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21. Mai 2012
Edelmetall – Titan auf Deutschland-Tour


Probefahrt mit Titan: die ersten Meter auf dem Titanium-Randonneur von Dré San
Radfahrer sind schizophrene, herzlose Typen: Einerseits entscheiden sie sich irgendwann für ein Produkt und loben es und loben es und loben es. Andererseits erzeugt jede substantielle Neuerung einen nagenden Haben-Wollen-Reflex. Und deshalb ist man ständig auf der Suche nach dem Besseren, denn das ist des Guten Feind, und das Gute ist das, was man hat – bis man sich das Bessere leisten kann.
In der Vorbereitung für unsere Deutschland-Tour war ich immer davon ausgegangen, dass ich mit meinem „Gran Turismo“ auf die Reise gehen würde. Es ist ein schnelles Reise-Rad, es passt perfekt zu mir, es ist solide bis sehr gut ausgestattet. Alles fein. Doch dann entdeckte ich auf der Stevens-Website ein Rad, das mich faszinierte – das Cyclocross-Modell „Vapor“.



Neuinterpretation der Dreckschleuder: der "Vapor", ein Cyclocrosser von Stevens
Cyclocross hieß früher nur Cross. Es war (und ist immer noch) eine bekloppte Sportart: Man fährt mit einem Rennrad durch den Wald, auf schmalen Reifen über schmale Wege, über Wurzeln, zwischen eng stehenden Bäumen hindurch, steile Hügel hinab und hinauf – so lange es geht, und sobald sie nicht mehr fahren können, schultern die Athleten ihre Räder und rennen weiter. Es war die erste Radsportart, die ich im Fernsehen gesehen habe, und ich war völlig fasziniert. Inzwischen gibt es die vielen Spielarten des Mountainbikes – Trial, Freeride, Enduro, Downhill, Cross-Country –, und aus Cross wurde Cyclocross.
Claus Peter ist ja so ein Winter-Mountainbiker, polkt im Winter auf seinem „Dr. Z“ – ein modernes Mountainbike mit 29-Zoll-Rädern (es sind eigentlich 28er-Felgen, doch mit den dicken Reifen erhöht sich der Radumfang) und viel Federweg hinten und vorne – durch den Sachsenwald. Ich hasse Mountainbikes, es sind schwere, dickfellige Kisten, mit denen man über alles drüber bügelt, das Mountainbike negiert das Terrain, es ist das SUV unter den Fahrrädern. Aber ich wollte auch im Winter radeln, und das „Vapor“, so dachte ich, wäre ein gutes Gerät, um Claus Peter zu begleiten.

Perfekt für Winterradler und Putzteufel
Für eine Probefahrt kann ich einen „Vapor“ ausleihen und düse mit Claus Peter durch den Wald. Es ist ein Höllenspaß. Der „Vapor“ entpuppt sich als kompaktes Rennrad, das sich mit seinem kleinen Rahmen, mit Rennradschaltung (Shimano Ultegra), Stollenreifen (Rocket Ron) und Scheibenbremsen (Avid) sehr agil und schnell im Gelände bewegen lässt. Es ist fast fünf Kilo leichter als ein Mountainbike (dennoch ist Claus Peter schneller als ich), und dass ich es am Ende doch nicht kaufen will, liegt vor allem daran, dass man einen Cyclocrosser mindestens so lange putzen muss, wie man ihn fährt.
Besonders beeindruckt hat mich an dem Rad allerdings die Bremsleistung. Scheibenbremsen sind perfekt für ein schnelles Reiserad, das mit vollen Packtaschen durchaus 20 Kilo mehr wiegt als im Alltagsbetrieb. Der „Vapor“ lässt sich leider nicht als Randonneur fahren (weder Schutzbleche, noch Gepäckträger oder Lichtanlage lassen sich montieren), und so führt die Suche nach einem modernen Reiserad zu Dré San.
Graue Eminenz: ein langgestreckter Titanrahmen mit aufwändigem Hinterbau
Wie viele Rennradfahrer bin auch ich beeindruckt von der Eleganz eines Titan-Rahmen. Wer schon vor einem Rad von Seven gestanden hat (die es leider nicht unter 7000 Euro zu kaufen gibt; daher wohl der Name) oder vor einem Van Nicholas (gibt es „schon“ ab 4000 Euro), der weiß, wovon ich rede: das silber-graue, matt schimmernde Metall, die schmalen Rohrdurchmesser, die sauberen Schweißnähte – das im Flugzeugbau verwendete, extrem robuste, aber auch sehr teure Material lässt Fahrräder edel und elegant erscheinen. André Seubert arbeitet nur mit Titan. Seine in Aschaffenburg ansässige Rad-Manufaktur Dré San produziert maßgefertigte Einzelstücke in Handarbeit, im Programm der Edelmetaller: ein Randonneur mit Scheibenbremsen.
Ich kontaktiere André Seubert, und er schickt mir sein Testrad. Es hat leider nur eine Rahmengröße von 58 Zentimetern, für einen langen Kerl wie mich nicht perfekt. Doch Seubert hat das Rad gut eingestellt, die Sattelstütze ragt weit aus dem Rahmen hervor, der Lenkervorbau streckt das Fahrzeug, das ohnehin einen verblüffenden Radstand von mehr als einem Meter hat, der weit hinten angesetzte Gepäckträger von Tubus sorgt dafür, dass die Ferse nicht gegen die Packtasche schlägt. Schon auf den ersten Einstellungs-Ausfahrten überzeugt der Dré San-Randonneur.
Dann schließlich mache ich mich auf den Weg nach Buchholz in der Nordheide. Rund 35 Kilometer sind bis dahin. Keine große Distanz. Aber auch keine einfache Strecke. Es geht erst durch den Hamburger Industriehafen, über Brücken und Kopfsteinpflaster, dann hinter Harburg in den Wald mit giftigen Steigungen und lästigen Sandwegen. Der Titan-Reiserenner braust dahin, und schon nach wenigen Minuten ist vergessen, dass der Lenker eigentlich zwei Zentimeter zu schmal ist (42 statt 44 Zentimeter) und der Sattel auch verdammt hart.


Kurbelwerk in Kurvenfahrt: fein montierte Mechanik am sauber verarbeiteten Rahmen
Titan hat nicht nur eine besondere Eleganz, das Material soll auch deutlich komfortabler sein als Aluminium. Ob das stimmt, lässt sich nach den ersten Fahrten schwer sagen. Die aufgezogenen Reifen sind deutlich voluminöser als die auf meinem Grand Turismo (ich hatte noch keine Lust zu wechseln), ein 40 Millimeter breiter Reifen federt mehr als 35 Milimeter breiter. Und auch die weiter aus dem Rahmen ragende Sattelstütze verbessert den Komfort. Doch allein die Leichtigkeit, mit der sich das Rad bewegen lässt, mach Lust dessen Alltagstauglichkeit zu testen.
André Seubert stellt mir den 3300 Euro teuren Randonneur für die Fahrt von Aachen nach Zittau zur Verfügung. Das mit Shimanos Ultegra-Schaltung, SON-Lichtanlage, Mavic OpenPro-Laufrädern und Avid-Scheibenbremsen ausgestattete Rad wird die Lücke füllen zwischen Holgers „Drahtesel“ (ein echtes Stahlrahmenrad) und Claus Peters Joghurtbecher (High-Tech aus Carbon). Ich bin gespannt, wie sich der Edelmetall-Renner auf unserer Deutschland-Tour bewährt.

Länge läuft: Typisch Reiserad – langer Radstand und ein effizienter Nabendynamo
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