Hauptinhalt
GEO.de Seite 1 von 2


Oder und Neiße im Märchenland

Den Osten Brandenburgs nannte man zu DDR-Zeiten "Sibirien" - weil es als Strafe galt, dorthin versetzt zu werden. Eine Radtour entlang der Ufer von Oder und Neiße kommt einem heute dagegen wie eine Reise durch ein Dornröschenland vor

Text von Merle Hilbk

Manche Ortsnamen wecken Fernweh, so wie Sansibar, oder die Fantasie wie Nischni Nowgorod. Guben zählt nicht dazu. Dass es dort prächtige Gründerzeitvillen gibt, wilde Gärten und Flussauen, dass die Lausitzer Neiße sich als grün schimmerndes Band durch eine einst geteilte Stadt windet, die seit dem EU-Beitritt Polens sichtbar zusammenwächst - das erstaunt die meisten Touristen, die sie auf dem Oder-Neiße-Radweg durchradeln. Mein brandenburgischer Freund Mark und ich fahren mit unseren Rennrädern die etwa 200 Kilometer von Guben bis nach Tantow. Offiziell beginnt der Fernradweg an der Neißequelle im tschechischen Nová Ves und endet nach 630 Kilometern an der Ostsee auf Usedom in Ahlbeck.


Der Nationalpark unteres Odertal in der Uckermark an der Grenze zu Polen bietet Ottern, Bibern und Störchen eine Heimat (Foto von: Thomas Linkel/laif)
© Thomas Linkel/laif
Foto vergrößern
Der Nationalpark unteres Odertal in der Uckermark an der Grenze zu Polen bietet Ottern, Bibern und Störchen eine Heimat

Wir haben uns die Etappen in Brandenburg herausgepickt, weil sie durchgängig asphaltiert und perfekt beschildert sind. Und weil Mark endlich einmal den Osten seines Bundeslandes kennenlernen wollte. Den Teil, den man zu DDR-Zeiten "Sibirien" nannte - weil es als Strafe galt, dorthin versetzt zu werden. Vom Bahnhof Guben aus, der auch einen Ausgang nach Gubin, in den polnischen Teil der Stadt, besitzt, geht es über Kopfsteinpflaster durch die frisch sanierte Innenstadt. Der Ort, früher eine der bedeutendsten Hut- und Tuchmacherstädte Deutschlands, dämmert heute dahin, das aber äußerst attraktiv. Zur Rechten mäandert der Fluss, zur Linken steigt Nebel aus den Wiesen empor. Wir gleiten über den Deich nach Ratzdorf, wo die Lausitzer Neiße, die 1997 während der großen Flutkatastrophe das halbe Dorf überspülte, schließlich in die Oder mündet. Dieses Schicksal blieb Neuzelle erspart, das eine halbe Radstunde entfernt auf einem Hügel thront. Die Zisterzienserabtei von 1286 wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg barock ausgebaut. Gelbe Fassaden unter blauem Himmel, vor den Kirchentoren eine Brauerei: 30 Kilometer nach unserem Start wähnen wir uns in Oberbayern. Bis wir am nächsten Morgen im Nebel auf die Oder zuradeln, die sich gemächlich durch grüne Auen vorwärtsschiebt.


Auf dem Deich ragen schwarz-rot-goldene Pfähle aus Betonringen auf: Hochwasserschutz für deutsche Grenzsymbole. In der Ziltendorfer Niederung, in der kaum Menschen, dafür aber umso mehr Tiere leben - Biber, Schwäne, Kraniche, Störche, Mäusebussarde, Habichte, Milane und, nicht zu vergessen, Millionen von Mücken -, trocknen wir im "Bauernstübchen", einer Radler-Gaststätte am Deich, die feuchten Pullover. Später, am Oderknick bei Küstrin, rollen wir in die Weite des Oderbruchs, eines Urstromtals, dem der preußische König Friedrich II. Mitte des 18. Jahrhunderts durch Verlegung des Flusslaufs und Bau von Abzugsgräben mehr als 30 000 Hektar Ackerland abringen ließ. 65 Kilometer ist diese Etappe lang. Bei Windstille ein Kinderspiel, bei Starkwind leider ein Kampf. Vorbei an Kohl- und Rübenäckern erreichen wir am Nachmittag Golzow, wo das Filmmuseum an "Die Kinder von Golzow" erinnert, die ein Dokumentarfilmer-Paar vom Mauerbau bis zum Jahr 2007 begleitete.

Im Hotel "Maschinenhaus" in Groß Neuendorf hören wir noch durch die Fensterscheiben den Flügelschlag der Wasservögel, die zu Tausenden in den sonnigen Flussauen landen. 30 Kilometer flussabwärts, auf dem Deich, der sich auf der Landzunge zwischen der Hohensaaten-Friedrichthaler Wasserstraße und der Oder erhebt, können wir plötzlich das Meer erahnen. Der Himmel scheint höher, der Blick weiter, das Land zeigt gedämpftere Farben. Eine stille Gegend, in der sich Berlin-Flüchtlinge als Eselzüchter oder Paddel-Guides versuchen. Kurz vor Schwedt lassen wir uns nach weiteren 20 Kilometern im Nationalparkhaus Criewen erklären, wie sich die Natur, die man im Nationalpark Unteres Odertal weitestgehend sich selbst überlässt, das Terrain zurückerobert. Bei Mescherin, dem letzten Ort des Brandenburgischen Abschnitts, scheint die Welt zu Ende zu sein. Die Brücke, die über die Oder nach Polen führt, ist mangels Renovierung gesperrt, hinter dem Dorf beginnen die Schilffelder. Über dicht bewaldete Hügel ächzen wir hinauf auf die Hochebene zur Bahnstation in Tantow, wo wir die Räder in den Regionalexpress hieven.



Seite 1 von 2

Kommentar verfassen

Ja, ich möchte eine Benachrichtigung per Mail erhalten, wenn es neue Kommentare zu diesem Artikel gibt.
* Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine gültige Mailadresse ein. Diese wird später nicht auf unseren Seiten zu sehen sein. Um Missbrauch zu vermeiden, senden wir Ihnen jedoch eine Mail mit einem Aktivierungslink - einfach anklicken und schon ist Ihr Beitrag online!

Mit der Abgabe eines Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Momentan sind zu dem Artikel "Oder und Neiße im Märchenland" keine Kommentare vorhanden.


Daten werden gesendet ...


Bitte geben Sie Ihren Namen an!


Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ungültig!


Bitte geben Sie eine Empfänger-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ungültig!




* Pflichtfeld

» E-Mail versenden «
Hinweis: Ihre E-Mail-Adresse und die E-Mail-Adresse des Empfängers werden ausschließlich zu Übertragungszwecken verwendet und nicht gespeichert oder an Dritte weitergeben!