Für Elena, 7, war die »Kinderweinschlacht« zwei Fiestatage zuvor eigentlich Kinderkram. Da wird immer nur Most gespritzt, da fehlen die stattlichen Kaliber. Seit letztem Jahr kommt sie mit zu den Großen – und hat Höllenspaß dabei, so wie jeder, der sich mit Leib und Seele in die
Batalla del Vino stürzt, die »Schlacht des Weins«, ein Massenexzess alljährlich am 29. Juni bei Haro in der Rioja.
Fazit: Ich bin mittendrin gewesen. Ich bin intensiv durchtränkt worden. Ich habe nie so ausgesehen, nie so gerochen. Kleidung und Schuhe sind entsorgt. Ein Rückblick auf die Chronologie der Ereignisse.
© Andreas DrouveEin schöner Rücken kann - na ja -
nur bedingt entzücken
Über drei Kontaktecken haben mich Elenas Vater Javi und seine
Cuadrilla, ein verschworener Kreis aus Familie und Freunden, für den Tag des Spektakels adoptiert. Für spanische Verhältnisse geht es gnadenlos früh um sieben Uhr los, was sich dadurch erklärt, dass man im Normalfall nicht aufsteht, sondern die Nacht durchgefeiert hat. Javi ist pünktlich am Hotel, über die Sitze seines Kleintransporters hat er Folie gespannt. Er weiß, wie alles enden wird. Ich weiß es noch nicht.
Erster Halt ist eine Finca am Stadtrand von Haro, um die
Cuadrilla und das Wichtigste für die Schlacht an Bord zu nehmen: den Rotwein. Welche Menge, entscheidet jeder selbst. Anhaltspunkt: soviel man hat auftreiben können und später schleppen will. Meine künftigen Begleiter haben den Vorrat bereits aus Tetra Paks in lederne Weinbeutel umgefüllt, in eine Wassermaschinenpistole für Elena und mehrere
Sulfatadoras, unterschiedlich große Plastikkanister mit Pumpenfunktion, die in Gärten und in der Landwirtschaft in der Regel für andere Zwecke Verwendung finden ...
© Andreas Drouve Versorgungsstation bei Carlos, Trinken statt Spritzen
Als Carlos und der Rest der
Cuadrilla zusteigt, füllt sich unser Gefährt erheblich mit Alkoholaroma, auf der Fahrt pustet Carlos seine Fahne in eine Vuvuzela, die er aus dem offenen Fenster hält. Gegen halb acht sind wir inmitten einer Karawane aus Autos, Fußgängern und Traktoren mit Anhängern unterwegs zu den Riscos de Bilibio, einem Felsmassiv wenige Kilometer außerhalb von Haro, der Stätte des Geschehens. Im Wageninnern kreist eine Weinflasche, das Sträßchen zieht sich in Kurven durch Rebgärten. An der Seite schiebt ein Trupp Jugendliche Einkaufswagen mit eigenen Weinbergen aus Plastikbehältern voran.
Endstation ist ein Großparkplatz zu Füßen der Riscos de Bilibio, ein kurzes Wegstück aufwärts liegt das traditionelle Weinschlachtfeld zwischen Abhang, Bäumen und Grünflächen. Die Fiestratracht aller – ganz in Weiß – eignet sich bestens, um am Ende die Kampfesspuren zu zeigen. Ich streife ein weißes, brandneues T-Shirt über, das Oscar mir, dem Schlachtengreenhorn, geschenkt hat. Noelia hängt mir meine Waffe in Form eines bis zum Anschlag gefüllten Weinbeutels um den Hals. Überall laufen letzte Vorbereitungen. Ich sehe Leute, die neben den Autos Schuhe gegen Badeschlappen tauschen, Chlorbrillen aufsetzen, Taucherbrillen. Mein Rundgang bringt mich mit Judit zusammen, die gerade dabei ist, sich Latexhandschuhe überzustreifen: »Wegen der Fingernägel, ich heirate nächste Woche.« Glückwunsch. Auf die Weinschlacht will sie nicht verzichten.
Es ist bewölkt und frisch an diesem Morgen, zwölf Grad. Rundherum werden
Sulfatadoras auf den Rücken geschnallt, Javi testet seine Pumpe mit einem festen Weinstrahl auf meine Knöchel und lacht sich halbtot. Das Zeug läuft mir sofort in die Schuhe.
Carlos, der Wohlbeleibte, der mittlerweile einen Plüschzylinder trägt und der Gefahr der Ausnüchterung mit einer neuerlichen Flasche vorbeugt, will mich unbedingt nach ganz oben zur Bergkapelle Felices begleiten. Im Rahmen des Festprogramms beginnt dort um viertel vor neun eine Messe zu Ehren des Schutzpatrons von Haro, San Felices de Bilibio, ein Einsiedler, der im 5./6. Jahrhundert gelebt haben soll. Erst nach der Messe wird die
Batalla del Vino offiziell eröffnet, doch die Praxis zeigt, dass nur ein Bruchteil der Teilnehmer Heiliges im Sinn hat, und die Mehrheit solange nicht warten kann.
Am Aufgang zur Kapelle steht ein vielköpfiges, inoffizielles Empfangskomitee, präpariert mit Kübeln und Plastikbechern in XL-Format. Ich passiere die fließende Grenze, habe meine Kameratasche vorsorglich in zwei Einkaufstüten gepackt. Über meinen Schultern und Haaren schlagen Wellen zusammen, der Wein brennt in den Augen. Das nächste Mal: Taucherbrille! An der Seite plätschert ein Bach nach unten, so wie nach einem Wolkenbruch, nur in Rot und dass kein Regen niedergegangen ist.
Ein steiler Nebenweg führt zur Kapelle, in die es kaum jemand trocken geschafft hat. Während der Messe hält sich der Weingeruch der Anwesenden wie unter einer Käseglocke zwischen den Steinmauern. Warm, herb, narkotisierend. Jeder dünstet aus, so gut er kann.
Nach Ende der
© Andreas DrouveGerade bin ich vom
"Popular TV" interviewt
worden - die Weinschlacht
ist ein journalistischer Härtetest
Messe wälzt sich der Strom der Gläubigen über den Hauptpfad abwärts. Ein Fernsehteam von »Popular TV« – der Kameramann und die Reporterin, beide in Regenponchos – hält mir ein bespritztes Mikrofon entgegen. Was ich als Auswärtiger von der Fiesta halte? Wahnsinn. In jederlei Hinsicht. Im Gegenzug dokumentiere ich ihren journalistischen Härtetest mit einem Foto.
Unterwegs verschont Carlos ein englischsprachiges Pärchen vor seinem Strahl aus der
Sulfatadora und versorgt sie stattdessen mit einem Schluck aus der Pumpe.
»Guter Wein«, macht er Glauben und lacht mir heimlich zu.
Alles Tetra Pak-Qualität. Diesen Kopfschmerz möchte ich nicht teilen.
Am Ende des Pfads spielt eine Kapelle. Nicht schön, aber laut. Die Schlacht ist bereits in vollem Gange.
»5.000 Teilnehmer, 50.000 Liter Wein«, wird es in den Mittagsnachrichten heißen – doch wer mag das so richtig beurteilen? Gleiches gilt für den Urgrund der
Batalla del Vino, über den verschiedene Geschichten kursieren. Eine Theorie führt einen Territorialstreit zwischen Haro und der Nachbargemeinde Miranda de Ebro ins Feld, eine andere sieht ein nicht ganz ernst gemeintes Weingeplänkel, das im Anschluss an eine Wallfahrt zur Kapelle des heiligen Felices ausgebrochen sein soll. Wann genau all dies den jetzigen Schlachtcharakter annahm – vielleicht schon vor Beginn des 20. Jahrhunderts – lassen die Quellen offen.
© Andreas Drouve Die Weinschlacht, ein Exzess
- bis die Schlüpfer durchschimmern...
Wichtiger ist, dass das Spektakel wüst und ungezügelt, aber respektvoll und friedlich abläuft. Inmitten der überströmenden Freude gibt es keine Feinde, keine Regeln, keine Kampfstrategie. Die einzige Vorgabe lautet: Jeder gegen jeden. Aus Eimern, Kanistern, Plastikpistolen. Beschießen, bespritzen, begießen, den andern kübelweise mit Wein überschütten, alles ist erlaubt. Auf eine weitaus größere Reichweite kommen die Scharfschützen mit ihren Sulfatadoras im Anschlag. Das Ganze dauert, bis gegen halb elf der letzte Tropfen Munition verpulvert ist, sich Staub- in Schlammflächen verwandelt haben, Grünflächen in Weinlachen. An einer Stelle ist ein richtiger See entstanden, mein Depot aus dem Lederbeutel leer. Die Aura ist überall umwerfend, der Übergang von der Schlacht zur Rast kommt fließend. Etwas abseits werden Feuer im offenen Gelände entzündet und mit Grillrosten belegt, im Vorübergehen schenkt mir irgendwer ein Brot mit köstlichem Fleisch. Frühstückszeit. Auf dem Großparkplatz legen wir die sattsam durchtränkten Shirts zum Trocknen aus, Trophäen mit Farbnuancen zwischen Lila und Rosa. Irgendwann steigen wir mit nassen Hosen und Schuhen in den Transporter, die Folie auf den Sitzen erfüllt ihren Zweck.
© Andreas DrouveAm Ende steht man
am Weinsee ...
Am späten Vormittag, auf der Finca am Stadtrand von Haro, finde ich mich im Kreise von Javis Familie und Freunden an einer langen Tafel wieder. Unter offenherzigen Menschen, die ich bis heute nicht kannte. Menschen von fast beschämender Gastfreundschaft. Mit einem Holzstäbchen piekse ich, genau wie Elena, gekochte Schnecken aus den Gehäusen und betrachte fasziniert die Schleimfäden, die sie ganz am Ende ziehen und die mit in den Mund wandern. Ich vertraue der Kraft meiner Magensäure, tunke Brot in Tomatensauce, bin rundum zufrieden.
Dies, genau dies ist noch immer das gute alte Spanien, das ich einst kennen- und liebengelernt hatte! Und das liegt nicht nur am kräftigen Landwein, der ständig nachgeschenkt wird.
Danke für den interessanten Bericht zur "Schlacht des Weins", wir planen derzeit unseren Spanien Urlaub und möchten dabei auch sehr gern dieses Event mitnehmen. Wenn ich mir die Bilder anschaue, sind auf jeden Fall schon einmal die richtigen Anziehsachen gefragt. Auf jeden Fall werden wir uns den Termin mit vormerken.