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12. September 2011
Sakralerotik
›Huch, ein Ständer im Altarumgang!‹, schießt es mir beim Besuch der Kathedrale von Burgos durch den Kopf. Geballte Pracht aus Gotik und Renaissance ist bereits auf mich eingestürzt, die Vierungskuppel, die Vergoldete Treppe des Diego de Siloe, der Maria geweihte Hochaltar in der Hauptkapelle, doch nun saugt sich mein Blick weit über Kopfhöhe an diesem Ständer fest, der mich befremdet. Kein klassischer Ständer für Kerzen oder Lampen, nein, es ist das Motiv einer kleinen Skulptur aus Stein: der Satan mit entblößtem Glied, das horizontal in den Kirchenraum sticht wie eine Pfeilspitze.
© Andreas Drouve Echt teuflisch:
der Satan mit Erektion;
Kathedrale von Burgos,
Altarumlauf
Ich scanne den Höllenfürsten im Geiste ein, setze sein hervorstehendstes Merkmal in Relation zum geflügelten Körper und komme auf eine Länge von höchstens fünfzehn Zentimetern. Eher ärmlich also für einen Strammen Max und in Kontaktanzeigen tendenziell zu verschweigen. Klar, fast jeder hat schon Größeres gesehen im Leben, aber nicht unbedingt in einem Sakralbau, weder in Kunstform noch sonstwie.
›Seht her, dies genitale Teufelswerkzeug!‹, mochte das anatomisch makellose Bildwerk vor Jahrhunderten ausdrücken. An beiden Seiten halten pummelige Begleiter, die ich als Engel interpretiere, die Flügel des Teufels fest und bewahren den in den Rausch der Wollust Geratenen vor dem Alleräußersten. Unter (Kirchen-)Männern dürfte der Abschreckungseffekt vor solcherlei Sünden- und Sittenwarnung gering gewesen sein. Schließlich wusste man in katholischen Kreisen seit alters her, wie und mit welcher Stimulans sich das abgebildete Organ über das Wasserlassen hinaus verwenden ließ. Sexualmoral und Sexualpraxis sind seit jeher ungleiche Kameraden gewesen.
Das Teufelchen von Burgos steht – um im Wortfeld zu bleiben – nicht allein auf weiter Flur. Komme ich an der romanischen Martinskirche von Frómista vorbei, gelegen am Jakobsweg durch Kastilien-León, gilt mein stiller Gruß stets dem Phallusmann, der in der Reihe der über 300 Sparrenfiguren in jeder Hinsicht eine Sonderstellung einnimmt. Das Männlein prangt hoch oben am nördlichen Giebel, es scheint mir beschnitten zu sein, der Umfang der schwer zu übersehenden Glans ist im Vergleich so groß wie seine halbe Hand. Da aus Stein geschaffen, ist sein Instrument in alle Ewigkeit erigiert. Was in allen Leibhaftigen, die heutzutage der Einnahme von Viagra unterworfen sind, sicherlich Neid erweckt.
© Andreas DrouvePhallusmann,
romanische Kirche San Martín
in Frómista
Meine Eindrücke aus der Kathedrale von León sind unweigerlich mit Stadtführer Rafael verknüpft, der seine deutschsprachigen Gruppen im Mittelschiff gern in den Chor lotst und unter den »Misericordien«, jenen Holzstützen an den Klappsitzen, auf die unterschiedlichsten Schnitzmotive verweist, darunter ein Wildschweinpaar in ungewöhnlicher Pose. Freudig macht sich ein Keiler mit der Schnauze am Hinterleib seiner Gefährtin zu schaffen, die zu diesem Zweck die Beine gespreizt hat, als liege sie in der Praxis eines Wildschweinfrauenarztes. Welch tierische Sauerei an heiliger Stätte!
Rafael, ein freundlicher, wohlbeleibter Frühpensionär, Typ Honigkuchenpferd, setzt eine Engelsunschuldsmiene auf und zuckt mit den Schultern. Ein zweites Motiv im Chor übergeht er dezent: einen älteren Mann in Kutte, der umgekehrt rittlings auf einem zweiten sitzt, dessen nacktes Hinterteil sich dem Betrachter zuwendet, während das Gemächt, den Erdanziehungskräften gehorchend, herunterbaumelt.
Per Post hat mich Rafael letzte Woche dankenswerterweise mit einer Farbkopie der Wildschweinszene und einem ergänzenden Zeitschriftenbericht über Darstellungen in Chorgestühlen spanischer Kirchen versorgt. Zu den markant herausgeschnitzten Schwächen des Fleisches führt der Autor des Magazinbeitrags Beispiele aus den Kathedralen von Ciudad Rodrigo, Plascencia und Zamora an. Nichts ist zweideutig, alles eindeutig.
© Andreas DrouveAn meinem Arbeitsplatz schaue
ich mir die Farbkopie der
Wildschweinszene an, die
mir Rafael geschickt hat
Während Mann und Frau im Wannenbad, im Beisein von zwei Bediensteten schamlos ihre Teile zeigend, zu den harmloseren Sujets zählen, dürften sich selbst jene Betrachter, denen nichts Menschliches fremd ist, angesichts der Motive, die Vorlieben für das Spiel in Hintereingängen aufgreifen, die Augen reiben. Auf Details sei an dieser Stelle verzichtet, nur so viel: Welch derbe, obszöne Standbilder aus den Territorien zwischen Oberschenkel und Gürtellinie! Sex mit Tieren, animalische Begierde unter Einsatz von Fäkalien, manches ist mehr als bloße Sakralerotik, nämlich: Hardcore in heiligen Hallen.
Was Sodomie betrifft, so hat sie auch Einzug in den Codex Calixtinus gehalten, das mittelalterliche Standardwerk zur Santiago-Pilgerschaft, verfasst im 12. Jahrhundert. Zum Typus des Mannes aus der Region Navarra heißt es, er gebe gleichermaßen der Scham seiner Frau wie der seines Maultieres »unzüchtige Küsse«. Und: »Man erzählt sich auch, dass der Navarrese am Hinterteil seines Maultiers oder seiner Stute einen Schutz anbringt, damit kein anderer außer ihm zu diesem Zugang hat.« Eine Art Keuschheitsgürtel für Tiere. Das war mir neu. Man lernt immer dazu.
Bleibt die Frage, ob die Versuchungen in den Häusern Gottes wirklich allzu plastisch und abschreckend thematisiert wurden, um das Böse herauszustellen. Oder hatten es vereinzelt Künstler gewagt, wie es einige Quellen nahelegen, auf ihre Art den Spott über Klerusvertreter auszukübeln?
© Andreas DrouveZur Kirche San Martín in Frómista, die sich
mit ihrer Hauptfassade westwärts wendet,
gehört der Phallusmann
Diese These scheint mir nicht schlüssig. Eher dürften die Erst- von den Zweitgenannten angehalten worden sein, im Chorgestühl, zu denen das gemeine Volk keinen Zutritt hatte, Spielräume heimlicher Fantasien und Wege der Ersatzbefriedigung zu schaffen. Fortan strichen Generationen an Kirchenmännern während der Gesänge und Andachten mit ihren Fingern über das polierte Holz und drangen wie zufällig zu unterschiedlichsten Wölbungen und Öffnungen vor. Einzelheiten seien dezent verschwiegen, nicht aber die Vermutung, dass die Streicheleinheiten eher der Erektion als der Kontemplation förderlich waren.
Allen Kirchenskeptikern halte ich entgegen: Gehen Sie wieder öfter in die Kirche! Zumindest in eine spanische. Es könnte sich lohnen. Glauben und kunsthistorisches Interesse sind keine Einstiegsvoraussetzungen, doch manchmal werden Sie mehr über die Spezies Mensch und die Gattung der Vertreter Gottes auf Erden in Erfahrung bringen, als diesen selber lieb wäre. Der Teufel steckt im Detail. Oder er sitzt im Chorgestühl.
© Andreas Drouve Echt teuflisch:der Satan mit Erektion;
Kathedrale von Burgos,
Altarumlauf
›Seht her, dies genitale Teufelswerkzeug!‹, mochte das anatomisch makellose Bildwerk vor Jahrhunderten ausdrücken. An beiden Seiten halten pummelige Begleiter, die ich als Engel interpretiere, die Flügel des Teufels fest und bewahren den in den Rausch der Wollust Geratenen vor dem Alleräußersten. Unter (Kirchen-)Männern dürfte der Abschreckungseffekt vor solcherlei Sünden- und Sittenwarnung gering gewesen sein. Schließlich wusste man in katholischen Kreisen seit alters her, wie und mit welcher Stimulans sich das abgebildete Organ über das Wasserlassen hinaus verwenden ließ. Sexualmoral und Sexualpraxis sind seit jeher ungleiche Kameraden gewesen.
Das Teufelchen von Burgos steht – um im Wortfeld zu bleiben – nicht allein auf weiter Flur. Komme ich an der romanischen Martinskirche von Frómista vorbei, gelegen am Jakobsweg durch Kastilien-León, gilt mein stiller Gruß stets dem Phallusmann, der in der Reihe der über 300 Sparrenfiguren in jeder Hinsicht eine Sonderstellung einnimmt. Das Männlein prangt hoch oben am nördlichen Giebel, es scheint mir beschnitten zu sein, der Umfang der schwer zu übersehenden Glans ist im Vergleich so groß wie seine halbe Hand. Da aus Stein geschaffen, ist sein Instrument in alle Ewigkeit erigiert. Was in allen Leibhaftigen, die heutzutage der Einnahme von Viagra unterworfen sind, sicherlich Neid erweckt.
© Andreas DrouvePhallusmann,romanische Kirche San Martín
in Frómista
Rafael, ein freundlicher, wohlbeleibter Frühpensionär, Typ Honigkuchenpferd, setzt eine Engelsunschuldsmiene auf und zuckt mit den Schultern. Ein zweites Motiv im Chor übergeht er dezent: einen älteren Mann in Kutte, der umgekehrt rittlings auf einem zweiten sitzt, dessen nacktes Hinterteil sich dem Betrachter zuwendet, während das Gemächt, den Erdanziehungskräften gehorchend, herunterbaumelt.
Per Post hat mich Rafael letzte Woche dankenswerterweise mit einer Farbkopie der Wildschweinszene und einem ergänzenden Zeitschriftenbericht über Darstellungen in Chorgestühlen spanischer Kirchen versorgt. Zu den markant herausgeschnitzten Schwächen des Fleisches führt der Autor des Magazinbeitrags Beispiele aus den Kathedralen von Ciudad Rodrigo, Plascencia und Zamora an. Nichts ist zweideutig, alles eindeutig.
© Andreas DrouveAn meinem Arbeitsplatz schaueich mir die Farbkopie der
Wildschweinszene an, die
mir Rafael geschickt hat
Was Sodomie betrifft, so hat sie auch Einzug in den Codex Calixtinus gehalten, das mittelalterliche Standardwerk zur Santiago-Pilgerschaft, verfasst im 12. Jahrhundert. Zum Typus des Mannes aus der Region Navarra heißt es, er gebe gleichermaßen der Scham seiner Frau wie der seines Maultieres »unzüchtige Küsse«. Und: »Man erzählt sich auch, dass der Navarrese am Hinterteil seines Maultiers oder seiner Stute einen Schutz anbringt, damit kein anderer außer ihm zu diesem Zugang hat.« Eine Art Keuschheitsgürtel für Tiere. Das war mir neu. Man lernt immer dazu.
Bleibt die Frage, ob die Versuchungen in den Häusern Gottes wirklich allzu plastisch und abschreckend thematisiert wurden, um das Böse herauszustellen. Oder hatten es vereinzelt Künstler gewagt, wie es einige Quellen nahelegen, auf ihre Art den Spott über Klerusvertreter auszukübeln?
© Andreas DrouveZur Kirche San Martín in Frómista, die sichmit ihrer Hauptfassade westwärts wendet,
gehört der Phallusmann
Allen Kirchenskeptikern halte ich entgegen: Gehen Sie wieder öfter in die Kirche! Zumindest in eine spanische. Es könnte sich lohnen. Glauben und kunsthistorisches Interesse sind keine Einstiegsvoraussetzungen, doch manchmal werden Sie mehr über die Spezies Mensch und die Gattung der Vertreter Gottes auf Erden in Erfahrung bringen, als diesen selber lieb wäre. Der Teufel steckt im Detail. Oder er sitzt im Chorgestühl.
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Andreas Drouve stammt aus dem Rheinland. Mitte der 1990er hat er seinen Lebensmittel-