Gesundheit auf Reisen
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Wenn es um Reisekrankheiten geht, kennt sich kaum jemand besser aus als die Ärzte vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Auf dieser Seite finden Sie das ständig aktualisierte Wissen der Experten: über Gesundheitsrisiken, deren Behandlung und Vorbeugung

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Umwelt in Entwicklungsländern

Giftige Umwelt

Frankfurt 1970:

Zehntausend Fische erstickten im öligen Main.
Kein Grund für die Bürger der Stadt zu erschrecken.
Die Strömung ist günstig.
Sie treibt das Heer der silbrigen Leichen, der Fliegen geschmückten
rasch an den Quais vorbei.
Der Wind verweht den Geruch, ehe er die verletzlichen Sinne erreicht.
Alles ist aufs Beste geordnet.

Horst Kasper


Anderswo geht man weiterhin so lax mit der Umwelt um, wie wir es taten, solange wir noch nicht über genügend Wohlstand verfügten, um uns Sauberkeit leisten zu können. Ein Expertenkomitee der WHO schätzt, dass etwa ein Viertel der Krankheitsbelastungen der Weltbevölkerung auf Umweltfaktoren zurückzuführen sind. Erkrankungen von Kindern werden laut WHO zu 34% von Umweltfaktoren verursacht. Besonders relevant sind anorganische Stoffe wie Blei, Quecksilber, Arsen, Cadmium, Stäube unterschiedlicher Zusammensetzung, Asbest und organische Substanzen wie polychlorierte Biphenyle (PCB), Vinylchlorid oder DDT u.v.a.

Reisende, die sich auf den Urlaub freuen, werden nicht gerne mit dem Thema Umwelt belästigt:

  • Betreffen diese Probleme nicht "die Anderen", die in Armut leben?
  • Sind Reisende nicht viel zu kurz in gefährdeten Regionen um Schaden zu erleiden?

Bildquelle: ipsnoticias.net

Doch auf für Reisende rücken die Umweltprobleme näher:

  • Umweltprobleme betreffen immer größere Regionen der Welt und nehmen örtlich gravierende Ausmaße an.
  • Viele ökonomisch schwache Länder mit besonders niedrigen Umweltstandards hoffen auf zunehmenden Tourismus und locken die Tourismusindustrie in Regionen mit geringen Umweltstandasds.
  • Der Ausbau der Tourismusinfrastruktur oder die touristische Erschließung bisher wenig berührter Regionen oder Meere verändern die Umwelt, insbesondere den Wasserhaushalt der Region und beeinflussen die Artenvielfalt.
  • Ausdünstungen und Ausscheidungen industrieller Ballungsregionen und Megastädte wirken auf die Reisende bei der An- und Abreise ein, oder auch über die Nachbarschaft zum Badestrand.
  • Wenn in einem Reiseland Kinder an akuter Bleivergiftung sterben, wie im Februar 2008 in Dakar, Baie de Hann geschehen, liegt der Verdacht nahe, dass auch touristische Oasen der Erholung von den Auswirkungen eines leichtfertigen Umgangs mit der Umwelt nicht verschont werden: z.B. beim Einkauf von Obst, Gemüse, Fischen oder dem Umgang mit Pestiziden zur Vertreibung der Malaria und Ungeziefer.


Im Rahmen der Globalisierung werden immer mehr Menschen international tätig, oft auch in schwer belasteten Industrieregionen. Deshalb müssen z.B. Ingenieure, die im internationalen Auftrag im Ferghana-Tal (Usbekistan), in Linfen (China), Dserschinsk (Russland), Haina (Domenikanische Republik) oder Ranipet (Indien) arbeiten sollen, und klären müssen, ob der Firma das erhöhte Gesundheitsrisiko auch eine Gehaltzuschlag wert ist und ob die Familie während der Arbeit im Ausland lieber zu Hause bleibt.

Ein Giftmüllskandal in Abijan (Elfenbeinküste, 2006) zeigte ein anderes Problem auf: Industrieländer wissen häufig nicht wohin mit ihren Abfällen und Giften und Entwicklungsländer, bei denen Kontrollen oft fehlen oder umgangen werden können, bieten sich dann als bequeme Alternative an. Erhebliche Mengen der Umweltgifte, die bei industriellen Prozessen entstehen oder bei der Entsorgung anfallen, werden in Entwicklungsländer exportiert. 80% des weltweit jährlich anfallenden Elektronik-Mülls landen in Asien. Eine Verstärkung der Problematik ergibt sich hier durch die fehlenden technischen Vorraussetzungen, den Sondermüll fachgerecht zu entsorgen. Die Folgen sind sowohl Umweltschäden, als auch gravierende gesundheitliche Probleme in der Bevölkerung.

Naturkatastrophen können Umweltprobleme durch das Aufwirbeln von Giftstoffen verschlimmern. Beispiele sind dafür Samalia wo eine Tsunami-Flutwelle illegal versenkten Giftmüll in Wohngebiete spülte, New Orleans, das nach einem Hurrican in einer giftige Brühe versank oder Pakistans Kaschmir, bei dem nach einem Erdbeben die ohnehin schlechte Müll- und Abwasserversorgung völlig zusammenbrach. Giftige Chemikalien befinden sich auch in vielen Alltagsgegenständen, wie z.B. in Sportartikeln, Teppichböden oder Computern.

In Entwicklungsländer häufig Pflanzenschutzmittel eingesetzt, die polychlorierte Dioxine, DDT (2006 wieder zur Malariabekämpfung zugelassen), PCB (polychlorierte Biphenyle) und Furane enthalten können, die sich durch ihre Giftigkeit, Langlebigkeit und ihr Potential auszeichnen, sich in der Umwelt und Nahrungskette anzureichern (z.B. bei Küstenfischen, Haustieren oder tierischen Produkten u.v.a.). Zulassungen von Pflanzenschutzmitteln werden in vielen Ländern mit ökonomisch niedrigem Standard laxer gehandhabt. Die Folgen sind Verunreinigungen von Früchten und Gemüse und Belastung von Böden und Abwasser.

Reisende sind natürlich weniger betroffen, weil sie z.B. kein arsenverseuchtes Wasser aus Schwengelpumpen trinken müssen wie mehr als siebzig Millionen Menschen in Indien und bangladesh, oder weil sie nicht Jahrzehnte auf den Ferieninseln Guadeloupe und Martinique bleiben, bis das Pflanzenschutzmittel Chlordécone im Trinkwasser auch bei Ihnen Krebs auslösen könnte.

Die schlechte Luftqualität in Ballungsräumen, wobei China‘s Städte z.Z. besonders berüchtigt sind, wirkt sich direkt aus durch Schwefelverbindungen, CO, Ozon und Feinstaub. Smog vom kalt-feuchten London-Typ enthält besonders viele gelöste Schwebstoffe, während beim heiß-trocknen Los Angeles-Typ die Ozonbelastung im Vordergrund steht. Diese Schadstoffe werden meist unmittelbar wahrgenommen, so dass die Großstadt oder Industrieregion vorzeitig verlassen werden kann.

Unbemerkt kann der Konsum "natürlicher" Arzneimittel für Kuren oder zur Gesundheitsförderung gefährlich werden, da diese in vielen Ländern schwermetall-, pestizidbelastet oder mit anderem verunreinigt sind.

Auch Reisende in ländliche oder bewaldete Regionen können mit Chemie in Berührung kommen:

  • In Kolumbien z.B. wurde im Kampf gegen den Drogenanbau mehr Entlaubungsmittel eingesetzt als während des Vietnamkrieges, wo bis heute in der Folge mißgebildete Kinder geboren werden.
  • Flußfische in Guayana, Brasilien u.v.a. sind ggf. mit Quecksilber belastet, da Mineralienschürfer damit Gold lösen und ihre Abwässer anschließend in Flüsse leiten.
  • In sozial wenig entwickelten Regionen werden gern und oft Pestizide eingesetzt, die besonders preiswert, veraltet und ebenso toxisch sind.
  • In ehemaligen Kriegs- und Bürgerkriegsregionen wurde Landschaft zerstört und verölt, Landminen verlegt und Munition zurückgelassen.

Kinder

Kinder sind für Umweltschadstoffe besonders gefährdet, da sie mehr Schadstoffe abbekommen, diese schlechter verarbeiten und sich bei Ihnen im wachsenden Gehirn höhere Konzentrationen ansammeln:

  • Niedrige Körpergröße bedeutet mehr Gifte an Verkehrsstrassen.
  • Kinder lecken gern was süß ist (z.B. Bleifarbe).
  • Kinder schmieren sich unbekanntes auf die Haut oder lutschen daran (z.B. Pestizide).


Empfehlungen vor der Reise:

  • Bei der Reiseplanung sollten Sie mögliche Umweltbelastungen berücksichtigen.
  • Sie können bei der Planung den Aufenthalt in Megastädten relativ kurz halten.
  • Sie können Unterkünfte in angenehmen, abgelegenen Lagen suchen.
  • Empfehlungen während der Reise:
  • Kinder sollten besonders beaufsichtigt werden.
  • Bei merklicher Zunahme von Stressreaktionen (Lärm, Verkehrsdichte, Smog), sollten Sie den Aufenthaltsort wechseln.
  • Wasser sollte nur aus sicheren Quellen getrunken werden.
  • Die Auswahl der Nahrungsmittel sollte kritisch sein. Verbindliche Empfehlungen sind hier nicht möglich, da auch in Europa besonders schöne Paprikaschoten erhebliche Konzentrationen von Spritzmitteln aufweisen können.
  • Bei Versprühen von Chemikalien (im Airport u.a.) sollten Sie auf Distanz gehen und die Kinder wegbringen.
  • Vorsicht beim Arzneimittelkauf im Ausland ist immer gut.

Empfehlungen nach der Reise:

  • Bei unklaren Krankheitsbildern nach der Reise muss an die Möglichkeit von Schadstoffeinflüssen gedacht werden.
  • Auch bei Nachweis von Infektionen oder bei psychischen Belastungen sind Vergiftungen nie vollständig auszuschließen.


Wo sind die Umweltprobleme besonders gravierend?

  • Albanien: Porto Romano
  • Argentinien: San Antonio Oeste
  • Aserbaidschan: Sumquayit
  • Bangladesh: Hazaribagh, Chittagong
  • Bolivien: Apolobamba
  • Brasilien: Sao Paulo, Rio de Janeiro
  • China: Tianying, Huaxi, Linfen, Lanzhou, Urumqi, Wanshan, Wuli, Xiditou, Huaning
  • Dominikanische Republik: Haina-Bucht
  • Ecuador: Oriente
  • Elfenbeinküste: Abidjan
  • Georgien: Tbilisi, Kutaisi, Rustavi
  • Guinea: Conakry
  • Indien: Vapi, Sukinda, Mahad, Ranipet, Ahmadabad, Ankleshwar, Golden Corridor, Vadodara, Bhopal, Singrauli, Delhi, Kampur, Kolkata, Tiljala/Picnic Gardens, Balotra, Pali, Dandeli, Daurala, Eduldabad, Rorohills, Toansa
  • Indonesien: Jakarta
  • Japan: Tokyo
  • Kambodscha: Phnom Penh
  • Kasachstan: Ust-Kamenogorsk
  • Kenia: Dandora
  • Kirgisistan: Mailuu-Suu, Kara Agach (Ferghanatal)
  • Kuba: Havanna Bay
  • Mexiko: Mexico-City, Chilpancingo
  • Mosambique: Manica
  • Nigeria: Lagos
  • Pakistan: Karachi, Dera Ghazi Kha nu.v.a. 
  • Peru: Cajamarca, La Oroya, Huancavelica
  • Philippinen: Iligan, Marilao, Meycauayan, Mt. Diwalwal
  • Rumänien: Copsa Mica, Zlatna
  • Russland: Dzerzinsk, Norilsk, Bratsk, Chita, Magnitogorsk, Mayak, Rudnaya Pristan, Berezniki, Partizansk, North Sakhalin, Karabash
  • Sambia: Kabwe, Maamba
  • Senegal: Baie de Hann, Dakar
  • Serbien: Obrenovac
  • Tansania: Dar es Salaam, Tanganyika-, Victoriasee
  • Thailand: Bangkok, Ma Ta Put
  • Ukraine: Tschernobyl
  • Usbekistan: Ferghana, Andijan, Namangan
  • Venezuela: Caracas, Maracaibo und Valencia
  • USA: Los Angeles, New Orleans, Hanford
  • Vietnam: Mekong

Informationen zur weltweiten Umweltsituation

 



RMZ, 14.06.2010




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