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29. April 2012
Werksfahrer

Carbon, Cartoons und Kekse: in der Hamburger Rennradschmiede von Stevens
Markentreue: Viele Radfahrer haben eine verblüffend intensive Bindung zu ihrem Gefährt und dessen Hersteller, sie sind wie manche Autofahrer, die einmal einen Volvo gekauft haben und dann immer einen Volvo kaufen, einmal Mercedes, immer Mercedes. Und man findet leicht viele Gründe, sich so zu verhalten. Wer etwa schon lange Mercedes fährt, schätzt die Verarbeitungsqualität, das große Lenkrad, den Universalhebel, den Stern – man überhöht diese Merkmale, macht aus dem Ergebnis der Massenfertigung ein individuelles Produkt.
Die Automobilindustrie hat in den letzten Jahren allerdings viel dazu beigetragen, die Hingabe ihrer Kunden zu verlieren: Autos wurden schludriger gefertigt, Marken mit großen Namen kooperierten mit Marken ohne irgendeinen Charakter. Mercedes baut inzwischen auch Autos ohne Heckantrieb, ohne Riesenlenker, ohne Stern. Und so überrascht es nicht, dass das Marktforschungsunternehmen GfK im letzten Jahr meldete, die Markentreue der Deutschen schwinde. Auf 40 Prozent sei die Abwanderung der Stammkunden geschwunden (2008 waren es 32 Prozent). Dabei sind Stammkunden für die Markenhersteller sehr wichtig, treu sind Verbraucher vor allem bei Gesichtscreme, Zahncreme, Shampoo, Schokolade, Kaffee und Bier.
Und beim Fahrrad. Gemeint ist hier nicht irgendeine Baumarkt-Kiste für 199 Euro. Sondern das echte, ordentliche und teure Fahrrad. In der Angelegenheit verhalten sich Rennradfahrer nicht anders als Reiseradler. Wer einmal einen Betrag von mehr als 1000 Euro für das Produkt eines Herstellers ausgegeben hat, der bleibt dem Hersteller oft treu. Und so lässt sich auch erklären, dass man bei Radsportveranstaltungen und in vielen Foren immer wieder Radlern begegnet, die schon lange ein Rad desselben Herstellers fahren.

Mein Gran Turismo mit Shimanos Schaltung 105 und Lichtanlage E3 pro von Supernova
Ich gehöre nun also auch dazu. Und das kam so: Vor anderthalb Jahren habe ich mich auf die Suche nach einem Randonneur gemacht, nach einem alltagstauglichen Rennrad – mit Schutzblechen, Gepäckträger und Lichtanlage. Es gibt gar nicht mehr so viele Modelle dieser Art, denn inzwischen hat das Trekkingrad mit geradem Lenker und Mountainbike-Schaltgruppe den klassischen Randonneur mit Bügellenker und Rennradschaltung so gut wie verdrängt. Einige Räder konnte ich finden, etwa den Randonneur der Fahrradmanufaktur, ein mit 1400 Euro recht günstiges aber schweres Rad. Oder das leichte, sehr gut ausgestattete (Dura-Ace-Schaltung, SON-Beleuchtung), aber 2500 Euro teure GLS 9 von TrengaDe. Und das High End-Reisegerät Yukon von Van Nicholas mit Titan-Rahmen, das einigermaßen vernünftig ausgestattet mindestens 3500 Euro kostet.
Und dann finde ich den Gran Turismo von Stevens. Schon die reinen Fakten – Rahmengeometrie, Ausstattung, Gewicht, Technik – überzeugen. Das Stevens-Team hilft mir, das Rad zu modifizieren (Lichtanlage und Laufradsatz unterscheiden sich vom Serienmodell). Und dann hole ich den GT im Laden ab. Schon die ersten Meter mit dem neuen Reiserenner fühlten sich großartig an.
Inzwischen, nach rund anderthalb Jahren, habe ich mehr als 2000 Kilometer auf dem Gran Turismo zurück gelegt und trete auf wie ein selbsterklärter Stevens-Werksfahrer. Allein: Die Leute von Stevens wissen nichts davon. Bis ich vor ein paar Tagen fragte, ob ich mir den Ort mal ansehen dürfe, an dem mein Rad entstanden ist. Kein Problem, hieß es. Und so machte ich mich auf den Weg.
So ein Werksbesuch ist in mehrerlei Hinsicht deprimierend. Zuerst weil das Unternehmen nicht in einer kleinen Manufaktur irgendwo in Hamburg-Altona montiert sondern in einer riesigen Halle in Mümmelmannsberg, einem ziemlich unsexy Hochhaus-Stadtteil Hamburgs. Zum zweiten hört der Fortschritt nie auf, und man ahnt, technische Neuerungen vorgeführt zu bekommen, die man am liebsten sofort ans eigene Rad gebaut haben möchte. Und zum dritten hält man sich ja selbst für einen Rad-Experten – und ist es auch, im Vergleich zu anderen – doch trifft man nun auf wahre Profis, und so sehr man sich freut darauf, neues zu lernen, so sehr schreckt einen die Begegnung mit wahren Profis.
Ich treffe diverse Mitarbeiter aus Vertrieb und Marketing. Doch interessant finde ich vor allem die Momente in der Custom-Abteilung, in der die Räder nach Kundenwünschen gebaut werden. Drei Mechaniker werkeln hier, Ole, Friedrich, den sie „Bundestrainer“ nennen, weil er alles besser weiß, und Detlef, das „Eichhörnchen“, weil er alles aufbewahrt. Ich sehe den dreien zu, wie sie Lenkerband millimetergenau wickeln, so dass man die Schrift lesen kann. Ich staune mit welchem Geschick sie Reifen auf Felgen ziehen. Und ich bin überrascht, dass es kaum einen halben Tag dauert, ein Rennrad zu montieren.

Zahnräder, Kabel, Draht und Kunststoff – das Material für einen 5000-Euro-Renner
Eichhörnchen stellt ein High-End-Gerät zusammen mit einem Carbon-Rahmen, der nur rund 800 Gramm wiegt, mit Carbon-Felgen von Mavic und mit der neuesten Super-Schaltgruppe von Shimano, die Dura Ace DI2 schaltet elektrisch. Und es beeindruckt, mit welcher Präzision sie die Gänge einlegt, wie Schaltwerk und Umwerfer synchronisiert sind, so dass letzterer – er wechselt die Kette auf den vorderen, großen Kettenblättern – sich ständig nachjustiert, wenn hoch- oder runter geschaltet wird, damit die Kette nicht schleift. Was das Rad wohl kostet, das er da aufbaut, will ich von Eichhörnchen wissen, während ich fingertippend die Gänge durchschalte? „Rund 5000 Euro.“
Die Custom-Abteilung befindet sich in einem großen Raum voller Teilen, von denen Hobby-Radler nachts träumen. Laute Musik plärrt aus einem Radio, und an den Wänden hängen Poster, Autogramm-Karten dankbarer Profis und tatsächlich ein paar Bilder von Pinup-Girls auf Fahrrädern. Ich sehe den Mechanikern bei der Arbeit zu, wie sie Steuersätze montieren, Gabelschäfte kürzen, Drehmomentschlüssel ansetzen und die Elektronik einer Schaltung ins Tretlager einbauen. Was sie von E-Bikes halten will ich von den dreien wissen. Doch obwohl sie selbst für das älteste Radmonteurs-Team Deutschlands halten, seien sie für Elektroräder noch nicht alt genug. Dass wir aber in Zukunft alle elektrisch fahren, davon sind sie überzeugt. Zu perfekt arbeiten die neuen Systeme.

Jungs mit Erfahrung: Ole, "Bundestrainer" Friedrich und Detlef, das "Eichhörnchen"
Volker Dohrmann ist der Mann der Zahlen. Er sagt, bei Stevens machen Rennräder mehr als zehn Prozent am Gesamt-Umsatz aus. Und dass er in den letzten Jahren einen Wandel beobachtet habe, immer mehr jungen Leute wäre das Statussymbol Auto nicht wichtig. Aber die Bereitschaft, viel Geld für ein besonderes Rad auszugeben, nehme zu. Der Durchschnittspreis tendiere in Richtung 3000 Euro.
Hier würde sich so mancher Hobby-Radler gern einschließen lassen: im Showroom
Gegen Mittag fahre ich zurück. Interessant, einerseits bin ich Teil einer Bewegung – auch ich habe kein Auto, meine Fahrräder sind meine Verkehrsmittel –, zum anderen achte ich vor allem auf die Funktionalität. Selbstverständlich fährt sich ein 7-Kilo-Bike besser durch die Berge als ein 9-Kilo-Trumm. Doch bevor ich für die Gewichtsersparnis einige hundert Euro ausgebe (am Rennrad kostet jedes Gramm weniger cirka ein Euro), würde ich die zwei Kilo lieber an mir sparen. Geht auch, ist billiger.
Mein Gran Tourismo rollt über den Billstedter Bahnsteig. Rund 1500 Euro ist mein Rad wert, ein schnelles Reisegerät, das bereits Spuren der Fahrten trägt, die ich damit unternommen habe (die erste führte von Hamburg nach Sylt): Macken im Lack, der Gepäckträger ist an einigen Stellen bereits blank. Und ich frage mich, ob es nicht doch besser wäre, mit so einem modernen und leichten Super-Renner durch Deutschland zu fahren. Ich könnte Eichhörnchen und den anderen dabei zusehen, wie sie das Rad aufbauen.
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