Hauptspalte:
Die Armee frisst das Land auf
700 000 nordkoreanische Soldaten
bewachen angeblich die
Grenze; nachts leuchten die Taschenlampen
ihrer Patrouillengänger
in den Hügeln wie ein
Schwarm Glühwürmchen in einer
Sommerwiese. Mehr als 10 000
Geschützrohre sollen auf Südkoreas
Kapitale Seoul gerichtet
sein, bereit, die Millionenstadt in
"ein Meer aus Feuer" zu verwandeln,
wie ein nordkoreanischer
Diplomat 1994 gedroht hat.
In der Staatsdoktrin der Demokratischen
Volksrepublik Korea nimmt das Militär den ersten
Rang ein, noch vor der Arbeiterklasse.
Mehr als eine Million
Soldaten formen die fünftgrößte Armee
der Welt; ihr Unterhalt frisst
die Wirtschaft auf.
"Wir gehen durch schwere
Zeiten", brummt Kang Ho-sop,
"aber wir bitten niemanden um
Hilfe." Die Bauern an der Grenze
füttern die Soldaten mit Mais
durch, wenn die Rationen knapp
werden. Tausende leben im
Grenzstreifen, Kinder baden im
Fluss, kann Kang Ho-sop sie beschützen?
"Wir haben genug
Kraft, um Krieg mit Krieg zu beantworten."
Er hat eine vierjährige
Enkelin; sie soll einmal
Soldatin werden. Oder Schriftstellerin,
wenn das Land erst wiedervereinigt
ist.
Aber wer würde das wiedervereinigte
Korea regieren? Eine sozialistische
oder eine kapitalistische
Führung? "Wir wollen eine
Föderation beider Staaten. Dann
werden wir sehen, welches System
sich durchsetzt."
Die Entscheidung darüber
ist längst gefallen. Auch wenn die
Führung der Volksrepublik sogar
auf Importmaschinen in ihren Fabriken
koreanische Typenschilder
klebt, um den Eindruck zu erwecken,
sie seien koreanischer Bauart,
und so Autokratie suggeriert,
sickert in Wahrheit der Kapitalismus
durch alle Ritzen des maroden
Bollwerks, das zu einem der
ärmsten Länder der Welt geworden
ist. Das staatliche Versorgungssystem,
in der Hungersnot
Ende der 1990er Jahre zusammengebrochen,
erreicht nur einen
Teil der Hilfsbedürftigen.
Eine Bratente kostet einen Monatslohn
Überall im Land sehen wir Verkaufsstände, die
wir unter keinen Umständen fotografieren dürfen,
wie unsere Begleiter in panischer Angst fordern. Auf
einem Parkplatz bietet uns eine Familie geröstete
Nüsse an, so verstohlen, als wären es Waffen. Mitarbeiter
einer Hilfsorganisation auf dem Land erzählen
uns, alle zehn Tage ruhe die Arbeit, denn dann
sei Markttag. Auf den Märkten würden 80 Prozent
aller Güter des täglichen Bedarfs umgesetzt.
Wir bekommen einen solchen Markt in Pjöngjang
zu sehen, erleben 2400 adrett gekleidete Verkäuferinnen
in einer Halle. Alle arbeiten auf eigene
Rechnung, von Scheu und Zurückhaltung ist nichts
zu spüren: Hier werden Geschäfte gemacht.
Die Frauen seien allesamt Hausfrauen, die verkauften,
was immer sie in ihren Haushalten übrig
hätten, erklärt uns die Marktleiterin treuherzig. Wir
sind beeindruckt, was in nordkoreanischen Wohnungen
alles erübrigt werden kann: fabrikneue
DVD-Player, Rallye-Lenkräder für Toyota-Geländewagen,
Yamaha-Pianos, palettenweise schottischer
Whisky. Und Lebensmittel: Melonen, Tomaten, getrockneter
Fisch, schlachtfrisches Hundefleisch im
Überfluss.
Wir sehen eine Bäuerin, die Enten und
ein zerlegtes Schwein verkauft. Sie verdient damit
210 000 koreanische Won im Monat, 70 Euro.
Die Waren auf dem Markt sind für die meisten
Menschen im Land jedoch unerreichbar: Eine Näherin
verdient einen Euro, ein Minenarbeiter fünf
Euro im Monat. Falls die Löhne überhaupt bezahlt
werden, was in den vergangenen Jahren nur noch
unregelmäßig der Fall gewesen sein soll.
"Kim Jong-il ist bankrott. Das Regime lebt
von der Hand in den Mund", sagt der westliche
Diplomat mit gedämpfter Stimme, wir sitzen im
Partykeller des Welternährungsprogramms,
vor Jahren als Kontaktbörse
für jene Ausländer eingerichtet,
die in Pjöngjang
arbeiten. Seit das Regime im
Herbst 2005 die meisten Hilfsorganisationen
des Landes verwiesen
hat, ist es einsam geworden
in Pjöngjangs Fremdenghetto.
Weniger als 100 Ausländer leben
im Land.
Der Diplomat trägt Sandalen,
Shorts, ein T-Shirt und will anonym
bleiben. "Die Militärs gewinnen
wieder an Einfluss. Reformen
werden Stück für Stück
zurückgenommen. Kim Jong-il
rettet sich von einem Tag zum
nächsten. Und sei es mit Geldfälschung
und Drogenschmuggel."
Warum sind die Reformen gescheitert?
"Sie finden keinen Weg, die
Marktwirtschaft mit der Philosophie
Kim Il-sungs in Übereinstimmung
zu bringen. Der innerste
Zirkel der Macht zerfleischt
sich in mönchischen Diskussionen
darüber, wie Seine Worte
auszulegen sind."
Gott hat sein Volk in die Wüste
geführt und es angewiesen, im
Kreis zu gehen.



Kommentare zu "Nordkorea nach Kim Jong-il "
Ich habe selber dieses Land vom 13. April 2013 bis 19. April 2013 bereist und war doch sehr überrascht, auch wenn ich mich im Vorfeld umfassend über das Land informiert. Überrascht war ich über die Herzlichkeit und Freundlichkeit der Menschen und sogar für die Aufforderung beim Tanz mitzumachen oder auch der Besuch eines Amerikanischen Restaurants was aussah wie McDonalds, nur das M fehlte auf den Packungen und Tüten. Andererseits war es sehr über die mangelnden technischen Ausrüstungen der Landwirte sehr überrascht und über die Begeisterungsfähigkeit für die Staatsführer.
Hallo Mind, wenn es nur so einfach wäre. Wer in einer Diktatur leben MUßTE, sieht das bestimmt anders.
Manche argumentieren immer damit, dass sie die Meinung der Mehrheit vertreten. Wenn so Viele dasselbe denken, dann muss das ja richtig sein. Manche argumentieren aber auch immer mit dem Gegenteil, weil sie schon immer zu den wenigen gehörten, die wissen, wie die Welt sich eigentlich wirklich dreht. Richtiger wird beides dadurch nicht. Was aber wirklich ekelhaft ist, ist den Menschen in Nordkorea zu unterstellen, sie wollten so leben, wie sie es tun.
Hallo MInd, leider sehen ca 99% der restlichen Weltbevölkerung dies nicht so wie du. Gehöre jedoch auch zu den 1%.
Aha. Gut zu wissen dass die Nordkoreaner, unter welchen gut ein Drittel trotz Reislieferungen aus dem Süden unterernährt ist, in Wirklichkeit ja ganz gerne so leben wollen. Schande über die westlichen Medien die uns Glauben machen wollen dass es bloss die Angst vor dem Arbeitslager ist, welche aus der nordkoreanischen Bevölkerung keine kritischen Stimmen ertönen lässt. (@Mind)
Karl Stingeder beschreitet mit seinem sachlichen Zugang einen anderen Weg um sich diesem kontroversiellen Thema rund um den Konflikt mit Nordkorea anzunähern. Auf nüchterne Art und Weise verfolgt er eine vorsichtig angelegte Analyse um angebliche Tatsachen" zu hinterfragen und propagandistisch intendierte Beinflussungsversuche offen zu legen. Tatsachen" über die so viele reden, über deren objektiven Wahrheitsgehalt in Folge des Isolationismus allerdings nur wenig bekannt ist. Am Ende der ergiebigen Lektüre entsteht dankenswerterweise ein verblüffender "Aha-Effekt", da geneigten Lesern die Türe zu einer differenzierten Betrachtung eröffnet wird. Stingeders Analyse verhilft zum berühmten Blick über den Tellerrand einer medial geprägten und pauschalen Vorverurteilung Nordkoreas . (Karl H. Stingeder, 2/2) Karl Stingeder: Die Causa Nordkorea. Tectum 2009 http://www.tectum-verlag.de/9964
Als eine der populärsten Krisenregionen in den letzten Jahren hat sich Nordkorea heraus kristallisiert. In regelmäßigen Abständen werden wir über neue Ereignisse eines der isoliertesten Länder Asiens informiert, meist in Zusammenhang mit pauschalen Vorverurteilungen oder Agentur-Meldungen, welche auf obskuren Geheimdienstberichten basieren. In den meisten Fällen wird jedoch ein oberflächliches, auf zahlreichen Klischees basierendes Bild gezeichnet. Das wohl plakativste Beispiel eines solchen Schubladendenkens ist wahrscheinlich jene comichaft überzeichnete, komödiantische Porträtierung Kim Jong-Ils als größenwahnsinniger Diktatur aus dem Film "Team America" (USA 2002), welche Kim Jong-Il als singenden und eiskalten Parade-Zyniker inszeniert. Oder aber wir begegnen Nordkorea - man erinnere sich an George W. Bushs Achse des Bösen" - als unberechenbaren, beinahe monströsen Gegner, den man um jeden Preis in seine Schranken weisen muss. (Karl H. Stingeder, 1/2)
Die harten Sanktionen der westlichen Welt, gegenüber Nordkorea haben natürlich nichts mit dem Mangel in diesem Land zu tun? Mit schweren Sanktionen wurden schon etliche andere Länder in die Knie gezwungen - immer auf dem Rücken der Bevölkerung! Und das gleiche macht man dort auch! Und mit Krokodilstränen "betrauert" man die leidende Bevölkerung und reibt sich hinterrücks die Hände wegen dem nahenden Zusammenbruch der jeweiligen Länder. Dann kann man endlich schalten und walten und plündern wie man will. Hätte Nordkorea nicht seine Armee und Atomwaffen, dann wäre das Land schon längst "demokratisiert" worden - neudeutsch für ausplündern! Merke: Länder mit Atomwaffen greift man nicht an! Warum kann man die Menschen dort nicht leben lassen wie sie wollen? Wenn ihr Sozialismus von allein zusammenbricht - ohne Hilfe des Westens - dann wäre das der Lauf der Dinge. Es aber mit allen Mitteln zu provozieren ist ekelhaft!