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26. Dezember 2011
Oh, wie süß!
Für eine satte Portion »Nonnenfürze« braucht es glücklicherweise keine Präsenz von Klosterschwestern mit abgehenden Winden, sondern: zwei Hühnereier, zweihundert Gramm Mehl, fünfzig Gramm Zucker, eine Zitrone, ein Glas Wasser und Öl. Die Zubereitung geht schnell. Zucker, Wasser und den ausgepressten Saft der Zitrone in einen Topf kippen, fünf Minuten köcheln, dann das Mehl unterquirlen. Topf vom Herd nehmen, die Eier schaumig schlagen und hinzugeben, länger umrühren. Aus der Masse Kügelchen formen, einer mit reichlich Öl gefüllten Pfanne zuführen, frittieren und rundherum gut bräunen. Fertig sind die »Nonnenfürze«, pedos de monja, die den an andere Körperöffnungen angelehnten »Nonnenseufzern«, suspiros de monja, ähneln und in manchen Landesteilen mittlerweile in Supermärkten packungsweise erhältlich sind.
© Cristina Doria-DrouveEin bisschen Karies gefällig?
Dann empfehle ich
eine Packung „Engelsküsschen“,
hier die Auslage in einer Vitrine
Sprachfantasievoll geht es auch bei dem faserigen, goldgelben »Engelshaar« zu, cabello de ángel, einer Mixtur aus gekochtem Kürbis und Zucker, die sich bestens für Füllungen von Kuchen und Teigtaschen sowie der Entfernung von Gebissen eignet, während »Engelsküsschen«, besitos de ángel, auf der Zunge zergehen. Nur nicht mehr auf meiner. Alleine der Anblick erinnert daran, wie sich das Schaumgebäck aus gezuckertem Eiweißschnee in der Mundhöhle auflöst und in die Zahnzwischenräume fließt. Und wohin mit dem Eigelb? Zusammen mit Zucker und Wasser lässt sich im Ofen ein weiteres Klebeprodukt hervorzaubern, das seit dem Mittelalter aus Klosterbackstuben als verlässlicher Hüftgoldspender belegt ist: »Himmelsspeck«, tocino de cielo.
Ähnlich dem altvertrauten »Zigeunerschnitzel«, kennt der spanische »Zigeunerarm«, brazo de gitano, keinen ethnischen Unterschied zwischen Sinti und Roma. Vorausgesetzt, er ist nicht beim ureigenen Besitzer angewachsen oder soeben im Krankenhaus von ihm entfernt worden, bezeichnet der »Zigeunerarm« eine Biskuitrolle, die rezeptabhängig einen schokobraunen oder puderzuckerweißen Teint tragen kann. Ebenfalls cremig sind die »Seelen des Fegefeuers« (ánimas del purgatorio), während die »Zigarren« (cigarros) genannten Waffelstäbchen aus den Ohren stauben und Blätterteig-»Krawatten« (corbatas) aus dem kantabrischen Unquera schwerste Krümelspuren hinterlassen. »Dachziegel«, tejas, aus Schokolade und Mandeln erschlagen ebenso durch Preise und Nährwert wie »Heiligenknochen«, huesos de santo, Röllchen aus Marzipan, die allemal appetitlicher wirken als echte Knochen eines Heiligen wie Johannes vom Kreuz (1542-1591).
© Cristina Doria-Drouve Vielleicht etwas flachbrüstig, aber
es sind ja nur Plätzchen:
„Nonnenbrüstchen“, tetillas de monja
Besucht man dessen Sterbekloster im andalusischen Úbeda, fällt in einer Vitrine der Blick auf ein Fingerpaar der rechten Hand, das dank des getrockneten Resthautüberzugs eher wie bräunlich verschrumpelte Pilzstängel aussieht. Dann lieber Zuckerbäckerwerk und ein letzter Tipp: Wer sich vor knackigem Drüsenzubiss nicht scheut, ist mit »Nonnenbrüstchen«, tetillas de monja, gut beraten, wie ich sie unlängst – nein, nicht in der Klostersauna, sondern: – als Geschenkpackung in einer Konditoreivitrine gesehen habe, eine lokale Spezialiät aus der Gegend um Santo Domingo de la Calzada. Die Begleitillustration auf der Packung zeigte im Übrigen eine Ordensfrau mit reichlich aufgetragenem Lippenstift, leicht geöffnetem Mund und verführerischem Augenschlag. Einfach zum Anbeißen, sollte das wohl bedeuten.
© Cristina Doria-DrouveAusgesprochen süß: Eine
Schokoladenkaskade im
Schokoladenmuseum in
Barcelona
Nonnenbusen, Heiligenknochen, Nonnenfürze – derlei Kostbarkeiten entsteigen Spaniens Küchen allerdings nicht allzu oft. Spanier verleiben sich zwar gerne und überreichlich Süßes ein, doch aus Bequemlichkeitsgründen ist das Meiste nicht hausgemacht, sondern schlichtweg gekauft, vor allem zur Weihnachtszeit, die sich über den Jahreswechsel hinaus bis zum Dreikönigsfest dehnt. Landesweit typisch in diesen Tagen sind Turrones, Nougatplatten jedweder Konsistenz und Geschmacksform, bei denen ich zwischen Massenproduktion und Lobbyarbeit der Dentistenvereinigung einen gewissen Zusammenhang ausmache. Im Hause meiner Schwiegereltern kommen Turrones derzeit als Festnachtisch auf einem roten Riesentablett auf die Tafel. Fein sortiert und zerteilt, liegen mandelharte und weiche Stücke dort ausgebreitet, dazu Turrones mit bunten Inhaltsklumpen, die Früchte vortäuschen, und jene Turrones voll Schokolade, auf die sich mein spanischer Clan selbst nach vorherigem Menüexzess wie von Sinnen stürzt, doch den merkwürdigen Deutschen in der Familie lieber zu einer Mandarine greifen lassen. Na ja, oder zu den harten Turrones, aber nur denen ...
Nougatdiät für alle habe ich bedauerlicherweise nur an einem einzigen Weihnachtsfest erlebt, nachdem es meinem Schwiegerhund dank seiner langen Schnauze geglückt war, unbemerkt die Tür des Zwischenlagerraums zu öffnen. Das dort abgestellte Megatablett mit den Turrones erklommen, feierte er Christi Geburt auf seine Art, probierte die Sorten wahllos durch und büßte mit einer ausgiebigen Dackelmagenverstimmung für die Unersättlichkeit. Seither bin ich mir nicht sicher, ob in Überflussgesellschaften Mensch oder Tier die Gabe besitzt, sich an Weihnachten stärker überfressen zu können.
© Cristina Doria-DrouveEin bisschen Karies gefällig?Dann empfehle ich
eine Packung „Engelsküsschen“,
hier die Auslage in einer Vitrine
Ähnlich dem altvertrauten »Zigeunerschnitzel«, kennt der spanische »Zigeunerarm«, brazo de gitano, keinen ethnischen Unterschied zwischen Sinti und Roma. Vorausgesetzt, er ist nicht beim ureigenen Besitzer angewachsen oder soeben im Krankenhaus von ihm entfernt worden, bezeichnet der »Zigeunerarm« eine Biskuitrolle, die rezeptabhängig einen schokobraunen oder puderzuckerweißen Teint tragen kann. Ebenfalls cremig sind die »Seelen des Fegefeuers« (ánimas del purgatorio), während die »Zigarren« (cigarros) genannten Waffelstäbchen aus den Ohren stauben und Blätterteig-»Krawatten« (corbatas) aus dem kantabrischen Unquera schwerste Krümelspuren hinterlassen. »Dachziegel«, tejas, aus Schokolade und Mandeln erschlagen ebenso durch Preise und Nährwert wie »Heiligenknochen«, huesos de santo, Röllchen aus Marzipan, die allemal appetitlicher wirken als echte Knochen eines Heiligen wie Johannes vom Kreuz (1542-1591).
© Cristina Doria-Drouve Vielleicht etwas flachbrüstig, aberes sind ja nur Plätzchen:
„Nonnenbrüstchen“, tetillas de monja
© Cristina Doria-DrouveAusgesprochen süß: EineSchokoladenkaskade im
Schokoladenmuseum in
Barcelona
Nougatdiät für alle habe ich bedauerlicherweise nur an einem einzigen Weihnachtsfest erlebt, nachdem es meinem Schwiegerhund dank seiner langen Schnauze geglückt war, unbemerkt die Tür des Zwischenlagerraums zu öffnen. Das dort abgestellte Megatablett mit den Turrones erklommen, feierte er Christi Geburt auf seine Art, probierte die Sorten wahllos durch und büßte mit einer ausgiebigen Dackelmagenverstimmung für die Unersättlichkeit. Seither bin ich mir nicht sicher, ob in Überflussgesellschaften Mensch oder Tier die Gabe besitzt, sich an Weihnachten stärker überfressen zu können.
Kommentare zu "Oh, wie süß!"
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Andreas Drouve stammt aus dem Rheinland. Mitte der 1990er hat er seinen Lebensmittel-
Danke für den interessanten Einblick in das spanische Weihnachtsfest. Interessant sich einmal die vielen Gemeinsamkeiten zwischen unseren Festen durchzulesen.