Nach jedem Besuch in Gibraltar schwöre ich, so wie die meisten Tagesausflügler: »Nie wieder!« Am allerwenigsten im eigenen Auto. Der Verkehr ist katastrophal, die Parkplatznot nervig, jede Straße ein Nadelöhr. Alles
too much, da gebündelt auf engstem Raum, ein Miteinander aus Friedhof und Fußballplatz grenzt gleich an die Start- und Landebahn des Flughafens. Mein Gelübde habe ich dennoch immer gebrochen.
Zu sehr zieht mich die bizarre Exotik dieses größten Fremdkörpers auf der Iberischen Halbinsel an, zu verwirrend
strange ist das Gepräge von
The Rock, wie Gibraltar genannt wird. Dahinter steckt nichts anderes als ein territorialer Kümmerling, den sich die Briten 1704 aus spanischen Händen einverleibten und seither besetzt halten. Ein Fliegenschiss auf der Landkarte, beherrscht von einem massigen, steilen Kalksteingiganten, der sich 425 Meter hoch über der Bucht von Algeciras und der Schnittstelle von Mittelmeer und Atlantik aufbuckelt.
© Andreas DrouveÜber den Flughafen von Gibraltar
führt der Straßenzubringer von Spanien her
Die Zufahrt führt über das Rollfeld, im Hintergrund zeichnet sich Nordafrika ab, die oberen Felsrücken sind Lebensraum von Berberaffen. Schamlos verrichten diese an den Haltepunkten der Ausflugswagen und -taxis ihr großes Geschäft auf Dächern und Kühlerhauben, knabbern je nach Laune die Fensterdichtungsgummis an und stürzen sich auf alles, was wie eine Plastiktüte raschelt und Nahrung verheißt. Sie sind die Rüpel von Gibraltar, echte Rowdys, hoffnungslos verlaust obendrein.
Gesitteter als zwischen wilden Affen geht es in der Unterstadt zu, wo leibhaftige Bobbys auf Streife gehen, Rempler ein »
Sorry« erfordern und Parfümerien und Elektronikläden rund um die Main Street mit Angeboten und überfrachteten Auslagen locken. Jedes Mal, wenn mich das Schicksal gegen meinen Schwur nach Gibraltar zurückführt, kann ich mich der Faszination der Shoppingschneisen und historischen Mauerverbünde nicht erwehren. Jedes Mal treibt es mich an die äußerste Spitze, den
Europa Point, mit Ausblicken auf die Meerenge, die Frachter, die Bergsilhouetten Marokkos. Jedes Mal statte ich – dem stattlichen Zugangspreis zum Trotz – dem
Upper Rock Nature Reserve und den unvermeidlichen Affen einen Besuch ab, dazu den
Great Siege Tunnels, die als Verteidigungssystem auf die lange spanische Belagerung Ende des 18. Jahrhunderts zurückgehen, und selbst der
St. Michael's Cave, obwohl die Tropfsteinhöhle in buntesten Kitschlichtvariationen erstrahlt und den Einbau eines Auditoriums zu verkraften gehabt hat.
© Andreas DrouveNach Hause telefonieren ...
In der Kronkolonie Gibraltar bleibt kaum ein Klischee unbesetzt. Briefkästen tragen die Aufschrift
Royal Mail, alte Telefonzellen leuchten in Rot, Buden mit
Fish'n'chips stehen für die sagenhaften Errungenschaften der englischen Küche und Wettbüros für die Leidenschaft, ein sattes Pfund auf das richtige Pferd zu setzen. Einzig falsch liegt, wer Linksverkehr vermutet. Nein, ganz so britisch ist Gibraltar nicht. Andererseits geht nicht alles mit rechten Dingen zu. Anders lässt sich schwer erklären, dass auf gut sechseinhalb Quadratkilometer nicht nur 30.000 gemeldete Bürger kommen, was in etwa der Bevölkerungsdichte von London entspricht, sondern 60.000 Firmensitze, wie Spaniens Medien gerne herausstellen.
»Der Fels der Verbrecher«, giften Kommentatoren in einer Mischung aus Missgunst und angekratztem Nationalstolz und schieben gleich noch Anschuldigungen gegen die »Drogenschleuse Gibraltar« hinterher, die für die ungewöhnlich hohe Zahl der Abhängigen in Algeciras verantwortlich sei.
Fernab von Ressentiments ist allerdings jedem klar: Statt eines rekordverdächtigen Geschäftsinstinkts, der im Schnitt pro gibraltekischem Kopf – Neugeborene, Demente, Beamte und der amtierende Gouverneur inklusive – zwei offiziell registrierte Firmengründungen hervorgebracht hat, steht man vor dem Phänomen eines von höchsten Stellen geduldeten, obskuren Steuerschlupflochs in Europa.
Licht ins Dunkel bringt zumindest die südliche Sonne, die sich in anderen Teilen von
Great Britain eher bedeckt hält, und der ein oder andere Feuerschein, wenn in Gibraltar wieder mal ein Öllager brennt. Doch nicht nur dann herrscht beim nahen Nachbarn Spanien helle Aufregung. Immer wieder wird das billige Auftanken von Schiffen beklagt, immer wieder machen Anwohner der andalusischen Nachbargemeinden tonnenweise angeschwemmtes Altöl an der Küste aus, immer wieder reiben sich Patrouillenboote beider Länder in den Grenzgewässern auf und lassen die Muskeln spielen.
Zertrümmern Soldaten der
Royal Navy bei Schießübungen eine spanische Boje, folgt ein diplomatischer Aufschrei. Verfolgen Polizisten aus Gibraltar eine Bande Juwelenräuber auf spanisches Staatsgebiet und hecheln der Beute hinterher, ohne im Eifer des Gefechts die Behörden zu informieren, ist der Konflikt in Gegenrichtung vorprogrammiert. Ebenso ungern gesehen sind Aufenthalte britischer Atom-U-Boote, zumal, wenn sie marode zur Reparatur in den Hafen Gibraltars einlaufen ...
© Andreas Drouve Rauf auf die Touri-Autos in Gibraltar
Der Widersinn aus Geschichte und Gegenwart zeigt auf, dass die alte Kolonialmacht Spanien unverdrossen auf die Rückgabe von Gibraltar pocht, während sie mit größter Selbstverständlichkeit in Marokko an ihren eigenen Exklaven Ceuta und Melilla festhält. Wie lange es mit dem Zankapfel Gibraltar weitergehen wird, klärt das Orakel auf. Erst wenn der Fels von den letzten Affen – also nicht den Briten, sondern den freilebenden Makaken – verlassen wird, fällt Gibraltar an Spanien zurück.
Da sich die Primaten einer prima Gesundheit erfreuen, wovon ich mich bei meinem letzten Trip erneut überzeugen konnte, blicken die Briten der Wendung des Schicksals cool entgegen: Abwarten und Tee trinken. Und ich schwöre, ich werde nie wieder zurückkommen. Zumindest nicht bis zum endgültigen Fall Gibraltars. Nicht einmal, um meinen in der Main Street günstig erworbenen MP3-Player zu reklamieren, der nach kürzester Zeit seinen Dienst versagte.
Man kann es treffender nicht sagen - ich war dort!
Der Artikel könnte abschrecken und macht doch neugierig.
Dank an den Autor, ich hatte ein grosses Vergnügen beim Lesen.