Gesundheit auf Reisen
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Wenn es um Reisekrankheiten geht, kennt sich kaum jemand besser aus als die Ärzte vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Auf dieser Seite finden Sie das ständig aktualisierte Wissen der Experten: über Gesundheitsrisiken, deren Behandlung und Vorbeugung

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Pflanzen: Linderung von Beschwerden

Heilpflanzen und Reisen

Pflanzliche Heilmittel werden bei Gesundheits- und Befindlichkeitsstörungen angewandt. Eigentlich bedürfte es in diesen Fällen keiner Therapie, sondern eher einer Änderung des Lebensstiles. Wenn jedoch Heilmittel unterstützend eingenommen werden, ist die nebenwirkungsärmste und billigste Form (z.B. im Falle einer „Erkältung“ ein Hustensaft auf Eukalyptusbasis) oft der scheinbar „modernen“ und teuren Behandlung (beim Beispiel der „Erkältung“ mit Multivitamin, Aspirin oder Antibiotika) vorzuziehen.

Quelle: www.techsolvers.com

Wir nehmen kulturell vertraute Behandlungsmethoden vom Nachbarn oder dem Drogisten gerne an, wenn das Risiko der Nebenwirkungen gering zu sein scheint. Moderne Medizin erfordert dagegen einen Arztbesuch, da dort verordnete hochwirksame Substanzen bei falscher Anwendung auch nebenwirkungsreich sein können.

Können auch mit der Anwendung von Heilpflanzen Risiken verbunden sein?

Auch Heilpflanzen können unerwünscht Nebenwirkungen auslösen. Das ist nicht verwunderlich, da sich historisch ihre Anwendung aus der bitteren Erfahrung unserer Vorfahren mit Giftpflanzen entwickelt hat. Zum Beispiel muss die Anwendung von Rauwolfia, Stechapfel, Wolfsmilchkraut, Immergrün sehr genau dosiert werden, da die stark wirksamen Stoffe sehr schnell gefährlich sein können. Diese und ähnliche Pflanzen sind deshalb nicht zur Selbstbehandlung geeignet. Der Wirkstoffgehalt der Pflanzen ist besonders hoch, wenn sie, z.B. wegen der hohen Sonneneinstrahlung in den Tropen, über eine starke Konzentration wirksamer Inhaltsstoffe verfügen. Der Übergang zu Giftpflanzen ist fließend (Beispiel: Rhizinus). Die leichte Verfügbarkeit von Heilpflanzen in der „Hausmedizin“ birgt daher auch erhebliche gesundheitliche Gefahren. Das gleiche gilt für Pflanzen wie Flügelcassie (Cassia alata), Cassia occidentalis, Aloe, Tamarinde, Sennesblätter, die den Darm stark reizen und als Abführmittel noch schneller zur Gewöhnung führen als chemische Substanzen wie Laxoberal, Dulcolax®.

Aleo vera, Quelle: www.herbsstore.org

Industrielle und auch "natürliche" Heilmittel, insbesondere solche, die in Südostasien hergestellt oder von dort importiert werden, können aus verschiedenen Gründen gefährlich sein:

  • Aufschrift "Reine Natur", aber der Inhalt besteht aus Cortison oder einem Beruhigungsmittel
  • Aufschrift "Reine Natur", aber der Inhalt besteht aus Milchpulver o.ä. und Giftstoffen
  • Aufschrift "Reine Natur", aber der Inhalt besteht aus Wirkstoffen in zu hoher oder zu niedriger Dosierung oder ihrer Vermischung mit Schadstoffen
  • Alle Inhaltsstoffe sind zwar in richtiger Dosierung korrekt vorhanden, aber während des Produktionsprozesses kam es zu Verunreinigungen und Schadstoffbelastungen.
  • Einer oder mehrere Inhaltsstoffe sind hochwirksam und könnten daher bei nicht fachgerechter Anwendung zu Nebenwirkungen oder z.T. schweren Unverträglichkeitsreaktionen führen.

In Heilpflanzen und Tees können Schwermetallverbindungen enthalten sein, die ggf. zu chronischen Erkrankungen führen, z.B. wenn die Kräuterpräparate in Bleikesseln hergestellt wurden. Die Umwelt Indiens ist zudem in vielen Regionen stark mit Quecksilber, Blei oder Arsen belastet, so dass diese Giftstoffe auch von Heilkräutern aufgenommen werden. Bei Routineuntersuchungen in Europa überschreiten die Schwermetallbelastungen importierter Pflanzenpräparate aus Südostasien die zulässige Höchstgrenze oft um das Tausendfache.
Der Heilkräuteranbau findet meist in ländlichen Gegenden auf kleinen Bauernhöfen statt. Bis die Heilkräuter vom Feld in den Handel gelangen, durchqueren sie zahlreiche Zwischenstationen, die eine einheitliche Qualitätskontrolle erschweren. Um einen möglichst großen Gewinn mit diesem Anbau zu erwirtschaften, verwenden die Bauern oft die billigsten und zugleich giftigsten Pflanzenschutzmittel, die sie auf dem Markt finden.

Bedeutung von Heilpflanzen und traditioneller Medizin
In vielen Entwicklungsländern haben große Teile der ländlichen aber auch städtischen Bevölkerung keinen Zugang zu modernen oder verlässlichen Formen der Gesundheitsversorgung. Behandlungen werden oft durch Familienangehörige, wenig kenntnisreiche Nachbarn oder fraglich ausgebildete, autodidaktisch handelnde „Heilkundige“ ausgeführt. Heilpflanzen wachsen fast überall, sie sind in der Regel billig und damit in Reichweite der Kranken, die ohne Interaktion mit modernen oder traditionellen Heilern auskommen müssen. Die Alternative zur Selbstbehandlung mit Heilpflanzen ist oft das schlecht gelagerte Angebot des dörflichen Gemischtwarenhändlers an modernen Pharmaprodukten. Für die Gesundung des Patienten ist dann meist nicht die Wirkung, sondern der Schweregrad der Nebenwirkungen entscheidend: z.B. ist ein Lemongrastee als Malariabehandlung ebenso unwirksam wie ein Antibiotikum, das im Kramladen erworben wird, aber sicher weniger giftig. Gerade die Behandlung der Malaria zeigt aber auch wie traditionelle und moderne Medizin sinnvoll aufeinander aufbauen können: Chinarinde und chinesischer Beifuss wurden über Jahrhunderte wirksam bei „Wechselfieber“ angewandt, und ihre Inhaltsstoffe Chinin und Artemisinin werden heute weltweit sehr erfolgreich synthetisiert und eingesetzt.

Pharmakologische Zusammensetzung von Heilpflanzen
Die meisten Verfahren nutzen Heilpflanzen in unterschiedlichsten Zubereitungsformen und Zusammensetzungen. Die Herstellung exakt dosierter Heilpflanzenpräparate setzt fundierte pharmakologische Kenntnisse und technische Möglichkeiten voraus. Je nach Lage, Boden, Sonneneinstrahlung, Regen, Pflege, Dünger u.ä. enthält eine Pflanze Inhaltsstoffe (ev. auch Pestizide) in unterschiedlicher Konzentration. Ferner ist die Art der Inhaltsstoffe abhängig vom benutzten Pflanzenteil (Wurzel, Stamm, Blatt) und seiner Aufbereitung. Für kleine pharmazeutische Betriebe in Entwicklungsländern ist die Produktion von standardisierten und reinen Pflanzenpräparaten oft wesentlich komplizierter als das Zusammenrühren oder -pressen von importierten, chemisch genau definierten Generica-Pulvern zu Salben oder Tabletten.

Heilpflanzen und Psyche
Die Erklärung der Heilpflanzenwirkung durch die aktive Substanz greift zu kurz, nicht anders als bei den Genusspflanzen Wein oder Kaffee. Geschmacklose, wässrige Lösungen von Alkohol oder Koffein kommen für den Konsum nicht in Frage. Die Wirkung der spezifischen Inhaltsstoffe entfaltet sich erst durch die unspezifischen Begleitstoffe (das besondere Aroma) und durch psychologische Momente (z.B. der morgendliche Anblick frischer Brötchen oder die abendliche Geselligkeit mit Freunden).
Die Verwendung von Heilpflanzen und traditionelle Behandlungsformen stehen der Psychotherapie, der Psychologie oder der Theologie oft näher als der modernen Medizin. Traditionelle Heiler sind (wie auch manche Mediziner heute) häufig Seelsorger und die Benutzung der pflanzlichen Produkte, die sie verwenden, hat dabei eine untergeordnete Bedeutung. Mystisch und philosophisch begründete Handlungen sind oft mit der Wirkung der Inhaltsstoffe eng verwoben. Heilpflanzen mit wirksamen Inhaltsstoffen wie Digitalis oder Chinarinde haben in der traditionellen Medizin oft einen ganz anderen philosophischen Bezug (z.B.: „Heiß-Kalt“ oder „Yin-Yang“).

Anwendungen von Heilpflanzen bei Gesundheitsstörungen
Bei leichten Gesundheitsstörungen ist es nicht notwendig, die Krankheitssymptome zu unterdrücken. Die natürliche Abwehr des Körpers sollte in der Regel zugelassen werden, um den Heilungsprozess zu ermöglichen. So dienen z.B. Fieber, Durchfall, Erbrechen und Abhusten der notwendigen Ausscheidung von Toxinen (giftigen Stoffen), und sollten nicht vollständig durch Medikamente unterdrückt werden. Gesundheitsstörungen sind auch oft ein erstes Signal für ein körperliches oder seelisches Problem. Überbelastung, psychische Konflikte, Schlafmangel, falsche Ernährung verändern die Reaktionsweise des autonomen Nervensystems, und wirken damit auch negativ auf den Rhythmus des Immunsystems. Für jede Krankheit ist es daher am wichtigsten Ruhe zu finden und in Geborgenheit liebevoll versorgt zu werden. Oft reicht Bettruhe, schonende Ernährung, Schlaf, Massage etc. aus, um leichte Gesundheitsstörungen abklingen zu lassen. Die Verwendung von Heilpflanzen kann bei natürlichen Heilungsprozessen hilfreich und unterstützend sein, wenn die Grenzen der Wirksamkeit und sinnvollen Anwendung geklärt wurden. Tritt nach einer Selbstbehandlung keine Besserung ein, bzw. verschlechtert sich der Zustand, ist unbedingt ein Arzt aufzusuchen.

Sinnvolle Heilpflanzenanwendung bei Reisenden

  • Übelkeit, Reisekrankheit
    • Wichtig: verständnisvolle Unterstützung, die Ruhe und Sicherheit vermittelt
    • Ergänzend hilfreich: Ingwerpräparate
  • Verdauungsstörungen
    • Wichtig: Viel Trinken (insbesondere in den Tropen) und sich bewegen. Oft ist auch eine Wärmflasche hilfreich
    • Papaya oder Ananas. Sie enthalten die Enzyme Papain bzw. Bromelain, die den Abbau von Eiweißen verbessern
    • Gewürze wie Pfeffer, Gelbwurz (Cumin, Curry) regen den Gallenfluß an. Bitterstoffe bewirken den gleichen Effekt, z.B. in Form eines Aperitifs (Wermut o.ä.) oder Orangenschalen / Pomeranzenschalen
    • Bei Verstopfung werden pflanzliche Abführmittel nicht empfohlen, da sie die Darmschleimhaut reizen und zu Gewöhnung führen. Stattdessen: Viel trinken und ballaststoffreiche Kost (Kassava, Kleie, Vollkorn) mit viel Flüssigkeit zu sich nehmen und sich intensiv bewegen
    • Bei Blähungen hilft eine sanfte Massage und zusätzlich Fenchel, Anis, Kümmel, Basilikum, Cayenne-Pfeffer, Eukalyptus als Gewürz oder als Tee
  • Magenreizung, Magenschmerzen
    • Schonende Diät: stärkehaltige Nahrungsmittel wie Reis, Yams, Tarot, Süßkartoffel u.a. (Stärke ist leicht verdaulich) und dünner schwarzer Tee
    • Kamillentee
    • Guyave, enthält Tannin und ätherische Öle, die beruhigend bei Schleimhautentzündungen wirken
    • Lemongras wirkt krampflösend und regt die Verdauung an
    • Wärmflasche auf dem Bauch
  • Durchfall
    • Bei Durchfall unbedingt viel trinken, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen (z.B. dünnen schwarzen Tee, der Gerbstoffe enthält). Zum Ausgleich des Flüssigkeits-, Salz- und Glucoseverlustes und zur Kreislaufstabilisierung sollte auf eine Tasse Wasser/Tee (200ml), eine Prise Kochsalz (die Menge, die Sie mit zwei Fingern fassen können) und drei Teelöffel Zucker oder Honig kommen
    • Tee von Guyavenblättern (Tanninhaltig) mit Salz- und Zuckerzusatz
    • Schonende Diät: Stärkehaltige Nahrungsmittel (kein Fett, keine Fruchtsäuren durch zuviel Obst), Reis, Karotten, Yams, Tarot, Süßkartoffeln, Kartoffeln + dünner schwarzer Tee, evtl. Bananen. Gut verträglich ist auch Kokosmilch
  • Stärkung des Immunsystems
    • Besonders wichtig: erholsame Ruhe (Abbau von Stress- und Angstreaktionen)
    • Natürlich genussreiche Ernährung mit vielen Vitaminen in Form frischer reifer Früchte, z.B.: Ananas (viel Vitamin C), Papaya (Vit. A,B,C), Guyave, Mango, Citrusfrüchte, Passionsfrucht (Vit. C)
  • Leichtes Fieber
    • Fieber über 38,5°C muss ärztlich abgeklärt werden. Insbesondere in den Tropen und bei Kindern sollte Fieber dazu führen, ärztliche Hilfe zu suchen
    • Allgemeine Maßnahmen bei Fieber sind: Bettruhe, viel Flüssigkeit zu sich nehmen (Früchte, Fruchtsäfte (Zitrone), Tees (mit Salz und Zucker) z.B. Lemongras, Eucalyptus, Basilikum)
  • Husten
    • Viel trinken (insbesondere bei trockenem Husten) und inhalieren (Wasserdampf ggf. mit wenigen Tropfen Chinaöl, Eucalyptusblättern oder Thymian)
    • Nicht rauchen!
    • Einreiben der Brust (Eukalyptus)
    • Schleimlösende Tees erleichtern das Abhusten: Eukalyptus, Zwiebel, Papaya, Zitronen- oder Orangenblätter, Thymian
  • Halsschmerzen
    • Etwas lutschen, zum Feuchthalten der Schleimhäute und mehrmals spülen und gurgeln
  • Zahnschmerzen
    • Wenn ein Zahnarzt nicht sofort erreichbar ist: Nelkenöl (Trekkingapotheke) auf die entsprechende Stelle tupfen
  • Schlaflosigkeit
    • Für geregelten Tages- und Nachtrythmus mit gleichmäßigen Ablauf-Ritualen sorgen
    • Entspannung suchen
    • Abends keinen Kaffee oder Schwarztee trinken
    • Alkohol und Zigaretten weglegen
    • Passionsblumen- oder Orangenblütentee, Melissenblättern oder Lavendelblütentee
  • Insektenstiche
    • Kühlen mit Wasser
    • Zwiebel halbieren und mit der Schnittstelle auf den Stich halten
    • Frischer Knoblauch (Zehe halbieren, auf den Stich halten)
  • Verspannungen und Muskelkater
    • Sich Zeit für Ruhe und Entspannung gönnen
    • Massagen! Dabei das Pflanzenöl verwenden, welches gerade zu bekommen ist (Erdnuß-, Kokos-, Sesam-, Palmöl etc).
    • Rheumaöl wirkt stark durchblutungsfördernd und enthält u.a. Eucalyptus oder Cayenne-Pfeffer
    • Babyöle sind sehr reizarm und enthalten z.B. Lemongras oder Zitronenbaum-/Orangenbaumöle
  • Wundbehandlung oder Geschwüre
    • Größere Verletzungen müssen ärztlich behandelt werden. Das gilt insbesondere bei eingeschränkter lokaler Immunabwehr (Diabetes)
    • Bei Verbrennungen und Wunden niemals frische, ungekochte Blätter von Heilkräutern auflegen, da sich auf der Blattoberfläche viele Mikroorganismen befinden: Gefahr der Wundinfektion
    • Wunde auswaschen mit abgekochter Kochsalzlösung oder falls nicht erreichbar mit fließendem Wasser
    • Desinfektion mit etwa 70%iger Alkohollösung oder Jod-Lösung
    • Papaya und Ananas (eiweißabbauende Inhaltsstoffe) und Zucker/Honig (Granulationsförderung) sollten nur von Personen verwendet werden, die mit Wundinfektionen vertraut sind
    • Bei Abszessen sind Quarkwickel oder Umschläge mit Heilerde hilfreich
  • Blasenentzündung
    • Viel trinken, damit Niere und Blase durchgespült werden. Neben Tees ist auch Bier sinnvoll
    • Harntreibende Tees enthalten z.B. Lemongras, Eucalyptus, Ananas, Brennessel, Brombeerblätter

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RMZ, 06.03.2012




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