Dieser impertinente Gestank ätzt sich durch meine Nase in den Brustkorb. Wer ihn einmal eingeatmet hat, weiß, was ich meine, dahinter steckt Vergiftungsgefahr von –
lejía. Und wer, wie Übersetzer,
lejía einfach als »Lauge« bezeichnet, handelt grob fahrlässig. Nein,
lejía ist kein landläufiges Putzmittel, sondern ein teuflisches Chlorkonzentrat in Form von Kampfstoff, eine Allzweckwaffe, vor dem der Schmutz fast freiwillig flüchtet. Meine Schwiegereltern benutzen die Marke
Conejo, was »Kaninchen« bedeutet. Ein eben solches hoppelt über das Frontetikett der Flasche, ein blendweißes Tier, gänzlich fell- und augenlos, als hätte jemand den Inhalt über ihm ausgekippt. Auf des Menschen Kleidung hinterlässt die Flüssigkeit bei unvorsichtiger Handhabe keine »garantierte Desinfektion«, wie die Werbeaufschrift verheißt, sondern übelste Flecken. Im Kontaktfall mit Augen und Haut seien umgehend größeren Mengen an Wasser zu benutzen, entnehme ich dem Warnhinweis auf dem Rücketikett von
Conejo. Vorsorglich abgedruckt ist überdies die Telefonnummer eines Toxikologischen Dienstes in Madrid ...
© Andreas Drouve In Pose auf einen Balkon gestellt: fregona
Lejía zählt zu den Bahn brechenden Erfindungen, die ebenso im spanischen Leben verankert sind wie Stangenweißbrot, Siesta, Olivenöl, luftgetrockneter Schinken und Kartoffelomelette. Nicht immer ist der Erfinder geläufig, im Falle des spanischen Wischmopps schon, zumindest nach einem Juristenmarathon bis ins laufende Jahrtausend hinein. Manuel Jalón Corominas hieß der Ingenieur, der in den 1950er Jahren die
fregona entwickelte und als Massenware zu produzieren begann, ein mit breiten Aufwischfransen ausstaffiertes Schrubbermodell, zu dem ein Plastikeimer mit speziellem Auswringeinsatz gehört. Die
fregona erhob, wie es seinerzeit hieß, »die spanische Frau von der Erde«. Bei der ihr zugedachten Drecksarbeit brauchte sie fortan also nicht mehr auf Knien in die Ecken zu rutschen, sondern konnte beim Bodenscheuern dank des Langstielers aufrecht stehen und ihre Knochen schonen. Ob daher die hohe Lebenserwartung der Spanierinnen kommt? Oder doch vom Olivenöl? Egal, der gesellschaftliche Wandel hat mit sich gebracht, dass heute selbst spanische Männer die
fregona »ohne sich zu schämen« benutzen, wie ich einem Nachruf auf Manuel Jalón Corominas entnahm. Zu den Schamfreien zählt mein Schwiegervater, der es mit Rücksicht auf seine Gattin zwar weitgehend vermeidet, bei der Hausarbeit in die Quere zu kommen, die Schwing- und Wringbewegungen beim Einsatz der
fregona jedoch in eine formvollendete harmonische Einheit zu bringen versteht. Ohne Knurren beseitigt er sogar die Spuren meines Schwiegerhunds, der leider inkontinent geworden ist.
© Andreas Drouve Die Schwebefähre in einem Vorort von Bilbao
wird ebenfalls als spanische Erfindung angesehen
Wer »spanische Erfindungen« googelt, stößt auf den Federkiel, das dampfgetriebene U-Boot, den Wasserzähler, die Schwebefähre, das Tischfußballspiel, Dauerlutscher (»
Chupa Chups«), Pulverminen. Improvisierte Brandsätze, die später als Molotowcocktails weltweit Erfolge bei Demonstrationen und Kriegen feierten, sollen ihren Ursprung ebenfalls in Spanien haben, während das Terrain spanischer Mixgetränke übel vermint ist. Da kommt mir die in Restaurants oft ungenießbare Sangria in den Sinn, der mit weißer Limonade gepanschten »Sommerrotwein«
tinto de verano und die Melange aus Rotwein und Cola,
calimocho, die im Zuge von Volksfesten mit dem Befund von schwer heilbarer Schädelschwere einhergeht.
»Je besser der Wein, desto besser der
calimocho«, stieß einst ein spanischer Freund von uns in geradezu philosophischer Ekstase aus. Vor langem hat uns das Schicksal voneinander getrennt, was weniger mit dem
calimocho, als seiner Sympathie zur christlichen Mafia
Opus Dei zusammenhängt. Ob er weiter trinkt, weiß ich nicht. Ob er sich hinter verschlossenen Türen im Dienste des Glaubens bis zum Delirium geißelt, bleibt spekulativ.
Blicke ich auf immaterielle Erfindungen zurück, haben Regelwerke die Landesgeschichte geprägt: eines zum Blutfluss in mehreren Akten (Stierkampf), ein anderes zur sogenannten »Blutreinheit«, die während der Inquisition mit der Verfolgung Andersdenkender sowie Einheit und Machterhalt von Staatsgewalt und Kirche im Bunde stand. Während Inquisition und Glaubenseinheit die Zeiten nicht überdauert haben, greifen bis in die Gegenwart Erfindungen um sich, deren Ursprünge in der Fremde liegen.
© Andreas DrouveWer hat eigentlich
Spaniens luftgetrocknete Schinken erfunden ...?
Steuern und Gebühren, die in Mitteleuropa lange bekannt waren, schafften es schließlich mit Erfolg über die Pyrenäen. Als Spanien von einer Novität namens gebührenpflichtigem Anwohnerparken erfuhr, das sich als Bürgerservice etikettieren ließ, erwachten Amtsschreibtischtäter aus dem Schlaf. An höhere Mathematik war die Übernahme derlei Gebühreneintreibwesens nicht geknüpft, sondern endete im chronischen
Overbooking. In dem Stadtviertel, in dem ich lebe, übersteigt die Zahl der jährlich ausgegebenen Anwohnerparkausweise »
Zone A« die der vorhandenen Plätze um etwa das Sechsfache, weshalb man gnädigerweise ohne Aufpreis außerhalb parken darf. Oft liegt die nächste Lücke in »
Zone B« zehn bis zwanzig Minuten Fußmarsch von der Wohnung entfernt, Ältere und Gehbehinderte brauchen etwas länger.
Versöhnlich stimmt, dass es wenigstens eine Erfindung bislang nicht in meine Wahlheimat geschafft hat: Fernsehgebühren. Spanien ist dahingehend ein Paradies, es gibt keinen Gruß der Gebühreneinzugszentrale. Ich weiß, es ist ungerecht, aber ich empfange auch über dreißig deutsche Fernsehprogramme – und genieße nicht nur den Basiszustand des Nulltarifs, sondern zappe mich eifrig durch. Denn was wäre die Welt ohne Supertalente und ohne Freizeitbetreuer wie Thomas, Günther, Jörg und Harald? Und was wäre ein Leben ohne Dschungelcamp, Winnetoukonserven und ewigjunge Sängerinnen und Sänger, die den Auslauf in ihren Geriatrischen Zentren zu Auftritten bei Festen der Volksmusik nutzen ...