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17. Oktober 2011
Luxus im Kittchen
In Spanien kursiert eine Geschichte um zwei Politiker, einen älteren und einen jüngeren, die vor der Entscheidung einer großen Investition stehen.
»Was können wir für Sie tun?«, fragen sie den Direktor einer Schule, der sogleich einen Fluss an Mängeln hervorsprudelt. Undichte Stellen im Dach, Risse im Mauerwerk, fehlende Computer und Bücher, überalterte Sanitär- und Sportanlagen.
Die Politiker versprechen eine Lösung, verlangen jedoch nach Geduld.
»Was können wir für Sie tun?«, fragen sie den Direktor eines Gefängnisses, der ähnliche Missstände anführt wie der Schulleiter.
»Hiermit sage ich Ihnen für die Haftanstalt schon jetzt meine Unterstützung zu«, sagt der ältere Politiker, worauf er später unter vier Augen von dem überraschten jüngeren zur Rede gestellt wird und entgegnet: »Verstehst du nicht, Bursche? Noch haben wir das Budget, aber das reicht nur für ein einziges Vorhaben. Denk ein bisschen an dich selbst. Oder willst du irgendwann zurück in die Schule ...?«
© Andreas Drouve Von Stacheldrahtrollen umzogen und in bester Lage
direkt neben dem Stadtpark:
die alte, zentrale Haftanstalt von Pamplona
In Zeiten, in denen Politikern aus Gründen der Steuerhinterziehung und Korruption zunehmend Lebensabschnitte hinter schwedischen Gardinen drohen, ist vorausschauendes Denken stärker gefragt denn je, was eigentlich Stärke der Spanier nicht ist. Dennoch haben führende Verantwortungsträger erkannt: Je besser ich mein potenzielles Zukunftsheim in Euromillionenhöhe ausstaffiere, desto besser wird es mir im Fall der Fälle in meinem »home away from home« ergehen. Nur so lässt sich erklären, dass in Spaniens wahrem Leben mancher Neubau eines Gefängnisses um Längen besser ausgestattet wird als Kindergärten und Schulen. Feuchte Verliese in Burgen, Fußfesseln, schwarzweiß gestreifte Häftlingskluft, ein Darben bei Wasser und Brot, Abschreckungseffekte für potenzielle Neukunden, all das war gestern.
In meiner Wahlheimatstadt Pamplona empörten sich Bürger mit gesundem Menschenverstand eine unnütze Zeitlang über ein Megaprojekt auf dem Hügel Santa Lucía, das politisch längst abgesegnet war. Eine Haftanstalt, »Norte II« genannt und bestens durchdacht, mit viel Platz und Raffinessen, eine kleine, moderne Stadt inklusive Krankenstation, bereit, eine Tausendschaft Kriminelle aus dem ganzen Land und drei Hundertschaften an Wach- und Sicherheitspersonal aufzunehmen. Wie heimelig, schön, romantisch, citynah gelegen und gleichermaßen funktional war dagegen das gute alte Stadtgefängnis mit seinem Ziegelwerk, den historischen Wachtürmchen an den Ecken, den hohen Zäunen und Stacheldrahtrollen! Warum immer wieder Neues? Als an die Öffentlichkeit drang, wie lang der Bestellzettel für das Equipment jenes Neuen ausfiel und was alles kosten und geordert werden sollte, gingen Fluten an aufgebrachten Kommentaren in Foren und Leserbriefen bei den Lokalzeitungen ein.
© Andreas DrouveHistorische Militärparade vor dem Außenministerium
in Madrid - das war einst Gefängnis des Hofes
Eine Megaküche mit fünfunddreißig Kühltruhen und Kühlschränken, Brotbackvorrichtungen, elektrisches Schneidegerät und ein Spülmaschinensystem, das über tausend Teller pro Stunde schaffen würde – all das schien aus Steuerzahlersicht noch verkraftbar. Ebenso die Kaufaufträge für 4.760 Handtücher, gut 2.500 Bettwäschesets und ebensoviele Decken, 2.794 Stühle, 864 Tische, 526 Bänke, 359 Papierkörbe, 143 Büroschränke und 29 Wandtafeln, doch spätestens nach Kenntnis der Bestellungen einer Küchenmegapresse für frischen Orangensaft und der 670 in den Zellen zu installierenden Flachbildschirme der neuesten Generation überstiegen des Volkes Aufschreie der Empörung die dafür vorgesehenen Dezibel. Auch der mit Schaukel, Rutsche, Sandkasten und Pädagogen präparierte Gefängnis-Kindergarten für die jüngsten Besucher der Insassen stieß im Vergleich zu staatlichen Kürzungen bei anderen Sozialausgaben auf Unverständnis.
© Andreas DrouveIm Kastell von Jaén (Andalusien) war
zu Zeiten der französischen Belagerung
Anfang des 19. Jahrhunderts
ein Gefängnis untergebracht
Hinzu kamen im Kittchen, ganz so, als sei man darauf aus, mit den besten Freizeiteinrichtungen und Ferienanlagen konkurrieren zu wollen: ein Schwimmbad, ein Fitnessraum samt Gewichten, Boxsäcken, Laufband, Ruderbank und dreiundzwanzig Fahrradergometern, eine Bibliothek mit 5.000 Büchern und einer wohlsortierten CD-Auswahl, ein Audiovisueller Saal, ein Studienbereich mit Computerarbeitsplätzen und Druckern, eine multifunktionale Sporthalle, eine Auswahl an Fußball-, Basket- und Volleybällen, außerdem Schulmikroskope und Domino-, Dame-, Schach- und Tischfußballspiele, die nicht aus verkommenen Trödelbeständen stammten, sondern brandneu vom Lieferanten kamen.
Vermisst habe ich bei der Aufstellung eine Saunalandschaft mit dem Angebot täglich wechselnder Aufgüsse, ein Shopping Center, eine Beautyfarm und ein integriertes Flatrate-Bordell. Angesichts von derlei Servicemangel scheinen Spaniens Politiker bei der Planung von »Norte II« doch keine ganze Arbeit geleistet zu haben.
»Was können wir für Sie tun?«, fragen sie den Direktor einer Schule, der sogleich einen Fluss an Mängeln hervorsprudelt. Undichte Stellen im Dach, Risse im Mauerwerk, fehlende Computer und Bücher, überalterte Sanitär- und Sportanlagen.
Die Politiker versprechen eine Lösung, verlangen jedoch nach Geduld.
»Was können wir für Sie tun?«, fragen sie den Direktor eines Gefängnisses, der ähnliche Missstände anführt wie der Schulleiter.
»Hiermit sage ich Ihnen für die Haftanstalt schon jetzt meine Unterstützung zu«, sagt der ältere Politiker, worauf er später unter vier Augen von dem überraschten jüngeren zur Rede gestellt wird und entgegnet: »Verstehst du nicht, Bursche? Noch haben wir das Budget, aber das reicht nur für ein einziges Vorhaben. Denk ein bisschen an dich selbst. Oder willst du irgendwann zurück in die Schule ...?«
© Andreas Drouve Von Stacheldrahtrollen umzogen und in bester Lagedirekt neben dem Stadtpark:
die alte, zentrale Haftanstalt von Pamplona
In meiner Wahlheimatstadt Pamplona empörten sich Bürger mit gesundem Menschenverstand eine unnütze Zeitlang über ein Megaprojekt auf dem Hügel Santa Lucía, das politisch längst abgesegnet war. Eine Haftanstalt, »Norte II« genannt und bestens durchdacht, mit viel Platz und Raffinessen, eine kleine, moderne Stadt inklusive Krankenstation, bereit, eine Tausendschaft Kriminelle aus dem ganzen Land und drei Hundertschaften an Wach- und Sicherheitspersonal aufzunehmen. Wie heimelig, schön, romantisch, citynah gelegen und gleichermaßen funktional war dagegen das gute alte Stadtgefängnis mit seinem Ziegelwerk, den historischen Wachtürmchen an den Ecken, den hohen Zäunen und Stacheldrahtrollen! Warum immer wieder Neues? Als an die Öffentlichkeit drang, wie lang der Bestellzettel für das Equipment jenes Neuen ausfiel und was alles kosten und geordert werden sollte, gingen Fluten an aufgebrachten Kommentaren in Foren und Leserbriefen bei den Lokalzeitungen ein.
© Andreas DrouveHistorische Militärparade vor dem Außenministeriumin Madrid - das war einst Gefängnis des Hofes
© Andreas DrouveIm Kastell von Jaén (Andalusien) warzu Zeiten der französischen Belagerung
Anfang des 19. Jahrhunderts
ein Gefängnis untergebracht
Vermisst habe ich bei der Aufstellung eine Saunalandschaft mit dem Angebot täglich wechselnder Aufgüsse, ein Shopping Center, eine Beautyfarm und ein integriertes Flatrate-Bordell. Angesichts von derlei Servicemangel scheinen Spaniens Politiker bei der Planung von »Norte II« doch keine ganze Arbeit geleistet zu haben.
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Andreas Drouve stammt aus dem Rheinland. Mitte der 1990er hat er seinen Lebensmittel-