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6. Juni 2012
Deutschland-Tour, 4. Etappe: Eisenach - Jena

Endlose Weiten zwischen Gotha und Erfurt - nur vereinzelte Pilger sind hier unterwegs



In Eisenach testeten wir die Original Thüringer Bratwurst - aber, offen gesagt, so ganz überzeugt waren wir nicht, die Mö-Bratwurst aus der Hamburger Mönckebergstraße ist besser. Dann geht es mit Wurstantrieb weiter

Die Winters aus München unterwegs auf dem 450 km langen Ökumenischen Pilgerweg von Görlitz bis hinter Eisenach. Herr Erdmann aus Kiel pilgert mit Rad und seiner Frau (hier nicht im Bild)
Claus Peter:
In den ersten drei Tagen sind uns fast keine anderen Radfahrer begegnet. Okay, das ist nicht sonderlich erstaunlich und hat nichts mit der Strecke zu tun, sondern mit dem Regen und der Kälte. Doch in Thüringen sind trotz aller Widrigkeiten einige Rennradfahrer unterwegs. Und kurz hinter Eisenach schließen wir auf eine Ehepaar aus Trekkingrädern auf. Man kommt ins Gespräch. Es sind die Erdmanns, auf dem Weg nach Gotha, beide so um die 60. Sie kommen aus Kiel (nicht verwandt mit dem bekannten Einhandsegler Wilfried Erdmann) und sind mit dem Zug nach Eisenach gefahren. Bis an die Elbe wollen sie noch. Herr Erdmann steuert ein nagelneues Stevens 24-Gang-Rad. Das sei doch etwas einfacher, als – wie früher – mit einem 7-Gang-Rad durch das Alpenvorland. Frau Erdmann erzählt, dass sie 50 bis 80 Kilometer am Tag schaffen, ohne Gepäck gerne auch mehr. Dann kommt eine Steigung und das Gespräch erstirbt.
Eine halbe Stunde später sind wir auf einer endlosen Geraden unterwegs, immer leicht bergauf, auf alten Panzerplatten, padong, padong, padong macht es. Am Horizont zeichnen sich zwei Punkte ab, die langsam größer werden. Es sind die Winters, wie sich herausstellt, auch beide so um die 60. Frau Winter vorneweg, Herr Winter in ihrem Windschatten. Sie kommen aus München erzählen sie. Nein, der schnurgerade Weg sei keineswegs langweilig, es sei schließlich ein Pilgerweg. Schlimm sei es nur, wenn man längere Zeit keinen Wegweiser finde. Gestartet sind die Winters in Görlitz, das ist rund 400 Kilometer weit weg. Sie wollen noch bis Eisenach. Wir sind schwer beeindruckt.
Dann, nicht weit vor Jena, sehen wir einen Mann vor uns, der sein Velo einen steilen Weg aus Kopfsteinpflaster hinaufschiebt und telefoniert. Mal schauen, wer das ist. Doch er hat uns offenbar gesehen, schwingt sich auf der Kuppe auf sein Rad und tritt voll in die Pedale. Wir auch. Aber wir kommen ihm einfach nicht näher. Er will entkommen. Aber nicht mit uns!! Wir geben jetzt Vollgas, Kuppe rauf, Kuppe runter, ganz langsam kommen wir näher, ich fahre neben ihm und bitte ihn, mal kurz zu halten. Es ist Ricardo, wie er uns sagt, schätzungsweise Mitte 30, auf einen kleinen Trainingsrunde am Abend. Er wohnt hier in der Gegend und gibt seinem Stevens-Crosser gerne mal die Sporen. Falls es ihn geärgert hat, dass wir ihn eingeholt haben, lässt er es sich jedenfalls nicht anmerken.

Blaue Brücke, blauer Himmel: In Gotha folgen wir dem Radweg Thüringer Städtekette, der uns über Brücken aus der Stadt führt, Burg auf einem Hügel bei Mühlberg

Wie ein Kalenderblatt: Landschaft im Apfelstädter Ried zwischen Gotha und Erfurt
Dirk:
In Eisenach essen wir in den historischen Gassen beim Stadttor eine Thüringer Bratwurst (Claus Peter merkt an, dass die in Hamburg besser schmecke), in Gotha bestellen wir unterhalb des Rathausturmes ein italienisches Eis (die Sorte Schokolade ist eher so lala, aber das Rocher-Eis, auf dem Schild stand „Rosche“, schmeckt toll), in Erfurt sitzen wir am Anger und mampfen amerikanische Burger (zum Abschluss spendiert Claus Peter einen Espresso), und in Jena wird uns in der seltsamen 1970er-Jahre Atmosphäre des Braugasthofs „Papiermühle“ Hausmannskost serviert (eine zarte Rinderroulade in brauner Sauce, dazu Rotkohl und zwei Knödel), selbst das Essen ist ein Sendbote aus der Vergangenheit, und ich bin froh, dass danach nur noch der Anstieg ins Bett zu bewältigen ist. Eine Etappe für Genießer also.
Anfangs schickt uns „Mutti“, wie wir das Falk-Navigationsgerät mit seiner weiblichen Stimme nennen, von Eisenach wieder den erstbesten Hügel hoch. Mutti ist eine Sadistin. Wobei es ja gar nicht Muttis Schuld ist, das Navi stellt uns ja nur die Touren zur Verfügung, der Sadist muss irgendwo anders sitzen und denken, dass es eine gute Idee wäre, einen kilometerlangen Panzerplattenweg mit einer stetigen Steigung von vier bis fünf Prozent hinauf zu radeln, um dann nach Gotha hinabzustürzen. Doch weil das Gepäck die Räder so schwer in die Fugen zwischen den drei bis vier Meter breiten Platten zieht, kann man den Abfahrtsrausch nicht genießen. Und deshalb beschließen wir, ab Gotha dem Radfernweg Thüringer Städtekette zu folgen. Obwohl der auch über unbefestigte Waldwege führt und für ein paar Kilometer einer Autobahn recht nahe kommt, ist das Fahren auf der "Städtekette" eher ein Vergnügen. Mutti sagt ständig „Bitte wenden“, und spaßeshalber überprüft Claus Peter das Höhenprofil. Mutti schickt uns wieder einen Berg hinauf, den wir auf dem Radweg umfahren.


Herausgeputzt und abgekämpft: Altstadt von Erfurt, besetztes Haus in Weimar

Tag der Begegnungen: neugieriges Pony am Wegesrand
Mit der Städtekette wird die Radtour tatsächlich zu einer Radreise. Der Weg führt uns in die Innenstädte. Und auch wenn uns viele Menschen mit unserer seltsamen Kleidung, mit martialischen Helmen und dunklen Brillen, mit klickernden Schuhen und schwarzen, leggingsähnlichen Beinlingen für Freaks halten (woraus sie übrigens keinen Hehl machen), kriegt unsere Tour einen anderen Charakter. Und obwohl wir auch heute zwischenzeitlich ordentlich Gas geben, bin ich bei der Ankunft im Hotel am späten Abend ganz entspannt. Es fühlt sich gut an, so zu reisen.
Wir sind heute nur zu zweit unterwegs. Holger ist zu Hardy Müller ins Auto gestiegen. Der Fotograf ist gestern zu uns gestoßen, um für „Stern gesund leben“ ein Foto zu machen (Hardy hat die aktuelle Titelgeschichte von GEO SAISON fotografiert, „Südtirol“, wie ich finde: ein Meisterwerk). Holger plant in dem Heft ein Stück über drei verrückte Kerle, die mit dem Rad quer durch Deutschland radeln...
Als nächste steht die fünfte Etappe an, es geht von Jena nach Chemnitz, ca. 115 Kilometer. Der Radweg wird uns durch ein ganz besonderes Stück Deutschland führen – den Zeitzgrund. Das tief eingeschnittene Tal des Zeitzbaches ist umgeben von waldreichen Hängen, der Fluss mäandert hindurch, eine verwunschene Stimmung liegt über dem Land, durch das ein wundervoll glatt asphaltierter Radweg führt. Ich freue mich jetzt schon auf dieses Stück Deutschland.

Hinter Weimar stellen wir nach einer kleinen Verfolgung Ricardo, der auf einer Feierabendrunde unterwegs ist


4. Etappe
118 Kilometer
850 Höhenmeter
Thüringer Bratwurst
Panzerstraße
21 Km/h Durchschnittsgeschwindigkeit
Blogeintrag gepostet um 11 Uhr
Kommentare zu "Deutschland-Tour, 4. Etappe: Eisenach - Jena"
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Claus Peter Simon tritt als High-Tech-Radler mit einem extra leichten Carbon-Rad und Navigationsgerät an.
Holger Radloff versucht es mit einem Retrorad und detailliertem Kartenmaterial.
Dirk Lehmann setzt auf ein schnelles Reiserad mit Rennlenker, Sportschaltung und Lichtanlage, wird so die 800-Kilometer-Tour zum Sprint?
Hallo,
also ich finde Euren Bericht einfach nur toll!
Schön dass Ihr ihn auch noch durch so schöne Fotos unterstützt habt. Auch Deutschland bietet wunderbare Landschaften :)
Liebe Grüße
Miri