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Rocky Mountains Nationalpark: Wildnis für jedermann

Nirgendwo sonst in den USA ist wilde Bergnatur so leicht zugänglich wie im beliebtesten Nationalpark von Colorado, der ab September 2014 ein Jahr lang sein 100-jähriges Bestehen feiert

Text von Sandra Henderson

Der Ute Trail wurde einst von den Ute und Arapaho Indianerstämmen auf dem Weg zu ihren Jagdgrüden benutzt. Man wandert fast den kompletten Weg über der Baumgrenze, und hat deshalb freien Bergblick auf die Continental Divide. Es ist der Lieblingspfad unserer Naturkundlerin, die die Weite der alpinen Tundra besonders schätzt (Foto von: Jeffrey Donenfeld)
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Der Ute Trail wurde einst von den Ute und Arapaho Indianerstämmen auf dem Weg zu ihren Jagdgrüden benutzt. Man wandert fast den kompletten Weg über der Baumgrenze, und hat deshalb freien Bergblick auf die Continental Divide. Es ist der Lieblingspfad unserer Naturkundlerin, die die Weite der alpinen Tundra besonders schätzt

"Pass auf!" ruft mein Begleiter vom Beifahrersitz. Ich kann gerade noch rechtzeitig bremsen, ehe mir eine Touristenfamilie im Gänsemarsch vor das Auto läuft. Das Bergstädtchen Estes Park hat Hochsaison. Entlang der Touristenzeile quellen die Besuchermassen aus den Souvenirläden und über die Bürgersteige. Da muss man durch auf dem Weg zum Rocky Mountain-Nationalpark.

Amerika ist das Land der Gegensätze. Selbst hier oben auf 2500 Metern über dem Meeresspiegel, wo der Mensch auf nahezu unberührte Wildnis trifft. Wir lassen den überlaufenen Ausflugsort am Big Thompson River hinter uns und fahren weiter auf der US-36 in Richtung Westen. Nach nur knapp fünf Kilometern erreichen wir den Beaver Meadows Visitor Center, den Haupteingang des 1075 Quadratkilometer großen Rocky Mountain Nationalparks, und das Tor zu einer völlig anderen, atemberaubenden Welt mit 150 Bergseen, 724 Kilometern an Gebirgsbächen und einer erstaunlich artenreichen Tier- und Pflanzenwelt.

Von hier aus führt uns die Naturalistin Kathy Brazelton auf einen Streifzug durch ihr Revier.


Durch die Tundra auf der Trail Ridge Road

Wie viele Parkbesucher fahren auch wir erst einmal die Trail Ridge Road hoch, die höchste durchgehend befestigte Autostraße der USA. Die 77 Kilometer lange Hochgebirgsstraße, die sich entlang eines Grats bis auf knapp 3660 Meter schlängelt, ist für ihre atemberaubenden Aussichtspunkte berühmt.

"Viele erleben den Rocky Mountain-Nationalpark nur von diesem Korridor aus, ohne sich weit vom Auto zu entfernen", erzählt Brazelton über die 3,3 Millionen ganzjährigen Besucher. Und das sei schon in Ordnung, sagt die zierliche Frau in sandfarbener Rangeruniform und Wanderstiefeln. Eine Besonderheit des Nationalparks ist es nämlich, dass man Bergpanoramen, Gletschermoränen und sogar ein bisschen Wildnis bequem vom Auto aus erleben kann.

Schon die ersten Aussichtspunkte, Hidden Valley und Rainbow Curve, bieten uns einen atemberaubenden Ausblick Richtung Norden, auf Gletschermoränen und ewige Schneefelder, wo sich junge Dickhornschafe vergnügen.


Der Upper Beaver Meadows Rundwanderweg bietet einen weitläufigen Blick über den Rocky Mountain Nationalpark. Ein Abstecher vom Pfad führt zum Ute Meadows Zeltplatz, wo campen in der Wildnis erlaubt ist (Foto von: Jeffrey Donenfeld)
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Der Upper Beaver Meadows Rundwanderweg bietet einen weitläufigen Blick über den Rocky Mountain Nationalpark. Ein Abstecher vom Pfad führt zum Ute Meadows Zeltplatz, wo campen in der Wildnis erlaubt ist

Vom Forest Canyon Lookout aus ist die weitreichende alpine Tundra auf der Südseite der Trail Ridge Road ein reines Naturspektakel. "Wie ein sanftgrünes Tischtuch liegen die sonnenbeschienenen Bergwiesen über den Felsen", schwärmt Brazelton. "Ich vergöttere alles, was über der Baumgrenze liegt." Myriaden von Wildblumen riechen hier besonders intensiv, weil es die Blüten schwerer haben, ihre Bestäuber bis in alpine Höhen zu locken.

Vor uns fallen bis zu 760 Meter tiefe Schluchten in den Forest Canyon ab, die Gletscher vor Millionen Jahren ins Gestein gravierten. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tals reicht der Blick bis hinauf zur kontinentalen Wasserscheide und zum Longs Peak im Osten. Dieser majestätische Gipfel ist einer der 54 "Fourteeners" im Bundesstaat, also ein Gipfel mit über 14000 Fuß (ca. 4267 Meter), und das Kronjuwel des Rocky Mountain-Nationalparks.


Ein Ranger markiert auf einer Landkarte für eine Besucherin empfohlene Haltepunkte im Rocky Mountain Nationalpark (Foto von: Jeffrey Donenfeld)
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Ein Ranger markiert auf einer Landkarte für eine Besucherin empfohlene Haltepunkte im Rocky Mountain Nationalpark

Into the Wild

Wer sich auf Pfade fernab der Hauptader der Trail Ridge Road begibt, wird mit Wildnis pur belohnt. Mit dem richtigen Schuhwerk und warmer Jacke gelangt man schnell an einsame Orte, wo die "Flip-Flop-Touristen", wie Brazelton sie nennt, nicht hinkommen. Dort begegnet man kaum einer Seele mehr, auch wenn dieser Nationalpark nur ein Achtel der Fläche von Yellowstone hat, bei genauso vielen Besuchern.

Fast 500 Kilometer Wanderwege führen durch den Park. Wer vor Sonnenaufgang aufbricht, schafft den Abstieg, bevor die notorischen Gewitter kommen, die im Sommer fast jeden Nachmittag in den Rockies aufziehen. Auf den diversen Wegen durchwandert man das vielfältige alpine und subalpine Ökosystem des Parks. Im Wald riecht die Rinde der Gelbkiefern wunderbar nach Vanille. Brazelton versichert uns, dass die meisten der wilden Beeren essbar sind. Hier wachsen winzige Himbeeren, Erdbeeren, Stachelbeeren und Heidelbeeren. Zur Fauna im Park gehören außerdem Berg-Tragant, Arnika, Blutwurz und die Kanadische Akelei. "Das sind die hübschesten kleinen Dinger, die ich je gesehen habe", sagt die Expertin über die Blume, die das Wahrzeichen Colorados ist. Die Pflanzen teilen sich den Lebensraum mit Hirschen, Amerikanischen Elchen, Dickhornschafen, Kojoten, Schwarzbären, Berglöwen und Murmeltieren. Der Luftraum gehört Blauhähern, Weißkopf- und Steinadlern und Eulen.

Brazelton führt uns zu ihrem Lieblingswanderweg, dem Ute Trail, der von der Trail Ridge Road aus relativ flach durch die alpine Tundra führt und einst vom Stamm der Ute- und Arapaho-Indianer auf dem Weg zu deren Sommer- und Winterjagdgründen benutzt wurde. Der komplette Pfad liegt oberhalb der Baumgrenze – genau nach Brazeltons Geschmack. Im Rocky Mountain Nationalpark kann jeder die Wildnis auf seine Art erleben. "Fast jeder schafft den Bear Lake Trail", sagt Brazelton. "Das ist das Magische hier oben im Park, dass jeder diese Ausblicke genießen und die Felsen anfassen kann, egal, welche körperlichen Fähigkeiten er hat." Wer sich tiefer in die pure Wildnis hineinwagen will, sollte eine mehrtägige Wandertour planen. Mit einer Sondererlaubnis bricht man mit Zelt und Kocher zu einem einzigartigen Naturabenteuer ins Hinterland auf.


Eine Holzplakette als Mitbringsel vom Souvenirladen des Beaver Meadows Besucherzentrums im Rocky Mountain Nationalpark (Foto von: Jeffrey Donenfeld)
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Eine Holzplakette als Mitbringsel vom Souvenirladen des Beaver Meadows Besucherzentrums im Rocky Mountain Nationalpark

Vergangenheit und Zukunft

Ab September 2014 feiert der Rocky Mountain Nationalpark ein Jahr lang 100-jähriges Jubiläum. Zelebriert wird ein Jahrhundert der Erforschung, des Naturschutzes und der Erholung im Park, der am 4. September 1915 eingeweiht wurde. Menschen kennen das Gebiet natürlich seit über 10.000 Jahren von den Amerikanischen Ureinwohnern bis zu den heutigen Touristen. Das Zusammenwirken von Mensch und Natur im Park war und ist so dynamisch wie faszinierend. Doch auch dieses Paradies ist vom Klimawandel bedroht. Viele der Tier- und Pflanzenarten leben schon jetzt am Rande der Fähigkeiten in der hochalpinen Lage. Jede kleinste Veränderung könnte eine Spezies aus diesem Lebensraum verdrängen. "Das alpine Ökosystem scheint so stabil, weil es so hoch oben liegt und ohnehin schon Wind und Kälte und allen möglichen Wetterbedingungen ausgesetzt ist", sagt Brazelton. "Es ist in Wahrheit jedoch sehr empfindlich, was das Klima angeht."

Als ich die sonst lebhafte Brazelton nach der Zukunft des Nationalparks frage, wird ihr Ton plötzlich ernst. "Es ist wichtig zu verstehen, dass dieser Nationalpark eine Weltressource ist, die den Menschen gehört", sagt Brazelton. "Die Leute haben ein Mitbestimmungsrecht, was mit dem Park passiert, und können ihn schützen."


Anreise

Von Denver aus geht es über die I-25 North zur US-36 West durch Boulder, Lyons und Estes Park, bis man das Beaver Meadows Besucherzentrum am Eingang zum Rocky Mountain Nationalpark erreicht.

Aus dem Norden (z.B. aus Wyoming) erreicht man den Nationalpark über die US-34 West nach Estes Park.

Den West-Eingang zum Park Grand Lake Entrance Station erreichen Sie über die US-34 East/Trail Ridge Road ca. 3 km nördlich von Grand Lake.


Tageswanderungen im Park

Bear, Nymph, Dream und Emerald Lake Vom Bear Lake Trail Head aus umrunden Sie zuerst den Bear Lake (0,8 km) und machen sich dann vom selben Ausgangspunk auf den leicht bis mittelschweren Wanderweg zu den drei Bergseen (ca. 5,5 km hin und zurück).

Ute Trail Wandern Sie auf den Spuren der Ute- und Arapaho-Indianerstämme, größtenteils über der Baumgrenze durch die alpine Tundra. Ausgangspunkt ist der Upper Beaver Meadows Trailhead. Die ca. 10 km lange Wanderung (einfache Strecke) endet am Ute Trail Crossing an der Trail Ridge Road.

Timberline Falls Die 13 km (hin und zurück) lange Wanderung zum Timberline Wasserfall startet vom Glacier Gorge Trailhead aus und führt auch am Alberta-Wasserfall und am malerischen Loch Vale-See (3105 m ü.M.) vorbei.


Übernachtungsmöglichkeiten

The Stanley Hotel In dem historischen Grandhotel wurden Teile von Steven Spielbergs "The Shining" gedreht. 333 E. Wonderview Ave. Estes Park, CO 80517 Tel. 001-9705774000 www.stanleyhotel.com

YMCA of the Rockies 2515 Tunnel Road Estes Park Tel. 001-8886139622 www.ymcarockies.org

Campingplätze Im Nationalpark gibt es fünf gut ausgestattete Campingplätze. Für Aspenglen, Glacier Basin und Moraine Park können Zeltplätze und Wohnmobil-Stellpläze reserviert werden, am besten Anfang des Jahres, sobald Reservierungen für die Saison angenommen werden: www.reserveamerica.com oder www.recreation.gov oder telefonisch unter 001-8774446777 (innerhalb der USA) oder Tel. 001-5188853639 (von außerhalb der USA).

Plätze auf dem Longs Peak (nur Zelte), Moraine Park Loop B und Timber Creek Campingplatz werden hingegen auf "first-come, first-served" Basis vergeben.

Camping im Hinterland ist mit Genehmigung auf dafür markierten Plätzen erlaubt. Die beiden Backcountry Offices befinden sich jeweils neben dem Beaver Meadows Besucherzentrum und neben dem Kawuneeche Bersucherzentrum. Telefonische Auskunft zu Genehmigungen, einzelnen Zeltplätzen und Bestimmungen gibt es unter 001-9705861242.


Weitere Informationen

Hinweis zur Flut vom September 2013 Die großen Fluten im September 2013 haben im Rocky Mountain Nationalpark schwere Schäden angerichtet. Unter anderem wurden Zufahrtsstraßen, Wanderwege und Brücken zerstört oder beschädigt. Die Reparaturen sind noch im Gange. Es ist deshalb empfehlenswert, sich vor einem Besuch bei der Parkverwaltung nach dem aktuellen Stand zu erkundigen.

Generelle Informationen Rocky Mountain National Park Tel. 001-9705861206 www.nps.gov Informationen zum ganzjährigen Jubiläums-Programm gibt es auf der offiziellen Webseite des Nationalparks.


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