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Reise ins Blaue
Vor jedem Urlaub kommt die Vorbereitung: Reiseführer wälzen, Kartenmaterial studieren, Unterkunft buchen. Wie erholsam es dagegen ist, wenn man einmal nichts vorbereitet und einfach ins Blaue fährt und wohin einen Einheimische schicken, wenn man nichts über ihre Heimat weiß, hat GEO.de-Redakteurin Maike Dugaro ausprobiert
Ein Maiskolben landet vor meinen Füßen. Dann noch einer und noch einer. Der vierte verfehlt knapp meinen Kopf. In hohen Bögen und flachen Kurven fliegen die gelben Kolben durch die Luft und landen in einem LKW-Anhänger. Ich trete einen Schritt zur Seite. Hinter dem Anhänger sitzen grauhaarige Frauen und Männer auf Bierbänken und schälen einen Maiskolben nach dem anderen aus dem großen Berg, der zwischen ihnen liegt. Dazu jauchzen sie, als wären sie im Musikantenstadl.
Die guten ins Töpfchen
Heute ist "Woaz ohaiten" im steiermärkischen Bad Blumau, verrät mir ein älterer Herr, "Mais schälen". Jedes Jahr am Nationalfeiertag treffen sich die Alten beim Dorfwirt und schälen, singen, tanzen einen ganzen Nachmittag lang. Dazu spielt Harmonika-Josef auf seinem Akkordeon und wer am Ende errät, wie viele Maiskörner sich in einem herumgereichten Einweckglas befinden, darf einen üppigen Fresskorb mit nach Hause nehmen. Auch ich darf einen Tipp abgeben und einen Schnaps probieren, der so stark ist, dass ich lieber einen Maiskolben an den Kopf bekommen hätte.
Wie ich hierher gekommen bin? Mit dem Zug. In München löste ich eine Fahrkarte bis zu einem Ort in Österreich, von dem ich noch nie gehört hatte und dessen Name Neues versprach: Bad Blumau. Denn das ist der Plan. Ich will ein Wochenende in einem Ort verbringen, der mir unbekannt ist und über den ich mich vorher nicht informiert habe. Statt Reiseführer zu konsultieren, will ich Ortskundige treffen und ihren Empfehlungen folgen.
Die Maiskolben fliegen noch immer. Ich setze mich an einen Tisch außerhalb der Wurfzone und bestelle eine Apfelschorle. Von hier aus kann ich fast das ganze Dorfzentrum überblicken: Ich sehe eine Post, einen Frisör, einen Drogeriemarkt, eine Kirche, einen Dorfwirt. Ich frage den Herrn am Nachbartisch, ob es in Bad Blumau etwas gibt, das man gesehen haben sollte. "Ach", antwortet der Mann im lachsfarbenen Hemd, "da gibt es eine ganze Menge." Er schwärmt von über 80 Kilometern Wanderweg und mindestens genauso vielen für Radfahrer, empfiehlt den 30 Kilometer entfernten Tierpark und die Riegersburg, ein Wasserschloss mit Café, und natürlich das nahe gelegene Graz. Sein Schnauzbart tanzt über seinem Mund, während er sprudelt, als hätte er nur auf mich gewartet. Dann ruft jemand "Herr Bürgermeister", der freundliche Herr sieht leicht beschämt zu Boden, steht auf und sagt "entschuldigen Sie. Ich muss los". Zum Abschied empfiehlt er mir noch das Thermenhotel Hotel Rogner am Ausgang der Ortschaft, das größte bewohnbare Hundertwasser-Kunstwerk der Welt. "Aber zuerst fahren Sie mal zur tausendjährigen Eiche, das ist die älteste Europas." An Superlativen mangelt es hier nicht.
Berühmter Baum
Weil ich genug habe von Mais, Schnaps und Gesang, mache ich mich auf den Weg zur alten Eiche. Auf einem Hügel steht der berühmte Baum, für die Besucher gibt es sogar einen eigenen Parkplatz. Die Eiche streckt ihre bemoosten Äste auf einem Privatgrundstück fast dreißig Meter in die Höhe. Eigentümer Stefan Schmidt wäre froh, wenn der Baum woanders stünde. Dann würden ihm die Touristen nämlich nicht immer wieder das Gras zertreten, verraten die Zeitungsartikel im Schaukasten am Fuß der Eiche.
Stefan Schmidt lässt sich nur kurz blicken, hackt Holz vor seinem Haus, blickt mürrisch herüber und verschwindet wieder.
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