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GEO Magazin Nr. 09/06 Seite 2 von 4


Kein Weg führt aus Transnistrien

Doch so schnell wird die "Transnistrische Moldawische Republik" nicht verschwinden - auch wenn ihr der Charakter eines surrealen Theaterstücks anhaftet: Die Ämter stellen transnistrische Pässe aus, mit denen man nirgendwohin reisen kann; die Banken bringen transnistrische Rubelscheine in Umlauf, die keiner haben will. Das Militär bewacht eine Grenze, die eigentlich keine ist. Man sei auf dem besten Weg in die Marktwirtschaft, behaupten die Apparatschiks um Präsident Igor Smirnow, einen ehemaligen Kombinatsdirektor mit Lenin-Glatze und Ziegenbart. Dass jene marktwirtschaftliche Stärke auf Schmuggel beruhe, sei moldawische Propaganda. 200 Prozent Wachstum binnen fünf Jahren. Eine verschwindend geringe Arbeitslosigkeit. Monatlicher Mindestlohn: 64 Dollar, Tendenz steigend.


Morgendliche Trübsal: Omnibusse fahren die Arbeiter in die
Fabriken. "Oft müssen wir monatelang auf die Auszahlung unserer Löhne warten!", schimpfen sie (Foto von: Jonas Bendiksen)
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Morgendliche Trübsal: Omnibusse fahren die Arbeiter in die Fabriken. "Oft müssen wir monatelang auf die Auszahlung unserer Löhne warten!", schimpfen sie

Kein Weg führt aus Transnistrien hinaus

"64 Dollar Mindestlohn? Ich kriege gerade mal 50 - und auf die warte ich manchmal drei Monate", sagt Aljona Tscherrujawskaja. Sie ist 32 Jahre alt, sie hat das Leben noch vor sich, und das ist keine gute Aussicht. Sie würde gern auswandern. Aber mit einem transnistrischen Pass kommt man nicht einmal mithilfe der Menschenschmuggler außer Landes. Die schleusen Tausende von Illegalen aus Moldawien nach Westeuropa. Doch um auf solchen Wegen aus der TMR auszubrechen, benötigt man einen moldawischen Pass und mindestens 1000 Dollar als Honorar für Schieberbanden. Aljona Tscherrujawskaja hat weder das eine noch das andere. Ein Polizist baut sich vor den Frauen auf: "Ohne Genehmigung wird nichts verkauft. In fünf Minuten seid ihr verschwunden!" Tscherrujawskajas Nachbarin zur Linken giftet: "In Russland und der Ukraine dürfen sich die Armen wenigstens etwas hinzuverdienen. Nur hier nicht."


Die Händler auf dem Markt sind schon froh, wenn ihnen
die Kohlköpfe ein paar Rubel einbringen (Foto von: Jonas Bendiksen)
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Die Händler auf dem Markt sind schon froh, wenn ihnen die Kohlköpfe ein paar Rubel einbringen

Wir fahren in den Norden, nach Rybniza, einer Ansammlung von Plattenbauten in allen Grautönen. Oleg Kutscherenko hat eine Stelle als Ingenieur bei "Moldova Steel Works", dem Vorzeigebetrieb des legalen Sektors der transnistrischen Ökonomie. Vor acht Jahren ist Kutscherenko aus der Ukraine hierher gezogen und hat gefunden, was er suchte: eine Dreizimmerwohnung für sich, Frau und Sohn, ein pünktlich gezahltes Monatsgehalt von 1100 Dollar netto, "zwei Drittel in amerikanischer und ein Drittel in transnistrischer Währung", zwei Autos. Er streicht mit den Fingern über das Endprodukt seines Betriebs, eine der tonnenschweren Rollen mit aufgewickeltem Stahldraht, auf deren Siegeln das jeweilige Exportland notiert ist: Ukraine, Kanada, Russland, Türkei, Italien, Griechenland. Die TMR mag politisch isoliert sein, wirtschaftlich ist sie es nicht.


Gestählt für den Weltmarkt: Politisch ist Transnistrien isoliert,
wirtschaftlich nicht. Das Stahlwerk "Moldova Steel Works"
liegt, wie fast alle Industrieanlagen Moldawiens, in der abgespaltenen Region am Ostufer des Flusses Dnjestr (Foto von: Joans Bendiksen)
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Gestählt für den Weltmarkt: Politisch ist Transnistrien isoliert, wirtschaftlich nicht. Das Stahlwerk "Moldova Steel Works" liegt, wie fast alle Industrieanlagen Moldawiens, in der abgespaltenen Region am Ostufer des Flusses Dnjestr

Die Republik ist international konkurrenzfähig

Seine Kollegen sind russischer, ukrainischer, moldawischer, kasachischer Herkunft. In erster Linie sehen sie sich als Stahlarbeiter und Ingenieure. "Moldova Steel Works" ist längst kein Kombinat mehr, sondern eine Aktiengesellschaft. Und dennoch lebt der Traum von den "Helden der Arbeit" hier weiter – natürlich unter russischer Führung und dank russischer Hilfe: "Moldova Steel Works" ist international konkurrenzfähig, weil "Gazprom", der staatlich kontrollierte russische Energielieferant, in Transnistrien auf die Bezahlung ausstehender Gasrechnungen verzichtet. Es waren vor allem die Kombinatsdirektoren, die ab 1990 die Abspaltung Transnistriens entschlossen vorantrieben. 1940 hatte Stalin das eroberte rumänische Bessarabien mit demzuvor zur Ukraine gehörenden Transnistrien zur Moldawischen Sowjetrepublik zusammengeschweißt. Nach dem 2. Weltkrieg fand der Aufbau der moldawischen Industrie überwiegend in der Region östlich des Dnjestr statt, wo die Mehrheit der Bevölkerung slawisch war und die Führungsschicht sich traditionell an Moskau orientierte.


Mit dem Ende der Sowjetunion drohte auch dieser Nomenklatura der Machtverlust: Sie hätte sich dem nun unabhängigen moldawischen Staat unterordnen müssen. Kurzerhand riefen die Direktoren die Unabhängigkeit Transnistriens aus. Seither ist Moldawien vom Großteil seiner Industrien abgeschnitten - doch ohne diese kann das überwiegend agrarische Land, ein Armenhaus Europas, wirtschaftlich nicht vorankommen. Das wissen auch die transnistrischen Fabrikmanager, die nun nicht mehr nur die Chefsessel ihrer Unternehmen, sondern auch die Reihen des Parlaments in Tiraspol besetzen.


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Kommentare zu "Transnistrien: Besuch in einem Möchtegern-Staat"

Hermann Nierhaus | 26.11.2011 15:20

Homepage: http://hnsonne.jimdo.com/ (Bilder aus Transnistrien) Ich bin am 22.05.2011 mit einem öffentlichen Bus von Chisinau nach Tiraspol gereist! Die Einreise war ohne Probleme! Die Grenzer benahmen sich wie in jedem anderen Land, in dem die Grenzer die Englische Sprache nicht verstehen! Die Einreise war kostenlos! Die Menschen sind sehr freundlich, aber schüchtern! Die Ausreise war wieder unproblematisch! Am 23.05.2011 bin ich wieder mit dem öffentlichen Bus von Chisinau nach Dubäsari, Transnistrien gereist! Ich hatte nur Sprachprobleme, sonst waren die höflichen Menschen sehr hilfsbereit! Die Bilder an den Grenzstationen sind natürlcih heimlich gemacht worden! Es ist ein armes Volk in einem diktaturähnlichen System. Die Menschen dürfen aber z.B. nach Moldawien reisen! Leider leben wir ja auch nicht mehr in einer lupenreinen Demokratie (siehe völkerrechtswidriger Angriffskrieg der NATO gegen Serbien)! Beitrag melden!

IKL | 20.06.2010 22:04

Ich bin in Tiraspol geboren und aufgewachsen und eins sage ich euch: "Gott sei dank, daß ich dieses Land verlassen habe!". Obwohl ich ganz normale Kindheit und viele gute Zeiten dort erlebte wundert mich gar nicht was aus diesem Land und Menschen geworden ist. Betriebe stehen still, kaum wird etwas produziert. Damit Bevölkerung über die Runden kommt, wird gedealt, geraubt und geklaut. Märkte dort sind kilometerlang. Schlimmste Zeit war das Kampfjahr 92. Sogar die Hunde hatten Angst zu bellen. Wenn mich einer fragen würde ob ich "Heimweh" hätte, sage nur: Ich mochte Tiraspol nie und mein Zuhause ist Deutschland. Beitrag melden!

Chisinau | 23.02.2010 06:46

Die Hauptstadt Moldaviens heisst nicht Chiinu, sondern Chisinau(ausgespr.-Kishinäu) Transnistrien lebt nicht hauptsächlich vom Schmuggel, sondern eher von der Schwer und Textilindustrie,die dort schon seit den Sovjetzeiten ansässig ist Leider sorgt Russland immer noch dafür das sich diese Verbrecher dort die Taschen füllen, solange sie tun was der Kreml sagt.Durch die Aufstellung von US Raketen in Rumänien wird dieses Problem für Moldavien ewig bestehen(Transnistrien hat schon angeboten, Russische Raketen auf "ihrem" Territorium aufzustellen). So wie die Sovjetunion dafür gesorgt hat ,dass Moldavien eine der reichsten Republiken war, hat ihre Auflösung und die Russische Politik dafür gesorgt,das es zum Armenhaus wurde.Die einzige Industrie Moldaviens liegt in Transnistrien....und somit ausserhalb Moldavischer Kontrolle. Die illegale abspaltung von Transnistrien und Südbessarbien bis zur Schwarzmeerküste durch die Sovjetunion bzw. Russland sind der Hauptgrund für die Armut Moldaviens!!! Beitrag melden!

Jochen Kissly | 26.12.2009 14:50

Icch wurde im Sept.2009 in Tighina (Bendey) von der Miliz angehalten und um Geld angeherrscht. Als ich nicht bezahlte wurde ich geschlagen und körperlich misshandelt - es wurde versucht meine Digitalkamera zu stehlen. Als meine Beifahrerin die Botschaft in Kishinev anrief und fotagrafierte brach die Miliz den Raubüberfall ab - der im Übrigen von einem Zivilfahrzeug mit ital. Kennzeichen begleitet wurde. Das Land ist ein Verbrecherstaat! Beitrag melden!

Leowe | 05.04.2009 02:27

Ein Guter Artikel bin selber aus TMR sehr interesat was da geschrieben ist. Beitrag melden!

chris | 03.09.2008 07:15

wir sind auch unwissentlich am 27.8.08 mit dem wohnmobiel dort hin geraten. hatte die route odessa romänien vom FALK routenplaner übernommen! aber auch in den ADAC planungskarten ist nichts von diesem land zu finden. die 70 Km haben uns 500 Eu gakostet. grüße, chris Beitrag melden!

Rolf | 25.05.2008 17:44

Bin aus Versehen (wir glaubten die Grenze zu Moldawien vor uns zu haben) vor 2 Wochen mit 2 weiteren Motorradfahrern dort reingeraten. Und es ist eben nicht übertrieben, eher schlimmer. Wir haben bei zahlreichen Kontrollen durch uniformierte Wegelagerer (es wurde alles kontrolliert, insbesondere was man im Portemonaie hatte) an nur einem Tag weit über 100€ an "Straßennutzungsgebühren", "Strafen" wegen "fehlender Dokumente" oder "Grenzabfertigungsgebühren" abgenommen. Es herrscht völlige Willkür, man ist absolut ausgeliefert und bekommt seine Papiere erst nach Zahlung (selbstverständlich ohne Quittung) zurück. Beschwerden sind natürlich nicht möglich, wo sollte man es auch tun. Wir waren heilfroh als wir Moldawien nach über 7 Stunden für ca 70 Km erreichten... Harry empfehle ich einen Besuch, damit er weiß wovon er spricht... Beitrag melden!

micmod | 21.11.2007 12:20

Hallo ! Habe Tiraspol besucht und es ist tatsächlich in Transnistrien wie in einem " Kommunismus - Freilicht - Museum ". Da hat der Autor absolut nicht übertrieben . Auch wenn manche " Altlinken - Sozialismus - Fetischisten " es nicht wahr haben wollen aber die Realität dort ist nichts weiter als grau . Dieses Grau hat zwar viele Schattierungen aber es ist und bleibt grau . Grüsse Beitrag melden!

Trainspotter | 27.09.2007 23:06

Zu Transnistrien gibt es seit jetzt ein Foto/Text Buch. Mehr info dazu unter http://www.fischka.com Beitrag melden!

harry | 25.08.2007 16:35

Ich muß mich doch ganz schön wundern. Wüßte ich nicht, daß wir das Jahr 2007 u.Z. schreiben, wäre ich versucht zu glauben, dieser Komiker von Löwenthal hätte dem Autor diesen Artikel in die Tasten diktiert. Einfach unglaublich. Keine Ahnung von Sozialismus, aber schön in alte Parolen und Denkweisen sich ergehen (Sozialismus= graue Häuserwände und Plattenbauten. Nur übersieht dabei der Autor, daß es sowas auch in Westdeutschland zur genüge gibt). Mir wäre ein Artikel lieber gewesen, der frei von einem westdeutsch-dogmatischen Hochmut geschrieben wurde. Aber das kennen wir ja, alte Parolen unkritisch übernehmen. Schade eigentlich, denn dieses Thema an sich ins Licht zu rücken, hat seine Berechtigung. Ich danke jedoch dem Autor für die zwingende Schlußfolgerung, daß Staaten, oder solche die es sein wollen, an Plattenverträgen scheitern können. Darauf wäre ich nie gekommen. Jetzt weiß ich wenigsten, warum hier das selten dämliche DsdS organisiert wird. Danke. Einen sanften Tag noch. Beitrag melden!

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