GEOlino.de - Die lange Reise der Eisbären Seite 1 von 2


Text von Franz Lenze

Die lange Reise der Eisbären

Fotograf Thorsten Milse begleitete eine Eisbärin mit ihren zwei Jungen auf ihrem Weg ins eisige Paradies der Hudson Bay. In unserer Fotoshow seht ihr die schönsten Fotos der kleinen Eisbären-Familie


Fest im Griff hat die Eisbärin ihr Junges (Foto von: Thorsten Milse)
© Thorsten Milse
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Fest im Griff hat die Eisbärin ihr Junges

Fünf Stunden! So lange schon wartet Thorsten Milse in der Kälte. Weit und breit nichts als Schnee, wohin er auch blickt. Er friert. Kein Wunder: Das Thermometer zeigt minus 30 Grad Celsius! Längst sind seine Finger vor Kälte steif, glitzern Eiskristalle an seinen Augenbrauen. Doch der Fotograf harrt aus.Da! Mit einem Mal bewegt sich etwas, keine 100 Meter entfernt. Aus einem Loch im Schnee schiebt sich eine Schnauze hervor, zwei dunkle Augen, dann gelblich-weißes, flauschiges Fell: endlich, ein Eisbär!


Junges Familienglück

Eine Eisbären-Mutter, um genau zu sein. Denn kaum ist sie aus der Höhle gekrochen, stapfen zwei kleine Bären hinterdrein - ihre Jungen. Ungeschickt stolpern sie durch den Schnee. Auf diesen Augenblick hat der Fotograf gewartet. Wieder und wieder drückt er auf den Auslöser seiner Kamera. Die Mutter stört das nicht. Entspannt legt sie sich hin und lässt ihre Jungen trinken. Sie müssen Kraft tanken. Denn ihnen steht eine lange Reise bevor. Drei Monate alt sind die Kleinen mittlerweile. Die meiste Zeit haben sie in einer dunklen Schneehöhle im Norden Kanadas zugebracht, in der sie auch geboren wurden. Drei Monate, in denen die Bärin nicht gejagt, nichts gefressen, sich allein um ihre Jungen gekümmert hat. Jetzt sind die Fettpolster, die sie sich zuvor angefuttert hatte, verbraucht. 200 Kilogramm, vier Zentner, hat sie an Gewicht verloren. Nun ist sie wirklich hungrig. Die Zeit ist gekommen, um weiterzuziehen. Sie will zur Hudson Bay, jener riesigen Meeresbucht im Nordosten Kanadas, wo das Eis der Arktis beginnt. Dort gibt es Eislöcher, in denen ihr Lieblingsfressen schwimmt: Seehunde.


Gut gerüstet gegen die Kälte

Doch der 60 Kilometer lange Weg ist beschwerlich. Besonders für die kleinen Bären. Manchmal hat der Wind den Schnee hoch aufgetürmt, und sie müssen lange nach einem Durchlass suchen. Überhaupt wollen sie viel lieber herumtollen, übers Eis rutschen und ihrer Mutter auf den Rücken klettern. Oder miteinander raufen, sich gegenseitig kratzen und beißen, wie es sich für junge Eisbären gehört. Also muss die Eisbärin immer wieder anhalten. Damit sich die Kleinen ausruhen können - und um zu trinken. Die fette Muttermilch ist eine wahre Kraftbrühe, die außerdem lecker nach Seehund riecht. Zum Glück macht den kleinen Eisbären die Kälte nichts aus. Sie fühlen sich sogar richtig wohl. Selbst nachts, wenn das Thermometer auf minus 50 Grad Celsius fällt. Weil ihr Fell so dicht und ihre Speckschicht bereits so dick ist, dass der Körper kaum Wärme verliert. Und mit ihren dicht behaarten Fußsohlen können sie sowieso stundenlang durch den Schnee laufen, ohne zu frieren.Nach ein paar Tagen haben die drei endlich die Hudson Bay erreicht, das Eisbären-Paradies. Nun beginnt das Warten an den Eislöchern. Manchmal dauert es Stunden, bis die erste Robbe auftaucht. Dann aber reicht ein einziger Prankenhieb der Eisbärin, um sie zu erlegen. Bis zu 80 Seehunde reißt ein Eisbär im Jahr - er ist das größte Landraubtier der Erde. Noch sind die kleinen Bären ganz auf ihre Mutter angewiesen. Aber nicht lange, und sie werden ihre ersten eigenen Fische aus dem Wasser ziehen. Sie werden immer weniger Milch trinken und mehr fettes Fleisch fressen. Sie werden wachsen, lernen und Kräfte sammeln. Bis sie sich eines Tages trennen, irgendwann in zwei Jahren, und ihren eigenen Weg gehen, jeder für sich, durch die endlose Eiswüste.


Hier geht's zur Homepage von Fotograf Thorsten Milse.


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