Hauptspalte:
Knochenarbeit
Wer das neue GEOlino extra "Dinosaurier" durchblättert, entdeckt viele alte Bekannte: den Tyrannosaurus rex etwa, der vor Millionen Jahren auf der Nordhalbkugel wütete. Kaum jemand aber kennt bisher die Dinos des Südens. Das soll die Gigasaurier-Ausstellung in Frankfurt am Main ändern. GEOlino-Reporter haben den Aufbau dieser buchstäblich großartigen Schau begleitet
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Der Dicke steckt fest, mal wieder.
Schon am Morgen, als
sie das Knochengerüst des
Argentinosaurus im Tieflader verstauen
wollten, um es nach Frankfurt
zu fahren, klemmte sein Hinterteil
in der Ladeluke. Am Ende
ha ben die Ausstellungsbauer einfach
Stücke des 3,80 Meter breiten
Beckens abgesägt. Und jetzt passt
das Rückgrat des Riesensauriers
nicht durch die Öffnung des Ausstellungszeltes.
Die mannshohen Wirbel vorn auf dem Gabelstapler
ecken oben an. Wilde Diskussionen
beginnen, die Männer legen
Maßbänder an. Bernd Herkner, Leiter des Naturmuseums Senckenberg,
steht ratlos am Rand. „Dieses
Wesen ist einfach zu groß für
diese Welt“, sagt er irgendwann.
Es stammt ja auch aus einer Welt vor unserer Zeit! Vor 90 Millionen Jahren bewohnte der Argentinosaurus das heutige Südamerika. Jetzt ist er nach Frankfurt gekommen. Und mit ihm 21 weitere Dinosaurier der Südhalbkugel. Genauer: versteinerte Knochenreste der Riesen, Skelette und Modelle. Letztere sind zwar aus Kunstharz und Bauschaum, aber trotzdem im wahrsten Sinne großartig. Zu groß sogar für das Senckenberg- Museum. Darum müssen Bernd Herkner und sein Team für die Ausstellung umziehen, in ein mächtiges Zelt nahe des Frankfurter Hauptbahnhofs.
Dort, im Eingangsbereich, baut
Schreiner Michel Beck am hölzernen
Zeittunnel. Durch den gelangen
die Besucher später einmal
aus dem Jetzt und Hier in die frühen
Jahre des Lebens, als die Zeit
der Dinos begann. Eilig vernagelt
Michel Beck Bretter und Latten,
sein Hämmern klingt wie das eines
Spechts. Er wünsche sich gerade
oft, durch so einen Zeittunnel
zum Tag der Eröffnung zu gehen,
wenn alles fertig ist, sagt er.
Knapp zwei Wochen sind es bis dahin - und noch so viele Dinge zu tun. Zurzeit gleicht das Ausstellungszelt einem Spielzimmer, in dem ein bockiger kleiner Bruder gewütet hat: Überall Plastikberge, dazwischen Rippenbögen, Kiefer kno chen und Holzkisten mit bunten Schildern. „Museo Argentino de Ciencias Naturales“ steht auf einem, „Argentinisches Museum der Naturwissenschaften“.
Dort, in Buenos Aires, arbeitet Maxi Iberlucea eigentlich. Der Argentinier kümmert sich als Ausstellungstechniker um Dino- Knochen und -Modelle. In diesen Wochen aber hilft er den Urzeit- Riesen in Frankfurt auf die Beine - wenn die nur zu finden wären ...
Maxi Iberlucea wischt sich den
Schweiß von der Stirn. Das Rückgrat
des dicken Argentinosaurus
haben seine Kollegen und er endlich
doch ins Zelt gepresst und mit
einer Seilwinde an die Decke gezogen.
Nun schaukelt es in der
Schwebe, bis die Beine montiert
sind. Aber die Schenkel sind verschwunden.
Maxi Iberlucea klettert
in eine Holzkiste und schält einen
Kunststoff-Knochen, groß wie er
selbst, aus einer Plastik hülle. Ein
prüfender Blick, Kopfschütteln.
Dieses Teil gehört nicht zum Argentinosaurus,
sondern zum Carnotaurus, übersetzt: „Fleischfressender
Stier“. Ein Räuber mit zwei
Hörnern, den es nur auf der Südhalbkugel
gegeben hat.
Die Dino-Welt des Südens hat ohne hin einige Kuriositäten zu bieten. Auch den Eoraptor, früher Vertreter der Raubsaurier. Ein feingliedriger, flinker Jäger, dessen Bild sich Maxi Iberlucea auf die rechte Wade hat tätowieren lassen. Warum? „Weil ich stolz auf unsere Saurier bin“, sagt er. Dass hier in Deutschland kaum einer die Urzeit- Tiere seiner Heimat kennt, versteht er nicht. Um das zu ändern, um ihren Dinos Ruhm zu verschaffen, haben sieben argentinische Museen ihre schönsten Stücke nach Europa geschickt, darunter etwa versteinerte Dino-Eier. Und sie haben mit Wissenschaftlern wie Bernd Herkner die großen Dino-Modelle entwickelt, manche davon sogar mit Haut und Horn, mit funkelnden Augen, glänzender Zunge und spitzen Zähnen. Die Kunststoff-Kopien der 22 Saurierarten kamen allerdings nicht in einzelnen Knochen nach Europa.
Ganze Körperteile wie die Wirbelsäule des Argentinosaurus wurden in Argentinien vorgefertigt. Metallverbindungen halten die Wirbel nun zusammen. So müssen die Ausstellungsbauer sein Skelett - eigentlich aus mehreren Hundert Knochen bestehend - nun aus „nur“ 50 Teilen zusammensetzen. Doch selbst das dauert. Tagelang schleppen Maxi Iberlucea und seine Kollegen Knochen umher und stecken hoch oben unterm Zeltdach Rippenbögen ins Rückgrat des Dicken. Von dem ist allerdings der Lack ab: Einige Kunststoff-Knochen haben durch den Transport Schrammen bekommen. Drei Zähne sind herausgeschlagen.
Ein Fall für Olaf Vogel, Präparator
am Senckenberg-Museum
und derzeit so etwas wie
der Schönheits-Chirurg der Ausstellung.
„Das kriegen wir wieder
hin“, sagt er. „Gleich!“ Noch pflegt
er die gebrochenen Fußknochen
des Patagosaurus, eines 18 Meter
lan gen Pflanzenfressers. Vogel
schient sie mit Draht und schaut
sich den Stampfer dann lange an.
„Für meinen Geschmack sind die
Füße etwas zu steil aufgebaut.
Bloß: Woher will man’s wissen?“,
fragt er ins Leere.
Denn von keinem einzigen der
22 Skelette, die kurz vor der Ausstellungs-
Eröffnung dann endlich
auf ge baut sind, wurde je ein komplettes
Original geborgen. Vom Argentinosaurus etwa hat man nur
Rückenwirbel, Rippenstücke, Beinknochen
und das Kreuzbein gefunden.
Erst durch Vergleichen, Rechnen und einen Hauch Fantasie
formten Wissenschaftler ein
Bild und ein Modell des Riesen.
Eine Fantasiefigur ist das trotzdem nicht, betont Bernd Herkner. „Wir vergleichen ja nicht Löwe, Kamel und Mensch und machen dann ein Tier daraus“, sagt der Urzeit-Forscher. Mit seinen Kollegen hat er sich die „Baupläne“ anderer Langhalssaurier angesehen - und hochgerechnet. „Dabei kam dieser Riese heraus“, sagt er, während er langsam an der fast 40 Meter langen und haushohen Knochengestalt vorbeischlendert. Mehr als eine Minute braucht er, um von der Schwanzspitze bis zum Kopf zu gelangen, weil er immer wieder staunend stehen bleibt. „Man kann es sich nicht vorstellen, wie groß diese Tiere sind“, sagt er. „Man muss sie einfach sehen.“
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