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Kolumbien: Der Tod des Mao-bé
Ihre Köpfe sind kahl rasiert, ihre Gesichter bemalt, sie sind zu Hause im Regenwald, und bis vor zwei Jahrzehnten wusste die Welt nicht einmal, dass es sie gibt: Im März 2006 stehen Angehörige des Volkes der Nukak Makú, der letzten Nomaden Kolumbiens, plötzlich vor der Kirche der Kleinstadt San José del Guaviare. Was niemand geahnt hat: In kürzester Zeit beginnt sich die Kultur der Jäger und Sammler aufzulösen. Und einen von ihnen wird die Begegnung mit der Zivilisation das Leben kosten
Er stahl sich fort im ersten Licht, in der Hand die Machete, es sah aus, als ginge er fischen. Richtung Wald schritt er. Niemand sah, was er tat. Doch er wird eine bestimmte Wurzel verwandt haben. Sie gibt das beste Gift. "Barbasco", sagt Ramón Rodríguez, der ihn als letzter aus der Stadt lebend sah, "sie benutzen es zum Fischen." Er wird, als er die Wurzel fand, seine Machete in ihr Holz getrieben haben, um zu prüfen, ob sie Saft führt. Er wird sie aus der Erde gegraben, sich aus einem Ast einen Knüppel geschnitten und die Wurzel mit Hieben zermalmt haben, bis sie zerfaserte. Wird dann ein Blatt zum Becher gefaltet, Wasser geholt, das Wurzelfleisch benetzt und auf diese Weise das sämige Gift gewonnen haben. "Wir kennen die Gründe nicht, warum er sich umgebracht hat", sagt Xismena Martínez, die sein Begräbnis bezahlte. Schweigend kehrte er aus dem Wald zum Lager seines Clans zurück, legte sich wortlos in seine Hängematte, noch merkte niemand, was er getan hatte. "Wir sind dabei, seinen Selbstmord zu untersuchen", sagt Higinio Obispo, der den toten Mao-bé Bruder nennt und Kamerad, einen Kämpfer für sein Volk.
Die letzten Nomaden Kolumbiens
Ein halbes Jahr zuvor war das Volk des "Bruders" in die Stadt gekommen, das Datum hat sich in die Erinnerung der Menschen gesenkt wie ein Anker: 17. März 2006, der Freitag vor dem Hochfest des heiligen Josef, Schutzpatron von San José del Guaviare, Provinz Guaviare, Domäne des Kokains und des Kriegs im Südosten Kolumbiens. Plötzlich standen 77 Menschen zwischen den Palmen des Stadtparks - mit kahl geschorenen Köpfen, die Gesichter mit geheimnisvoller Farbe gezeichnet. Nukak Makú. Die letzten Nomaden Kolumbiens, der Welt erst seit 1988 bekannt. Die halbe Stadt lief herbei, um die Sensation zu betrachten: Männer mit meterlangen Blasrohren, Frauen mit blanken Brüsten, schon die kleinsten der Kinder mit Äffchen auf den Schultern. San José, 25.000 Einwohner, geriet wie in ein Fieber. Das fröhliche Fest des heiligen Josef, die wilden Nukak Makú - im Taumel dieser Tage ging verloren, wann genau er eingetroffen ist in der Stadt: ein junger Mann, der in leisen, von einem verwaschenen Dialekt gefärbten Worten Spanisch sprach. Sein Name, sagte er, sei Mao-bé. Von den Weißen werde er Belisario genannt, Belisario Sánchez. "Er war der Vermittler, die Brücke zwischen beiden Welten", sagt der, der ihn als letzter aus San José lebend sah: Ramón Rodríguez.
Ein Volk geht zugrunde, eine Kultur verlischt
"Jeder, der sich für sein Volk einsetzt, ist ein Anführer. Und er war einer", sagt der, der ihn Bruder nennt: Higinio Obispo, 33, Sprecher für die Abteilung Menschenrechte und Frieden der Organización Nacional Indígena de Colombia ONIC, der Vereinigung der Ureinwohner Kolumbiens; seit vier Jahren streitet Obispo in ihrem Namen für die Nukak Makú. Und immer, wenn ihn die Bitternis übermannt, wie so häufig in den vergangenen Wochen, kommt ihm die Geschichte sehr vertraut vor. Ein Häuptling stirbt. Ein Volk geht zugrunde. Eine Kultur verlischt.
Er erbrach sich jäh, das machte sie im Lager aufmerksam. Das Erbrochene vor seiner Hängematte war weiß wie Milch, also sahen sie, schon voll Sorge, in seine Augen. Sie waren blutrot. Sofort riefen sie ihn an: Mao-bé! Seine Frau war an seiner Seite und seine Kinder, sie schüttelten ihn, keine Antwort. Mehr mussten sie nicht wissen. Sie rissen ihn hoch, stellten ihn kopf, versuchten ihn so zu zwingen, sich erneut zu erbrechen, jetzt kam es auf jede Minute an. Mao-bé, bei Bewusstsein, erbrach sich nicht. Den jungen Nukak, die später das Tabu missachten sollten, den Namen eines Toten nie mehr zu nennen, erschien es, als verweigerte er sich seiner Rettung: Mao-bé vom Clan der Wayari-muno, als kleiner Junge ausgesetzt, von Weißen aufgezogen, als Mann zu seinem Volk zurückgekehrt.
Das Hochfest des heiligen Josef, ahnten Xismena Martínez und Ramón Rodríguez, würden sie vergessen müssen. Von Amts wegen über die Wilden informiert, verdrängten sie jeden Gedanken an Feier und Freizeit, das Wochenende im März war Arbeit. Zwei Nukak sprachen dürftigstes Spanisch und versuchten die Gründe für ihr Kommen zu erklären. Leid und Männer mit Schrotflinten hätten sie vertrieben, so viel verstand Martínez; zwei Sommer, 60 Tage und 30 Lager seien sie gewandert, das erfuhr Rodríguez. Alle Mitglieder entschieden Martínez und Rodríguez, seien als Flüchtlinge zu betrachten, Soforthilfe nötig, alle betroffenen Behörden beginnen Unterstützung umgehend, Notfall. Sie meldeten nach Bogotá, der Hauptstadt, vermutlich Guerilleros der Rebellenarmee Farc hätten die 77 Nukak Makú vertrieben, mutmaßlich aus Resguardo Nukak Makú, Schutzgebiet ohne Schutz, eingerichtet zwischen den Flüssen Guaviare und Inírida.
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