GEOlino extra Nr. 24/10 - Dinosaurier Seite 1 von 1
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Text von Sina Löschke

Dinosaurier: Sue, ein Killer im Überformat

Sie ragte fast acht Meter in die Höhe, war schwerer als ein Elefant und lief schneller auf ihren zwei Beinen, als mancher Mensch Fahrrad fährt. Sue ist der bekannteste Raubsaurier der Welt. Trotzdem kommen die Forscher nur Stück für Stück dahinter, wie es gewesen sein muss: das Leben als Tyrannosaurus rex


Den Kampf „Winzlinge gegen Gigant“ hat Sue verloren. Die Riesenechse liegt ermattet am Boden und atmet kaum noch. Sie kann weder den Kopf heben noch die Beine bewegen. Seit Wochen hat Sue keine Beute gerissen. Dabei ist sie doch ein Tyrannosaurus rex! Kurz: T. rex!


Ab ihrem 14. Lebensjahr wuchsen Tyrannosaurier so  schnell, dass man fast dabei zuschauen konnte. Zwei Kilogramm nahmen sie pro Tag zu – genug, um mit 18 Jahren bis zu 6400 Kilogramm zu wiegen  (Foto von: Roger Harris/Science Photo Library/Corbis)
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Ab ihrem 14. Lebensjahr wuchsen Tyrannosaurier so schnell, dass man fast dabei zuschauen konnte. Zwei Kilogramm nahmen sie pro Tag zu – genug, um mit 18 Jahren bis zu 6400 Kilogramm zu wiegen

Ein Killer im Überformat! Einer der größten Fleischfresser, die jemals über den Planeten Erde gestapft sind! Wenn Sue sich aufrichten würde, könnte sie theoretisch vom Erdboden aus in der dritten Etage eines Hauses die Blumen vom Balkon fressen. Theoretisch, denn erstens gibt es noch keine Balkone, zweitens wird das Tier nie wieder aufstehen und drittens ist Grünzeug keine Nahrung für Tyrannosaurier. Und selbst wenn Sue es wollte, sie könnte jetzt nichts mehr herunterwürgen. Ihr Hals und die Mundhöhle sind entzündet. Der ganze Schlund brennt wie Feuer. Jedes Schlucken erzeugt Höllenqualen.

Das ist der Sieg der Winzlinge! Trichomonaden, mikroskopisch kleine Geißeltierchen, haben sich in Sues Maul eingenistet. Sie sind vermutlich durch eine Wunde im Zahnfleisch in ihren Körper eingedrungen und wüten nun in den Mundschleimhäuten. Ein klebriger Belag überzieht Rachen und Hals des Dinosauriers. Doch damit nicht genug: In den Unterkieferknochen fressen die Eindringlinge Löcher, so groß, dass ein Mensch seinen kleinen Finger hindurchstecken könnte. Der Gigant blickt nach 28 Jahren auf Erden hilflos seinem Ende entgegen.

Dabei war es bisher immer Sue gewesen, die den anderen Waldbewohnern Angst und Schrecken eingejagt hatte! Durch ihre schiere Kraft und Körpergröße – und durch ein Gebiss, das bis heute seinesgleichen sucht: Öffnete Sue das Maul, blitzte eine Armada von Säbelzähnen hervor. Ein jeder bis zu 30 Zentimeter lang und besetzt mit winzig kleinen Zacken – Mikrodolchen, spitz und scharf. Wann immer Sue zubiss, trieb sie ihrem Opfer ein ganzes Waffenarsenal ins Fleisch und riss tiefe Wunden. Sollte einer der rund 60 Zähne beim Zubeißen abbrechen – kein Problem: Sie wuchsen sowieso alle zwei bis drei Jahre nach.

Ebenso rekordverdächtig: die Beißkraft. Die Kiefer eines Tyrannosaurus rex schnappten mit einer Wucht zu, die alles weit übertrifft, was wir von heute lebenden Tieren kennen. Egal ob Schenkelknochen, Rippen oder Schädel – was immer der Raubsaurier zu fassen bekam, zersplitterte zwischen seinen Zähnen und Kieferknochen. Den dazu notwendigen Druck erzeugten Sues kräftige Kiefer- und Nackenmuskeln. Die Riesenechse war schon im zarten Jugendalter stark genug, um ein etwa 50 Kilogramm schweres Beutetier fünf Meter hoch in die Luft zu schleudern.


Mit ihren langen, stahlharten Zähnen, die 15 Zentimeter aus dem Kiefer ragten, bissen die Raubsaurier sogar Knochen durch. Die Säbelform der Beißer verhinderte, dass ihnen die Beute wieder entglitt (Foto von: Roger Harris/Science Photo Library/Corbis)
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Mit ihren langen, stahlharten Zähnen, die 15 Zentimeter aus dem Kiefer ragten, bissen die Raubsaurier sogar Knochen durch. Die Säbelform der Beißer verhinderte, dass ihnen die Beute wieder entglitt

Wie Sue und ihre Artgenossen dieser Beute jedoch nachstellten, darüber streiten Experten heute. Die langen Hinterbeine mit den vogelähnlichen Füßen lassen vermuten, dass die Raubsaurier schneller laufen konnten als Beutetiere wie der Entenschnabelsaurier. Lange Hetzjagden scheiden allerdings aus. Sue wog 6400 Kilogramm – mehr als ein ausgewachsener Elefantenbulle. Mit diesem Gewicht dürfte sie selbst bei großem Hunger nicht schneller als Tempo 40 gerannt sein. Und das auch nur über kurze Strecken.

Ein Giga-Gewicht macht Jäger langsam. Die meisten Wissenschaftler glauben deshalb auch, dass sich Sue die Futtersuche gelegentlich erleichterte, indem sie sich wie ein Geier auf die Kadaver toter Tiere stürzte. Ihre Nase dürfte faulendes Fleisch über weite Strecken erschnuppert haben. Und mit ihren nach vorn gerichteten Augen sah der Tyrannosaurus wahrscheinlich nicht nur so scharf wie ein Adler. Sue konnte auch räumlich gucken! Vermutet wird zudem, dass die Raubsaurier tiefe Töne besonders gut hören konnten. Tobte also in größerer Entfernung ein Kampf auf Leben und Tod, dürfte ihnen ein solcher Tumult nicht entgangen sein.

Trotz dieser feinen Sinne und ihres Mega-Gebisses spricht aber vieles dafür, dass Sue eben kein Hollywood-Monster war, das blutrünstig über alles herfiel, was nicht rechtzeitig die Flucht ergriff. Die Könige der Raubsaurier waren vielmehr wählerisch. Sie machten vor allem Jagd auf Junge anderer Dinosaurier-Arten. Deren Nachwuchs war so schmächtig, dass er den Riesenechsen kaum gefährliche Verletzungen zufügen konnte. Anders als etwa die eigenen Artgenossen! Untereinander kannten die Riesenechsen nämlich keine Freunde. Sie kämpften miteinander und bissen dabei auch mal heftiger zu. In einer solchen Rangelei könnte sich Sue mit den Trichomonaden angesteckt haben. Die Geißeltierchen schwammen vielleicht im Speichel ihres Gegners. Am Ende bezwangen die Winzlinge den riesigen Fleischfresser. In einer Flusslandschaft auf dem Gebiet des heutigen US-Bundesstaates South Dakota tat Sue ihren letzten Atemzug.

Doch 67 Millionen Jahre später erblickte sie ein zweites Mal das Licht der Welt. Die US-amerikanische Archäologin Sue Hendrickson entdeckte am 12. August 1990 die Überreste des Tyrannosaurus. Sues versteinertes Skelett, bestehend aus mehr als 200 Knochen, wurde in den folgenden Monaten vorsichtig ausgegraben, gereinigt, wieder zusammengesetzt – und nach seiner Entdeckerin benannt. Es gilt bis heute als das größte Tyrannosaurus-Skelett, das jemals gefunden wurde – mit mehr Knochen als bei allen anderen. Zahllose Dino-Forscher haben Sue inzwischen vermessen, ihre Knochen geröntgt und 3-D-Modelle von allen Körperteilen angefertigt. Auf eine ganz wichtige Frage aber wissen sie noch immer keine genaue Antwort: War Sue ein Weibchen oder ein Männchen?




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