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Städtereise: Städtereise: Maribor
Unsere Autorin kannte die neue Kulturhauptstadt schon als Kind. Und entdeckte nun ihr slowenisches Aschenputtel als Glamourgirl wieder - mit Galerien und sanierter Altstadt
Das Maribor meiner Kindheit - meine in Wien
geborene Großmutter blieb als k.u.k-Vagabundin hier
hängen - war ein von Kohlenstaub bestäubtes, bis
an die Zähne bewaffnetes Provinznest, jederzeit bereit,
den Kalten Krieg auszufechten. Einziges kulturelles Highlight
war das Denkmal des Künstlers Slavko Tihec, das an die Gräuel
des Zweiten Weltkriegs erinnerte. "Kojak" nennen die Mariborer
die wuchtige bronzene Kugel, die sich aus der Mitte des Freiheitsplatzes
herauswölbt - nach dem Glatzkopf der amerikanischen
Fernsehserie. Die Barockkirche in der Altstadt war zu
kommunistischen Zeiten Lagerraum, das mittelalterliche Lent,
der älteste Stadtteil Maribors am Ufer des Drava-Flusses, bestand
nur noch aus Ruinen. Das Minoritenkloster hatte man eingerüstet,
um die Passanten vor herabfallenden Sandsteinen zu bewahren,
und die Fassaden der Jugendstilvillen zeigten sich ostgrau.
Ausgerechnet dieses Aschenputtel auf der Südseite der
Alpen, eingequetscht zwischen österreichischer und ungarischer
Grenze, bekannt vielleicht für guten Weißwein und den Slalom-Weltcup, wird Europas Kulturhauptstadt? Die Ex-Jugoslawen - seit 1991 selbstständig, seit 2004 Mitglied der EU und seit 2007
auch des Euro-Kreises - haben zwar viele Schriftsteller, Regisseure,
Künstler und Maler hervorgebracht, aber die meisten
leben
in Ljubljana, der slowenischen Hauptstadt. Maribor galt
eher als Stadt der Proletarier - ich erinnere mich an Laster und
Waschmittelfabriken - und als Transitstadt von Graz auf
dem Weg nach Ljubljana oder ans Meer.
Meine schönsten Kindheitserinnerungen spielen auf dem
Markt, auf dem die Bauern Paprika zu bunten Haufen schichteten,
Kürbisöl und Pilze dufteten und Bohnen in allen Farben
verkauft wurden. Und auf dem Pohorje, einem bis zu 1550 Meter
hohen, bewaldeten Gebirgszug, der gleich neben der Stadt
beginnt. Heute noch wuchern hier Himbeerfelder, bereiten dicke
Köchinnen auf Hütten Pilzsuppen und žganci zu, eine Art Buchweizensterz.
Und durch die Tiefen der Wälder streifen gelegentlich
sogar Braunbären. Markt und Pohorje sind Attraktionen
geblieben, auch der Lebkuchen- und Kerzenladen in der Innenstadt,dessen Zuckerbäckergeruch ich jederzeit in meiner Nase
abrufen kann, so oft hatte ich sie mir als Kind an der Scheibe
plattgedrückt. Zu Weinbergen und Skipisten, Loipen und Winzern
fährt der Bus vom Bahnhof kaum eine halbe Stunde.
Das Ende des Kommunismus, der wirtschaftliche Niedergang
nach der Abkehr von Jugoslawien haben auch in Maribor
Energien freigesetzt. Die alten Kasernen, Fabriken, leerstehenden
Kinosäle? Von Künstlern, Theaterleuten und Galerien besetzt.
Die Altstadt Lent? Saniert und jedes Jahr im Juli mit einem
zweiwöchigen Kunstfestival groß gefeiert. Das Minoritenkloster?
Seit 2010 Spielplatz eines mit internationalen Preisen
ausgezeichneten Puppentheaters, der Technische Leiter
ein Kanadier, die Bühne eine der modernsten Europas und allein
von der Architektur her eine Attraktion. Für die Umetnostna
Galerija, die Kunstgalerie, wird voraussichtlich diesen Sommer
ein neues Haus eröffnet. Die Kuratorin Simona Vidmar, die sich
wohlweislich nicht mit der Sammlung moderner slowenischer
Kunst in Ljubljana messen will, kündigt an, "zukünftig nur
internationale Blockbuster-Ausstellungen zu bringen. Wir haben
gute Kontakte zur Tate Modern." 2012 zeigt sie Bilder aus der
Sammlung der Tate und plant eine große Rebecca-Horn-Show.
Seit der US-Milliardär George Soros in ehemaligen Ostblockstaaten
mit seinem "Open Society Institute" großzügig Kunst
förderte, Bildhauerei und Malerei aber ausschloss, um den etablierten
Kunstbetrieben keine Konkurrenz zu machen, haben
sich in Slowenien viele Performance- und Videokünstler etabliert,
erzählt Simona Vidmar. Die bekannteste slowenische Galerie
befindet sich in Maribor: das Multimedijski Center Kibla. Ein
Teil der besetzten Pekarna, einer ehemaligen Heeresbäckerei,
wurde zum Hostel umgebaut. Wo früher Kommissbrot gebacken
wurde, schläft man jetzt in bunten Zimmern mit WLAN.
Den Lebkuchenladen am Glavni trg betreibt jetzt
übrigens
Beno Kolarič, Sohn der einstigen Besitzer. Ein junger
Mann mit strahlenden Augen, der abends E-Gitarre in einer
Rockband spielt und bis Amsterdam und London tourt. Ein echter
Europäer eben.
Kunst & Kultur
Lutkovno Gledališče.
Die Vorstellungen des Puppentheaters
sind sehr professionell,
viele Inszenierungen nur
für Erwachsene. Früh Karten
reservieren! Vojašniški trg,
Tel. 00386-2-228 19 79, www.lg-mb.si
Kibla. Galerie für Multimedia-Kunst, oft sperrige, aber
sehr spannende Videoinstallationen.
Ulica kneza Koclja 9,
www.kibla.org
Udarnik Kino. Der Kinosaal
aus den Dreißigern wurde von
Künstlern übernommen, die
ihn für Konzerte, Lesungen
und Filmvorführungen nutzen.
Zur Zeit der spannendste
Kulturplatz
Maribors. Mestni
center umetnosti, Grajski trg 1,
www.udarnik.eu
Um etnostna Galerija. Bis zum
Spätsommer sitzt die Galerie
noch an ihrem Stammplatz in
der Strossmayerjeva ulica
und zeigt moderne Kunst
in engen Räumen. Der spektakuläre
Neubau Maribor
Cultural Centre auf dem Hochufer
der Drava wird diesem
Haus ordentlich frischen Wind
einhauchen. Tel. 00386-2-
229 46 94, www.ugm.si
Ausflug
Pohorje. Die Maribor zugewandte
Seite der grünen Berge
nutzen Mountainbiker, Paraglider
und Skifahrer. Dahinter
wird das Gebirge wild. Schöne
Wanderung durch Wälder
und zu Wasserfällen: von der
Gipfelstation der Seilbahn
über die Hütten Mariborska
koča und Ruška koča, den
Lobnica-Bach entlang nach
Rue, dann mit dem Bus zurück
(ca. 8 Stunden).
Übernachten
Lollipop Hostel. Schöne Altbauwohnung
der Engländerin
June Rose in Fußnähe zum
Zentrum. Maistrova ulica 17,
Tel. 00386-40-24 31 60;
Bett im Schlafsaal 20 Euro
Hostel Pekarna.
Nagelneues 60-Betten-Quartier im Kulturzentrum
Pekarna. Galerie mit kleinem
Ausstellungsraum im Haus,Altstadt in Fahrradnähe
und kostenlose Leihräder. Am
schönsten sind die günstigen
Apartments mit Balkon.
Ob železnici 16, Tel. 00386-59-
18 08 80, www.mkc-hostelpekarna.si ; Schlafsaal-Bett 17
Euro, Apartment für zwei 50 Euro
Hotel City Maribor. Kühl
designt, ein bisschen zu teuer,
aber die Lage am Fluss ist unschlagbar.
Auf der Dachterrasse
essen die Mariborer,
wenn sie schick ausgehen
wollen. Ulica kneza Koclja 22,
Tel. 00386-2-621 25 00, www.cityhotel-mb.si ; DZ/F ab 100 Euro
Essen
Na vogalu heißt "An der
Ecke". In dem kleinen Lokal
tischt die Slowenin Saša
Popelar zwischen 9 und 17 Uhr
einheimische Spezialitäten
auf, Gemüsesuppen, Strudel
und Pilzgerichte. Gosposka/
Slovenska ulica
Rožmarin. Mišo und Simon
kochen im ambitionierten
Restaurant. Ich probierte Tunfisch-Sashimi und Stockfisch-Carpaccio, trank zum Steak
vom Black Angus mit Pfifferlingen
einen frischen, erdigen
Rebula-Wein - und war
sehr zufrieden (auch mit dem Menüpreis:
29 Euro). Reservieren!
Gosposka ulica 8, Tel.
00386-2-234 31 80, www.rozmarin.si
Gostilna Pri Lipi. Seit ich
denken kann, gibt es in diesem
Ausflugslokal etwas
außerhalb der Stadt das beste
Backhendl der Gegend. Vor
allem
am Wochenende gut besucht.
Lackova cesta 44, Tel.
00386-2-613 17 33
Lectar, Medičar, Svečak. Die
weißen Holzkisten, in denen
die mit Spiegeln und Zuckerguss
verzierten Lebkuchen
verkauft werden, wirken wie
aus der Zeit gefallen. Beno
Kolarič übersetzt gern die
Sprüche auf den Herzen. Hier
gibt es auch Tauf- und Kirchenkerzen.
Glavni trg 5, Tel.
00386-2-68 35 46 22
Kulturhauptstadt
Viele Events und Ausstellungen:
www.maribor2012.info.
Ein Highlight wird das Festival
in Lent sein (22. 6. bis 7. 7.).
Infos
Slowenisches Fremdenverkehrsamt
München, Tel. 089-29 16 12 02, www.slovenia.info
Auf www.maribor-pohorje.si gibt es
viele Infos auch auf Deutsch.

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