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27. September 2011
Letztens in ... Lissabon
Das passierte dann auch gleich. Allerdings nicht uns, sondern einer amerikanischen Touristin auf der anderen Wagenseite. Die hatte den Hinweis im Reiseführer, die legendäre Linie 28 fahre manchmal haarscharf an den Altstadthäusern vorbei (worauf sich die Legende der 28 unter anderem gründet), offensichtlich nicht sehr ernst genommen und sich zum Fotografieren aus dem Fenster gelehnt. Wir mussten unsere Fahrt unterbrechen, damit die Frau die Reste ihrer Videokamera von den Gleisen klauben konnte. Ein Pflaster brauchte sie auch. Wie habe er nur so nah an der Hauswand vorbeifahren können, wollte sie vom Schaffner wissen. Der Schaffner zuckte mit den Schultern. Er sah ganz traurig aus. Aber das, stand im Reiseführer, tun alle Portugiesen.
Wir fuhren weiter. Fünf Minuten später hielten wir erneut: Vor uns waren ein Kleinwagen und ein Taxi zusammen gestoßen. Die Autos waren leicht verbeult und standen zwanzig Zentimeter auf den Gleisen. Und hinter uns standen sehr schnell vier oder fünf andere Straßenbahnen, die ja nicht flugs in Seitengassen verschwinden konnten wie Autos (auch, wenn die Amerikanerin das vielleicht glaubte). Wir schauten uns Lissabon an, das ja sehr nahe war. Von unseren Sitzen aus konnten wir das Fleisch in der Metzgereitheke nebenan betrachten und die Küche einer älteren Frau, die gerade kochte. Ein Stockwerk obendrüber wurde die Blumen gegossen, das Wasser tropfte auf den Bürgersteig. Und weil wir ja im melancholischen Lissabon waren, sahen die Tropfen natürlich wie Tränen aus.
Nach ungefähr einer Stunde kam ein Polizist. Als erstes befahl er den Unfallfahrern, ihre Autos zwanzig Zentimeter zurückzusetzen, damit wir weiter fahren konnten. Ob man denn nicht gesehen habe, dass die Linie 28 blockiert werde, wollte der Polizist wissen. Die Menschen, die ich um die leicht gebeulten Fahrzeuge versammelt hatten, zuckten mit den Schultern und blickten vorwurfsvoll zum Himmel, als wollten sie sagen: Das hätte uns auch mal einer sagen sollen, das mit den Autos. Wir konnten nun weiter fahren. Unser Fahrer sah dennoch ganz traurig aus.
Ein paar Straßenzüge war alles wunderbar. Dann hielten wir erneut an. Dieses Mal war das Hindernis nicht vor uns, sondern an der Seite: ein Auto, unter einem Halteverbotsschild, vorwärts in die Lücke eingeparkt, das Heck ragte schräg auf die Fahrbahn – unserer Linie 28 fehlten, zwei, drei Zentimeter Luft. Unser Fahrer bimmelte mit einer großen Glocke. Der Autobesitzer hörte es nicht. Bald standen sieben Wagen der berühmten Linie 28 hinter uns und bildeten einen bimmelnden Linie 28-Stau. Die sonst so melancholischen Lissaboner waren nun sehr erregt. Die Fahrgäste diskutierten, einige Männer versuchten, das Auto anzuheben, ein Passant fuchtelte mit seinem Stock drohend über der Kühlerhaube des Falschparkers. Und dann kam ein junger Mann mit einem kleinen Kind auf dem Arm, lief an allen wartenden Straßenbahnen vorbei und winkte unserem Fahrer kurz zu. Er setzte sich in sein Auto und fuhr mit quietschenden Reifen aus der Parklücke, die keine Parklücke war.
Unser Fahrer schaute auf seine Uhr und seufzte. Er habe jetzt Feierabend und werde seine Linie 28 nun ins Depot fahren, sagte er, aber ohne Passagiere. Die müssten sich auf die Straßenbahnen im 28er-Stau hinter uns verteilen. Wir schauten auf die völlig überfüllten Wagen hinter uns und dann die Straße hinunter, in der nach gut einstündiger Straßenbahnlosigkeit etliche Autos nicht wirklich sauber eingeparkt zu sein schienen. Dann gingen wir zu Fuß los. So ein langer Spaziergang zurück zum Hotel soll einem eine Stadt ja auch sehr gut näher bringen.
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Kommentare zu "Letztens in ... Lissabon"
Obrigado!
von Holger Leue
am 27.09.2011 um 15:59 Uhr
Mein lieber Mr. Nink,
es bereitet mir immer eine solche Freude Deine Zeilen zu lesen und dabei auch Deine Stimme zu hören.
Herzlichen Dank!!
Mr. Leue
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Hallo ein guter Artikel! Meiner Meinung nach kann man hier einen schönen Alltag Blick bekommen wie es so in Lissabon abgeht. Dieser Artikel ist sehr gut gelungen und hat mir spass gemacht diesen hier lesen zu dürfen.