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8. Juni 2012
Deutschland-Tour, 6. Etappe: Chemnitz - Dresden

Ziel unserer Deutschland-Tour: Straßen wie diese
Dirk:
Zuerst die schlechte Nachricht: Heute hat Mutti uns wieder reingelegt. Erst will sie uns Bögen fahren lassen durch Chemnitz, dann schickt sie uns in einen Wald, steil geht es bergan, die Reifen drehen immer wieder durch auf dem nassen, mal weich-sandigen, mal steinigen Boden. Mich nerven diese Passagen besonders, schon allein Laptop, Kamera und alle zugehörigen Netzteile machen mein Rad ziemlich schwer und das Gegenteil von geländegängig, es fährt sich wie ein Sportwagen mit einem schwer beladenen Dachgepäckträger. Holgers Packtaschen wiegen viel weniger (kein Laptop), er hat sich Cross-Bremsen an seinen grünen Renner gebaut und steuert sein Rad wie ein Ralleyfahrer einen entsprechend modifizierten Rennwagen. Claus Peter fährt ja eher so ein SUV-Fahrrad, es ist quasi der Porsche Cayenne in unserem Trio.
An Claus Peters Rad ist auch das wichtigste Navigationsgerät für unsere Tour montiert. Und deshalb wird immer wieder er von mir angemault, wenn Mutti mal wieder verwirrt ist oder die Sadistin gibt und uns nicht nur die offensichtlich steilste Straße durch ein Dorf ausgesucht hat, sondern auch die einzige mit historischem Kopfsteinpflaster, auf dem man so durchgeschüttelt wird, dass einem noch Kilometer danach die Zähne weh tun. Ich schlage vor, die Software an die Macher des Radrennens "Paris-Roubaix" zu verkaufen, die bauen auch immer solche Gemeinheiten in den Kurs ein. Claus Peter sagt dann gern: „Tut mir leid, aber diese Route ist alternativlos.“



Aufzeichnungen: Das Garmin taugt als High-Tech-Tacho, das Ortsschild weckt Assoziationen und das Loch auf einem abgesperrten Waldweg Holgers Neugier
Und jetzt die gute Nachricht. Für diese Etappe ist die Route auch alternativlos schön. Wir verlassen die Großstadt Chemnitz, kommen vorbei an der Talsperre Euba, passieren die einstige Industriestadt Flöha, klettern durch das in wundervolle Landschaft eingebettete Frankenstein und machen eine böhmische Mittagspause in Freiberg (essen in einem Restaurant, das auf die Küche Tschechiens spezialisiert ist, Pilz- und Gulaschsuppe, lassen uns zum Nachtisch Topfenkuchen mit Marillen servieren).
In Freiberg beginnen wir denn auch eine neue Ära der Navigation. Drei Routen schlägt uns das Gerät vor, eine ist auf dem Display gelb markiert, eine grün, eine blau. Sie führen auf deutlich verschiedenen Wegen nach Dresden, sind aber ungefähr gleich lang. Welche nehmen? Wir markieren kurzerhand drei Bierdeckel und losen aus. Und befahren dank Bierdeckel-Routing kurz vor Wilsdruff genau die Straße, für die man solche Reisen überhaupt unternimmt – eine in die Ferne sich windende, perfekt asphaltierte und offenbar autophobe Straße. Wir, ganz allein in wunderbarer Landschaft.
Ist es das, wofür man eine solche Reise unternimmt? Diese Frage stelle ich mir am sechsten Tag immer wieder. Habe ich mich für solche Momente auf diese Deutschland-Tour begeben? War es nur die Neugier auf die Landschaft mittendrin, die man in Zug oder Auto immer achtlos durchschneidet auf dem Weg zu Deutschlands Extremen – an der See oder in den Bergen? Was würde ich beim nächsten Mal anders machen? Sollte es überhaupt ein nächstes Mal geben? Zumindest die Antwort auf die letzten beiden Fragen fällt leicht: Selbstverständlich kann es ein nächstes Mal geben. Diese Reise ist bisher ereignisreich, herausfordernd, schön. Beim nächsten Mal aber würde ich mir mehr Zeit nehmen. Einmal quer durch Deutschland in einer Woche, das ist doch nur was für Wahnsinnige.


Brücken-Tag: Claus Peter auf dem Weg in den Birkengrund bei Flöha, Holger muss am Steilstück schieben
Holger:
Gute Beine, schlechte Beine
Radfahren könnte so schön sein. Keiner von uns erhebt sich noch ohne Seufzer vom Frühstückstisch. Ich habe „Arsch“, sagt Dirk und verweist auf seinen schmalen Sattel - im Radlerjargon „Eierfeile“ genannt - der zu seinem Astral-Hintern nach nunmehr 850 Kilometern nicht mehr so richtig passt. Claus Peter geht es ganz ähnlich, und ich habe „Bein“. Nach mehr als 5000 Höhenmetern baten mich auf der Etappe nach Chemnitz die Muskelansätze über dem Knie zum Gespräch. „So kann das nicht weiter gehen“, sagten sie und drohten mit Streik, wenn ich ihnen auch nur eine weitere Überstunden zumutete.
„Solche Warnschmerzen sollte man ernstnehmen“, erklärte mir kürzlich Ingo Froböse von der Sporthochschule in Köln. „In 90 Prozent der Fälle ist dann noch nichts kaputt, aber man sollte aus der Belastung gehen.“ Für mich hieß das: Kurz vor dem Ziel musste ich am Vortag absteigen, rein ins Taxi. INS TAXI – ICH! Ab in den Besenwagen, in den Lumpensammler. Aus der lang ersehnten Begegnung mit Nschotschi im Karl-May-Haus wurde nichts. Ich war geknickt. Das Aufgeben an diesem Tag hat sich aber gelohnt. Am nächsten Morgen ging es schon viel besser. Die folgenden Tage bin ich konsequent mit hoher Trittfrequenz und wenig Druck auf den Knien gefahren. Ich werde in Zittau ankommen. Zwar mit schweren Beinen, aber ohne Schmerzen.



Radelnder Reporter: Dirk fotografiert vom Rad, auch Kühe und Spiegel

Die Maren Gilzer der Deutschland-Tour: In einem böhmischen Restaurant überlassen wir die Entscheidung über die Route den Bierdeckeln - Claus Peter hat die drei Pappen markiert, Holger hat gemischt, Dirk wählt aus (für alle, die es interessiert: die blaue Route, es ist - klar - die längste, wird gezogen)
Claus Peter:
Heute meinte Holger bei einer längeren Bergauffahrt, man müsse mal einen Mantratest machen, mit welchem Mantra man besser den Berg hochkomme. Zu Wahl stellte er „Ich bin ein Mehlsack“ und „Ich bin eine Feder, ich schwebe den Berg hinauf“. Dann kam Dirk von hinten herangefahren und sagte, er sei eine Feder, gefüllt mit Topfenkuchen mit Marillen. Wir kamen gerade aus einem böhmischen Restaurant in Freiberg, auf der Hälfte der Strecke Chemnitz-Dresden. Ein bemerkenswertes Lokal. Es war 14.30 Uhr, sehr leer und die Bedienung sagte, wir könnten uns überall hinsetzen, nur nicht da wo reserviert ist. Es war überall reserviert, bis auf einen einzigen Tisch. Aber die anderen Gäste kämen um 20 Uhr. Man fühlte sich zurück versetzt in eine andere Zeit. In den Restrooms wummerte böhmische Marschmusik. Auf der Speisekarte stand polnischer Eintopf. Das Essen war gut!
Meinem grünen Gravit-Rucksack muss ich übrigens Abbitte leisten - man kommt mit ihm nicht nur sehr gut den Berg hinauf, er drückt auch nicht mehr (wie bei der ersten Testfahrt), sondern trägt sich im Gegenteil sehr komfortabel. Zu keinem Zeitpunkt habe ich Holger und Dirk mit ihren Satteltaschen beneidet. Allerdings darf man sich einen Rucksack zum Radfahren offenbar nicht so einstellen wie zum Wandern, also das Hauptgewicht mit dem Beckengurt auf die Hüften verlagern. Das führte bei mir am ersten Tag zu Schmerzen im Lendenwirbelbereich. Dann habe ich die Länge der Träger reduziert, das ganze Gewicht auf die Schultern gepackt - und siehe da, so ging es bestens, Tag um Tag, bis zu acht Stunden am Stück. Zudem ist die Aufteilung der Fächer sehr sinnvoll, auch für den 12-Zoll-Laptop ist Platz und durch das feste Rückenteil ist er gut geschützt.


On the road: Schatten kurz vor Dresden, Tretrollerfahrer bei Wilsdruff
6. Etappe
95 Kilometer
1000 Höhenmeter
Bierdeckelrouting
die schönste Straße der Tour
19,5 Km/h Durchschnittsgeschwindigkeit
Blogeintrag gepostet um 11 Uhr
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Claus Peter Simon tritt als High-Tech-Radler mit einem extra leichten Carbon-Rad und Navigationsgerät an.
Holger Radloff versucht es mit einem Retrorad und detailliertem Kartenmaterial.
Dirk Lehmann setzt auf ein schnelles Reiserad mit Rennlenker, Sportschaltung und Lichtanlage, wird so die 800-Kilometer-Tour zum Sprint?