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3. Juni 2012
Etappe 2: Bonn - Marburg

Am höchsten Punkte des Tages auf knapp 650 Metern. Man soll einen schönen Blick haben von hier
Tag des Regens
Holger:
Sonne war gestern. Heute ist es kalt, und als wir gegen zehn aufs Rad steigen wollen, beginnt der Nieselregen. Was wir da noch nicht wissen: Er wird erst eine Stunde vor Marburg aufhören. Es wird zwischendurch schütten wie aus Eimern. Das Thermometer wird mehrmals auf acht Grad fallen. Dafür wird es uns bergauf warm werden auf den vielen Rampen mit bis zu 15 Prozent Steigung. Es wird also steiler als warm – bei der Tour de France ist das genau andersherum. Und wir werden nach knapp acht Stunden im Sattel in Marburg ankommen, fix und fertig. Aber jetzt bloss nicht heulen. Der blog will noch geschrieben werden, und gegen Mitternacht dürfte keiner von uns dreien noch Piep sagen.

Blick nach oben bei der Abfahrt in Bonn. Es soll regnen? Ja, es wird regnen. Und zwar sehr ergiebig
Also zurück zum Morgenl. Was anziehen? Dirk und Claus Peter sind bestens ausgerüstet mit Hose und Jacke aus Goretex, ich habe auch so eine Jacke, muss aber mit einem Windbeutel als Hose vorlieb nehmen, der weder atmungsaktiv ist noch fürs Radfahren gemacht. Claus Peter und ich haben wasserdichte Überschuhe, Dirk nicht, dafür trägt er wie ich im Schuh wasserdichte Goretex Socken. Ich bin am Abend glücklich über meine doppelt-gemoppelt Variante.



Dirk trifft eine Eisbärin, und das Rad dient als Wäscheine. Der Skilift ist geschlossen
Die eigentliche Herausforderung dieses Mistwetters ist aber einen andere. Von außen trocklenbleiben ist nicht schwer, innen warm zu bleiben dagegen sehr. Schon eine gute Stunde nach dem Start sind mein Unterhemd und das langärmlige Radtrikot aus Kunsrtfaser klitschnass geschwitzt und kleben so kalt auf meiner Haut, dass ich zu frieren beginne. Dirk geht das ebenso. Wir holen unsere Reserve-Trikots aus Merinowolle heraus - ich ziehe noch ein dickes Funktions-T-shirt drunter. Und alles ist gut. Auch die Wolle ist bald durchschwitzt, aber die hält trotzdem bis zu Ankunft um neun Uhr abend warm, als die Temperaturen mitunter unter acht Grad liegen. Der Punkt an diesem Tag geht eindeutig an die Merinowolle.

Wegen Nebel geschlossen: kein Fernblick. Verflixtes, eigenwilliges Kartenwerk: kein Durchblick.
Claus Peter:
Die ersten zwei Kilometer fahren wir am Rhein entlang durch den Ortsteil Oberkassel, sehr pittoresk. Dann geht es ein paar kleine Sträßchen steil bergauf und das Navi will uns in bester Absicht in den Wald führen. Darauf verzichten wir aber dankend, jetzt matschige Wege, das geht gar nicht. Also weiter über Straße und hinein in die Region Westerwald. Landschaftlich schön, aber die Orte gewöhnungsbedürftig. Schein ein Eldorado für Baumärkte zu sein, denn hier ist offenbar jeder ein Handwerker. Dabei sind die "ausgefallendsten" Hauskreationen entstanden. Und auch manche Ruine ist zu besichtigen. In Hachenburg (Sitz des Versandhauses Brigitte Hachenburg) eine Zwangspause wegen Starkregen. Wir landen mitten im Stadtfest, Gaukler und als Eisbären verkleidete Menschen begegnen uns. Das Navi lässt uns derweil zuverlässig im Stich, drei Mal an diesem Tag müssen die Akkus gewechselt werden. Zum Glück findet sich in Hachenburg eine Stromversorgungsstation für die Festbuden, an der wir ein wenig Strom für die Akkus absaugen können. Irgendwann, viel später liegt Marburg in der Talsenke vor uns, wirkt schon von oben großartig - und trotz des schlechten Wetters erschließt sich beim Einrollen sofort der Charme der alten Universitätsstadt. Fachwerkensemble vom Feinsten, steile Altstatdtgassen und die Unterkunft in einem der schmalen, engen Häuser. Jetzt wartet die heiße Dusche!!

Drei Männer auf dem Gipfel: Gruppenfoto auf 650 Meter. Traum vom Helikopter: Notfallpunkt im Wald
Dirk:
Ich kann nicht viel schreiben. Ich bin fertig. Alle. Akku leer. Beine fühlen sich wie Blei an. Der Hintern schmerzt. Die Hüfte ist steif wie eine Stuhllehne. Der Nacken brennt. Die Hände haben so eine seltsame Taubheit, und das Gesicht sieht aus wie misshandelt. Fast acht Stunden haben wir heute im Sattel gesessen. Dass es diese Dimension annehmen würde, ahnte ich schon als Holger in der Nähe von Schöneberg - ein hübscher keiner Ort in der Nähe von Herford, der mir deshalb in Erinnerung blieb, weil am Geländer der Brücke, über die wir fuhren, Blumenkästen hingen, in die Geranien gepflanzt waren – plötzlich rief: "Wir haben 50 Kilometer! Das erste Drittel ist geschafft!" Ich sah auf mein Navi. Stimmt. Allerdings haben wir dafür zweieinhalb Stunden gebraucht. Es war bereits kurz vor kurz vor 13 Uhr. Und da ahnte noch nicht, dass der Regen zwischenzeitlich so stark werden würde, dass uns mehr als eine Stunde unterstellen mussten. Ein harter Tag also.
Doch was geht einem eigentlich so durch den Kopf, wenn man sich immer wieder kurze giftige Steigungen hinauf kurbelt? Es gibt einige Themen, die mich heute auf dem Rad beschäftigt haben. Etwa der Begriff "Königsetappe". Damit verbindet man Anstrengung bis zur Qual. Königlich wäre es aber, so könnte man meinen, wenn man auf einer Sänfte getragen werden würde. Doch die Wortherkunft ist eine andere: Auf der Königsetappe wird eigentlich der König einer Tour gekürt. Meist gewinnt er sie nicht, er lässt einem anderen den Vortritt. Doch der König dominiert die schwerste Etappe und zeigt, dass er den Sieg der Tour will. Heute müsste man eigentlich drei Könige küren.
Und das mache ich jetzt mal:
Berg-König. Ganz klar, diese Auszeichnung geht an Claus Peter. Bei jedem der schrecklich vielen Anstiege stiefelt er uns langsam davon, bis man nur nur noch das rote Rücklicht einsam im Regen oder im Nebel leuchten sieht. Manchmal habe ich den Verdacht, dass er die vielen vielen Höhenmeter (heute waren es mehr als 2500!) in das Routing nur einbaut, um seiner Lust am Anstieg zu fröhnen. Den fährt er in seiner typischen Art hinauf, geht aus dem Sattel, setzt sicht wieder, beschleunigt, geht erneut aus dem Sattel. Schön anzusehen. Unmöglich, ihm zu folgen.
Motivations-König. Mit Holger zu radeln ist selbst dann aufbauend, wenn es einem dreckig geht. Immer kann er Sätze sagen wie "Wir haben schon mehr Steigungen geschafft als noch vor uns liegen." Oder: "Gleich reißt der Himmel auf." Und er lässt sich in seinem positiven Denken nicht aus dem Konzept bringen, selbst wenn es gar nicht aufhört zu regnen, sondern im Gegenteil noch mehr schüttet. Und sogar der Wartepause in einer Fußgängerzone kann er etwas abgewinnen und freut sich über die bunten Blümchen im Waschbetonkübel. Er sollte ein Buch schreiben.
Aussteiger-König. Ich liebe Navis und hasse sie. Wären wir mit Karten unterwegs, müssten wir ständig prüfen, wo wir sind, wie es weiter geht. Das kostet viel Zeit, dagegen ist ein Navi ein Segen. Doch das Ding am Lenker wird zum Tyrann der Tour. Als es uns heute nach grotesker Fahrt über einen aufgeweichten Waldweg erneut in einen Forst führt, weigere ich mich, frage einen Anwohner, wie man nach Marburg kommt. Claus Peter und Holger folgen mir auf die Bundesstraße. Am letzten Anstieg braust Claus Peter wieder davon. Und Holger sagt: "Gar nicht so schlecht, die Strecke."



Das Ziel ist nah. Bis dahin gab es viel Regen. Grauer Himmer über Marburg, es bleibt aber trocken
2. Etappe
149 Kilometer
2500 Höhenmeter
Dauerregen
1 störrisches Navigationsgerät
19 Km/h Durchschnittsgeschwindigkeit
Blogeintrag gepostet um 9 Uhr morgens </
Kommentare zu "Etappe 2: Bonn - Marburg"
koenigsetappe
von Gregor Schöppner
am 04.06.2012 um 19:01 Uhr
Trotz des schlechten wetters bonne route wie der Franzose zu sagen pflegt
koenigsetappe
von Isabell Prophet
am 05.06.2012 um 12:06 Uhr
Lebt ihr noch?
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Claus Peter Simon tritt als High-Tech-Radler mit einem extra leichten Carbon-Rad und Navigationsgerät an.
Holger Radloff versucht es mit einem Retrorad und detailliertem Kartenmaterial.
Dirk Lehmann setzt auf ein schnelles Reiserad mit Rennlenker, Sportschaltung und Lichtanlage, wird so die 800-Kilometer-Tour zum Sprint?
Danke fuer die Impressionen, nur nicht den Mut verlieren, vielleicht gibt es auch Lictblicke hin und wieder.