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Sicherheit: Massenausschreitung

Epidemiologie der Massenausschreitung

Tottenham

Seit etwa hundert Jahren hatte es das nicht mehr gegeben. Auf den Straßen Londons und anderer großer Städte des Vereinigten Königreichs wurde gebrandschatzt, geplündert und zerstört. Mindestens fünf Menschen kamen ums Leben, unzählige wurden verletzt. Über längere Zeit waren die Ordnungskräfte nicht mehr Herr der Lage. Die politische Aufarbeitung des Aufstands in Tottenham hält bis heute an. In der Öffentlichkeit wird vor allem die Effizienz der Polizei-Einsätze aber auch die Verhältnismäßigkeit der ausgesprochenen Strafen für Plünderer diskutiert. Auf einer höheren Ebene stellt sich die Frage, ob eine falsche Sozialpolitik und fehlende Integration der ärmeren Bevölkerungsschichten die Ursache für die Ausschreitungen war. Rudolf Virchow erkannte vor etwa 150 Jahren, dass Gesundheit von sozialen und ökonomischen Faktoren sowie von Bildung abhängt (Die Noth im Spessart). Die Aufgabe des Arztes sei es die Ursachen einer Krankheit, die meist auf sozialen Mißständen beruhte, frühzeitig zu erkennen und Entscheidungsträger zum Handeln zu bewegen. Sind nun bei sozialen Unruhen auch die Mediziner gefordert? Ja, und zwar in vielerlei Hinsicht. Im Falle einer Massenausschreitung ist nicht nur die „öffentliche Ordnung“, sondern ganz konkret die körperliche Unversehrtheit - in Einzelfällen sogar das Leben - vieler Beteiligter und Unbeteiligter gefährdet. Auch geht es darum, zu verstehen, was genau in Tottenham passiert ist. Die Psychologie der Massen wurde bereits im Jahr 1895 von Gustave Le Bon detailliert beschrieben. Daraus abgeleitet wurden massenpsychologische Phänomene wie Faschismus oder der Pol-Pot-Wahn von Wilhelm Reich, Victor Frankl und vielen anderen untersucht.

 

Quelle: www.tagesspiegel.de


Soziale Epidemien
In diesem Beitrag geht es um einen neueren Aspekt der Massenpsychologie. Inwieweit lassen sich mathematische Methoden, wie sie zur Beschreibung und Eindämmung von Epidemien verwendet werden auf das Phänomen der Massenausschreitung anwenden? Emotionen sind „ansteckend“, können also von einem Menschen auf einen anderen Menschen „übertragen“ werden. Eine sehr starke Emotion ist „Wut“. Die Ausbreitung von Wut innerhalb einer Bevölkerung gleicht nicht nur von außen, also zum Beispiel graphisch dargestellt, der Ausbreitung einer Seuche.
Abgesehen von den äußerlichen Ähnlichkeiten könnte etwas so Abstraktes wie „Wut“ sogar den gleichen mathematischen Gesetzmäßigkeiten gehorchen wie Epidemien.

Wird über eine Infektionskrankheit gesprochen, so unterscheidet man ein „endemisches“ von einem „epidemischen“ Vorkommen. „Endemisch“ heißt, die Infektionskrankheit ist in der jeweiligen Region „heimisch“, mit regelmäßigen Erkrankungen muss gerechnet werden, aber auf einem niedrigen Level. „Epidemisch“ wird eine Infektionskrankheit in einer Region dann, wenn sie plötzlich signifikant häufiger auftritt als üblich. Dann spricht man von einem „Ausbruch“ (engl. „Outbreak“). Während bei endemischem Vorkommen einer Erkrankung recht genaue (statistische) Aussagen über Neuinfektionsraten möglich sind, lässt sich während einer Epidemie nicht genau vorhersagen, wie sich die Zahl der Neuerkrankungen in den nächsten Tagen entwickeln wird. Zumindest sind genaue Schätzungen nicht möglich, sofern man nicht über eine Reihe von epidemiologischen Kenndaten verfügt. Die zukünftigen Fallzahlen können aus den jetzigen Fallzahlen abgeleitet werden, dem liegt eine mathematische Funktion zugrunde. Man muss sie nur kennen, die Regeln nach denen sich aus Situation A Situation B ergibt. Diese Regeln (Funktionen) können von Ausbruch zu Ausbruch unterschiedlich sein, weisen jedoch eine bestimmte Signatur auf, die für Ausbruchsereignisse typisch ist. Egal, ob es sich um einen Masern-Ausbruch in Simbabwe oder einen Ausbruch von Wutbürgern in Deutschland handelt.

Das Kermack-Mc Kendrick Modell unterscheidet unabhängig von der Art des Ausbruchs drei Zustände:

  • Personen, die es haben (Masern, Wut etc.)
  • Personen, die es noch nicht haben
  • Personen, die es nicht mehr haben

Stellen wir uns nun einen Betroffenen in einer Gruppe von Nichtbetroffenen vor. Die Dynamik des weiteren Geschehens – und hier sind unzählige Varianten vorstellbar- wird im Wesentlichen von nur zwei Faktoren beeinflusst:

  • wie ansteckend ist die Krankheit oder Emotion?
  • wie lange bleibt ein Betroffener für andere ansteckend?


Ansteckungsgefahr
Eine Epidemie wird um so wahrscheinlicher je größer (und einheitlicher) die Gruppe der noch nicht Betroffenen ist, je ansteckender der Zustand und je länger die Betroffenen ansteckend sind.

Die Psychologie kennt einige Fälle in denen menschliches Verhalten ansteckend wirkt und sich auch gerne einmal epidemisch ausbreitet:

  • Hysterie (siehe Grisi Sikness)
  • Missachtung von Regeln
  • absichtliche Selbstverletzung
  • Börsenspekulation
  • Konsumverhalten
  • gewalttätige Ausschreitungen


Die Ansteckungsgefahr wird um so größer, je gleichartiger die Gruppenmitglieder einander sind. Hier spielt die soziale Identifikation eine Rolle. Gehört man einem Team an, trägt die gleiche Uniform, das gleiche Sportdress, ist im ähnlichen Alter, geht den gleichen Aktivitäten nach, so steigt die Ansteckungsgefahr. Das gleiche trifft zu, wenn viele Gruppenmitglieder (z.B. durch Alkohol, Drogen etc.) erregt oder enthemmt sind. Es gibt soziale Normen, z.B. Akzeptanz von Alkoholkonsum oder von gewalttätigen Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit, die die Ansteckungsgefahr deutlich erhöhen können. Die Ansteckungsgefahr steigt ebenfalls, je länger sich ein Gewalttätiger in der Gruppe aufhält und dort toleriert wird. Eingreifen der Polizei oder das Nichtdulden gewalttätigen Verhaltens durch die Umstehenden verkürzt die Einflussdauer des Gewalttätigen und verringert damit das „Epidemie“-Risiko für die Gruppe. In der Praxis bewährte Vorgehensweisen von Sicherheitskräften stimmen frappierend mit den Grundsätzen der Eindämmung von Infektionskrankheiten überein: Den Patienten bzw. Unruhestifter möglichst früh identifizieren und isolieren. Die epidemiologische Sichtweise macht es leichter, unmotivierte Gewaltausbrüche zum Beispiel im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen zu verstehen.

Positive Rückkopplung
Die Stärke epidemiologischer Modelle gegenüber rein praktischer Erfahrung, liegt darin, dass sie ein noch genaueres Verständnis der Zusammenhänge erlauben. Und gegenüber der üblichen statistischen Methoden (z.B. logistische Regressionsanalyse) hat die Epidemieforschung den Vorteil dynamische Prozesse beschreiben zu können. Wie ein Ferrari, der innerhalb weniger Sekunden von 0 auf 100 beschleunigt, aber genauso gut in kürzester Zeit wieder zum Stehen gebracht werden kann. Das Verhalten komplexer Systeme wie großer Menschenansammlungen spielt sich oft gemäß bestimmter Regelkreise ab, die bereits Norbert Wiener, der Begründer der Kybernetik aufgezeigt hat. Zu Problemen, egal ob in komplexen Maschinen, bei Infektionskrankheiten, Menschenansammlungen oder im Gehirn, kommt es vor allem dann, wenn eine „positive Rückkopplung" vorliegt. Beispiel: Je mehr Menschen erkrankt sind, um so mehr Personen werden angesteckt, je mehr Personen angesteckt werden, um so mehr Menschen werden zu Patienten, die dann wiederum andere anstecken können. Selbst bei mentalen Zuständen findet sich dieses Phänomen, zum Beispiel bei Depressionen. Depressionen fördern negative Gedanken („alles ist schlecht und hoffnungslos“), die negativen Gedanken fördern den Rückzug aus Situationen mit Risiken aber auch Chancen auf positive Erfahrungen. Der Rückzug hat zur Folge, dass das Leben (mangels positiver Erfahrungen) noch schlechter und hoffnungsloser erscheint, das führt wiederum zu noch mehr negativen Gedanken und so fort. Auch wirtschaftliche Zusammenbrüche, zum Beispiel die „Große Depression“ von 1929-1941 lassen sich unter diesem Aspekt sehen. Verbesserungen wurden damals vor allem durch den US-Präsidenten Franklin Delano Roosevelt erreicht. Mit seinem aus unzähligen Maßnahmen und einem Schuss Zuversichtlichkeit bestehenden „New Deal“ - mehr oder weniger ein großangelegtes „Herumprobieren“ - gelang es schließlich, den Teufelskreis der Hoffnungslosigkeit zu durchbrechen.

Prävention
Noch wichtiger als bestehende Ausschreitungen einzudämmen, ist es Bedingungen zu schaffen, unter denen es gar nicht erst zu Ausschreitungen kommt. Epidemiologen könnten hier einen Beitrag leisten:

  • Analyse: Wo genau liegen die Unterschiede zwischen den Lebensbedingungen und der Bevölkerungsstruktur in den betroffenen Bezirken (z.B. Tottenham) und ähnlichen, aber nicht von Ausschreitungen betroffenen Gegenden.
  • Fall-Kontroll-Studien, in denen maßgeblich Beteiligte an Ausschreitungen mit nicht-beteiligten aber ansonsten ähnlichen Personen verglichen werden.
  • Studien darüber, was beim Einzelnen aber auch bei den Massen hilft, Wut abzubauen und was nicht hilft (z.B. der Einsatz von Wasserwerfern).

Fazit
Die Übertragung von Gefühlen, besonders wenn es um Massenphänomene geht, könnte von größerer Bedeutung sein, als wir in unserer „Wissensgesellschaft“ ahnen. Die Epidemiologie stellt das (mathematische) Handwerkszeug zur Verfügung, um bei zukünftigen Herausforderungen besser mit „den Ursachen der Ursachen“ umgehen zu können.

Quellen

  • McKee M, Raine R. Riots on the streets. BMJ 2011; 343: d5248
  • Patten SB, Arboleda-Flórez. Epidemic theory and group violence. Soc Psychiatry Psychiatr Epidemiol 2004; 39: 853-856.


weitere Literatur

  • Joiner TE, Katz J. Contagion of depressive symptoms and mood: meta-analytic review and explanation from cognitive, behavioral, and interpersonal viewpoints. Clin Psychol Sci Pract 1999; 6: 149-164.

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MG, SH, 09.03.2012




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