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28. November 2011
Krach um den Lärm
»Wegen Lärm geschlossen.«
In Spanien hätte ich diese Zeitungsschlagzeile vormals für unvorstellbar gehalten. Noch weniger beim Streitfall um eine neue, öffentliche Multifunktionshalle. Diese war zwar überdacht, aber zu den Seiten hin offen. Ein tückischer Planungsfehler. Der Stimmenhall von Freizeitsportlern, Konzerte und animalische Nacht-Arien der Dorfjugend nach Massenbesäufnissen unter dem Hallendach drangen ein Stück weiter einer Halbdutzendschaft Familien des Ortes Artica so ungebremst in die Gehörgänge, dass sie alles andere als gute Vibrationen zu spüren bekamen.
© Andreas Drouve Dem Verkehrslärm in der Hauptstadt Madrid
wohlig entrückt - auf der
Dachterrasse des Zirkels der Schönen Künste
Trotz erster Beschwerden bei der Gemeinde und Dezibelmessungen, die das gesetzlich vorgesehene Höchstmaß um Längen übertrafen, stellten sich die Rathausoberen taub. Unterfüttert durch psychologische Behandlungen und endlose Anrufe bei den Sicherheitskräften, um den Ruhestörungen ein Ende zu bereiten, zogen die Anwohner gemeinschaftlich vor Gericht und bekamen Recht. Nun ist die 1,2-Euromillionen-Halle mit polizeilichem Absperrband umwickelt ...
»Tourist respect Portuguese silence or go to Spain« – dieses Graffito, vor Jahren in Portugals Hauptstadt Lissabon bemerkt, ist mir unvergesslich geblieben. Da hatte jemand ein profundes Verständnis für die Unterschiede in Kulturkreisen versprüht. Südländisch heißt halt nicht immer laut – im Falle Spanien schon. Seit meinen frühesten Begegnungen mit dem Land schienen dessen Bewohner gegen jedwede Art von Geräuschentfaltungen immun zu sein. Der Boden wurde in der nach oben hin offenen iberischen Dezibelskala erschüttert, und das nicht nur in Granada bei meinem Erstkontakt mit dem Flamenco, als sich ein Sänger, der den Künstlernamen Juan Terremoto, »Johannes Erdbeben«, trug, die Seele aus dem Leib schmetterte. Auch außerhalb der Flamencohöhle galten Lärmpegelhöchststände als normal, da Spanier sie nicht als belastend empfanden oder grenzenlos Toleranz walten ließen.
© Andreas Drouve Flamencotänzerinnen sind keine Leisetreter.
Schlecht, wenn diese in der
Nachbarschaft vor dem Auftritt
noch rasch ein paar Schrittfolgen einüben müssen ...
Alles Geschichte! Heute frage ich mich: Das gute alte lärmende Spanien, wo steuert es hin? Was sind Spanier für Sensibelchen geworden, nur, weil der Nachbar von oben wie immer sein Schlagzeug malträtiert, die schwerhörige Nachbarin von unten das Fernsehgerät für den Klogang lauter stellt, um bei der Sitzung nichts zu verpassen, und die Bewohner von nebenan im Sommer eine Klimaanlage aus der Steinzeit rotieren lassen. Und wie wird es in Zukunft um die Mixtur aus Gesprächs- und Musikfetzen bestellt sein, die sich abends in Kneipengassen und auf Stadtplätzen zum akustischen Tsunami aufbaut? Ist dieses Stück Lebensart wirklich so unumstößlich, wie ich es einst eingeschätzt hätte?
Klagen gegen störende Lautstärke sind zum letzten Schrei geworden, der Krach um den Lärm greift um sich. Mittlerweile gibt es alljährlich im April am »Internationalen Tag gegen Lärm« spanienweit Veranstaltungen mit Aufklärungscharakter. Und Schätzungen für manche Städte besagen, dass in Wohngegenden jeder Zehnte einen Lärm erträgt, der im Schnitt über jenem Limit liegt, das die Weltgesundheitsorganisation als Maßstab vorgibt. Weiterer Mentalitätswandel und Konflikte scheinen vorprogrammiert ...
»Kann ich denn überhaupt das eigene Rathaus anzeigen?«, stellte eine Frau aus Barcelona in einem Internetforum zur Debatte, regelmäßig in die Verzweiflung getrieben durch städtische Müllwagen, die sie des Nachts aus der Tiefschlafphase rissen.
© Andreas DrouveNicht zu beneiden, was Lärm und Abgase
betrifft: Göttin Kybele auf ihrem Denkmal
auf der Plaza de la Cibeles in Madrid.
Da zum Kunstwerk erstarrt,
wird Kybele keine Beschwerde einlegen ...
Antwort: Aber sicher, nur Mut! Für Spaniens Gesetzgeber, die ständig höhere Bürgerpflichten und Abgaben einfordern, war nicht vorauszusehen, dass ihre Untergebenen einmal ernsthaft mündig werden, Hemmschwellen überwinden und selber auf Einhaltung der erlassenen Lärmschutzvorschriften pochen könnten. Ein Bumerangeffekt, der Beschwerdelawinen ausgelöst und bereits zum minutengenauen Ende von Freiluftkonzerten und Bestrafungen von Kneipiers geführt hat, die der Schallisolierung in ihren Räumen nicht nachkamen oder Gäste auf Terrassen nach der Sperrstunde weiterbedienten. Wer Rechtsbeistand sucht, stößt schnell auf die Asociación Española Juristas contra el Ruido, die »Spanische Juristenvereinigung gegen den Lärm«, die davon lebt, dass – und da bekommt man es mit dem typischen Stolz und Trotz des Gemeinen Homo ibericus zu tun – die Geräuschquellen natürlich nicht versiegt sind.
Ich persönlich empfinde weder Straßenkehrmaschinen nach Mitternacht, noch Glockentänzer, die selbst bei niedersten Feieranlässen mit angebundenen Viehglocken auf dem Rücken durch unsere Straße vibrieren, als Wohltat – habe mich aber bislang nicht beschwert. Spanische Hardcore-Protest'ler hingegen nehmen neuerdings zunehmend Kirchenglocken als Dorn im Ohr wahr, was wiederum Kleriker erbost, die auf Einhaltung der Traditionen pochen. Sieht man von nachweislich überschrittenen Dezibelgrenzen durch das Geläut ab, stellt sich unabhängig davon die Frage, was das ganze penetrante Getöse nutzt, wenn ohnehin kaum jemand mehr dem Ruf zur Messe folgt.
Zu Widerstand gegen die Initiative von Widerständ'lern ist es im Städtchen Tudela gekommen, wo sich beim Patronatsfest – allerdings letztlich erfolglos – eine Jugendfront gegen die neuesten Lärmschutzvorschriften bildete, einhergehend mit der Schließung der Kneipen: am Wochenende nicht um mehr um halb fünf in der Früh, sondern vorgezogen auf drei Uhr. Behördlicherseits wurde so den Nichtfeiernden ein Teilanspruch auf Nachtruhe garantiert.
Tröstlich stimmt, dass es Spanien nicht mit deutschen Verbotsdimensionen aufnehmen kann. Hierzulande habe ich von keinem Biergarten gehört, der um zehn Uhr abends zusperren muss. Ebensowenig kenne ich eine Vorschrift, die penetranten Schnarchern in Pilgerherbergen am Jakobsweg bei Überschreitung der Dezibel mit dem Verweis aus dem Schlafsaal droht. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen.
In Spanien hätte ich diese Zeitungsschlagzeile vormals für unvorstellbar gehalten. Noch weniger beim Streitfall um eine neue, öffentliche Multifunktionshalle. Diese war zwar überdacht, aber zu den Seiten hin offen. Ein tückischer Planungsfehler. Der Stimmenhall von Freizeitsportlern, Konzerte und animalische Nacht-Arien der Dorfjugend nach Massenbesäufnissen unter dem Hallendach drangen ein Stück weiter einer Halbdutzendschaft Familien des Ortes Artica so ungebremst in die Gehörgänge, dass sie alles andere als gute Vibrationen zu spüren bekamen.
© Andreas Drouve Dem Verkehrslärm in der Hauptstadt Madridwohlig entrückt - auf der
Dachterrasse des Zirkels der Schönen Künste
»Tourist respect Portuguese silence or go to Spain« – dieses Graffito, vor Jahren in Portugals Hauptstadt Lissabon bemerkt, ist mir unvergesslich geblieben. Da hatte jemand ein profundes Verständnis für die Unterschiede in Kulturkreisen versprüht. Südländisch heißt halt nicht immer laut – im Falle Spanien schon. Seit meinen frühesten Begegnungen mit dem Land schienen dessen Bewohner gegen jedwede Art von Geräuschentfaltungen immun zu sein. Der Boden wurde in der nach oben hin offenen iberischen Dezibelskala erschüttert, und das nicht nur in Granada bei meinem Erstkontakt mit dem Flamenco, als sich ein Sänger, der den Künstlernamen Juan Terremoto, »Johannes Erdbeben«, trug, die Seele aus dem Leib schmetterte. Auch außerhalb der Flamencohöhle galten Lärmpegelhöchststände als normal, da Spanier sie nicht als belastend empfanden oder grenzenlos Toleranz walten ließen.
© Andreas Drouve Flamencotänzerinnen sind keine Leisetreter.Schlecht, wenn diese in der
Nachbarschaft vor dem Auftritt
noch rasch ein paar Schrittfolgen einüben müssen ...
Klagen gegen störende Lautstärke sind zum letzten Schrei geworden, der Krach um den Lärm greift um sich. Mittlerweile gibt es alljährlich im April am »Internationalen Tag gegen Lärm« spanienweit Veranstaltungen mit Aufklärungscharakter. Und Schätzungen für manche Städte besagen, dass in Wohngegenden jeder Zehnte einen Lärm erträgt, der im Schnitt über jenem Limit liegt, das die Weltgesundheitsorganisation als Maßstab vorgibt. Weiterer Mentalitätswandel und Konflikte scheinen vorprogrammiert ...
»Kann ich denn überhaupt das eigene Rathaus anzeigen?«, stellte eine Frau aus Barcelona in einem Internetforum zur Debatte, regelmäßig in die Verzweiflung getrieben durch städtische Müllwagen, die sie des Nachts aus der Tiefschlafphase rissen.
© Andreas DrouveNicht zu beneiden, was Lärm und Abgasebetrifft: Göttin Kybele auf ihrem Denkmal
auf der Plaza de la Cibeles in Madrid.
Da zum Kunstwerk erstarrt,
wird Kybele keine Beschwerde einlegen ...
Ich persönlich empfinde weder Straßenkehrmaschinen nach Mitternacht, noch Glockentänzer, die selbst bei niedersten Feieranlässen mit angebundenen Viehglocken auf dem Rücken durch unsere Straße vibrieren, als Wohltat – habe mich aber bislang nicht beschwert. Spanische Hardcore-Protest'ler hingegen nehmen neuerdings zunehmend Kirchenglocken als Dorn im Ohr wahr, was wiederum Kleriker erbost, die auf Einhaltung der Traditionen pochen. Sieht man von nachweislich überschrittenen Dezibelgrenzen durch das Geläut ab, stellt sich unabhängig davon die Frage, was das ganze penetrante Getöse nutzt, wenn ohnehin kaum jemand mehr dem Ruf zur Messe folgt.
Zu Widerstand gegen die Initiative von Widerständ'lern ist es im Städtchen Tudela gekommen, wo sich beim Patronatsfest – allerdings letztlich erfolglos – eine Jugendfront gegen die neuesten Lärmschutzvorschriften bildete, einhergehend mit der Schließung der Kneipen: am Wochenende nicht um mehr um halb fünf in der Früh, sondern vorgezogen auf drei Uhr. Behördlicherseits wurde so den Nichtfeiernden ein Teilanspruch auf Nachtruhe garantiert.
Tröstlich stimmt, dass es Spanien nicht mit deutschen Verbotsdimensionen aufnehmen kann. Hierzulande habe ich von keinem Biergarten gehört, der um zehn Uhr abends zusperren muss. Ebensowenig kenne ich eine Vorschrift, die penetranten Schnarchern in Pilgerherbergen am Jakobsweg bei Überschreitung der Dezibel mit dem Verweis aus dem Schlafsaal droht. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen.
Kommentare zu "Krach um den Lärm"
Krach oder Lärm
von nixblicker
am 21.12.2011 um 00:04 Uhr
Krach oder Lärm, das ist hier die Frage. Die Zeiten sind rauh, auch für malträtierte spanische Ohren.
So wie es aussieht steuert die gesamte EU auf einen Einheitssound hin.
Lärm
von Erik schwarz
am 01.01.2012 um 18:55 Uhr
Na dann wohn mal im Eixample von Barcelona,
unerträglich lauter Verkährslärm wo man nichtmal das fenster aufmachen kann.
Alles Geschichte
von China Electronics
am 30.06.2012 um 07:53 Uhr
Behördlicherseits wurde so den Nichtfeiernden ein Teilanspruch auf Nachtruhe garantiert.
Glockenlärm
von H. Schier
am 31.07.2012 um 02:53 Uhr
Mir fiel auf, dass ich auf Lanzarote, ich wohnte in Playa Blanca bzw. in Costa Teguise, kein einziges Mal Glocken habe läuten hören und das in einem katholischen Land. Da wohnen doch auch nicht nur Touristen.
"Krach um den Lärm" kommentieren

Andreas Drouve stammt aus dem Rheinland. Mitte der 1990er hat er seinen Lebensmittel-
hervorragende Publikation, ist es sehr interessant