Hauptspalte:
Weinwandern: Weinwanderung in der Steiermark
Per Satellit zum Sauvignon: Im Süden des österreichischen Bundeslandes streifen Besucher mit Navigationsgeräten durch die Reben. Eine Weinwanderung
Schon nach fünf Minuten sind wir beschwipst. Pralle Trauben baumeln im roten Weinlaub und wachsen uns fast in den Mund. Ringsum wellt sich die Landschaft - die freundlichen Wogen eines Landmeers. Weinberge wechseln mit Wäldchen ab, gelbe Winzerhäuser leuchten dazwischen auf. Am Horizont kratzen weiße Alpengipfel an den Wolken. Kann eine Landschaft so beschwingt stimmen, auch wenn man noch gar nichts getrunken hat? Aus heiterem Himmel erklingt jetzt eine weibliche Stimme. Mit weichem Timbre spricht sie vom Sauvignon Blanc und erklärt, dass dies die wichtigste Rebsorte der Steiermark sei. "Wie ein Chamäleon passt er sich dem Boden, dem Mikroklima und sogar dem Weinbauern an." Dann erläutert sie noch, dass die hohen Berge im Süden in Slowenien stehen und der Turm, der in den weißblauen Himmel ragt, zur beliebten Kapelle des Weinheiligen St. Urban gehört.
Nüchtern betrachtet, kommt die Stimme aus dem GPS, das ich in der Hand halte, während ich neben Manuela, meiner Wein- und Wanderfreundin, herlaufe. Wir haben das Navigationsgerät vorhin bei den Winzern Maitz abgeholt. Es führt uns auf einer Tour durch die Lagen ihres Weinguts. Der Pfeil auf dem kleinen Bildschirm zeigt an, wann wir abbiegen müssen; an bestimmten Stationen gibt die Stimme Erklärungen zu Lehm- und Sandboden, zu Muskateller und Burgunder, zu Säure und Zucker in den Trauben. Das Programm nennt sich "Terroir erleben". Winzer an der Südsteirischen Weinstrasse zwischen Ehrenhausen und Leutschach bieten diese per Satellit geführten Wanderungen an.
Das Ganze gestaltet sich erfreulich einfach. Wolfgang Maitz
junior verlangt keine Gebühr und will noch nicht einmal
eine Kaution. Der Winzer ist 31 Jahre alt. Er trägt eine filigrane
Brille in seinem feingeschnittenen Gesicht, seine kräftigen
Finger erzählen von handfester Arbeit. Maitz
prüft kurz, ob das Gerät funktioniert. Dann
zeigt er uns den Einstieg und lässt uns allein
durch seine Weinberge wandern. Es gibt keine Zäune und keine Verbotstafeln. Schilder in Form von
Weinflaschen zeigen den Weg. Falls das GPS ausfällt, weist der
Flaschenhals die Richtung.
Das Weingut Maitz mit seinem großen Fasskeller steht
auf der Kuppe eines Hügels. Die Wanderung führt in einem großen
Bogen durch einen Paradiesgarten. Dort wachsen nicht
nur Muskateller und Welschriesling, sondern auch Brombeeren
und Haselnüsse. Am Rand der Rebzeilen blühen Rosen, und
Hagebutten reifen in den Büschen. Es gab hier keine Flurbereinigung,
die Weinberge passen sich harmonisch der Landschaft
an, die einst den Boden des Urmeers bildete. Ein Karpfenteich
wirkt wie ein dunkles Auge im Grund des Talkessels.
Die Frau, die aus dem GPS spricht, hetzt uns nicht. Wir
können in unserem eigenen Tempo wandern, den Rhythmus
selbst bestimmen. Wo es uns gefällt, halten wir an und lassen
den Blick über die Südsteirische Weinstraße schweifen, die auf
dem Kamm der nächsten Hügelkette verläuft. Einen Ausschnitt
der Welt betrachten wir durch ein genial einfaches Fernrohr:
Eine Weinflasche ohne Boden wurde horizontal auf
ein Gestell montiert. Daneben steht der Klapotetz. Das ist ein
hölzernes Windrad, dessen Klappern angeblich die Vögel vertreibt.
Dieses Wahrzeichen der steirischen Weinberge müssen
wir fotografieren, erst dann sind wir bereit für die verschiedenen
Schichten des Bodenprofils. Ein Schaukasten am Hang macht
die Erklärungen aus dem GPS sichtbar: Erst kommen 80 Zentimeter
schluffiger Lehm, darunter liegt ein halber Meter Sand.
Am Schusterberg geht es steil bergauf, nach hundert Metern fangen wir an zu japsen. Nach einer knappen Stunde kommen wir wieder im Weingut an. Im hölzernen Pavillon mit den Efeuranken und dem roten Dach trinken wir den leichten Jungwein, der hier Junker heißt. Und stärken uns mit einer Jause. Zu Speck und Würsten gibt es frisch gehobelten Meerrettich, Kren genannt. Er treibt das Wasser in die Augen. Im Garten herrscht Selbstbedienung. Speisen, etwa das Carpaccio, und Getränke muss man bei der Mutter von Wolfgang Maitz holen, die in der Gaststube hinterm Tresen steht. Neben den Bänken unter dem Nussbaum hat sie ein Schildchen aufgestellt: "Weinverkauf und Getränke für Wanderer jederzeit möglich!"
Weil die GPS-Tour nur ein Spaziergang war, machen
Manuela
und ich am Nachmittag noch eine richtige Wanderung.
Drei Stunden gehen wir auf einem gut markierten Weg durch
Weinberge und Wäldchen, balancieren auf einem schmalen Steg
über einen Bach, kommen an Bananenstauden und Pfirsichbäumchen
vorbei. Die Landschaft bleibt abwechslungsreich, die
fruchtbaren Hügel erinnern an die Toskana.
Am Abend verkostet Wolfgang Maitz mit uns seine Weine.
Wir sitzen in seinem stilvollen Lokal, lassen uns den Schafskäse
schmecken, der im Speckmantel gebraten wurde, und trinken
uns durch die Lagen, deren schluffigen Lehm wir heute Morgen
unter den Sohlen hatten. Beim Grauburgunder verrät der
Winzer, warum er Fremde so vertrauensselig mit dem GPS
durch seine Rebstöcke wandern lässt: "Wer sich dieses Gerät
ausborgt, interessiert sich für den Wein und geht nicht achtlos
mit meinen
Trauben um." Beim Chardonnay erklärt er, dass
diese Rebsorte in der Steiermark Morillon heißt und dass es
nicht schlimm sei, wenn die Gäste bei der Wanderung ein paar
Trauben naschen.
Kann sein, dass wir beim Sauvignon Blanc nicht mehr
ganz bei der Sache waren. Da hat der Winzer seine Arbeit im
Weinberg mit der Kindererziehung verglichen. "Viel zulassen",
hat er gesagt, "und nur da eingreifen, wo es nötig ist."
Wir haben nur noch beschwingt genickt.

Kartenansicht wird
geladen ...
Reisezeit: Im Herbst bietet die Südsteiermark die schönsten Bilder. Auch im Frühling lässt es sich angenehm wandern. Im Sommer kann es dagegen bis zu 40 Grad heiß werden.
Anreise: Die Bahn fährt nach Ehrenhausen. Mit dem Auto sind es von der Ausfahrt Vogau-Straß an der A 9 nur ein paar Kilometer bis zur Südsteirischen Weinstrasse. Für Radfahrer eine herrliche Landschaft, sofern sie trainiert sind und die Hügel nicht unterschätzen.
Winzerwanderungen: An der Weinstraße bieten mehrere Winzer GPS-geführte Wanderungen durch ihre Weinlagen an. Die Teilnahme ist kostenlos; es empfiehlt sich, vorab telefonisch zu reservieren. www.suedsteirischeweinstrasse.at , Menüpunkt "Terroir erleben"
Übernachten und Essen: Die Winzerzimmer im Weingut Maitz sind einfach eingerichtet, aber der Blick vom Balkon ist unbezahlbar. Im Garten isst man in traumhafter Umgebung, das Weinlokal hat Jausen und eine Auswahl feiner Gerichte auf der Karte. Eigene Weine schenkt der Winzer auch glasweise aus. Ratsch an der Weinstraße 45, Tel. 0043-3453-21 53, www.maitz.co.at DZ/F ab 90 Euro. Günstige Winzerzimmer finden Reisende auch im Internet unter: www.weinlandsteiermark.at


Kommentare zu "Weinwanderung in der Steiermark"
Schilcher? Sauvignon blanc? Also wenn man es ganz genau nimmt, ist der Schilcher eher in den Weinbergen der Weststeiermark zu Hause und der Sauvignon blanc verstärkt in der Südsteiermark. Beides findet man hier wie dort und da wir Steirer - weltweit gesehen - ein kleines Anbaugebiet haben, nehmen wir es mit der Weinanbaugebietsdifferenzierung nicht so genau! Wichtig ist, die Steiermark ist ein Weinland mit hervorragenden Sauvignon blancs und ebenso herrlichem Schilcher!
Traditionellerweise darf der Steirische Junker am Mittwoch vor Martini das erste Mal ausgeschenkt werden. 2011 feiert der Junker seine Premiere am Mittwoch, dem 09. November! Der Junker wird bis etwa Ende des Jahres getrunken, also im Oktober 2011 kann der Autor auf jeden Fall keinen Junker zur Jause getrunken haben!
Der Wein der Region ist der SCHILCHER und nicht ein Sauv. Blanc! Zur Zeit gibt es überall Schilcher-Sturm, sogar im Merkur-Markt. So abgehoben durch die Steiermark laufen und nicht einmal die Rabiatperle der Steierer zu kennen? Kopfschüttel, kopfschüttel...
Ein Tipp für alle die jetzt an den Herbsttagen kein Zimmer mehr bekommen. Auch im Winter ist diese Gegend reizvoll. Zum Beispiel ab 9.November wenn die Steirer den ersten jungen Wein des Jahrgangs - "Steirischer Junker" präsentieren. Öffnungszeiten und verfügbare Quartiere im Winter auf der angekündigten homepage im Text...