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Tourismus: Tourismus: Deutsche Grenzen in der Türkei

Deutsche Touristen haben die Türkei als Reiseziel schon lange erkannt. Und umkehrt? Deutschland steht auf dem Urlaubswunschzettel der Türken weit oben. Der touristische Austausch könnte also ganz einfach sein. Ist er aber nicht

Text von Esat Semiz

Dieser Text erscheint im Rahmen des türkisch-deutschen Mediendialogs 2011. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des deutsch-türkisches Anwerbeabkommens am 31. Oktober 2011 tauschen sich führende deutsche und türkische Medien untereinander aus. Redakteure verfassen Inhalte, die dann im jeweils anderen Medium erscheinen. GEO.de arbeitet mit der türkischen Tageszeitung "Zaman" zusammen. Dort arbeitet der Autor Esat Semiz als Redakteur.


Die Flagge der Türkei vor dem Berliner Fernsehturm (Foto von: imago stock&people)
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Die Flagge der Türkei vor dem Berliner Fernsehturm

Enttäuschte Träume

Der Chorchef wischt sich seinen Schweiß von der Stirn, legt sowohl sein Hochtürkisch als auch sein Instrument beiseite und beendet die Probe mit einem motivierenden Geständnis: "Freunde, wir werden im April mit unserer Laute, Trommel, Rohrflöte, mit unserer Stimme unsere Musikkultur nach Deutschland bringen. Mir geht's aber eigentlich darum, dass ich später sagen kann: 'Ich war in Hamburg!'" Eine Stimme aus dem Chor hat einen anderen Wunsch: "Ich werde meine Enkel sehen." Eine andere Stimme begründet die Deutschlandtournee mit seiner Musikliebe: "Ich will die Musikmesse in Frankfurt besuchen."

Das Orchester im Kulturhaus der Schwarzmeerstadt Çarşamba hat vierzig verschiedene Deutschlandträume. Vierzig Träume, die jäh zerplatzen. Denn das deutsche Konsulate in der Türkei lehnt den Reiseantrag ab. Dort ist man sich sicher, dass ein einziger Grund für die Deutschlandreise motiviert: dauerhafte Arbeitsmigration.


Dabei ist Çarşamba seit langem keine Stadt mehr, aus der sich Menschen aus finanziellen Gründen massenhaft nach Deutschland retten. Sie hat sich inzwischen wie viele andere Regionen der Türkei zu einem wichtigen Wirtschaftsstandort entwickelt, der mehr als Lebensmittel exportiert. Die lebendige Kraft der neuen Mittelschicht sucht ihre Chancen nicht nur in anderen Industrieregionen der Türkei, sondern auf allen Kontinenten.

Murat Diril, aus der nahe liegenden Großstadt Samsun, exportiert Zimbel in 32 Länder. Er wollte im vergangenen April die Musikmesse in Frankfurt besuchen, um dort für seine Musikinstrumente zu werben. Doch dann kam die Ablehnung der deutschen Behörden. Betroffen von bürokratischen Erschwerungen des Konsulats konnte er erst zwei Tage nach dem Beginn der Messe einreisen. Er war mit allen Unterlagen, einschließlich der Einladung der Messeverwaltung, in nervenaufreibenden Besuchen, beim Konsulat. "Viermal haben sie mich zurückgewiesen. Jedes Mal wurde mein Ansuchen abgelehnt mit der Begründung, die Unterlagen wären nicht überzeugend. Ich musste viermal Tickets kaufen. Meine fünf Termine bei der Messe sollten abgesagt werden. Die Kunden waren weg. Ein Großkunde bedeutet zehntausende Zimbel." klagt der Geschäftsmann. Insgesamt verlor der Geschäftsmann 15.000 Euro - allein durch Organisationsaufwand sowie unnötige Standmieten- und kosten.

Die Handelskammer von Ankara hört jeden Tag solche Klagen. Noch schwieriger ist es jedoch für türkischen Touristen: Sie bekommen keine Unterstützung, wenn sie abgelehnt werden. Sie erhalten auch keine Einladung und werden von keiner Kammer vertreten.


Ayşe Yatağan kennt die Probleme mit beruflichen und privaten Einreisegenehmigungen. Sie ist Redakteurin in Istanbul bei einem großen Verlag, der in Frankfurt eine Vertretung hat. Die Ablehnung ihres sechsmonatigen Handelsvisums konnte Yatağan durch ihres Arbeitgebers abwenden: "Obwohl ich ein Handelsvisum für sechs Monate verlangte und erklärte, dass ich drei Monate in Deutschland bleiben werde, bekam ich erst einmal ein Visum für nur 15 Tage, was ich auf meinem Pass als Schengen-Visum sowieso hatte. Nur mit Einwendung des Verlags in Deutschland konnte ich am nächsten Tag ein Visum für drei Monate erhalten."

Doch als Yatağan vor drei Jahren ein Touristen-Visum beantragte, stand sie auf verlorenem Posten. "Nach der Ablehnung meines Touristen-Visums konnte ich mich an keinen wenden. Sie haben mir nicht einmal meine E-Mails beantwortet", sagt die Redakteurin.

Als Folge der wirtschaftlichen Entwicklung sind im vergangenen Jahr 9 Millionen Türken ins Ausland gereist. Italien, Niederlande, Frankreich, Tschechien, Ägypten und fernöstliche Länder waren die Lieblingsziele der Türken. Viele Länder, unter ihnen sogar Griechenland, haben den türkischen Touristen entdeckt. Bis auf Deutschland.


Dabei möchten, nach den Angaben der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT), 68 Prozent der Türken Deutschland einmal gesehen haben. Die Rede ist dabei nicht von türkischen Asylbewerbern oder Arbeitsemigranten. Die Verbesserung der politischen und wirtschaftlichen Lage in der Türkei und die erschwerte Familienzusammenführung in Deutschland haben diese Motivation schrumpfen lassen. 57 Prozent der Türken, die Deutschland sehen möchten, haben die Absicht, ihren Urlaub in Deutschland zu verbringen. Ein Viertel davon sind Geschäftsreisende und ein Fünftel möchte Freunde und Verwandte besuchen.

Neben internationalen Messen und Festivals wuchs der deutsche Kultur-, Wander- und Gesundheitstourismus türkischer Besucher 2010 auf 1,5 Millionen - ein Wachstum von 18 Prozent pro Jahr. "Seitdem ist der Anteil der türkischen Urlauber auf deutschem Markt 30 Prozent", sagt Petra Hedorfer, Vorstandsvorsitzende der DZT.



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Kommentare zu "Tourismus: Deutsche Grenzen in der Türkei"

Hansa | 04.11.2011 17:42

Wieso konnte Hudriwudri am 29.10. um 9:39 einen Kommentar zu einem Artikel abgeben der erst heute erschienen ist???
Und dann noch dazu so einen dämlichen! Beitrag melden!

Thenetbat | 04.11.2011 16:56

Zum Artikel: Ich habe selbst eine Reihe von Freunden in der Türkei, die für eine Arbeit in Deutschland kein müdes Lächeln übrig haben. Zum Urlaub waren schon einige hier, aber die Schwierigkeiten, die im Artikel genannt wurden, gingen auch an ihnen nicht vorbei. Es ist einfach beschämend solch dümmliche Angestellte in den Konsulaten zu haben ... Und es ist tatsächlich so, dass das Ansehen Deutschlands in der Welt dadurch mehr und mehr sinkt.

Zum Kommentator Hudriwudri:
Ich habe selten einen derart dummen Kommentar gelesen. Es ist Deutschland, dass sich nicht an die Schengen-Regeln hält, nicht etwa der Antragsteller für ein Visum. Und wenn Sie Deutschland auf eine Stufe mit China und dem Iran stellen, dann bitte ich Sie herzlich, sich in einem der genannten Länder dauerhaft niederzulassen. Die Verfahrensweisen der genannten Länder scheinen Ihnen ja sehr zu behagen. Allerdings würde mich vor Ihrer Abreise noch interessieren, woher Sie Ihren Glauben an die deutsche Bürokratie haben. Beitrag melden!

Hudriwudri | 29.10.2011 09:39

Wenn meine Papiere nicht gut genug sind damit ich in ein fremdes Land reisen kann aus welchen Gruenden auch immer dann wird auch mein Visum abgelehnt. Sehe nicht ein fuer irgend eine Volksgruppe seien es Tuerken, Chinesen, Albaner, oder Marokkaner, oder was weiss ich denn noch die Schengen Regeln zu verbiegen und zu strecken. Denn wenn die Papiere glaubwuerdig sind dann bekommt jeder ein Visum nach ueberall hin. Musste uebrigens auch schon oefter mehrmals ansuchen um ein Visum nach China, den Iran, Indien und auch nach US zu bekommen also sollen nicht so wehleidig sein, muss ja keiner in die EU einreisen wenn er es nicht will. Beitrag melden!


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