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Ethnologie: Nordafghanistan: Ein Winter bei den Pamir-Kirgisen

Der Amerikaner Ted Callahan lebte als erster westlicher Forscher bei einem fast vergessenen Nomadenvolk. Um es zu studieren. Während der härtesten Monate des Jahres

Text von Ted Callahan

Die kleine Gemeinschaft der Menschen, die in der unwirtlichen Bergregion Nordafghanistans ausharren, ist das Relikt einer leidvollen Geschichte. Vor 150 Jahren lebte dieses Hirtenvolk nur im Sommer in den afghanischen Pamir-Hochtälern, einer durch Gletscherbewegungen geformten Einöde zwischen Hindukusch und Pamirgebirge. Im Winter, wenn die Temperatur dort bis unter minus 50 Grad Celsius sinken kann, trieben die Pamir-Kirgisen ihre Schafherden hinab in die tiefer gelegenen Täler auf dem Gebiet des heutigen Tadschikistan.


In einem entlegenen Hochtal, im fernsten Winkel Afghanistans, leben ein paar Hundert Nomaden unter den wohl härtesten Bedingungen, die Menschen auszuhalten haben (Foto von: Matthieu Paley)
© Matthieu Paley
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In einem entlegenen Hochtal, im fernsten Winkel Afghanistans, leben ein paar Hundert Nomaden unter den wohl härtesten Bedingungen, die Menschen auszuhalten haben

Doch dann schnürten geopolitische Entwicklungen die Nomaden in ihrem Winterquartier ein: Die Pamirtäler liegen seit 1895 im sogenannten Wakhan- Korridor, einem 270 Kilometer langen, stellenweise nur 15 Kilometer breiten Landstreifen, der im russisch-britischen Pamir-Vertrag damals Afghanistan zugeschlagen wurde, um das britisch beherrschte Indien vom russischen Zarenreich zu trennen.



© Matthieu and Mareile Paley / www.paleyphoto.com

Noch vor der Invasion Afghanistans durch Sowjettruppen 1979 floh der damalige Khan mit seinen 1300 Untertanen aus dieser Enklave ins benachbarte Pakistan. Der größte Teil der Gruppe übersiedelte vier Jahre später in die Türkei, wo die Exil-Kirgisen aus dem Pamir inzwischen in Dörfern mit Kanalisation, Straßenanbindung und Elektrizität leben und ihre Kinder in Schulen und Universitäten schicken.

Nur wohlhabende Familien können sich im Pamir Kamele leisten. Als Lasttiere. Und als Lieferanten einer dichten Wolle, aus der die  Frauen
Decken weben, um damit die Pferde zu wärmen (Foto von: Matthieu Paley)
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Nur wohlhabende Familien können sich im Pamir Kamele leisten. Als Lasttiere. Und als Lieferanten einer dichten Wolle, aus der die Frauen Decken weben, um damit die Pferde zu wärmen

Eingeschlossen von mächtigen Nachbarn

Das beeinträchtigte die Kirgisen im Pamir zunächst kaum - jedenfalls solange die Staatsgrenzen nur auf dem Papier bestanden. Doch nach 1930 schloss die Sowjetunion die Grenze nach Norden. Auf der Ostseite des Korridors schottete sich das 1949 kommunistisch gewordene China ab. Und im Süden verwehrten bald die Grenzposten Pakistans den Hirten den Übertritt. Die Kirgisen fanden sich als Bewohner eines entlegenen Zipfels Afghanistans wieder, beschränkt auf zwei 100 und 60 Kilometer lange Hochtäler, eingeschlossen von drei Staatsgrenzen und 5500 Meter hohen Bergmassiven.


Morgens backen die Frauen Fladen aus Weizenmehl, das eine Hilfsorganisationen gespendet hat. Dann versorgen sie die Lämmer,
die im Winter bei den Menschen am Feuer schlafen (Foto von: Matthieu Paley)
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Morgens backen die Frauen Fladen aus Weizenmehl, das eine Hilfsorganisationen gespendet hat. Dann versorgen sie die Lämmer, die im Winter bei den Menschen am Feuer schlafen

Leben in einer Zeitblase

Nur etwa 250 Kirgisen unter der Führung des verstorbenen Khan Abdul Raschid haben sich 1979 entschlossen, zurück ins afghanische Bergland zu ziehen, um dort ihr altes Leben wieder aufzunehmen: ein Leben in einer Zeitblase, fernab jeder Zivilisation, acht Tagesritte entfernt von der nächsten Ambulanzstation. Und vier Tagesritte von der nächsten Schule. 30 Jahre lang hat kaum ein westlicher Anthropologe nachgeforscht, wie es dieser Gruppe seither ergangen ist. Das will ich nachholen, denn es gibt viele ungeklärte Fragen: Wie organisieren die Pamir-Kirgisen ihr Zusammenleben in dieser lebensfeindlichen Umgebung?

Wodurch erhält der Khan, ihr Anführer, seine Autorität? Wie vertritt er die Interessen seiner Untertanen? Nach welchen Regeln funktioniert die kleine Ökonomie der Pamir-Kirgisen? Und wie haben sich ihre Traditionen inzwischen verändert? In Bischkek, der Hauptstadt des nicht an Afghanistan grenzenden Landes Kirgisistan, in dem mit 5,2 Millionen Kirgisen heute die große Mehrheit dieses Turkvolkes zu Hause ist, habe ich deshalb die Sprache gelernt. So konnte ich meinen Aufenthalt in den 700 Kilometer entfernten Bergen vorbereiten.


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Kommentare zu "Nordafghanistan: Ein Winter bei den Pamir-Kirgisen"

Asel | 02.02.2011 13:48

Ich wusste schon, dass es die Pamir-Kirgisen gibt. Aber ich wusste nicht, dass sie unter "unmenschlichen" Bedingungen leben müssen. Sie kleiden sich sogar anders. Als Kirgisin weiß ich wovon spreche. Danke! Beitrag melden!

sadet | 14.01.2011 21:13

Ich wusste bis heute nicht das es die Pamir-Kirgisen gibt, sehr schöne Aufnahmen und ein interessanter Einblick in deren Leben. Danke! Beitrag melden!

Rosetta Gbaye | 14.01.2011 16:02

Thank you very much for that interesting Video. It's very touching at all. Beitrag melden!

Alam Jan Dario | 13.01.2011 17:23

ice ghafch bafi vrot Beitrag melden!

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