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Grüne Palme: Grüne Palme 2011: Ein Beachboy mit Mission

Seine Liebe zum Meer machte Fabiano Prado Barretto zum Umweltschützer. Nun kämpft der Brasilianer nicht nur unermüdlich gegen den Meeresmüll, sondern auch dafür, dass seine Landsleute vom wachsenden Tourismus profitieren. Dafür erhielt er von GEO SAISON die Grüne Palme 2011

Text von Michael Friedrich

Statt Muscheln sammelt Fabiano Prado Barretto Abfall aus aller Welt ein (Foto von: privat)
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Statt Muscheln sammelt Fabiano Prado Barretto Abfall aus aller Welt ein

Er geht noch immer mit diesem unverschämt lässigen Schlurfen. Wie man es sich angewöhnt, wenn man in Salvador da Bahia aufwächst, das Meer liebt und intensiv mit ihm lebt, Flip-Flops an den Füßen, unter dem Arm das Surfbrett, auf dem man dann mit den Freunden über die Wellen tanzt. Der Strand ist heute nur noch selten das Revier von Fabiano Prado Barretto. Die meiste Zeit verbringt der 39-Jährige an seinem Schreibtisch in Hamburg, wo er mit seiner Familie wohnt. Und wenn er surft, dann im Internet, auf der Suche nach neuen Daten zu seinem großen Thema: Meeresmüll. Der ehemalige Beachboy ist Mitbegründer und Leiter des Hamburger Vereins "Local Beach, Global Garbage", der gegen die Meeresverschmutzung durch Müll kämpft und dabei beweist, dass man auch mit wenigen Mitteln viel ausrichten kann. Mit 16 verbrachte der Sohn eines Ökonomen und einer Uni-Mitarbeiterin weniger Zeit an derSchule als beim Tauchen und Surfen – zumal der Verkauf von Fisch und Langusten an Hotels lukrativ war. Fast täglich fischte Fabiano Prado Barretto aber auch Plastiktüten mit chinesischer Aufschrift aus dem Meer, Plastikflaschen aus Deutschland und Styroporcontainer aus den USA.


In Bahias einsamen Buchten findet Barretto auch Meeresmüll aus Deutschland (Foto von: privat)
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In Bahias einsamen Buchten findet Barretto auch Meeresmüll aus Deutschland

Ihm war nicht bewusst, dass er auf ein globales Problem gestoßen war, als ihn 2001 endgültig die Wut packte über den Schmutz, den der Ozean noch in den einsamsten Buchten seiner Heimatregion anspülte. Außer einer Handvoll Wissenschaftler hatte bis dahin niemand dessen gewaltige Dimension registriert – weder Umweltschutzgruppen noch internationale Institutionen. 2003 schließlich startete Barrettos Organisation und schärfte durch Fotoausstellungen, Presse- und Lobbyarbeit weltweit das Bewusstsein für die Umweltgefahr. Zugleich sorgte er an Bahias Stränden durch Müllsammelaktionen auch tatkräftig für Abhilfe. Das trägt Fabiano Prado Barretto nun die Grüne Palme 2011 ein. Wie auch sein intensives Engagement für die Menschen an der Küste Bahias, die mit seiner Hilfe vom wachsenden Tourismus profitieren sollen.

"Unsere Ozeane sind zu Müllkippen verkommen", sagt der Meeresschützer. "Der Unrat wird vom Land ins Meer geschwemmt und von Schiffen aus einfach über Bord geworfen." 250 Millionen Tonnen Kunststoff spuckt die globale Chemieindustrie jedes Jahr aus, rund zehn Prozent davon, schätzen Experten, landen im Meer. Ein gewaltiger Meeresstrudel im Südwestatlantik schwemmt solchen Zivilisationsabfall an der Costa dos Coqueiros an, einem rund zweihundert Kilometer langen Küstenabschnitt nördlich von Salvador da Bahia. Die schönsten Strände seiner Heimat sind übersät mit Dreck aus aller Welt. "Müll aus Deutschland ist bei den Funden regelmäßig unter den Top fünf", sagt er. Draußen auf See fressen Vögel die Kunststoffpartikel, die oft in dicken Teppichen direkt unter der Wasseroberfläche treiben. Schildkröten ersticken an durchs Meer geisternden Plastiktüten, die sie für Beute halten. Delfine verhungern, weil ihre mit unverdaulichem Müll gefüllten Mägen keine Nahrung mehr aufnehmen können.

Von Hamburg aus die Meere säubern
"Ich musste etwas dagegen tun", sagt Barretto. Auf tagelangen Strandwanderungen dokumentierte er seine Abfallfunde mit der Kamera. Die Fotos des vermüllten Paradieses machten international Furore und brachten ihm eine Finanzierung der Hamburger "Lighthouse Foundation" ein, einer gemeinnützigen Stiftung für Meere und Ozeane, die seinen Verein bis heute mitfinanziert. Inzwischen ist das Ein-Mann-Büro im Hamburger Elbvorort Blankenese beheimatet, wo Barretto mit seiner deutschen Frau Eva lebt, einer Dolmetscherin, die er in Bahia kennengelernt hat. Allein gegen den Meeresmüll? Der Beachboy mit Mission, inzwischen ein international anerkannter Experte, muss lachen. "Weil ich hier keinen großen Apparat habe, kann ich die knappen Mittel umso besser in Brasilien einsetzen." Dort baute er zuerst ein Netzwerk von Aktivisten auf, aus dem inzwischen zwei Organisationen erwachsen sind, die "Local Beach, Global Garbage" unterstützt. Mit medienwirksamen Müllsammelaktionen an Bahias Stränden wuchs die Popularität von "Praia local, lixo global", wie Barrettos Verein auf Portugiesisch heißt, und der beiden Partner- Verbände "Onda Verde" (Grüne Welle) und "Capitães da Areia" (Herren des Strandes). Als sie durch Unterwasseraufnahmen und Müllberge bewiesen, welche Abfallmassen allein der Karneval in Salvador produziert, wurde das ein großer Aufreger in brasilianischen Medien. Schulen und Gemeinden organisieren nach dem Vorbild eigene Sammel-Events.


"Mir wurde aber rasch klar, dass es eine Sisyphusarbeit bleibt, wenn wir den Dreck nur einsammeln. Es kommt ja immer neuer nach", erzählt der Aktivist. "Wir müssen Müll vermeiden. Deshalb ist unsere Aufklärungsarbeit bei Hafenbehörden, Reedereien, aber auch bei den Seeleuten selbst so wichtig." Internationale Forschungsergebnisse und Artikel zur Müllproblematik lässt er übersetzen und verteilt sie an Hafenmeistereien. Poster für Schiffe wenden sich direkt an Seeleute. Und bei seinen Reisen in die Heimat treibt er Wissenschaftler und Umweltbehörden zum Handeln an. In Brasilien ist er auf seinem Weg schon einen Schritt weiter: "Meeresmüll ist dort jetzt ein Thema." Universitäten erheben Daten über Mengen und Herkunft des Mülls. Das setzt die Politiker unter Druck, das Problem zu lösen. Manche Häfen kontrollieren inzwischen besser, was mit dem Abfall der Frachter geschieht, die ihre Ladung löschen – und helfen bei der Entsorgung.



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Noch bleibt viel zu tun im Kampf gegen die Müllflut, doch Fabiano Prado Barretto hat sein Engagement längst ausgeweitet: "Bei meinen Touren an Bahias Küste stoße ich auf Probleme wie Armut, Unwissenheit oder Kinderprostitution. Wir können uns nicht nur auf den Müll und die Umwelt konzentrieren. Wir müssen uns auch um die Menschen kümmern." Immer mehr Pousadas und Strandresorts entstehen in Bahias Buchten, doch die lokale Bevölkerung profitiert selten davon. "Die Hotels holen sich Surflehrer und Rettungsschwimmer aus Städten wie Salvador. Einheimische arbeiten als schlecht bezahlte Gärtner oder Wachmänner." Also organisiert er für die Bewohner der Fischergemeinden Sprachkurse und Ausbildungen als zertifizierte Bademeister und Surflehrer und vermittelt zugleich Werte. "Keine Leistung ohne Gegenleistung: Wer bei uns einen kostenlosen Kurs macht, muss sich zum Beispiel verpflichten, in seinem Dorf ab und zu ohne Honorar als Life Guard zu wachen, damit dort nicht so viele Badeunfälle passieren. So haben alle was davon."

Mit seiner Frau Eva, die ihm bei seiner Arbeit mit Übersetzungen hilft, und den beiden Söhnen fährt er nur selten in seine Heimat. Die Jungs müssen ihre Liebe zum Wasser nun am Strand von Blankenese entwickeln. "Die sammeln da manchmal Müll ein. Ganz der Papa." Fabiano Prado Barretto selbst hat den Umweltschutz nicht erst in Deutschland entdeckt. Den hatte er schon in Bahia im Blut, nicht gerade typisch für einen Südamerikaner, wie er selbst meint. Genauso wie eine andere Eigenart des Mannes aus Salvador: Obwohl er Brasiliens Karnevalshochburg entstammt, tanzt er nicht gern. Außer auf den Wellen – beim Surfen.

Informationen zum Projekt gibt es unter www.globalgarbage.org


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