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Text von Luise Heine

Bilch, der Siebenschläfer

Eigentlich musste Luise für die Uni lernen. Aber plötzlich machte es "fiep!": ein winziges Siebenschläfer-Baby, das keine Mutter mehr hatte. Also zog die Studentin den Kleinen auf. Mit Videos



Ein Tag wie jeder andere: Die Herbstsonne scheint warm ins Bürozimmer, die Baumäste wiegen sich sacht vor dem Fenster und ich sitze am Schreibtisch und arbeite. "Zirp!", macht es plötzlich. Irritiert horche ich auf. Was war das? Klingt wie ein kleiner Vogel! Aber im Büro? "Zirp!" Da ist es schon wieder. Ich stehe auf und mache mich auf die Suche nach dem Verursacher.

Unter dem Büroschrank werde ich fündig: ein kleines graues Fellknäuel, so groß wie meine Daumen. Wie süß - ein kleines Tierbaby. Was es wohl ist? Für ein Mäusekind ist es zu groß. Aber ein Baby ist es noch, denn die Augen sind geschlossen und die Bewegungen ganz zitterig. Es hat ein Schwänzchen, das ist halb so lang wie sein Körper. Sein Rücken ist grau und das Bäuchlein weiß, man sieht die Haut rosa durchschimmern.


So lange Bilch noch klein war, hat er die Nacht immer in einer Papierrolle verbracht (Foto von: Luise Heine)
© Luise Heine
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So lange Bilch noch klein war, hat er die Nacht immer in einer Papierrolle verbracht

Ich hab es: ein Siebenschläfer! Der Kleine stakst auf seinen Beinchen, die ihn kaum tragen können, und zirpt eindringlich.

Vorsichtig hebe ich den Burschen auf. Eiskalt ist er schon. Schützend lege ich meine Hände um das kleine Wesen. Oder besser die kleinen Wesen, denn der Kleine ist voller Flöhe. Der Arme! Und damit übernehme ich auch schon meine erste mütterliche Aufgabe: Mit einer Pinzette picke ich die Plagegeister aus seinem Fell.


Obstbrei vom Stiel, das schmeckt dem Siebenschläfer

Ein Siebenschläfer also - das ist das allererste Mal, dass ich einen zu Gesicht bekomme. Kein Wunder, denn Siebenschläfer sind nachtaktive Tiere, die am liebsten in Eichen und Obstbäumen herumturnen. Gelegentlich zieht es sie auch in menschliche Behausungen.



Aber auch den Bewohnern dort offenbaren sie sich, wenn, dann vor allem durch ihre Lautstärke. Das kleine Exemplar auf meiner Hand hat wahrscheinlich mit seiner Familie in einem der Lüftungsschächte gelebt und ist aus einem Belüftungsloch gefallen. Keine Chance, ihn wieder zu seiner Mama zurückzubringen. Also nehme ich den Kleinen mit nach Hause.


Was frisst ein Siebenschläfer?

Ich sehe im Internet nach: Die erwachsenen Exemplare ernähren sich vor allem von Obst, Nüssen und anderen Früchten, gelegentlich mal einem Insekt. Einen jungen Siebenschläfer, der noch nicht selber fressen kann, ernährt man am besten mit Katzenmilch, unter die man Obstbabybrei mischt.

Mein kleiner Siebenschläfer findet die Mischung toll. Laut schmatzend leckt er sie vom Wattestäbchen. Danach kringelt er sich in meiner Handfläche zusammen und - schläft. Lächelnd betrachte ich das kleine Fellknäuel.


Mein Siebenschläfer tut alles andere als schlafen

Siebenschläfer gehören zu der Familie der Bilche. Dazu gehören auch noch die Haselmaus und der Gartenschläfer, lauter nette Tierchen mit langen puschligen Schwänzchen.



Bilch ist - finde ich - auch ein lustiges Wort. Damit hat mein Siebenschläfer seinen Namen weg. Bekannt sind Siebenschläfer vor allem für ihren ausgeprägten Winterschlaf. Von ungefähr Mitte Oktober bis Mai passiert bei den kleinen Säugern nicht viel, sie schlafen durch.


Aber jetzt ist noch Sommer und von Durchschlafen kann bei meinem Bilch keine Rede sein. Alle vier Stunden muss ich aufstehen, um ihn mit seinem Nahrungsbrei zu versorgen. Danach folgt eine kleine Bauchmassage. Damit die Babys "aufs Klo gehen" können, massiert die Mutter normalerweise mit ihrer Zunge das kleine Bäuchlein. Ich nehme lieber ein Tuch. Nach der Fütterung setze ich den Bilch wieder zurück in das Nest, das ich ihm aus Taschentüchern gebaut habe.



Schon in der zweiten Nacht öffnet der Siebenschläfer die Augen. Meine Güte, die sind vielleicht groß! Und das Erste, was sie sehen, bin ich. "Bilch, warum hast du so große Augen?" – Damit er mich im Dunklen besser sehen kann. Ach so! Genauso wie die langen Schnurrhaare sind auch die großen Knopfaugen eine Anpassung an das Nachtleben, sie haben den Nebeneffekt, dass der kleine Siebenschläfer auch eindeutig mütterliche Gefühle in mir weckt.


Der Bilch hat sich versteckt! Aber wo?

Die nächsten Tage wächst und gedeiht mein Pflegekind prächtig. Auch seine Umgebung macht er jetzt unsicher. Das merke ich eines Morgens, als er sich aus seiner Box gemogelt hat. Suchend laufe ich durchs Zimmer. Zu dumm, dass Bilch nicht auf seinen Namen hört. Also muss ich meiner Nase nachgehen.

Das klingt vielleicht komisch, aber in den letzten Tagen war das Lieblingsessen des Siebenschläfers frische Apfelstücke. Deswegen riecht er jetzt auch nach Apfel. Schnüffelnd gehe ich durchs Zimmer. Und wo finde ich ihn wieder? In der Gießkanne! Seine Pfoten haben über das Metall gekratzt und mir so den Weg gewiesen. Zum Glück war die Gießkanne leer, das hätte sonst böse ausgehen können.

Höchste Zeit für den Siebenschläfer umzuziehen. Ich baue einen extra Kletterkäfig. Den statte ich mit allerlei Kletterästen aus und binde Apfelstückchen an die Gitterwand. Auch Walnüsse frisst Bilch gerne, genauso wie Kastanien, Bucheckern und Hagebutten.


Bilch in seinem Kletterkäfig (Foto von: Luise Heine)
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Bilch in seinem Kletterkäfig

Ich hab den Siebenschläfer jetzt gut einen Monat und ab und an lasse ich ihn frei im Zimmer herumlaufen. Das ist kein Problem, weil ich ihn jederzeit mit einer Nuss wieder in seinen Käfig locken kann. Da ruht er sich dann in seiner Papierröhre erst einmal aus. Inzwischen ist sein zuerst eher dünner Schwanz schön buschig geworden, so wie es sich für einen ordentlichen Siebenschläfer gehört. Den langen Schwanz brauchen die Tiere zum Ausbalancieren, wenn sie von Ast zu Ast springen, oder vom Käfig auf die Schulter.

Bilch will gar nicht Winterschlaf halten

Nach einem weiteren Monat ist Bilch fast ausgewachsen und ein richtiger Rabauke. Er tobt durchs ganze Zimmer, schmeißt Sachen auf den Boden und frisst alles in sich hinein, was er finden kann - einschließlich der Mandarinen, die ich auf meinem Schreibtisch liegen hatte. Das ist auch gut so, denn er muss sich ein ziemliches Polster anfressen, wenn er einen so langen Winterschlaf halten will.

Die Tiere stehen nämlich, anders als zum Beispiel Eichhörnchen, während des Winters nicht auf, um zu fressen. Und es ist wichtig, dass er diesen Winterschlaf möglichst ungestört halten kann, sonst ist er im nächsten Jahr unfruchtbar und kann keine kleinen Siebenschläferbabys zeugen.


Als Schlafhöhle stelle ich ihm einen Starenkasten in den Käfig, den ich mit Watte ausgestopft habe. In meinem Zimmer ist es aber zu warm, um den Bilch daran zu erinnern, dass er sich auf den Winterschlaf vorbereiten sollte. Also stelle ich den Käfig in den Keller, um den Siebenschläfer auf die richtige Temperatur einzustellen. Und tatsächlich, das Tier wird immer dicker und dicker. Schließlich muss es sich den Eingang zum Starenkasten größer nagen, um überhaupt noch reinzupassen.

Aber erst kurz vor Weihnachten kriege ich ihn nicht mehr zu Gesicht. Von innen hat der Siebenschläfer den Eingang mit Watte verschlossen und träumt inzwischen Bilchträume.


Auch Mandarinen scheinen Bilch ausgesprochen gut zu schmecken (Foto von: Luise Heine)
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Auch Mandarinen scheinen Bilch ausgesprochen gut zu schmecken

Der Bilch rüttelt am Gitter, Zeit ihn vor die Tür zu setzen

Vier Monate dauert es, bis ich das kleine Schnäuzchen wieder zu Gesicht bekomme. Mit verschlafenen Augen sieht er mich an und macht dann den Eingang wieder von innen zu. Ist wohl noch zu früh, um aufzustehen. Ende April schließlich sind die Nüsse, die ich im Käfig ausgelegt hatte verschwunden und der Siebenschläfer rüttelt buchstäblich am Gitter.

Es wird Zeit sich zu verabschieden. Denn der Bilch ist ein Wildtier uns steht außerdem unter Naturschutz. Er gehört zurück in die Wildnis, wo er eine kleine Siebenschläferfreundin finden kann. Der Abschied fällt mir schwer, das kleine Fellknäuel ist mir ans Herz gewachsen! Für seine Auswilderung habe ich einen ganz speziellen Platz ausgesucht: eine Insel, die nur über einen Steg zu erreichen ist.


Dort, so weiß ich, gibt es auch andere Siebenschläfer, und ich kann das Tierchen zumindest vor ein paar seiner Feinde, vor allem Hunde und Katzen, schützen. Nur die Eulen machen mir Sorgen, aber dafür werden die Obstbäume auf der Insel dem Kleinen reichlich Nahrung bieten.


Mein letztes Foto von Bilch. Ob er wohl ein Siebenschläfermädchen gefunden hat? (Foto von: Luise Heine)
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Mein letztes Foto von Bilch. Ob er wohl ein Siebenschläfermädchen gefunden hat?

Mit flauem Gefühl im Magen mache ich mich mit dem Starenkasten unter dem Arm auf, einen geeigneten Platz für Bilch zu finden. Schließlich entscheide ich mich für eine große Buche. Den Kasten befestige ich mit Draht und nehme den Stopfen aus dem Eingangsloch. Bilch zieht die Nase kraus, als er erstmals den Duft der Freiheit in seine kleine rosa Schnauze zieht. Ich stecke ihm noch ein paar Walnüsse ins Loch und verabschiede mich in Gedanken.

Bilch zieht sich wieder in den Kasten zurück. Es ist Mittag - noch viel zu früh für kleine Bilche. Auch wenn er jetzt schon erwachsen ist, für mich wird er immer das kleine weiche Fellknäuel bleiben, welches friedlich in meiner Hand geschlafen hat.


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