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Städtereise: Stockholm
Unschuldig plätschert die Ostsee an die Inseln der Stadt, und der Himmel lächelt harmlos. Dabei pflastern Leichen ihre Wege: Wir besuchen die schönsten Tatorte des Krimiautors Arne Dahl
"Da sitzt er", sagt Arne Dahl und zeigt auf die Bank, die
den Aussichtspunkt krönt. Mit "er" ist der Enthauptete
gemeint, der Pädophile, dem es in "Dunkelziffer"
an den Kragen geht. "Der Mörder wollte, dass die ganze
Stadt ihn sieht. Deshalb hat er den erhabensten Punkt Stockholms
gewählt", sagt Dahl, 47, der eigentlich Jan Arnald heißt,
als Literaturwissenschaftler für die Nobelpreis-Akademie arbeitet
und unter Pseudonym von der Kritik geschätzte Thriller
schreibt, die auch bei uns auf den Bestsellerlisten landen. Der
erhabenste Punkt Stockholms liegt auf Södermalm, der größten
der 14 Inseln, aus denen sich die schwedische Hauptstadt zusammensetzt
wie ein maritimes Puzzle. Der Montelius Vägen
ist ein Spazierweg entlang dem Steilufer von Mariaberget,
früher ein Armeleuteviertel, heute mit gelb getünchten Häusern
an steilen Kopfsteinpflasterstraßen der pittoreske Part
von Södermalm. Und nun sitzt auf der Opfer-Bank statt des Kopflosen
ein kluger Kopf, der seine Leichen gern an den schönsten
Plätzen der Stadt aussetzt und dabei so freundlich blickt, als
könnte er nicht mal einer Mücke etwas zu Leide tun.
Alles hatte ganz harmlos angefangen. Mit einer Liebeserklärung an das viele Wasser, das seine Heimatstadt umzingelt, beginnt Dahls neuer Roman: "Dass Stockholm so seltsam verzaubert aussah, beruhte vermutlich auf der doppelten Spiegelung der Sonne in Salz- und Süßwasser. Er [hatte] das Gefühl, dass das Licht bei Slussen etwas sehr Besonderes war, hier wo der See ins Meer überging. Gottes eigener Spiegeltrick." Dieser Ort ist Slussen, die Schleuse, an der die Ostsee auf den Mälarsee trifft und die Brücke endet, die die Altstadt mit Södermalm verbindet. "Im Sommer ist Stockholm eine der schönsten Städte der Welt", schwärmt der Krimiautor. Ich treffe ihn genau an der Stelle, die er beschreibt. Gleich um die Ecke ist Dahls zauberhaft-makabrer Tatort.

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Wie dem Mordopfer
aus "Dunkelziffer" liegt auch uns hier
oben am Montelius Vägen die Stadt zu
Füßen. Gegenüber Gamla Stan, das historische
Zentrum, in dem der Fall beginnt, als bei Bauarbeiten
unter dem mittelalterlichen Pflaster ein Skelett gefunden wird.
Weiter östlich Djurgården, die Naherholungsinsel, die
nur eine Brücke von der Innenstadt entfernt in der Ostsee ruht.
Hier steht "Skansen", das Freilichtmuseum mit rekonstruierten
Bauernhöfen, Samenzelten und dem Tierpark. Eine Idylle -
oder ein Schlachtfeld, wenn man wie Arne Dahl in "Tiefer
Schmerz" eine von Madern angenagte Leiche loswerden will.
Dahl zeigt auf die Insel links von Gamla Stan: "Das ist
Kungsholmen und das hohe Gebäude da hinten das Polizeipräsidium."
Dort arbeitet das A-Team, eine Gruppe von Sonderermittlern,
die seine kniffligen Fälle löst. Im Mittelalter gehörte
die Insel den Franziskanern, später ließen sich Gerber auf
ihr nieder. Und heute? "Kungsholmen ist jung, aber angenehm
unaufgeregt und weniger trendy als Södermalm."
Der Schriftsteller, der Maj Sjöwall und Per Wahlöö verehrt, die Eltern von "Kommissar Beck" und dem sozialkritischen Schwedenkrimi, hat Södermalms Verwandlung vom Arbeiter- zum In-Viertel miterlebt. Früher lebte er in Mariaberget, in der Nähe des aussichtsreichen Tatorts. Dann zog die Familie an den westlichen Zipfel der Insel, wo es ruhiger ist. Von hier joggt Dahl nach Långholmen, der ehemaligen Gefängnisinsel nördlich von Södermalm. Der Knast ist längst ein beliebtes Hotel, in dem die Gäste freiwillig hinter Gittern schlafen. Klar, dass so eine Joggingstrecke Spuren hinterlässt. Sie ahnen es? Auch auf Långholmen gibt’s Tote: in "Ungeschoren". Warum ausgerechnet das beschauliche Stockholm mit seiner vergleichsweise harmlosen Kriminalstatistik so oft als Schauplatz blutiger Verbrechen herhalten muss, auch in den Büchern anderer schwedischer Krimiautoren, möchte ich zum Abschied wissen. "Je weiter die Kriminalität weg ist, desto spannender wird sie", antwortet Arne Dahl. "Für uns Schriftsteller und für euch Leser."
Stockholm Info:
Stockholm-Krimis
Arne Dahl: "Dunkelziffer" ist
sein achter Roman um die
Sonderermittler der Stockholmer
Polizei. Piper, 19, 95 Euro
Henning Mankell: Statt in Ystad ermittelt Wallander seinen letzten Fall in der Hauptstadt (Der Feind im Schatten, Zsolnay, 26 Euro). Als die Schwiegereltern seiner Tochter verschwinden, zieht der alternde Kommissar in deren Wohnung auf Östermalm und streift auf Spurensuche durch den noblen Stadtteil. Dass er in den Östermalmshallen gegessen hat, ist nicht überliefert - aber sehr wahrscheinlich. Schließlich gehören die Fischrestaurants in den Backsteinhallen am Östermalmtorg zu den Top-Adressen der Stadt.
Nuri Kino: "In Stockholm dreht sich alles um Mode", sagt der bekannte investigative Journalist. "Die Leute kaufen sich ständig neue Kleidung. Die alten spenden sie. Deshalb hat das auch so gut geklappt." Kino deckte einen Skandal um eine als Wohltätigkeitsorganisation getarnte Sekte auf, die Altkleider in Second-Hand- Shops verkaufte, die Erlöse aber nicht in die Entwicklungshilfe, sondern in die eigene Tasche steckte. Zusammen mit der Pulitzer-Preisträgerin Jenny Nordberg verdichtete der Autor assyrischer Abstammung seine Recherchen zu einem spannenden Stockholm- Krimi, der auch in die Vororte führt (Die Wohltäter, Hoffmann und Campe, 15 Euro). Beim Bummel durch die Drottninggatan und die Straßen rund um den Sergels Torg wird einem klar, warum Stockholm als Modehauptstadt Skandinaviens gilt. Nur ein "Humana"-Shop hat übrigens den Skandal überlebt, der in der Odengatan 33.
Stieg Larsson
Spurensuche: Das kleine Café
gegenüber dem Polizeipräsidium
ist rappelvoll. Am Fenster
zum Hof sitzt Kurdo
Baksi, wie damals, als er hier
mit seinem Freund Stieg
Larsson über das gemeinsame
"Expo"-Magazin diskutierte -
lange bevor der einem Herzinfarkt
erlag und postum zum
Star der Krimiszene aufstieg.
Baksi hat über die gemeinsamen
Jahre ein Buch geschrieben
(Mein Freund Stieg
Larsson, Heyne, 18,95 Euro). Und
erzählt, wie der investigative
Journalist mit seinem kurdischen
Freund gegen Rassismus
und Faschismus kämpfte.
",Il Caffè‘ war unser Wohnzimmer",
sagt Baksi. "Um die
Ecke, im Kungsholmstorg 3, saß
die Nachrichtenagentur, für
die Stieg arbeitete. Nach Feierabend
lief er rüber zur ,Expo‘-
Redaktion in der Pilgatan 3."
Wir bestellen den vermutlich
besten Cappuccino der Stadt.
"Den hat Stieg geliebt", sagt
Baksi traurig. "Und dazu viel
zu viel geraucht." Il Caffè,
Bergsgatan 17, www.ilcaffe.se
Tatort-Tour: Zumindest zum Schlafen fuhr Larsson nach Södermalm, wo er lebte. Hier sind auch seine Helden Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander zu Hause. Das Stadtmuseum veranstaltet Millennium-Touren auf den Spuren der Trilogie. Vor Mikaels Wohnung in der Bellmansgatan 1 treffen wir Elisabeth Daude, die uns zu den Schauplätzen von "Verblendung", "Vergebung" und "Verdammnis" führt: zu Mikaels geliebter Mellqvist Coffee Ba an der Hornsgatan etwa, zur Greenpeace-Zentrale in der Götgatan, Vorbild für die Millennium-Redaktion, und zu Lisbeths Luxus-Loft an der Fiskargatan. Während der Tour vermischt Elisabeth süffisant Facts und Fiction. Schließlich hält alle Welt Blomkvist für das Alter Ego von Larsson. Gut und Böse auseinanderzuhalten ist da schon einfacher. "In Stiegs Romanen leben die Bösen auf Östermalm, der Upper East Side von Stockholm", sagt Elisabeth, als wir uns am Stadtmuseum verabschieden, wo Blomkvists Schreibtisch als Kinorequisite einen Ehrenplatz fand. "Und die Guten auf Södermalm." Stadsmuseum, Metro Slussen, Tel. 0046-8-50 83 16 59, www.stadsmuseum.stockholm.se Mo geschl., Touren Sa u. Mi; ca. 12 Euro
Übernachten
Statt schwedischer Gardinen
Gitterstäbe, statt Gemälden
Fahndungsfotos: Bis 1975 war
das Hotel LÅngholmen auf
der gleichnamigen Insel ein Gefängnis,
und daran hat
sich - abgesehen von
Komfort, Freigang und
Service - nicht viel
geändert. Das fesselnde
Hotel hat Einzel- und
Doppelzellen, die
Jugendherberge
setzt
auf Gruppenarrest.
Keine Sorge: Statt
Knäckebrot und Wasser
gibt’s ein üppiges Frühstücksbuffet.
Tel. 0046-8-720 85 00,
www.langholmen.com
DZ/F ab 135 Euro, Hostel DZ 80 Euro
Stockholm Card:
Freier Eintritt in die Museen
und freie Fahrt mit Bussen, Fähren
und U-Bahnen. beta.stockholmtown.com; 48 Std. ca. 55 Euro
Reiseführer:
Gudrun Schulte und Marie-
Luise Schwarz widmen dem
"Tatort Stockholm" ein eigenes
Kapitel in ihrem Stockholm-
Führer. Edition Elch, 18,90 Euro
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