, einem himmelblauen universum ohne konturen und grenzen. du fühlst dich unendlich klein und doch geborgen - vielleicht sinds erinnerungen an den bauch der mutter...
Verloren!
Verloren hab ich mich schon das ein oder andere Mal gefühlt, aber es war ein schönes Gefühl, weil man das ja aus unserer durchorganisierten Welt überhaupt nicht mehr kennt. Aber in einem Park nicht mehr zu wissen, wo der Ausgang ist - oder auf einem asiatischen Makrt nicht mehr, wo man hinein gekommen ist: Das sind Urlaubserinnerungen, die ich nicht missen möchte.
Lost in Greece
Es gibt diese Orte auch hier vor unserer Haustür, in Griechenland. Es war eine Campingreise mit einem VW Bus, abseits der Touristenzentren. Irgendwann waren die Ortsschilder nur noch in griechisch verfaßt und die Orte suchte man vergebens im Straßenatlas. Wir fuhren der Nase nach und nahmen die Landschaft, die Orte und Menschen viel intensiver wahr. Das ist mehr als Urlaub, das ist atmen. Im Gegensatz dazu fahre ich den täglichen Weg in die Arbeit automatisch, in Gedanken bereits mit irgendwelchen Problemen befasst und verpasse so die kleinen "Sehenswürdigkeiten" unterwegs.
Dazu fällt mir ein: Erleuchtung garantiert
In diesem lustigen und weisen Film von D. Dörrie haben die beiden Hauptakteure auch einen Zwischenstopp in Tokyo zu bewältigen und sind ähnlich orientierungslos dort. Sehr amüsant! Als Orientierungspunkt hatten sie ein riesiges beleuchtetes Gebäude gewählt. Dummerweise wurde diese Beleuchtung nach 20 Uhr komplett abgestellt... hehe...
"Lost in Translation" kommentieren

Hach, was für ein schöner Blogeintrag. Ich fühlte richtig mit und wollte mich endlich auch einmal auf eine solche schöne Art Verloren fühlen. Bis ich gelesen habe, dass ich mich erinnern soll, ob ich so etwas auch schon erlebt habe. Ich erinnere mich da an einen Flug, der mich von der Ostküste Kanadas an die Westküste brachte. Ich hatte einen Fenstersitz, es war Nacht und Winter und am Horizont sah ich die Nordlichter über den Himmel tanzen. Da war dann so ein Gefühl, eine Zwischenwelt betreten zu haben, zwischen Himmel und Erde, zwischen dem was war, was ist und was sein wird. Fasziniert habe ich über Stunden hinweg dieses Schauspiel betrachtet und fühlte mich so klein und fremd und doch so wunderbar und dazugehörig.