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Country Roads: Auf den Spuren der Countrymusik

Man stelle sich eine Linie durch Tennessee vor: von Memphis über Nashville in die Appalachen. Das ist der Music Belt, die Wiege von Blues, Country, Rock ’n’ Roll. Wer diese Route fährt, stößt auf die Ursprünge unserer Popmusik - und auf eine höchst vitale Künstlerszene

Text von Bernd Schwer

Linda McGee schnippt mit den Fingern - one, two ... one, two, three, four -, drückt die Play- Taste und sagt: "Das hier kannst du auf keiner CD kaufen." Es krächzt und knistert aus der kleinen Stereoanlage, muss wohl eine uralte Aufnahme sein. Gitarrenakkorde setzen ein, dann eine Band - es klingt nach Country, Rock ’n’ Roll und Blues gleichzeitig. "Eine der ganz frühen Aufnahmen von Sam Phillips im Sun Studio", sagt Linda. "Ein paar Studiomusiker, keiner kennt sie heute mehr."


Wo Legenden geboren
wurden: Im Sun
Studio in Memphis
nahmen Elvis Presley und
Johnny Cash ihre ersten
Platten auf. Heute
werden nachts CDs aufgezeichnet,
am Tag
Besucher herumgeführt (Foto von: Gregor Lengler)
© Gregor Lengler
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Wo Legenden geboren wurden: Im Sun Studio in Memphis nahmen Elvis Presley und Johnny Cash ihre ersten Platten auf. Heute werden nachts CDs aufgezeichnet, am Tag Besucher herumgeführt

Sie drückt nochmals auf ihre Fernbedienung. "Aber wer dieser junge Mann hier ist, das weißt du doch bestimmt?" Klar, Elvis, unüberhörbar. "Sehr gut", lobt Linda. Nach Elvis spielt sie Carl Perkins. Dann Johnny Cash. Dann ein Duett - "Jerry Lee Lewis und Elvis, das dürfte es gar nicht geben, da waren sie schon bei verschiedenen Labels unter Vertrag." Mindestens 50 Jahre alt sind die Aufnahmen, und, wie Linda stolz betont, "nie auf Platte erschienen." Irgendwann sind die Stücke damals mitgeschnitten worden, nachts, als die Jungs sich im Studio einen Spaß machten, dann wurden die Bänder weggeschlossen und vergessen - und landeten schließlich im Raritätenkabinett von Linda McGee in Jackson, Tennessee. "Rockabilly Hall of Fame and Museum" heißt die Schatzkammer; sie ist ein zweistöckiges Backsteinhaus mit großen Schaufenstern. Die Lage: downtown, also im Stadtzentrum, worunter man sich hier nicht zu viel vorstellen sollte. Unten an der Straße eine Kreuzung, oben ein gepflegter kleiner Park und sauber restaurierte brownstones - Provinzidylle, eine Stunde nordöstlich von Memphis.


Und mittendrin Linda, die quirlige Tanzlehrerin, die all die Stars, deren Pop-Glorie sie hier hütet, noch persönlich gekannt hat. Deshalb darf man auch das Wort "Museum" nicht allzu wörtlich nehmen. Linda lebt die Geschichte viel zu sehr, als dass sie diese museumsdidaktisch aufbereiten könnte. Man braucht nur auf eine der Raritäten zu zeigen, schon sprudelt die dazu passende Geschichte aus Linda heraus - und es hat sich eine Menge angesammelt, an den Wänden, in Vitrinen und Regalen: Goldene Schallplatten, Gitarren und Glitzerkostüme, Konzertplakate, auf Hotelbriefpapier gekritzelte Welthits, ein Paar Blue Suede Shoes (blaue Wildlederschuhe) von Carl Perkins hinter Glas - die ihn zu dem Song inspirierten, den wiederum Elvis zu einem seiner ersten Hits gemacht hat.

Dazu Porträts der Stars in Öl, von Fans gemalt, vielleicht nicht mit Talent, dafür mit Hingabe, PR-Fotos junger Männer in Schwarz-Weiß, mit Schmalztollen und Hey-was-kostet- die-Welt-Blick. Alles zusammen eine Kultstätte, halb Keller eines manischen Sammlers, halb Dachboden einer Radiostation, wo der DJ all die Devotionalien abgegelegt hat, die ihm die Musiker im Lauf eines halben Jahrhunderts vorbeigebracht haben.



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