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14. März 2011
Das derbe Sprachgut und der heimliche Abgesang auf den Macho
Spanier sind grob, derb, direkt. Vor allem in ihrem Vokabular. Noch bevor sie nachdenken, sind die Worte geradeheraus gefallen und lassen keinen Spielraum für Fantasie. Ein Tisch ist ein Tisch, und ein Stuhl ist ein Stuhl – doch es bleibt nicht beim Mobiliar. Statt sprachgenial kommen sie sprachgenital zur Sache und stehen dauerhaft auf dem Höhepunkt. Der Abgrund kennt keinen Boden. Während aufgebrachte Deutschmuttersprachler Goethes Götz zitieren [Ausgabe: Reclam Universal-Bibliothek, Seite 73 oben], mögen es Spanier geschlechtsübergreifend von vorne. Und das so häufig wie möglich. Zu jeder Tageszeit, bei jeder Gelegenheit.
»Cojones!«, Klöten, schimpfen sie gerne und laut durch den Alltag. »Coño!«, Muschi, womit nicht die Katze gemeint ist, gleitet als substantivischer Standardfluch über die Lippen. »Joder!«, kopulieren, setzt im selben Sinn die Verbalnote. Wer ausstößt: »La leche!«, stellt Undedarfte indes vor ein Rätsel. Gemeint ist: Verdammt! Im Wörterbuch steht: die Milch. Doch in derlei Fall entstammt die Flüssigkeit nicht dem Euter der Kuh ...
Die Wortwahl entspricht einem steten Erguss an Automatismen. Niemand macht sich weiter Gedanken. Einfach raus damit, selbst mit dem übelsten Ejakulat. Jeder redet in Spanien so, selbst Kindermund tut Derbheit kund. Ist etwas sehr, sehr abgelegen, ob Haus oder Kneipe, kommt die Entfernungsangabe »en el quinto coño« zum Tragen. Damit liegt es, Pardon die Damen, »an der fünften Vagina«, die es extrem in sich zu haben scheint. Zumindest, was den langen Weg zu ihr hin anbelangt.
Die Sprachschocks meiner Anfänge in Spanien haben sich längst geglättet, relativiert, gewandelt. Mittlerweile rede ich selber so. Bis gestern abend indes war mir der Ausspruch unbekannt: »Me suda la polla.« Die Kurzlektion war einem Film um Inhaftierte und eine Gefängnisrevolte zu danken, wobei der eigentliche Dank einer Freundin gebührt. Sie hatte den Streifen als Schwarzkopie besorgt.
»Sudar« heißt schwitzen, »polla« Schniedel. »Me suda la polla« also: Mir schwitzt der Schniedel. Der Sinn wiederum lautet: Das ist mir egal. Doch der Vergleich krückt daher. Hält man sich den Zustand plastisch vor Augen, kommen Bedenken. Liegt beim Schweißstrom vielleicht eine Verwechslung mit dem Sekret einer Nachteruption vor? Und wenn nicht? Wenn des Mannes bestes Stück schwitzt – das darf nicht egal sein! Mein Kopf wirbelt seither Frage um Frage auf. Im aufrechten oder ruhenden Zustand? Ätzt die Flüssigkeit durch? Gibt das Kränze auf der Hose? Welches Fleckenmittel hilft? Was sagt der Urologe dazu? Und wer, verdammt, hat den Schweißschwengel überhaupt in die Welt gesetzt? In Betracht kommen a) ein spanischer Einfaltspinsel kurz vor dem Fall ins Delirium und b) eine Frau bei klarem Verstand. Die Tendenz geht zu b), die a) erklärt hat, ein schwitzender Schniedel bedeute von nun an, siehe oben: Das ist mir egal. Und der Zipfelbube hat es geglaubt und weiter verbreitet. Dabei hat frau insgeheim den Abgesang auf Spaniens Macho ins Sprachgut geschleust, welch ein Geniestreich!
Ein Schweißschniedel, ist er nicht Sinnbild verblasster Manneskraft, Ausdruck von Versagensangst? Adiós, du südländischer Machoknochen. Niemand hat dich auf die Liste bedrohter Arten gesetzt. Du stirbst langsam aus. Für dich hat sich Spaniens wahres Goldenes Zeitalter nicht als Kolonialweltmacht unter Karl dem Ersten und Philipp dem Zweiten abgespielt, als im Reich die Sonne nicht unterging, sondern bis weit ins letzte Jahrhundert hinein, als Diktator Franco regierte. Das war eine Ära, nicht wahr, als Frauen kein eigenes Konto haben und keine Kreditverträge unterschreiben durften! Nun sind dir Zeiten und Umstände entglitten, du alter Reviermarkierer. Nun bekennst du: »Me suda la polla.«
© Andreas Drouve
Was ist aus dir geworden? Wo ist dein Schnauzbart hin, dein Goldkettchen auf dem Brusthaarflokati, die Sprühkraft deines Hochdruckgeräts, das einst sieben Kinder und mehr zu zeugen pflegte? Heute stecken die Geburtenraten des Landes im Keller, Besserung ist nicht in Sicht, einzig zugewanderte Latinos hellen die Erfolgsquote der Fruchtbarkeit auf. Ja, die wissen noch, wie es geht, du transpirierender Schlappschwanz. Dennoch hältst du krampfhaft am letzten Rollenspieldenken fest. So wie Miguel [Name von der Redaktion nicht geändert], den wir zuletzt getroffen haben. Nun ohne Frau an seiner Seite, zum einsamen Wolf mutiert, Mitte vierzig, kurz vor der Scheidung. Seine größte Sorge waren weder Alleinsein noch Unterhalt. »Ich kann nicht kochen. Und ich kann keine Waschmaschine bedienen«, hat er betrübt gesagt. Und es ernst gemeint.
Keine Sorge, Miguel, es wird wieder Licht in dein Leben fluten. Allerdings nicht im Schonwaschgang. Du wirst alles lernen, da bin ich mir sicher, dass es dir den Schweiß aus den Poren treibt. Aus welchen auch immer.
»Cojones!«, Klöten, schimpfen sie gerne und laut durch den Alltag. »Coño!«, Muschi, womit nicht die Katze gemeint ist, gleitet als substantivischer Standardfluch über die Lippen. »Joder!«, kopulieren, setzt im selben Sinn die Verbalnote. Wer ausstößt: »La leche!«, stellt Undedarfte indes vor ein Rätsel. Gemeint ist: Verdammt! Im Wörterbuch steht: die Milch. Doch in derlei Fall entstammt die Flüssigkeit nicht dem Euter der Kuh ...
Die Wortwahl entspricht einem steten Erguss an Automatismen. Niemand macht sich weiter Gedanken. Einfach raus damit, selbst mit dem übelsten Ejakulat. Jeder redet in Spanien so, selbst Kindermund tut Derbheit kund. Ist etwas sehr, sehr abgelegen, ob Haus oder Kneipe, kommt die Entfernungsangabe »en el quinto coño« zum Tragen. Damit liegt es, Pardon die Damen, »an der fünften Vagina«, die es extrem in sich zu haben scheint. Zumindest, was den langen Weg zu ihr hin anbelangt.
Die Sprachschocks meiner Anfänge in Spanien haben sich längst geglättet, relativiert, gewandelt. Mittlerweile rede ich selber so. Bis gestern abend indes war mir der Ausspruch unbekannt: »Me suda la polla.« Die Kurzlektion war einem Film um Inhaftierte und eine Gefängnisrevolte zu danken, wobei der eigentliche Dank einer Freundin gebührt. Sie hatte den Streifen als Schwarzkopie besorgt.
»Sudar« heißt schwitzen, »polla« Schniedel. »Me suda la polla« also: Mir schwitzt der Schniedel. Der Sinn wiederum lautet: Das ist mir egal. Doch der Vergleich krückt daher. Hält man sich den Zustand plastisch vor Augen, kommen Bedenken. Liegt beim Schweißstrom vielleicht eine Verwechslung mit dem Sekret einer Nachteruption vor? Und wenn nicht? Wenn des Mannes bestes Stück schwitzt – das darf nicht egal sein! Mein Kopf wirbelt seither Frage um Frage auf. Im aufrechten oder ruhenden Zustand? Ätzt die Flüssigkeit durch? Gibt das Kränze auf der Hose? Welches Fleckenmittel hilft? Was sagt der Urologe dazu? Und wer, verdammt, hat den Schweißschwengel überhaupt in die Welt gesetzt? In Betracht kommen a) ein spanischer Einfaltspinsel kurz vor dem Fall ins Delirium und b) eine Frau bei klarem Verstand. Die Tendenz geht zu b), die a) erklärt hat, ein schwitzender Schniedel bedeute von nun an, siehe oben: Das ist mir egal. Und der Zipfelbube hat es geglaubt und weiter verbreitet. Dabei hat frau insgeheim den Abgesang auf Spaniens Macho ins Sprachgut geschleust, welch ein Geniestreich!
Ein Schweißschniedel, ist er nicht Sinnbild verblasster Manneskraft, Ausdruck von Versagensangst? Adiós, du südländischer Machoknochen. Niemand hat dich auf die Liste bedrohter Arten gesetzt. Du stirbst langsam aus. Für dich hat sich Spaniens wahres Goldenes Zeitalter nicht als Kolonialweltmacht unter Karl dem Ersten und Philipp dem Zweiten abgespielt, als im Reich die Sonne nicht unterging, sondern bis weit ins letzte Jahrhundert hinein, als Diktator Franco regierte. Das war eine Ära, nicht wahr, als Frauen kein eigenes Konto haben und keine Kreditverträge unterschreiben durften! Nun sind dir Zeiten und Umstände entglitten, du alter Reviermarkierer. Nun bekennst du: »Me suda la polla.«
© Andreas DrouveKeine Sorge, Miguel, es wird wieder Licht in dein Leben fluten. Allerdings nicht im Schonwaschgang. Du wirst alles lernen, da bin ich mir sicher, dass es dir den Schweiß aus den Poren treibt. Aus welchen auch immer.
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Andreas Drouve stammt aus dem Rheinland. Mitte der 1990er hat er seinen Lebensmittel-