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Die „Exotik der Nähe“, sich die Heimat mit dem Fahrrad erschließen – das fasziniert immer mehr Menschen. Wir, drei Männer am Beginn der zweiten Lebenshälfte, haben mit dem Rennrad zwar jede Piste im Umkreis von 100 Kilometern um den Wohnort kennengelernt. Doch jetzt soll es erstmals ums Ganze gehen: eine Tour de Deutschland, vom westlichsten Punkt bis zum östlichsten, von Aachen bis nach Zittau. Eine 800 km lange Reise durch unterschiedlichste Mentalitätslandschaften, durch traditionsreiche Städte wie Bonn, Eisenach, Weimar, Jena und Dresden, durch faszinierende Naturlandschaften wie Eifel, Siegerland, Thüringer Wald, das Saaletal und die Lausitz.
In die Elbmarsch bei Windstärke 5
Vorne heißt es heftig einatmen, um das Tempo hochzuhalten - die hinten können aufatmen Foto: Burckhard Sielaff
Den Kampf mit dem Wind am vergangenen Sonntag mussten Holger und ich allein aufnehmen. Dirk hatte seine Kinder zu Besuch, Jörn, unser Mitfahrer von der Auftakt-RTF in Neuwiedenthal, wollte mit seiner Freundin eine Ausfahrt machen, meine anderen Fahrradfreunde waren entweder verreist oder verschnupft. Also ab in die S-Bahn und quer durch Hamburg, von Reinbek bis Schenefeld. Selbst um 7:30 Uhr füllte sich die Bahn rasch, denn es gab noch eine kleinere Konkurrenzveranstaltung in der City, den Hanse-Marathon. "Mit den Schuhen kommt Du aber nicht weit", musst ich mir von der Lauffraktion anhören (als ich am Mittag zurückfuhr, liefen die letzten noch immer - warum tut man sich so etwas eigentlich an?) RTF-Start war diesmal bei Opel Kröger im Industriegebiet an der Stadtgrenze von Hamburg, 650 Mitfahrer fanden sich dort ein. Die bestens gelaunten Organisatoren vom RSG Blankenese und dem SC Hammaburg hatten sogar Radständer für hunderte Bikes aufgestellt, so kam niemand in Versuchung, seinen Drahtesel an die Neuwagen zu lehnen. 

Anmeldung in der Werkshalle - und dann beim Start Windjacke neben Windjacke Fotos: Burckard Sielaff
Unser Training der letzten Wochen hatte sich ausgezahlt, bei Rückenwind ging es problemlos zum Teil mit Tempo 50 gen Westen, kaum etwas ist dann zu hören, nur das Surren der Ketten, so hätte es ewig weitergehen können - aber die nächste Richtungsänderung kam immer, wenn es gerade am schönsten war. Da haben sich dann rasch Gruppen gefunden, denn allein gegen Windstärke 5, das kann nur Masochisten Spaß machen. Die schöne Streckenführung durch die Wedeler Elbmarsch endete schließlich bei Kilometer 112 mit einer Schikane kurz vor dem Ziel: Es ging über den Kösterberg in Blankenese, da liessen sich noch einmal mehr oder weniger freiwillig ein paar Belastungsspitzen setzen, um am Ende halbwegs entspannt gen Ziel auszurollen. Etwas enttäuschend am Abend festzustellen, dass der Kösterberg nur auf Platz 29 der härtesten asphaltierten Steigungen Hamburgs zu finden ist!!
Wenn allerdings der Wind die nächsten Wochen ständig aus Nordost bläst, sollten wir nochmals ernsthaft darüber nachdenken, ob die Aktion "Deutschland von West nach Ost" wirklich eine so gute Idee ist und wir nicht die Fahrtrichtung grundsätzlich ändern sollten (kommt dann jedoch ein Tief von Westen, fegt einem das den Regen ins Gesicht – auch keine so angenehme Vorstellung!). Hatten wir doch eigentlich darauf gesetzt, dass an den meisten Tagen im Jahr der Wind zuverlässig aus Nordwest bläst und uns fast von ganz allein nach Zittau treiben wird. Pustekuchen sozusagen ....

Frische Waffeln und von Harry gesponserte belegte Brote - da fährt man nach 70 Kilometern gerne mal rechts ran Foto: Burckard Sielaff
Fast im Partnerlook, wenn da nicht diese unterschiedlichen Helme wären!
Tempobolzen zum Formaufbau
Am Sonntag haben wir uns ordentlich die Kante gegeben – Claus Peter und ich sind bei der Rudi-Bode-RTF in Hamburg Hamm gestartet. Rudi Bode? Tja, die Frage habe ich mir auch gestellt und vor dem Start zum Radrennen gleich an ein Vereinsmitglied des austragenden RV Endspurt weiter gegeben. Die Antwort: Rudi Bode war Mitglied in dem Hamburger Radsport-Verein und hat die ersten Rennradtouren für Hobbyfahrer initiiert. Bode, inzwischen verstorben, gilt als Erfinder des Hobby-Radsports in Deutschland nennen. Mehr dazu in einem Beitrag von Claus Peter und in Helmuts Fahrradseiten.
Zu Ehren von Rudi B haben wir also an der Tour des Hamburger Traditionsclubs teilgenommen. Es war eine gut besuchte Veranstaltung, bei kühler Witterung (ca. 10 Grad), viel Wind und dunklem Himmel fanden sich mehrere hundert Rennradfahrer ein, die meisten gingen wie wir auf die 118 Kilometer-Strecke. Claus Peter, der ja schon ordentlich Strecke geschrubbt hat in diesem Jahr, und ich, der mit insgesamt 250 Kilometern höchstens ein Viertel des Simonschen Pensums auf dem Tacho hat, hatten uns vorgenommen, nur mitzufahren. Gaaaanz ruhig. Wurde nix draus. Nach etwa 20 Kilometern bildete sich eine Gruppe, und da mussten wir natürlich mit. Volldampf hinterher. Mit 40 bis 45 Sachen haben wir nachgesetzt und Anschluss gefunden. Und steckten dann in einem herrlichen Getümmel, wir bolzten nach Geesthacht, sprinteten auf Ortsschilder, kämpften uns im Windschatten an der Elbe zurück in die City. Und, anders als sonst üblich, wurde zum Ende hin das Tempo nicht raus genommen, und so schrubbten wir die 118 Kilometer in drei Stunden und 30 Minuten weg, laut Rechner im Netz: mit einem Durchschnittstempo von 33,7 Km/h. Aua!
Ist so eine Bolzerei nicht reiner, testosterongesteuerter Blödsinn? Eben nicht. Für unsere Teilnahme an der Tour Transalp hatten wir im letzten Jahr ein Sportinstitut in Zürich besucht, Excerscience ermittelt aus der Forschungsarbeit exakte Trainingspläne für die Athleten, das Mantra der Schweizer: Trainiert in Intervallen! Drei bis vier Minuten bis an die Leistungsgrenze fahren, dann ein paar Minuten den Puls runter bringen, und erneut an die Leistungsgrenze. Dieses Intervall-Training verbessert die Sauerstoffaufnahmefähigkeit, die ist die Grundlage ausdauernder Leistung. Okay, einschränkend sollte ich hinzufügen, dass eine Trainingseinheit von knapp einer Stunde Dauer ausreicht...
Eigentlich wollte ich ja über meinen Besuch bei Stevens Bikes posten. Ich habe bei dem Radhersteller, der den Randonneur aufgebaut hat, den ich vor anderthalb Jahren gekauft habe, und den ich wahnsinnig gerne fahre, die Mechaniker der Custom Made-Abteilung dabei beobachtet wie sie arbeiten. Es war eine interessante Zeit mit drei Kerlen, die Ole heißen, Fiete und Eichhörnchen. Darüber mehr in den nächsten Tagen, gestern war ich einfach zu platt.
Die Fotos zeigen einen Screenshot der Rudi-Bode-RTF, das ist der Streckenverlauf der 118-Kilometer-Runde, und Claus Peter (rechts) und mich nach (!) der Tour. ich finde, wir sehen noch ziemlich fit aus.
Atemlose Momente in den Harburger »Bergen«
So langsam musste es losgehen mit dem Training. Denn obwohl Dirk und ich im vergangenen Jahr die Tour-Transalp gefahren sind, hatten ich den untrüglichen Eindruck, dass sich meine Form über den Winter leider größtenteils wieder verflüchtigt hatte. Und die vor uns liegenden diverse hundert Kilometer mit Gepäck, auf einem Nicht-Rennrad und vor allem ohne viel Windschatten flößen uns gehörigen Respekt ein. Daher haben zumindest Holger und ich die erste RTF im Hamburger Raum mitgenommen, in Neuwiedenthal, ein Stadtteil südlich der Elbe, berühmt-berüchtigt für seine Hochhausansammlungen. Dirk war beruflich bei einer Kreuzfahrtschiff-Taufe auf Mallorca und musste dort tatenlos mit ansehen, wie sich zahllose Trainingsgruppen von Rennradfahrern sich auf die schönsten Inselstrecken stürzten.
Wir wählten die 112-Kilometer-Strecke. Das stellte sich als recht anspruchsvoll heraus, schon nach wenigen hundert Metern warteten einige steile Rampen, die zur zeitweisen Schnappatmung führten – es ging in die Harburger Berge hinauf (was man hier in Hamburg so Berge nennt), aber am Ende sollten es immerhin 750 Höhenmeter werden, nicht schlecht für Norddeutschland.
Zudem blies es vernehmlich und kühl. Aber die Verpflegung an den Kontrollstellen war der ultimative Nachbrenner für windgebeutelte Frühjahrsfahrer: Rosinenbrot mit Nutella und Banane. Zwischendurch hatten wir dann unseren Kollegen Jörn verloren (oder sagen wir besser, wir konnten ihm nicht folgen). Dafür hat er sich dann am nächsten Kontrollpunkt verfahren und musste noch eine kleine 40-Kilometer-Zusatzrunde absolvieren.
Holger und ich hatten uns auch so genug ausgetobt, der Rest des Sonntags verlief dann sowohl entsprechend ruhig. Gar nicht dran zu denken, so etwas sieben Tage hintereinander mit Gepäck zu fahren. Aber am nächsten Wochenende gibt es die nächste Trainingsmöglichkeit, eine RTF in Hamburg-Hamm.
Für Nichteingeweihte: RTF heißt schlicht Radtourenfahrt und ist eine Veranstaltung für Jedermann – auch zu empfehlen für Nicht-Rennradfahrer, denn dort ist alles anzutreffen, was zwar Räder aber keinen Motor hat (obwohl, in manchen Foren wird schon diskutiert, wie man es denn finden soll, dass demnächst wahrscheinlich die ersten E-Biker bei einem RTF auftauchen): Vom Vater mit Kind im Fahrradanhänger über Liegeräder, Mountain-Bikes, Tourenräder bis hin zu High-End-Rennern im fünfstelligen Euro-Bereich. Ausgerichtet wird ein RTF meist von Radsportvereinen, die verschieden lange Strecken ausschildern (meist von 40 bis 140 Kilometern) und Verpflegungsstationen einrichten. Gegen ein geringe Gebühr kann dort jeder mitfahren – in Neuwiedenthal waren es 1000 Teilnehmer. Die beste Terminübersicht für den norddeutschen Raum findet sich auf www.helmuts-fahrrad-seiten.de

Claus Peter Simon tritt als High-Tech-Radler mit einem extra leichten Carbon-Rad und Navigationsgerät an.
Holger Radloff versucht es mit einem Retrorad und detailliertem Kartenmaterial.
Dirk Lehmann setzt auf ein schnelles Reiserad mit Rennlenker, Sportschaltung und Lichtanlage, wird so die 800-Kilometer-Tour zum Sprint?