Hauptinhalt
14. Juni 2011
Rein organisch gesehen
»Banges Warten auf Spenderherz« und »Organmangel in Spanien« stand zuletzt in der Zeitung. Ich fand den Bericht befremdend. Unterschwellig schwang beim Blick auf Wartezeiten und Ungewissheit so etwas wie ein Vorwurf mit. Mir schien, als habe der Verfasser ausgeblendet, dass erst ein Licht ausgehen muss, damit ein anderes weiterleuchtet. Hiermit biete ich ihm eine pietät- und geschmacklose Sicht der Dinge an. Er sei gewarnt – und Sie auch ...
© Andreas Drouve Helm auf und marsch...
Acht Unfalltote letztes Wochenende, hat Spaniens Nationale Verkehrsbehörde mitgeteilt. Eine magere, enttäuschende Bilanz auf den Straßen des Landes. Ein paar Schwerverletzte, niemand im Koma, keiner hirntot. Früher, da waren vierzig bis fünfzig Menschenleben pro Wochenende die Regel. In jüngerer Vergangenheit sind die Unfallzahlen dramatisch gesunken, wie der Blick in die Annalen beweist. Arbeitsplätze in Krankenhäusern, Krematorien, Friedhofsanlagen, Prothesen- und Blumenläden sind in Gefahr. Alkoholkontrollen, Radarfallen, Aufklärungskampagnen im Fernsehen, ein Punktesytem für Verkehrssünder – all das hat Besorgnis erregende Konsequenzen. Nicht einmal mehr telefonieren darf man am Steuer.
Was nützt ein landläufiger Schädelbasisbruch, ein Schleudertrauma, von dem man sich irgendwann erholt, doch mangels Ableben einen Mitmenschen in den Tod treibt? Hat niemand mehr ein Herz für die, die auf der anderen Seite stehen? Neue Lungen braucht das Land. Wo bleibt die frische Befüllung der Kühlköfferchen, wo die Arbeit für die Entnahmeteams, wo der dringend benötigte Nachschub an Lebern? Und es geht nicht nur um Lebern, die durch eigene Schuld in Form von Sherry, galicischem Trester und eichenfassgereiftem Rioja über Jahre systematisch zersetzt worden sind.
Notleidende der rückläufigen Unfallopfer sind in Spanien jene, die händeringend ein Transplantat brauchen und ihre Warteschleifen zwischen dem Dies- und Jenseits drehen. Da hatte der Verfasser von »Banges Warten auf Spenderherz« natürlich Recht. Es ist die triste Kehrseite der Medaille. Die Zeit des Hoffens und Bangens geht vielen an die zu ersetzenden Nieren, manches erledigt sich mangels Spendernachwuchs zwischendurch biologisch.
© Andreas Drouve ...Besuch in der Weltkulturerbestätte
Atapuerca, Provinz Burgos
Das Problem liegt nicht in der grundsätzlichen Spenderbereitschaft. Spanier knausern mit Trinkgeld im Restaurant und Hotel, aber sie spenden gerne, sofern es nichts kostet. Wenn aber potenziellen Crashpiloten mit immer neuen Auflagen der wilde Stier am Steuer ausgetrieben wird, wenn selbst Mofa- und Motorradfahrer in Andalusien mittlerweile den Helm aufsetzen – was ist aus Spanien geworden? Wo, um alles in der Welt, soll möglichst rasch und viel Material für Neuverpflanzungen herkommen? Aus China vielleicht, zusammen mit der nächsten Lieferung von Dosenspargel und elektrischen Nasenenthaarern?
Alternativ richtet sich der Blick auf Arbeitsunfälle. Sicher, vereinzelt werden spanische Dachdecker noch vom Winde verweht, Fließbandkräfte von Maschinen zermalmt, Werkarbeiter von Gabelstaplerfahrern in »Schaschlik Homo sapiens« verwandelt – aber dann ist eh alles kaputt. Dann tragen die Opfer – gewissermaßen – ihr Herz auf der Zunge oder haben es auf die Schnelle ausgeschüttet. Bleibt festzuhalten, dass Arbeitsunfälle generell aus der Mode gekommen und kein Lichtstreif der Hoffnung sind.
In Spanien entsprechen Vorschriften und Sicherheitsvorkehrungen heute dem Anspruch an ein modernes Land in Europa. Traurig, aber wahr. Zuletzt in der Nähe von Burgos musste ich sogar beim Besuch der Weltkulturerbestätte Atapuerca einen leuchtgelben Schutzhelm tragen. Übergestülpt über eine Art Haarnetz. Ein lächerlicher Anblick. Mein Gott, es hätte ja etwas passieren können ... Dabei führte der Rundgang nur an ein paar Gerüsten und Ausgrabungen vorbei, wo Archäologen Reste des spanischen Neandertalers ausgebuddelt hatten.
© Andreas Drouve Typischer Rotampelgänger,
hier in Asturiens Hauptstadt Oviedo
Apropos Altmensch. Die letzte Hoffnung auf Nachschübe an Organen würde auf Rotampelgängern ruhen, bestünden sie nicht vornehmlich aus ganz besonderen Exemplaren. Immer wieder beobachte ich sie, wie sie sich auf den Bürgersteig gegenüber retten und es trotzdem wagen, hupenden Autofahrern Gesten der Unmut hinterherzuschicken. Diese Spezies der unverfrorenen Straßenkreuzer muss ich zunächst in Schutz nehmen. Die meisten wissen kaum mehr, was sie tun. Sie gehören der Generation Achtzig plus an und sind ein echtes Phänomen. Ich weiß nicht, ob sie historisch bedingten Nachholbedarf als Aufrührer gegen die Normen verspüren oder ob die Natur Adrenalinkicks für Greise vorgesehen hat, aber ich sehe in Spanien, was ich sehe und wen ich sehe, Tag für Tag.
Und ich vermute, dass ich sie solange sehen werde, bis sie ausgestorben oder endlich – von Fahrzeugen wie vom Sterberegister – erfasst worden sind: Uralte, Schlurfende, Hinkende, fast scheintote Beinnachzieher, nicht selten Krückstockträger, die mit ihrem Restleben spielen. Sie alle trennt beim Überqueren roter Ampeln eine Mantelbreite von den ewigen Jagdgründen. Doch als Kandidaten für Nachschub auf dem Organmarkt taugen auch die nicht mehr.
© Andreas Drouve Helm auf und marsch...Was nützt ein landläufiger Schädelbasisbruch, ein Schleudertrauma, von dem man sich irgendwann erholt, doch mangels Ableben einen Mitmenschen in den Tod treibt? Hat niemand mehr ein Herz für die, die auf der anderen Seite stehen? Neue Lungen braucht das Land. Wo bleibt die frische Befüllung der Kühlköfferchen, wo die Arbeit für die Entnahmeteams, wo der dringend benötigte Nachschub an Lebern? Und es geht nicht nur um Lebern, die durch eigene Schuld in Form von Sherry, galicischem Trester und eichenfassgereiftem Rioja über Jahre systematisch zersetzt worden sind.
Notleidende der rückläufigen Unfallopfer sind in Spanien jene, die händeringend ein Transplantat brauchen und ihre Warteschleifen zwischen dem Dies- und Jenseits drehen. Da hatte der Verfasser von »Banges Warten auf Spenderherz« natürlich Recht. Es ist die triste Kehrseite der Medaille. Die Zeit des Hoffens und Bangens geht vielen an die zu ersetzenden Nieren, manches erledigt sich mangels Spendernachwuchs zwischendurch biologisch.
© Andreas Drouve ...Besuch in der WeltkulturerbestätteAtapuerca, Provinz Burgos
Alternativ richtet sich der Blick auf Arbeitsunfälle. Sicher, vereinzelt werden spanische Dachdecker noch vom Winde verweht, Fließbandkräfte von Maschinen zermalmt, Werkarbeiter von Gabelstaplerfahrern in »Schaschlik Homo sapiens« verwandelt – aber dann ist eh alles kaputt. Dann tragen die Opfer – gewissermaßen – ihr Herz auf der Zunge oder haben es auf die Schnelle ausgeschüttet. Bleibt festzuhalten, dass Arbeitsunfälle generell aus der Mode gekommen und kein Lichtstreif der Hoffnung sind.
In Spanien entsprechen Vorschriften und Sicherheitsvorkehrungen heute dem Anspruch an ein modernes Land in Europa. Traurig, aber wahr. Zuletzt in der Nähe von Burgos musste ich sogar beim Besuch der Weltkulturerbestätte Atapuerca einen leuchtgelben Schutzhelm tragen. Übergestülpt über eine Art Haarnetz. Ein lächerlicher Anblick. Mein Gott, es hätte ja etwas passieren können ... Dabei führte der Rundgang nur an ein paar Gerüsten und Ausgrabungen vorbei, wo Archäologen Reste des spanischen Neandertalers ausgebuddelt hatten.
© Andreas Drouve Typischer Rotampelgänger,hier in Asturiens Hauptstadt Oviedo
Und ich vermute, dass ich sie solange sehen werde, bis sie ausgestorben oder endlich – von Fahrzeugen wie vom Sterberegister – erfasst worden sind: Uralte, Schlurfende, Hinkende, fast scheintote Beinnachzieher, nicht selten Krückstockträger, die mit ihrem Restleben spielen. Sie alle trennt beim Überqueren roter Ampeln eine Mantelbreite von den ewigen Jagdgründen. Doch als Kandidaten für Nachschub auf dem Organmarkt taugen auch die nicht mehr.
Kommentare zu "Rein organisch gesehen"
von Hella-M. Schier
am 01.08.2012 um 20:29 Uhr
Es ist ja primär, zumindest soweit man hört, nicht so, dass nicht genug potentielle Spender sterben würden, sondern, dass die Gestorbenen vorher keine Spendebereitschaft erklärt haben. In Deutschland ist gerade eine Regelung auf dem Vormarsch, wonach in Zukunft jedem, der das nicht vorher aktiv per Erklärung ausschließt, ein Spenderorgan entnommen werden kann. Da viele, wie ich auch, zwar gern helfen würden, aber nicht das Gefühl haben wollen ihren eigenen Unfall-Tod planen, führt das dann sicher zu wesentlich mehr Spenderorganen.Auch an wildernde Krankenwagen aus einem alten Filmschocker denktdaher dann weniger...
"Rein organisch gesehen" kommentieren

Andreas Drouve stammt aus dem Rheinland. Mitte der 1990er hat er seinen Lebensmittel-
Mir geht es oft ähnlich, wenn ich Berichte in den Zeitungen lese, dass dringend Organspender gesucht werden. Natürlich geht es bei den Betroffenen, die auf ein Organ warten, um Leben und Tod und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie unerträglich dieses Warten sein muss. Aber auf der anderen Seite ist dann tatsächlich jemand gestorben.