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7. Juni 2012
Deutschland-Tour, 5. Etappe: Jena - Chemnitz

Kitsch, aber schön: Sonnenuntergang im Grenzland zwischen Thüringen und Sachsen



Schrecksekunde am Berg: Dirks Kette reißt, Fahrrad-Chirurg Holger leistet erste Hilfe


Große Klappe: Fotograf Hardy Müller in nicht ganz straßenverkehrsordnungsgemäßer Positur, Claus Peter mit Regenschutz vor Jenenser Platte
Holger:
Seit gestern begleitet uns der Fotograf Hardy Müller. Hardy ist verzweifelt. Ihm soll das Traumfoto unserer Reise gelingen. Drei Männer auf dem Rad, im Hintergrund fantastische Landschaft. Das ganz große Kino, das Hobbyknipsern wie uns nicht gelingt. Der Kracher für eine Doppelseite in einer Zeitschrift. Aber auch heute morgen ist der Himmel dunkel und es regnet auch noch, als wir unsere Frühstückseier köpfen.
Gestern hatte ich mich zu Hardy ins Auto gesetzt, um Dirk und Claus Peter vorauszufahren und jenes Fleckchen zwischen Eisenach und Jena zu finden, an dem dieser Schuss gelingen soll. Ein Desaster. So weit es möglich ist, folgen wir mit dem Auto der Radroute. Steigen auf Hügel, um die Strasse von oben ins Bild zu nehmen. Stören uns an Windkraftwerken und Strommasten. Fahren weiter, steigen aus, schütteln mit dem Kopf. Kurz vor Jena, am Ende des Tage, scheint die Erlösung nahe: eine schmale, verlassene Strasse ganz oben auf einem Kamm. Im Hintergrund schmiegt sich Jena an den Hang.
Hardy und ich fahren Dirk und Claus Peter entgegen. Es ist bereits früher Abend. Die beiden verstehen nicht, warum Hardy und ich uns mit der Motivsuche so schwer getan haben an diesem Tag. Sie berichten von ungezählten Möglichkeiten. Reisen Radfahrer und Autofahrer etwa durch parallele Welten?
Ich nehme mein Rad aus dem Kofferraum und fahre die letzten 40 Kilometer dieser Rad-Etappe gemeinsam mit den beiden gen Osten. Und erlebe diese Strecke komplett neu. Der Radweg scheint tatsächlich durch eine andere Welt zu führen. Nicht nur, weil viele Kilometer fürs Auto unpassierbar sind wie etwa im Landschaftspark von Weimar. Radfahren macht den Blick weit, viel breiter als hoch. Die Veränderung des Standpunktes ist langsam; mal mit Kraft erkämpft, mal ein geschenktes Dahingleiten. Das verleiht jedem Blick Wert. Im Auto wird Landschaft zu Junk-Food.
Inzwischen ist es halbzwölf und ein Wunder geschieht: Die Sonne schiebt sich durch die Wolken. Hardy sitzt im Kofferraum des Autos, ein freundlicher Helfer aus dem Hotel lenkt und hat den Tempomat auf 30 gestellt. Es ist ein verrücktes Gespann, das da auf dem Kamm über Jena über die Strasse braust. Ein wahnsinniger Hardy mit der Kamera im Kofferraum; einen Meter hinter der Stoßstange Dirk, Claus Peter und ich auf den Rädern in Vogelflugformation. Tempo, Konzentration, Leidenschaft. Großes Kino. Hardy ist glücklich. Wir alle sind erleichtert. Solche Fotos fallen nicht vom Himmel. Heute waren dafür mehr als zehn Kilometer Radfahren hinter dem Auto nötig



Radfreundliche Ampel mit Haltegriff, radunfreundlicher Tunnel mit Steigung, regenfeste Radtasche


Perspektivwechsel: Ridgeback-Hündin "Trixy" mit Herrchen, Dirk und Holger mit Selbstauslöser
Dirk:
Der Tag beginnt mit einem Knall, beim Anstieg auf einen Hügel hinter Jena reißt mir die Kette. Premiere. Ist mir in meinem bisherigen Radler-Leben noch nie passiert. Ich kann das Rad gut abfangen, lege es ins Gras und klaube die Kette von der Straße auf wie eine tote Schlange. Zum Glück haben wir einen Kettennieter dabei, zwei Glieder müssen raus, die gekürzte Kette aber tut anstandslos ihren Dienst. Und doch ist der Vorfall ein Beleg dafür, wie sehr unsere Tour durch Deutschland auch auf das Material geht. Fünf Tagen durch Regen und Sonne, über harte Anstiege und steile Abfahrten, auf Kopfsteinpflasterstraßen und Waldwegen haben Spuren hinterlassen an den Rädern. An den Fahrern sowieso. Holger hat dicke Beine, Claus Peter dicke Augen, ich habe einen dicken Knöchel.
Die ersten drei Stunden fahren wir einen einzigen Kilometer immer wieder auf und ab. Fotograf Hardy Müller sitzt vor uns im Kofferraum seines Mietwagens und knipst und knipst und knipst. Gegen 14 Uhr machen wir uns dann auf die 130 Kilometer, die heute abzuspulen sind. Kurz hinter Jena beginnt es zur regnen. Und dann die erste Überraschung. Wir kommen in den Zeitzgrund, den ich als wundervollen Radweg durch eine Flussauenlandschaft mit vielen Mühlen abgespeichert habe. Doch anders als mir die Erinnerung meiner letzten Tour auf diesem Weg suggeriert, ist der Weg gar nicht asphaltiert. Vor fünf Jahren war ich hier mit einem Trekkingrad unterwegs, der trocken-feste Waldboden fuhr sich wie Asphalt. Doch nach dem vielen Regen der letzten Tage (und des heutigen) ist der Boden weich, die Fahrt anstrengend mit den tief einsinkenden, schweren Räder. Es entschädigt die Landschaft mit ihrem urwaldartigen, dichten Wald und dem munter dahin plätschernden Fluss mit seinen kleinen Inseln, die von Farnen und Moos überwuchert sind.

Simson in Kraftsdorf: Wir treffen Daniel Schilling, der Schwalben restauriert

Daniel erzählte von einem Radler, der vor einiigen Wochen vorbei gekommen ist - unterwegs von Moskau nach Aachen (Schluck!). Wir radeln weiter, den Sonnenuntergang im Rücken
Es wird ein wundervoller Radeltag im Grenzland zwischen Thüringen und Sachsen, wir kommen durch hübsch herausgeputzte Orte wie Kraftsdorf und Meerane, fahren über einsame Straßen, die sich auf breitkuppigen Hügelketten dahin winden und dann in kühle Wälder eintauchen. Wir treffen die Schmidts aus Chemnitz, mit ihrem Einkauf auf dem Heimweg („Wir radeln jeden Tag, bei jedem Wetter.“), eine Studentin, die ein Haargummi als Hosenband verwendet, die Ridgeback-Hündin Tricksy mit ihrem Herrchen („Wau! Wau!“) und ein junges Mädchen, das uns am Hügel vor Hohenstein-Ernstthal – der Karl-May-Stadt – versägt („Bist du die Mountainbike-Meisterin von Hohenstein?“ „Nöö. Macht einfach Spaß.“). Langsam färbt sich der Abendhimmel rot.
Zwischenzeitlich ist Holger in ein Taxi gestiegen. Schon den ganzen Tag klagte er über Schmerzen in den Knien, immer wieder machten wir kurze Pausen, danach ging es besser, doch 40 Kilometer vor dem Ziel ist Schluss. Allein brausen Claus Peter, der mit zunehmender Erschöpfung noch wortkarger wird und sich an einer Tankstelle mit einem verblüffenden Mix aus einem Snickers, einer Bifi und einer Dose Cola dopt, und ich, der sich auf das zähe Verstreichen der Meter und Kilometer auf dem Tacho konzentriert, durch die aufziehende Dunkelheit (und es gebietet die Chronisten-Pflicht darauf hinzuweisen, dass uns das Navigationsgerät tatsächlich noch über einen Waldweg schickt, eine nicht ganz ungefährliche Passage). Gegen 23 Uhr erreichen wir unser Ziel Chemnitz. Mann, war das ein schöner Tag auf dem Rad. Und Mann, bin ich fertig. Um 23.55 liege ich wie ein alter Mann im Bett und träume von einem Ruhetag. Die nächste Etappe soll ganz kurz sein, weniger als 90 Kilometer sind es nach Dresden. Mal sehen, wie lange wir brauchen.

Nightrider auf der Abfahrt nach Chemnitz. Es ist spät geworden, kurz nach 23 Uhr erreichen wir unsere Unterkunft
5. Etappe
140 Kilometer
1200 Höhenmeter
Regen im Zeitzgrund
schwere Beine
19 Km/h Durchschnittsgeschwindigkeit
Blogeintrag gepostet um 12 Uhr
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Claus Peter Simon tritt als High-Tech-Radler mit einem extra leichten Carbon-Rad und Navigationsgerät an.
Holger Radloff versucht es mit einem Retrorad und detailliertem Kartenmaterial.
Dirk Lehmann setzt auf ein schnelles Reiserad mit Rennlenker, Sportschaltung und Lichtanlage, wird so die 800-Kilometer-Tour zum Sprint?