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Städtereise: Städtereise: Maribor

Unsere Autorin kannte die neue Kulturhauptstadt schon als Kind. Und entdeckte nun ihr slowenisches Aschenputtel als Glamourgirl wieder - mit Galerien und sanierter Altstadt

Text von Katja Senjor

Als Kulturhauptstadt 2012 hat sich Maribor herausgeputzt. Hier der Hauptplatz Glavni trg mit dem Rathaus und Straßencafés (Foto von: Jan-Peter Boening/Zenit/laif)
© Jan-Peter Boening/Zenit/laif
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Als Kulturhauptstadt 2012 hat sich Maribor herausgeputzt. Hier der Hauptplatz Glavni trg mit dem Rathaus und Straßencafés

Das Maribor meiner Kindheit - meine in Wien geborene Großmutter blieb als k.u.k-Vagabundin hier hängen - war ein von Kohlenstaub bestäubtes, bis an die Zähne bewaffnetes Provinznest, jederzeit bereit, den Kalten Krieg auszufechten. Einziges kulturelles Highlight war das Denkmal des Künstlers Slavko Tihec, das an die Gräuel des Zweiten Weltkriegs erinnerte. "Kojak" nennen die Mariborer die wuchtige bronzene Kugel, die sich aus der Mitte des Freiheitsplatzes herauswölbt - nach dem Glatzkopf der amerikanischen Fernsehserie. Die Barockkirche in der Altstadt war zu kommunistischen Zeiten Lagerraum, das mittelalterliche Lent, der älteste Stadtteil Maribors am Ufer des Drava-Flusses, bestand nur noch aus Ruinen. Das Minoritenkloster hatte man eingerüstet, um die Passanten vor herabfallenden Sandsteinen zu bewahren, und die Fassaden der Jugendstilvillen zeigten sich ostgrau.

Ausgerechnet dieses Aschenputtel auf der Südseite der Alpen, eingequetscht zwischen österreichischer und ungarischer Grenze, bekannt vielleicht für guten Weißwein und den Slalom-Weltcup, wird Europas Kulturhauptstadt? Die Ex-Jugoslawen - seit 1991 selbstständig, seit 2004 Mitglied der EU und seit 2007 auch des Euro-Kreises - haben zwar viele Schriftsteller, Regisseure, Künstler und Maler hervorgebracht, aber die meisten leben in Ljubljana, der slowenischen Hauptstadt. Maribor galt eher als Stadt der Proletarier - ich erinnere mich an Laster und Waschmittelfabriken - und als Transitstadt von Graz auf dem Weg nach Ljubljana oder ans Meer.


Meine schönsten Kindheitserinnerungen spielen auf dem Markt, auf dem die Bauern Paprika zu bunten Haufen schichteten, Kürbisöl und Pilze dufteten und Bohnen in allen Farben verkauft wurden. Und auf dem Pohorje, einem bis zu 1550 Meter hohen, bewaldeten Gebirgszug, der gleich neben der Stadt beginnt. Heute noch wuchern hier Himbeerfelder, bereiten dicke Köchinnen auf Hütten Pilzsuppen und žganci zu, eine Art Buchweizensterz. Und durch die Tiefen der Wälder streifen gelegentlich sogar Braunbären. Markt und Pohorje sind Attraktionen geblieben, auch der Lebkuchen- und Kerzenladen in der Innenstadt,dessen Zuckerbäckergeruch ich jederzeit in meiner Nase abrufen kann, so oft hatte ich sie mir als Kind an der Scheibe plattgedrückt. Zu Weinbergen und Skipisten, Loipen und Winzern fährt der Bus vom Bahnhof kaum eine halbe Stunde.

Das Ende des Kommunismus, der wirtschaftliche Niedergang nach der Abkehr von Jugoslawien haben auch in Maribor Energien freigesetzt. Die alten Kasernen, Fabriken, leerstehenden Kinosäle? Von Künstlern, Theaterleuten und Galerien besetzt. Die Altstadt Lent? Saniert und jedes Jahr im Juli mit einem zweiwöchigen Kunstfestival groß gefeiert. Das Minoritenkloster? Seit 2010 Spielplatz eines mit internationalen Preisen ausgezeichneten Puppentheaters, der Technische Leiter ein Kanadier, die Bühne eine der modernsten Europas und allein von der Architektur her eine Attraktion. Für die Umetnostna Galerija, die Kunstgalerie, wird voraussichtlich diesen Sommer ein neues Haus eröffnet. Die Kuratorin Simona Vidmar, die sich wohlweislich nicht mit der Sammlung moderner slowenischer Kunst in Ljubljana messen will, kündigt an, "zukünftig nur internationale Blockbuster-Ausstellungen zu bringen. Wir haben gute Kontakte zur Tate Modern." 2012 zeigt sie Bilder aus der Sammlung der Tate und plant eine große Rebecca-Horn-Show. Seit der US-Milliardär George Soros in ehemaligen Ostblockstaaten mit seinem "Open Society Institute" großzügig Kunst förderte, Bildhauerei und Malerei aber ausschloss, um den etablierten Kunstbetrieben keine Konkurrenz zu machen, haben sich in Slowenien viele Performance- und Videokünstler etabliert, erzählt Simona Vidmar. Die bekannteste slowenische Galerie befindet sich in Maribor: das Multimedijski Center Kibla. Ein Teil der besetzten Pekarna, einer ehemaligen Heeresbäckerei, wurde zum Hostel umgebaut. Wo früher Kommissbrot gebacken wurde, schläft man jetzt in bunten Zimmern mit WLAN. Den Lebkuchenladen am Glavni trg betreibt jetzt übrigens Beno Kolarič, Sohn der einstigen Besitzer. Ein junger Mann mit strahlenden Augen, der abends E-Gitarre in einer Rockband spielt und bis Amsterdam und London tourt. Ein echter Europäer eben.


Kunst & Kultur
Lutkovno Gledališče. Die Vorstellungen des Puppentheaters sind sehr professionell, viele Inszenierungen nur für Erwachsene. Früh Karten reservieren! Vojašniški trg, Tel. 00386-2-228 19 79, www.lg-mb.si
Kibla. Galerie für Multimedia-Kunst, oft sperrige, aber sehr spannende Videoinstallationen. Ulica kneza Koclja 9, www.kibla.org
Udarnik Kino. Der Kinosaal aus den Dreißigern wurde von Künstlern übernommen, die ihn für Konzerte, Lesungen und Filmvorführungen nutzen. Zur Zeit der spannendste Kulturplatz Maribors. Mestni center umetnosti, Grajski trg 1, www.udarnik.eu
Um etnostna Galerija. Bis zum Spätsommer sitzt die Galerie noch an ihrem Stammplatz in der Strossmayerjeva ulica und zeigt moderne Kunst in engen Räumen. Der spektakuläre Neubau Maribor Cultural Centre auf dem Hochufer der Drava wird diesem Haus ordentlich frischen Wind einhauchen. Tel. 00386-2- 229 46 94, www.ugm.si

Ausflug
Pohorje. Die Maribor zugewandte Seite der grünen Berge nutzen Mountainbiker, Paraglider und Skifahrer. Dahinter wird das Gebirge wild. Schöne Wanderung durch Wälder und zu Wasserfällen: von der Gipfelstation der Seilbahn über die Hütten Mariborska koča und Ruška koča, den Lobnica-Bach entlang nach Rue, dann mit dem Bus zurück (ca. 8 Stunden).

Übernachten
Lollipop Hostel. Schöne Altbauwohnung der Engländerin June Rose in Fußnähe zum Zentrum. Maistrova ulica 17, Tel. 00386-40-24 31 60; Bett im Schlafsaal 20 Euro
Hostel Pekarna. Nagelneues 60-Betten-Quartier im Kulturzentrum Pekarna. Galerie mit kleinem Ausstellungsraum im Haus,Altstadt in Fahrradnähe und kostenlose Leihräder. Am schönsten sind die günstigen Apartments mit Balkon. Ob železnici 16, Tel. 00386-59- 18 08 80, www.mkc-hostelpekarna.si ; Schlafsaal-Bett 17 Euro, Apartment für zwei 50 Euro
Hotel City Maribor. Kühl designt, ein bisschen zu teuer, aber die Lage am Fluss ist unschlagbar. Auf der Dachterrasse essen die Mariborer, wenn sie schick ausgehen wollen. Ulica kneza Koclja 22, Tel. 00386-2-621 25 00, www.cityhotel-mb.si ; DZ/F ab 100 Euro

Essen
Na vogalu heißt "An der Ecke". In dem kleinen Lokal tischt die Slowenin Saša Popelar zwischen 9 und 17 Uhr einheimische Spezialitäten auf, Gemüsesuppen, Strudel und Pilzgerichte. Gosposka/ Slovenska ulica
Rožmarin. Mišo und Simon kochen im ambitionierten Restaurant. Ich probierte Tunfisch-Sashimi und Stockfisch-Carpaccio, trank zum Steak vom Black Angus mit Pfifferlingen einen frischen, erdigen Rebula-Wein - und war sehr zufrieden (auch mit dem Menüpreis: 29 Euro). Reservieren! Gosposka ulica 8, Tel. 00386-2-234 31 80, www.rozmarin.si
Gostilna Pri Lipi. Seit ich denken kann, gibt es in diesem Ausflugslokal etwas außerhalb der Stadt das beste Backhendl der Gegend. Vor allem am Wochenende gut besucht. Lackova cesta 44, Tel. 00386-2-613 17 33
Lectar, Medičar, Svečak. Die weißen Holzkisten, in denen die mit Spiegeln und Zuckerguss verzierten Lebkuchen verkauft werden, wirken wie aus der Zeit gefallen. Beno Kolarič übersetzt gern die Sprüche auf den Herzen. Hier gibt es auch Tauf- und Kirchenkerzen. Glavni trg 5, Tel. 00386-2-68 35 46 22

Kulturhauptstadt
Viele Events und Ausstellungen: www.maribor2012.info. Ein Highlight wird das Festival in Lent sein (22. 6. bis 7. 7.).

Infos
Slowenisches Fremdenverkehrsamt München, Tel. 089-29 16 12 02, www.slovenia.info
Auf www.maribor-pohorje.si gibt es viele Infos auch auf Deutsch.


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