Kabelwildwuchs an Hauswänden zählt zu jenen Phänomenen, an denen sich im Spanien der Gegenwart nichts geändert hat. Auf Reisen in andalusische Dörfer des Südens fallen sie mir ebenso auf wie in Städten des Nordens und selbst beim Austritt aufs Pflaster über unserer eigenen Haustür: Rohrleitungen kreuz und quer über den Fassaden, Strom und Gas, ein Irrgarten, teils in fragilem Zustand. Manche Stränge verlaufen halbdutzendfach parallel in zarter Symmetrie, andere sind ineinander verdreht und entsprechen der Kunst filigraner Flechtbandornamentik, wieder andere stehen bedrohlich ab und werfen wildeste Kreise und Schlangenmuster in die Luft.
© Andreas DrouveKabel von links oben und links unten
direkt in die Wohnung hinein, der
Rest ist Wäscheleine und Rolloschnur -
Fassadendetail in Granada
Statt unter Putz oder im Boden versteckt, trotzen die Leitungen seit unbestimmten Zeiten der Witterung und ziehen sich mancherorts dank abenteuerlicher Stützhilfen auf Höhe der obersten Geschosse auf die andere Seite der Straße. Alleine vier solcher Leitungsgebilde schweben über die Altstadtgasse, in der wir wohnen. Ich habe heute extra nachgezählt und nebenbei bemerkt, dass es irgendeinem Witzbold gelungen ist, ein Paar Schuhe an einen Strang hinaufzuschleudern.
»Sieht das immer so aus hier?«, fragen mich Gäste, die ich gelegentlich durch die Stadt führe, und bringen Erinnerungen an vergleichbare Panoramen in Thailand und der Karibik ins Spiel.
»Ach, manches ist nur provisorisch«, entgegne ich wahrheitsgemäß, verzichte aber manchmal darauf zu erläutern, dass ein Provisorium in Spanien ein Menschenzeitalter anhalten kann.
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die Kabelsalate stören mich nicht. Im Gegenteil. Für mich sind sie Relikte des guten alten Spanien.
Natürlich liegt der Vorteil von Freilaufkabeln auf der Hand. Ist irgendwo etwas defekt, lässt sich der Fehler aufspüren, ohne flächendeckend Böden und Wände aufbaggern zu müssen. Andererseits scheint mir das äußere Leitungsgewirr ein Spiegelbild des Leitungsgewirrs der dahinter stehenden Versorgergesellschaften zu sein. In mein Gedächtnis gebrannt bleibt ein Kabel des Stromanbieters
Iberdrola, das – zumindest gut isoliert – »kurz vorübergehend« unter unserem Schlafzimmer im dritten Stock über die Straße hinweg bis zum Haus gegenüber baumelte. Ein in der Horizontalen durchhängendes Leinengewächs also, auf dem ich mich im Stadtdschungel zu den Nachbarn auf Besuch hätte hangeln können, geschätzte zehn Meter lang. »Kurz vorübergehend« bedeutete letztlich: ein halbes Jahrzehnt.
© Andreas Drouve Unübersehbar Kabelstränge,
auch nachts in Frigiliana, Andalusien
Legt man das Beispiel des Alberto L. zugrunde, der seinem Unmut Ende August in einem Leserbrief an die Zeitung
Diario de Navarra Luft verschaffte, lässt sich rasches Handeln von
Iberdrola ohnehin nur in Lichtjahren messen. Journalist Alberto hatte sich mit einem Redaktionsbüro selbstständig gemacht und brandneue Räumlichkeiten in einem Gewerbegebiet angemietet. Nach Abschluss der Elektroinstallation durch eine autorisierte Firma Anfang Mai fehlte einzig die Freischaltung durch
Iberdrola, eine Formalie. Der Restwonnemonat Mai zog ins Land, der Juni, dann wurde es Sommer – aber immer noch kein Licht. Albertos Reklamationen prallten im Kundenzentrum und per Telefon an Mauern aus Desinteresse und Selbstherrlichkeit ab. Wen kümmerte, dass er ohne Stromzufuhr schwerlich arbeiten konnte?
Iberdrola ist schließlich Monopolist. Mitte September stieß ich auf einen zweiten Leserbrief von Alberto, voll des untertänigen Dankes. Nach über vier Monaten hatte sich die Gesellschaft erbarmt und den Hebel umgelegt – willkommen im Club!
Und dieser Club ist bis hin zu den Abrechnungsmodi ein ganz besonderer. Die Stromzählerstände werden von
Iberdrola zwar nur alle zwei Monate abgelesen, aber auch uns flattert jeden Monat eine Rechnung mit wundersam detaillierter Kilowattzahl ins Haus. Des Rätsels Lösung ist ein kleiner Vermerk, der in ablesefreien Monaten lautet:
consumo estimado, der »geschätzte Verbrauch«. Dieser ist nicht gerade niedrig angesetzt und wird nach der
Iberdrola'schen Zauberformel mit dem wahren Konsum verrechnet. Von Gutschriften oder Rückzahlungen habe ich nie gehört.
© Andreas DrouveMalerisch in Haro (La Rioja),
wäre da nur nicht
das hängende Kabel ...
Kontakte mit Spaniens Versorgergesellschaften verheißen in den wenigsten Fällen Gutes. Die stetig steigenden Nebenkosten werden natürlich stillschweigend abgebucht, doch wehe dem, der sich als Versorgter mit der Beweisführung gegen Irrtümer der Versorger konfrontiert sieht! Die Gasgesellschaft habe ich im Kapitel »Gasalarm« ausgiebig gewürdigt,
Iberdrola ließ sich in einem Fall erst nach Intervention einer Verbraucherschutzvereinigung herab, einen Ablesevorgang zu prüfen und die Summe leicht nach unten zu korrigieren: nicht 3.010 Euro, wie vom Besitzer für den Energiekonsum in einem leerstehenden Abstellraum gefordert, sondern 6,97 Euro ...
Kündigt ein Schreiben der Wasserwerke »Fortschritte für den Verbraucher« an, schrillen die Alarmglocken, steht Schlimmes zu befürchten. Als Beispiel möge Beatriz H. herhalten, die in einer Zeitungszuschrift schilderte, wie der für sie als »kostenlos angekündigte Wechsel des Wasserzählers« ablief. Zunächst zerlegte der Auftragsklempner einen Küchenschrank und riss ein kindskopfgroßes Loch in die Wand, um an eine Zuleitung zu kommen. Als unter seiner Hand der Griff am Wasserzufuhrschalter brach, sagte er: »War wohl stark überaltet. Ab jetzt kannst du alles per Schraubenschlüssel öffnen und schließen. Ist kein Problem.«
Beatriz bestand indes darauf, dieses gerade entstandene Problem so schnell wie möglich zu beheben: »Bis heute war alles noch ganz.«
Missmutig verabschiedete sich der Klempner mit den Worten: »Na gut, ich seh' im Lager nach, ob ich so ein Teil finde, und rufe dich dann an.«
Als er dies sprach, war es Juni. Was im Lager passierte, ist nie ans Licht gedrungen, und eine Klempnerleiche wurde bis heute nicht gefunden. Fest steht, dass sich die Stadtwerke in den Monaten nach dem mysteriösen Verschwinden weigerten, andere Handwerker zu entsenden, boten Beatriz aber an, sie könne in der Zentrale vorbeikommen und schriftlich eine Reklamation einreichen.
Auf die skeptische Frage »Die nützt aber ohnehin nichts, oder?« bekam sie zur Antwort: »Nein, eigentlich nicht, aber du kannst es trotzdem versuchen.«
Beatriz lehnte dankend ab. Das Loch in der Küche zementierte sie in Eigenregie zu, auch die Schrankteile fügte sie selber wieder zusammen. Für den Rest bestellte sie gegen Ende des Jahres auf eigene Kosten einen Installateur.